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Faszination Vintage HiFi Rotel RHA 10
Die Rotel Vorstufe RHA 10 gehört für viele Rotel Fans zum Besten, was die Japaner je gemacht haben. Gebraucht sind diese Geräte selten zu finden

Faszination Vintage HiFi: ein Blick zurück

Ist „Spitzenklasse“ eigentlich immer „Spitzenklasse“? Gar nicht so einfach zu beantworten. Qua definitionem ist eine Spitze das Ende von irgendetwas. Ob mit Klasse oder ohne ist egal, irgendwann ist halt Schluss. Sogar Spitzenweine, die unter idealen Lagerbedingen aufbewahrt wurden, ändern eines Tages ihren Aggregatzustand. Ebenso die Spitze des Eisbergs. Was mich zu meinem Kumpel Werner führt. Er behauptet auf sein Lieblingshobby Faszination Vintage HiFi bezogen: „Was früher gut war, kann heute nicht schlecht sein.“

Faszination Vintage HiFi: Denon PMA 1520
Der Denon PMA 1520 ist so etwas wie die solide Oberklasse im Bereich Vintage Vollverstärker (Foto: A. Weber)

Bleibt Spitzen-HiFi also immer Spitzen-Hifi? Schauen wir uns bei Werner um. 1989 kaufte er sich einen DENON Vollverstärker PMA-1520 sowie einen CD-Spieler DCD-1520 und baute sich recht aufwändig konstruierte Selbstbau-Bassreflexboxen mit Isophon-Chassis. Schöne Geräte. Und auch ich freute mich, als ich Werner vor einigen Jahren das erste Mal besuchte, mal wieder einen PMA und einen DCD zu sehen. „Geil, du hast ja einen PMA“, bemerkte ich begeistert und entdeckte ein stolzes Grinsen in seinem Gesicht. Für mich war das eine Reise in die Vergangenheit – eben Faszination Vintage HiFi. Als es noch „meine“ Marken wie Akai, Kenwood, Sansui und viele andere mehr gab. Werners 1520 war seiner Zeit voraus, hatte bereits einen Digital- Analogwandler an Bord und der DCD war 1988 „Referenzklasse“ bei „Audio“. Die Boxengehäuse hatte er geschickt gefertigt, einzig der Klavierlack war misslungen, aber da war er nicht der Einzige damals … Auf die Frage, ob er denn nie daran gedacht hätte, sich was Neues anzuschaffen, fiel der oben zitierte Satz. Tatsächlich funktionierten die Komponenten seinerzeit noch recht gut, eine ausgeprägte Höhenlastigkeit der Lautsprecher war aber auch damals schon unüberhörbar. Seine Sache, dachte ich mir. Als ich ihn Jahre später wieder besuchte, hatte er die Anlage immer noch. Auch sein „Spitzenklassen“-Argument war weiterhin unumstößliches Gesetz.

Faszination Vintage HiFi: Denon DCD 1520
Einer der besten CD-Player seiner Zeit: der Denon DCD 1520 (Foto: A. Weber)

Ich frage mich also: Spielt ein Gerät, das 1989 Top war, heute noch ganz oben mit? Oder befindet sich jetzt in der Zeit von Vintage HiFi die Spitze jetzt irgendwo weiter unten? Kollege Jürgen Schröder, über den das Gerücht existiert, dass er das legendäre Nasentonbandgerät von Monty Python getestet hat, sagte mir zu dem Thema in Bezug auf Lautsprecher einmal folgendes: „Lautsprecher von früher können genauso gut klingen wie Neukonstruktionen, aber es ist heute sehr viel einfacher, sie herzustellen.“ Erstaunlich. Aber das hat er auch sehr diplomatisch ausgedrückt, wie ich finde. Lautsprecher bleiben ja nicht neu, sondern sind – siehe oben – zum Beispiel von 1989. Alterserscheinungen sind möglicherweise durchgehärtete Sicken, Kondensatoren, die ihre Kapazität verloren haben, oder längst vergessene Modifikationen (wovon wir noch lesen werden). Auch das gehört zum Thema Faszination Vintage HiFi.

Doch was ist mit Verstärkern? Auch diese sind einem natürlichen Verschleiß ausgesetzt. Kratzende Lautstärkepotis mit Gleichlauffehlern und Aussetzern, Eingangswahlumschalter, die einen Kanal nach Gutdünken ein oder ausschalten, ähnliches gilt für die Lautsprecherwahl und so weiter. Je mehr Ausstattung, umso mehr Macken sind möglich. Kondensatoren und Elkos verlangen auch irgendwann nach Aufmerksamkeit, aber sehr viel später. Gleiches gilt für kalte Lötstellen, die interessanterweise immer an heißen Stellen auftreten. Nikotin und Staub sind – vor allem bei CD-Spielern – der größte Feind (Laser dicht geschleimt).

Auch das gehört zu der Faszination Vintage HiFi: Wer die nötige Hingabe und ordentlich Geld in sein Hobby investiert, kann, sofern passende Ersatzteile lieferbar sind, die Lebenszeit eines Verstärkers deutlich erhöhen. Ein HiFi-Enthusiast aus Hamburg erzählte mir mal, dass er bei seiner wirklich schönen und seltenen Rotel-Verstärkerkombi RHA-10 und RHB-10 die Verschleißteile in regelmäßigen Intervallen tauschen lässt.

Faszination Vintage HiFi Rotel RHA 10 innen
Wer seine Rotel RHA 10 liebt, wechselt alle zwei Jahre die Potis aus (Foto: A. Weber)

Beim Vorverstärker flogen zum Beispiel alle zwei Jahre die Potis raus. Eine sehr konsequente Einstellung, jedoch eher ungewöhnlich. Der klassische Vintage-Fan lässt seine geliebten Teile meist so, wie sie sind. Auch die Geräuschpatina. Schlimmer wird’s nur, wenn er eine halbe Dose „Kontakt 60“ in die Potis pumpt. Alles schon gesehen, eBay macht’s möglich. Zurück zu Werner.

Ich wollte wissen, wie er an seine Anlage kam und schon schossen ihm Tränen der Rührung in die Augen. So erfuhr ich, dass der Verstärker bereits der zweite des gleichen Modells sei. Den ersten hatte er als Hobby-DJ während der Garantiezeit in die ewigen Jagdgründe geschickt, übrigens auch die zwei Hochtonkalotten der Boxen und einige Bauteile der Frequenzweichen. Mangels lieferbarer Ersatzteile gab es dann „bessere“ Chassis, was natürlich auch für die Weiche galt. Somit war zumindest der deutlich übertriebene Hochtonbereich erklärt. Werner berichtete von wilden Partys, von Freunden, die es nicht mehr gibt, von Arbeitgebern, die er hatte und vielem anderen mehr. Wir hörten dazu Musik aus alten Zeiten und sein DJ-Talent war unüberhörbar. Es wurde ein schöner Abend.

Trotz aller Logik ist eine Vintage HiFi Anlage eben auch eine dauerhafte Verbindung von der Vergangenheit in die Gegenwart und zurück. Die Anschaffungskosten für die Geräte wurden durchs Zeitungaustragen, auf Baustellen und in Baumschulen erschuftet, durch hart ersessenen Konfirmantenunterricht, durch Kuchenfresstermine bei Verwandten, schlimmstenfalls durch Konsumverzicht auf ein Mofa oder ein neues Fahrrad. Dann der erste Verstärker und Boxen und der erste Plattenspieler, der Duft von Lösungsmitteln, die das Styropor und die Plastikfolien verströmten ­– herrlich. Ich hätte das glatt als Raumspray gekauft. „Technics Raumspray mit dem Duft der A-Serie!“ Scheiß drauf, würde ich heute noch nehmen!

Ist klar, sowas schmeißt man nicht einfach weg und wenn doch, kommt eines Tages der Zeitpunkt, an dem man es als Vintage HiFi gebraucht nachkauft. Seine Erste vergisst „Mann“ eben nicht einfach so. Aber auch wenn es schmerzt, die alte Anlage ist eben nicht mehr dieselbe. Genauso wenig wie wir auch. Ich habe mich zum Beispiel vom Hard Rock längst zum Jazz entwickelt und ehrlich gesagt, finde ich einiges an Musik von damals heute doof. Was nicht heißt, dass ein Abend mit „doofer“ Musik und Vintage HiFi kein herrlicher Abend werden kann.

Und wenn man das alles bedenkt, weiß man auch, wie weise Jürgen Schröder sich ausdrückte, als er über Lautsprecherkonstruktionen von früher sprach. Das Ganze gilt nur, wenn die Alten nagelneu sind. Werners Anlage steht übrigens mittlerweile im Party-Keller, im Wohnzimmer spielen neue Komponenten. DENON natürlich. Und damals wie heute finden die beste Abende im Keller statt. Faszination Vintage HiFi!

Faszination Vintage HiFi Rotel RHB 10 innen
Eine Materialschlacht: Die Stereo-Endstufe Rotel RHB 10 innen (Foto: A. Weber)

und von außen…

Vintage HiFi Rotel RHB 10
Da steckt viel Leistung drin: Wie auch die Vorstufe der Serie zählt die Endstufe RHB 10 zum Besten der Rotel Historie (Foto: A. Weber)

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