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Chantal Acda Bounce Back
Die niederländische Songwriterin Chantal Acda betört seit 2006 mit musikalischen Skulpturen voll feiner Zwischentöne – so filigran und phantasievoll gearbeitet, das man sie glatt als kleine Kunstwerke bezeichnen kann. Das Schöne an Popmusik: Man muss nicht ins Museum dafür, sondern sie findet mitten im Leben statt – etwa auf der neuen CD „Bounce Back“ (Foto: H. Wetzker)

Chantal Acda Bounce Back – CD der KW 17

Ein Label des guten Geschmacks, eine Sängerin mit einem Händchen für sensibel kolorierten Folkpop, ein Produzent mit großem Namen und ebensolcher Stilsicherheit: Manchmal kommt eben zusammen, was zusammengehört. Ergebnis: die LowBeats CD der KW 17. Chantal Acda Bounce Back bringt niederländisch-angelsächsisches Songwritertum, so spannungsreich wie filigran produziert.

Um eine der feinsten Adressen im deutschen Musikgeschäft zu finden, kann ein Navigationsgerät nicht schaden. Dann bitte im Postleitzahlenfeld die Ziffern 37688 eintippen und die Fahrt ins beschauliche Beverungen kann beginnen. Tief im Niemandsland zwischen Paderborn und Göttingen (oder etwas großräumiger: auf knapp halbem Weg zwischen Kassel und Hannover) residiert dort das Label Glitterhouse unter der schönen Adresse Grüner Weg 25.

Ein paar Schritte von der Weser entfernt trotzt dort seit über 30 Jahren eine kleine Schar von Musikenthusiasten in einer renovierten Bürgervilla der sie umgebenden Übermacht aus Industriebauten – von der örtlichen Lidl-Filiale über eine schnuckelige Betonfabrik bis hin zu einem Solarpark von der Größe mehrerer Flugzeughangars.

Mit einem Fanzine starteten beiden Musikliebhaber Reinhard Holstein und Rembert Stiewe in den frühen 1980er-Jahren ihre musikalische Pionierarbeit. Schnell wurde daraus eine Plattenfirma und eine Vertriebscompany – 1987 bis 1995 erlangte man als europäischer Arm des amerikanischen Grunge-Labels Sub Pop beträchtlichen Szene-Ruhm.

Seit Beendigung dieser Kooperation schärfte Glitterhouse fortan sein Profil als Entwicklungs- und Talentschmiede für selbst gesignte Bands aus allen gängigen Popgenres von Rock und Folk über Songwritertum und Indielectro bis hin zu Avantgarde verschiedenster Couleur. Wer gerne jenseits des Mainstream auf Suche nach musikalischen Pretiosen geht, kennt das Team seither als Heimstätte von so feinen Acts wie den Walkabouts, Midnight Choir, Woven Hand, 16 Horsepower, Dakota Suite oder Hugo Race. Und als Heimstätte von spannenden deutschen Neutönern wie den Stuttgarter Postpunkern Die Nerven oder der Berliner Bohème-Rocklady Andrea Schroeder.

Mit Chantal Acda gehört seit 2013 auch eine niederländische Sängerin zum Künstlerteam aus „Glitterhausen“. Die 1978 geborene, in Belgien lebende Sängerin ist eine Spätstarterin. Erste Alben veröffentliche sie ab 2006 unter dem Pseudonym Sleepingdog, und bis ihr Klarname erstmals auf einem Plattencover (Let Your Hands Be My Guide) erschien, dauerte es gar bis ins Jahr 2013. Mit Walkabouts-Chef Chris Eckman entstand zwei Jahre später, nun bei Glitterhouse, der Nachfolger The Sparkle In Our Flaws.

Jetzt folgt die zweite Glitterhouse-Veröffentlichung Bounce Back – erneut mit einer renommierten Persönlichkeit auf der Regiestuhl: dem Engländer Phill Brown, bekannt für seine Arbeit mit unter anderem Talk Talk, Mark Hollis und Bob Marley.

Chantal Acda Bounce Back  – ein Album aus dem Glitterhouse

„Er ist ein Kind der Tonbandmaschinen-Ära und der alten ‚first takes‘-Schule“, charakterisiert Acda ihren Produzenten, der mit dieser Philosophie exakt zur ihrer eigenen Musizierhaltung passt. „Bei aktuellen Aufnahmen wird alles in zehn-Sekunden-Abschnitten feingetunt. Ständig kommen Plug-ins, Autotune-Effekte und Copy-and-Paste-Verfahren zum Einsatz, damit sich alles perfekt anhört. Das alles hat uns nicht interessiert“, kommentiert die rotblonde Sängerin. Sie wolle ihre Stimme nicht so hören, wie sie nach einer ausgiebigen Behandlung durch die diversen Soundcomputer klingt, erläutert Chantal, sondern so „wie sie in meinem Kopf klingt. Effekte kommen zwar schon zum Einsatz, aber nur dort, wo sie etwas zur Story der Musik beitragen.“

Diese Herangehenweise führt auf Chantal Acda Bounce Back zunächst zu einem wunderbar warmen, weichen Klangbild, das sich am audiophilen Reinheitsgebot einer möglichst authentischen Tonwiedergabe orientiert. „Produziert“ ist Chantal Acda Bounce Back natürlich schon, aber mit einem feinen Händchen für Natürlichkeit. Die Studiotechnik dient hier nur als dezente, dramaturgisch sparsam eingesetzte Stütze für ein Album der leisen Töne – stilistisch im Grenzbereich zwischen Songwritertum und Folkpop angesiedelt und mit kammermusikalischer Finesse als Bandproduktion umgesetzt.

Zwar steht Acdas glockenklares Mezzosopran im Mittelpunkt, doch drum herum sorgt eine Schar hochkarätiger Begleiter für flirrende, atmende Sounds mit bisweilen minimal avantgardistischen Touch (wie in „I Need You To Go“, das mit scharfkantigen Feedback-Klängen wie eine Kooperation von Lou Reed und seiner Gattin Laurie Anderson wirkt).

Die prominentesten Gäste: US-Gitarren-Feingeist Bill Frisell und der amerikanische, aus Pakistan stammende Multi-Instrumentalist Shahzad Ismaily, der schon Aufnahmen von Tom Waits, Lou Reed und Bonnie „Prince“ Billy, der Ikone des Neo-Indie-Folk, veredelte. Weitere Gäste aus der Benelux-Szene steuerten noch allerlei weitere Klangfarben wie ein griechisches Bouzouki, ein Flügelhorn oder das ebenfalls aus der Familie der Tiefblasinstrumente stammende Euphonium bei.

Alles zusammen führt zu einer Kollektion folkig-filigraner Songs, die sich aber immer wieder subtil aufkräuseln – ein wenig so, wie das Wasser des beschaulichen Chiemsees, wenn der zickige oberbayerische Ostwind darüber hinweg fegt. Doch manchmal kann der Sound auch so beachtliche Wellen werfen wie das Ijsselmeer in Acdas Heimat. Auch stille Wasser haben es eben manchmal schwer in sich.

Cover Art Chantal Acda Bounce Back
Alternativer Folk-Pop aus den Niederlanden: Chantal Acda Bounce Back (Cover: Amazon)

Chantal Acda Bounce Back erscheint bei Glitterhouse im Vertrieb von Indigo und ist erhältlich als CD, LP+CD und MP3-Download.

Chantal Acda Bounce Back
2017/04
Test-Ergebnis: 4,2
 sehr gut
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt