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Junkers Ju 52
Geschichte zum anfassen: Rundflug mit der Junkers Ju 52 "D-AQUI" vom Flughafen Tempelhof aus (Foto S. Schickedanz)

Lufthansa Junkers Ju 52 wird 80: Fliegen als Abenteuer

Ach sieh an, mit der bin ich doch mal über Berlin geflogen. Als ich gestern in den Spiegel schaute, fiel mir die Geburtstagsstory zur 80-jährigen Junkers Ju 52 auf. Der rüstige Ganzmetall-Tiefdecker mit dem historischen Lufthansa-Kennzeichen D-AQUI fliegt mit Unterbrechungen, seit er am 6. April 1936 in Dienst gestellt wurde. Derzeit wird die Maschine nach einem Mittelholmbruch in der letzten Saison aufwändig restauriert und soll bald wieder abheben. Die bewegte Geschichte dieses einen von neun flugfähigen Exemplaren des 1932 von der Junkers AG aus Dessau entworfenen Typen können Sie auf Spiegel online oder auf der Seite der Lufthansa Stiftung lesen. Die Story, die ich Ihnen erzählen möchte, handelt davon, wie sich die Tante aller heutigen Verkehrsflugzeuge fliegt.

Junkers Ju 52 – Fliegen in seiner Ursprungsform

2008 hatte ich bei einem Presse-Event die historische Chance, mit der D-AQUI vom inzwischen stillgelegten Flughafen Tempelhof für eine Stadtrunde abzuheben. Das Gefühl werde ich nie vergessen, wenn Du in einer Kabine mit 16 Sitzplätzen – je einer pro Seite – und Gepäcknetzen wie in einem etwas klein geratenen Omnibus mit Blick auf eine moderne Radarkuppel zum Start rollst. Die Kabine ist eckig, genau wie die Fenster und erinnert nicht im geringsten an ein Flugzeug wie wir es heute kennen.

Junkers Ju 52
Begegnungen: Radarturm trifft Tante Ju (Foto S. Schickedanz)

Eckige Fenster kann man sich im Jet-Zeitalter aus statischen Gründen nicht mehr leisten. Sie gelten als Grund, dass es beim ersten zivilen Düsenflieger, der De Havilland Comet, zu verhängnisvollen Rissen im Rumpf kam, die ihren Anfang in den Fensterecken nahmen. Auch stehen Flugzeuge inzwischen auf dem Boden nicht mehr schräg. Jede kleine Cessna hat heute ein Bugfahrwerk während sich die Ju 52 noch ein Spornrad unterm Leitwerk leistete. Doch die Schräglage hält nicht lange an. Zwar beschleunigt der Flug-Oldtimer mit seinen drei sonor böllernden Sternmotoren in etwa so rasant wie ein Omnibus, doch ihm genügen schon gut 120 Stundenkilometer zum Abheben. Das Heck der Junkers Ju 52 hebt sich schon vorher und man spürt beim Aufsteigen, dass hier mehr mit Aerodynamik als mit Schub gearbeitet wird.

Junkers Ju 52
Das Cockpit entspricht nach einer Generalüberholung vor vielen Jahren modernen Gegebenheiten (Foto S. Schickedanz)

In der Luft macht der Flugsaurier ein Getöse, dass man alte Pilotenfilme mit einem Mal mit anderen Augen sieht. Kaum zu glauben, dass Haudegen wie Helmut Sinn mit solchen fragil anmutenden Geräten auch noch Kriegseinsätze flogen und sich bei der Landung im Kessel von Stalingrad von allen Seiten beschießen ließen. Aus heutiger Sicht grenzt es schon an ein Wunder, dass die „Tante Ju“ ohne durchsiebte Flügel oder brennende Motoren in der Luft bleibt. Man kann wie beim Anblick eines ausgepowerten Gelegenheitsjoggers mitfühlen, wie sich das ganze bis zu 10 Tonnen schwere Fluggerät abmüht. Meine Kollegen bekamen es besonders deutlich zu spüren und kramten die Notfalltüten hervor. Erst nach der sicheren Landung erfuhr ich von einem Freund, dass wir wohl die einzigen Passagiere waren, die sich nicht übergeben mussten. Ich hatte davon gar nichts mitgekriegt, denn ich guckte die ganze Zeit fasziniert aus dem Fenster und hielt die Luft an, dass die im Wind flatternde Motorabdeckung nicht abfliegt.

Drei Motoren für ein Aha-Erlebnis

Die Wurzel der Übelkeit liegt in der Eigenschaft, dass die alte Propellermaschine zum „Schieben“ neigt, also auf dem Geradeausflug immer leicht quer kommt und letztlich in Schlangenlinien ihre Bahn zieht. Doch das störte mich nicht. Ich stand von meinem Sitz auf und schaute ins enge Cockpit, wo der Pilot mit dem Stadtplan am Steuerknüppel navigierte – eine Art der Orientierung, die selbst im Auto schon lange Geschichte ist. Abgesehen davon hat die Lufthansa Stiftung – ihr gehören neben der Junkers Ju 52 noch zahlreiche andere Oldtimer wie den legendären Transatlantik-Flieger Focke Wulf FW 200 Condor – die alten Instrumente durch moderne ersetzt. So wirkt der Arbeitsplatz für zwei tollkühne Männer wie eine Kreuzung aus Airbus und Linienbus.

Junkers Ju 52
Fliegen mal anders: Bei der Navigation hilft eine Landkarte (Foto S. Schickedanz)

Die Motoren der Junkers Ju 52 sind auch nicht mehr original. Nicht zuletzt wegen der Ersatzteillage wurden bereits bei einer Grundüberholung 1976 drei amerikanische Neunzylinder-Sternmotoren Pratt & Whitney PW 1340 S1 H1G Wasp mit Dreiblatt-Propellern (das Original hatte nur zwei Propellerblätter) eingebaut. Sie verleihen der Wellblech-Konstruktion eine Reisegeschwindigkeit von 190 km/h und ermöglichen eine Spitzengeschwindigkeit wie ein abgeregelter großer Turbodiesel von Audi oder BMW. Apropos: Die Bayerischen Motorenwerke, die gerade ihren 100. Geburtstag begehen, lieferten die ursprünglichen Triebwerke für die Ju 52. Interessanterweise war der in diversen Varianten gebaute, auch in der Focke Wulf Condor eingesetzte, luftgekühlte BMW 132 ein weiterentwickelter Lizenzbau des Pratt & Whitney Hornet A, der bis zu über 700 PS leistete.

Junkers Ju 52
Gute Pflege: Ölstandmessung mit Peilstab nach der Landung – eine Arbeit, die Piloten heute nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen (Foto S. Schickedanz)

Nach der Landung mussten die Piloten noch etwas Handarbeit leisten, auf die Flügel klettern, um den Ölstand zu kontrollieren – mit einem Peilstab wie in jedem gewöhnlichen Auto. Der Eindruck der unglaublichen Reise in einem verrückten Flugzeug von Berlin-Tempelhof ist dagegen weder mit meinen anderen Flugerfahrungen noch mit irgendeinem anderen Vehikel zu vergleichen. Als ich 2009 mit einem Porsche Panamera 4S für ein Fotoshooting nach Tempelhof zurückkam, war der 1923 eröffnete Flughafen bereits geschlossen.

Junkers Ju 52
Autor Stefan Schickedanz, gesund und munter nach dem fast zweistündigen Flug mit der Tante JU.

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Junkers Ju 52
Tempelhof ist inzwischen als Flughafen geschlossen. Der Flug 2008 mit der Junkers Ju 52 markiert das Ende einer Ära (Foto S. Schickedanz)