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Jimmy Scott im Studio
Eine der größten Stimmen im Jazz: der verstorbene Jimmy Scott (rechts) im Studio. "I Go Back Home" wurde sein letztes Album – ein sehr würdiges...

Jimmy Scott I Go Back Home – das letzte Album

Die LowBeats CD der Woche 4 kommt von Jimmy Scott. Der schwarze Sänger aus Cleveland war der Mann mit der wohl ungewöhnlichsten Stimme aller großen Jazzvokalisten und starb 2014 im Alter von 88 Jahren. Jimmy Scott I Go Back Home entstand 2009 auf Initiative des deutschen Produzenten und Scott-Verehrers Ralf Kemper als Scotts mutmaßlich letztes Studioalbum: LowBeats Musik-Koryphäe Christof Hammer über den würdevollen Schwanengesang einer großen Jazz-Persönlichkeit und das Farewell eines Menschen, mit dem es das Leben nicht nur gut gemeint hat.

Dieses Album stammt aus einer anderen Zeit. Die Aufnahmen zu Jimmy Scott I Go Back Home fanden bereits im Jahr 2009 statt, liegen also nun schon mehr als sieben Jahre zurück– und wer wollte bestreiten, dass sich die Welt seither rasant und in beunruhigender Manier verändert hat? Aber eigentlich kommt I Go Back Home von noch viel weiter aus der Vergangenheit. Aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts tänzelt diese Musik heran, gar aus den 1930ern: aus der goldenen Ära des Vocal Jazz zwischen Swing, Bossa Nova und Blues. Das Repertoire: Songs des „great american songbook“ wie Hoagy Carmichels „The Nearness Of You“, „Someone To Watch Over Me“ von George Gershwin oder „How Deep Is The Ocean“ von Irving Berlin. Der Mann am Mikrophon: Jimmy Scott, der 2014 verstorbene Ausnahmevokalist der Jazzszene, gesegnet (und auch gestraft) mit einem Organ, wie es kein zweites Mal zu hören war.

Wer ihn je erlebt hat, weiß: Diese Stimme mit ihrer Tonlage zwischen Kind und Frau ist Legende. Doch nicht das Hinaufsteigen ins Falsett ist Ursache für dieses Timbre, sondern das Kallmann-Syndrom. Diese erbliche, durch eine Genmutation verursachte Entwicklungsstörung bringt eine Vielzahl unterschiedlicher Auswirkungen hervor; deren gravierendste bei Männern ist das Ausbleiben der Pubertät und die Nichtausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale.

So also wurde James Victor Scott, geboren 1925 in Cleveland, Ohio, zu „Little Jimmy“ Scott: kleinwüchsig und Zeit seines Lebens mit einem Organ diesseits des Stimmbruchs. Reich gemacht hat es ihn nicht. Zwar sang er bereits in den 1940er-Jahren für Lionel Hampton, in den 50ern für Charlie Parker (auf dessen Album Embraceable You er, man glaubt es kaum, in den Liner Notes tatsächlich als Sängerin gelistet wurde) und in den Sixties mit Ray Charles. Doch dubiose Verträge mit Labels und Managern hinderten ihn jahrzehntelang daran, eigene Platten aufnehmen. Selbst die Jazzszene vergaß ihn in den später 60er- und frühen 70er-Jahren.

Scott resignierte und hängte das Mikrophon an den Nagel; lange Jahre arbeitete er in seiner Heimatstadt Cleveland in einem Krankenhaus, verdingte sich als Liftboy. Es war Lou Reed, der ihn als Backgroundsänger auf seiner 1992er-Platte Magic & Loss wieder zurück in die Musikszene holte und ihn auch Pop- und Rockfans in Erinnerung rief. Auch in David Lynchs Kultserie Twin Peaks war er zu sehen und zu hören – Auftakt für eine halbwegs versöhnlich Karrierephase in den 90er-Jahren, die zu etlichen Soloalben unter anderem für Warner Bros. führten. An seiner Seite: Cracks wie Ron Carter, Wynton Marsalis oder Jacky Terrasson.

Danach: immer seltener Auftritte, Krankheiten und das Alter – bis der Düsseldorfer Produzent und Scott-Verehrer Ralf Kemper 2009 alles daran setzte, um sein Idol zu einem mutmaßlich letzten Studioalbum einzuladen, auf dem Scott in angemessenem, also groß dimensioniertem Rahmen, seine Lieblingslieder singen sollte. An finanziellen Mitteln herrschte kein Mangel und an aufrichtiger Ehrerbietung aus Musikerkreisen ebenso wenig. So nahm Jimmy Scott I Go Back Home seinen Lauf – und es sollte gut werden …

Jimmy Scott und Bob Mintzer
„Ich habe mich daran gewöhnt, meine Behinderung als Geschenk zu betrachten“, sagte Jimmy Scott einmal über seine krankheitsbedingt hohe Gesangsstimme. 2009 mobilisierte der Mann mit dem wohl ungewöhnlichsten Timbre in der Jazzszene nochmals alle Kräfte und spielte mit I Go Back Home ein Vocal-Album ein, das eines zeigt: Gefühl kann man nicht kaufen.

Jimmy Scott und Dee Dee Bridgewater

Mit dabei in den Studios in Los Angeles, Las Vegas und Prag: mehr als ein dutzend Hochkaräter der internationalen Jazzszene, deren Mitarbeit Jimmy Scott I Go Back Home halb zu einem Jimmy-Scott-Soloalbum – und halb zu einer warmherzigen Tribute-Produktion machte. Da glänzt ein Kenny Barron am Piano mit unnachahmlich spielerischer Finesse, Till Brönner bläst seine typisch luftige Trompete, Schlagzeuger Peter Erskine streichelt Becken und Felle mit der Zartheit und Präzision eines Uhrmachers, der gerade einem handmanufakturierten Luxuschronometer sein letztes goldenes Zahnrädchen implantiert.

Und die große Dee Dee Bridgwater wirft sich in „For Once In My Life“ mit dem gebrechlichen Jimmy neckisch die Bälle zu. Die Abmischung schließlich lag noch teilweise in den Händen des inzwischen ebenfalls verstorbenen Phil Ramone, einem der großen Spezialisten für formvollendete, üppig ausstaffierte Produktionen zwischen Jazz, Swing und Leichter Muse.

Nun herrscht an Einspielungen von derlei Songs kein Mangel; gleichwohl nimmt Jimmy Scott I Go Back Home eine Ausnahmestellung ein. Wie in Scotts Interpretationsstil der Schmerz, der diesen Kompositionen innewohnt, auf die Freude trifft, diese Songs noch einmal singen zu dürfen, zu können: Das geht schlicht unter die Haut. Und noch etwas zeigen diese Aufnahmen: Gefühl ist etwas, was man nicht kaufen kann. Wer keines hat, keine Empathie empfindet für den Blues, die Trauer, die diesen Songs innewohnt, der wird deren Seele nie erreichen – und auch nicht die der Zuhörer. Jimmy Scott schafft das eine wie das andere.

Zum Zeitpunkt der Aufnahmen war er mit inzwischen 79 Jahren im Rollstuhl angekommen, und man hört und sieht (in einer Filmdokumentation der Aufnahmesessions) ihm seine körperliche und seelische Zerbrechlichkeit an – etwa im bewegenden Auftakt „Motherless Child“. Doch Band, Orchester, Produktion und Tontechnik gelingt es, einen Rahmen, eine Atmosphäre der Fürsorge zu schaffen, in der Scott fast selbstvergessen singt und das Format und Charisma seiner Stimme wiederentdeckt.

So klingt Jimmy Scott I Go Back Home zugleich edel und elegant wie auch intim und zutiefst beseelt – in allen Schattierungen von Freude bis Leid: ein würdevoller Schwanengesang eines großartigen Sängers, mit dem es das Leben nicht immer gut gemeint hat und der für sich das Beste draus gemacht hat. Der Jazz half ihm dabei – und Scott hat ihm Großes zurückgegeben.

Cover Art Jimmy Scott I Go Back Home
Jimmy Scott I Go Back Home ist das letzte Album des einzigartigen Künstlers (Covoer: Amazon)

Jimmy Scott I Go Back Home erscheint in einer Deluxe Edition bei Eden River Records im Vertrieb von Rough Trade als Audio-CD, MP3-Download und Vinyl Doppel-LP.

Jimmy Scott I Go Back Home
2017/01
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertung
Musik
Klang
Repertoirerwert

Gesamt