Home / Reportagen / Weitere Leidenschaften / Mit Smudo beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring
Smudos Porsche Cayman GT4CS vom Team Four Motors
In diesem Jahr startet Smudo mit einem brandneuen Porsche Cayman GT4CS. (Foto: Jaqueline Kroll)

Mit Smudo beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring

Smudo tritt gerne in Gruppen auf. Mit den Fantastischen Vier auf der Konzertbühne und bei „The Voice Of Germany“ zumindest im Doppelpack mit dem Band-Kollegen Michi Beck. Wer jetzt in seinem neuen Porsche Cayman GT4CS nach einem Doppelstuhl sucht, wird enttäuscht. In der Eifel gibt Smudo ein Solo am Steuer des 385 PS starken Rennwagens. Aber nur temporär, denn um die 24 Stunden des legendären Langstreckenrennens vom Nürburgring durchzuhalten, braucht der rasende Rapper Unterstützung. Am Lenkrad wechselt sich der Wahl-Hamburger mit Teamchef Thomas von Löwis of Menar (Reutlingen), Daniel Schellhaas (Filderstadt) und Axel Duffner (Hornberg) ab. Und in der Box unterstützt ihn beim 24h-Rennen das Team Four Motors aus Reutlingen, gemeinsam mit dem Einsatzteam von W&S Motorsport aus Ofterdingen.

Team Four Motors beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring
Ready to race: unsere Fahrer Daniel Schellhaas, Smudo, Thomas von Löwis of Menar und Axel Duffner (v.l.) mit ihrem neuen Porsche Cayman GT4 CS vor dem 24h-Rennen in der Box (Foto: S. Schickedanz)

Was die Truppe hinter den Kulissen beim diesjährigen 24h-Rennen auf die Beine gestellt hat, ist vielleicht nicht ganz so extrem „bio“ wie in der Vergangenheit, dafür aber richtig schnell. Mit dem neuen Arbeitsgerät aus Zuffenhausen sind niedrige 9:30er-Rundenzeiten ein Klacks. Und trotz der mangelnden Bereitschaft der Autohersteller, sich gemeinsam mit Four Motors für die Verwendung von Karosserieteilen aus nachwachsenden Rohstoffen im Rennsport zu engagieren, prangt ein mächtiger Heckflügel aus Biofaser-verstärktem Kunststoff auf dem Heck. Die eigentliche Fortführung der gemeinsam von Four Motors und Smudo vor 13 Jahren ins Leben gerufenen Idee des Bioconcept-Cars findet allerdings von außen unsichtbar im Motor statt. Mit Unterstützung von Crop Energies, einem der größten europäischen Hersteller von nachhaltig erzeugtem Bioethanol, hat das Team den Benzin-Motor zum Alkoholiker gemacht. Er verbrennt E20-Sprit mit 20% Bio-Ethanolanteil – eine Sorte, die zwar praktisch von jedem Benzinmotor vertragen wird und auch ein Optimum an Leistung und Umweltverträglichkeit ermöglicht, die aber in Deutschland noch nicht an der Zapfsäule ausgeschenkt wird.

Team Four Motors beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring
Gleich geht’s los. Beim 24h-Rennen gab es hinter den Kulissen auch schon vor dem Start einen Marathon (Foto: Martin Meiners)

Vielleicht ist es in fünf Jahren soweit. Doch wann und ob es dazu kommt, hängt auch von der Stimmung unter den Autofahrern und ganz besonders von den Medien ab. Da gilt es Vorurteile wie der vermeintlichen Konkurrenz von Teller und Tank bei Agrarerzeugnissen auszuräumen, obwohl laut Expertenmeinung nur das im Tank landet, was eh nicht auf den Teller käme – und Deutschland auch trotz E10 reichlich Agrarprodukte exportiert. Viel stärker entscheidet letztlich aber die Verbrauchermeinung, die von einigen Medien vor der Einführung der CO2-freundlichen Mischung mit Horrormeldungen von der „E10-Plörre“ vergiftet wurde. Und hier sieht Four Motors eine Möglichkeit, dem Nachhaltigskeitsgedanken Nachdruck zu verleihen. Das Team tritt wie schon im Vorjahr unter dem Motto „Care for Climate“ an und verwendet im Rennen erstmals auch die nach einem exklusiven Verfahren aufwendig recycelten und veredelten Hochleistungsöle des Titelsponsors Puraglobe.

Gala mit dem Nürburgring-Botschafter

Einen Etappensieg beim 24h-Rennen können die ewig als Öko-Rebellen belächelten Außenseiter bereits am Vorabend erzielen: In einer feierlichen Gala vor 300 geladenen Gästen im Ringwerk bekommt Smudo den Nürburgring Award als Botschafter des Jahres für die zwischenzeitlich von Krisen gebeutelte Rennstrecke. Er befindet sich damit in direkter Gesellschaft von Formel-1-Legende Michael Schumacher, dem in Abwesenheit – in Vertretung seiner Sprecherin Sabine Kehm – ein Award für sein Lebenswerk überreicht wird. Smudo kann sich nach der Laudatio von Sophia Thomalla – wir dachten, die junge Dame steht auf Heavy Metal – in seiner Dankesrede einen Seitenhieb auf die Springer-Presse wegen ihrer Meinungskampagne gegen E10 an der Tankstelle nicht verkneifen. Es sei ihm ein innerer Vorbeimarsch, jetzt mit Beteiligung eben jenes Verlags für seine Bio-Botschaften vom Nürburgring geehrt zu werden. Er widmet den von der Kölner Künstlerin Verena Metzen gestalteten Award seinem Team und seinem Unterstützer Thomas von Löwis of Menar, dem alten DTM-Haudegen.

Team Four Motors beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring
Schneller auf dem Schweller: Smudo startete auf dem Nürburgring mit dem LowBeats Logo. Und wir konnten ausgiebig hinter die Kulissen schauen (Foto: S. Schickedanz)

Dieser Moment macht mich auch ein wenig Stolz, denn ich darf als Presseonkel des Teams und Vertreter von LowBeats – unser Logo klebte beim 24h-Rennen fett auf den beiden Schwellern – die Kunde von dieser späten, aber nachhaltigen Anerkennung in die Welt posaunen. Bis zum Eintreffen der Jungs von BMW Motorsport, die abgesehen von DTM-Pilot Timo Glock in Teamkleidung einliefen, schämte ich mich etwas, weil ich statt wie alle anderen im Abendanzug, im feschen, aber nicht feierlichen Four Motors Dress im Ringwerk zur Nürburgring Night erschienen war. Es sollte ein toller Abend werden, der allerdings höchste Anforderungen an meine Kondition und Disziplin stellte. Das Hotel liegt mehr als 30 Kilometer entfernt, ich musste mit dem eigenen Auto fahren und am nächsten Tag wartete eine Herkulesaufgabe auf mich: Auch für einen Pressemann bedeuten die 24 Stunden vom Nürburgring eine weitgehend schlaflose Nacht. Das ändert aber nichts daran, dass sie tolle Live-Musik spielten und ich den Drang zum Feiern und Tanzen verspürte. Also machte ich mich über die Vorräte an alkoholfreiem Radler und Red Bull her und hielt bis lange, lange nach Mitternacht durch. Beim Blick auf TV Moderator Norbert Haug konnte ich mir das Schmunzeln nicht verkneifen: Er war wie ich selbst auch mal bei der Motor Presse Stuttgart als Redakteur angestellt, was mich zur Erkenntnis brachte: „Je später der Abend, desto höher steigt der relative Anteil an ehemaligen MPS-Mitarbeitern“, was Haug mit einen Lachflash erwiderte.

Smudo trifft Timo Glock bei den Nürburgring Awards
Smudo trifft BMW-Pilot Timo Glock bei den Nürburgring Awards. Mit seiner Auszeichnung als Ring-Botschafter des Jahres bekommt der Rapper und Bio-Rebell endlich offizielle Anerkennung als Rennfahrer (Foto S. Schickedanz)

Die Heimfahrt war für mich weniger lustig. Leere Straßen im Nichts, massenweise tolle Kurven, aber durchgängig Nebel mit Sicht unter 100 Metern. Dementsprechend kühlte ich mein Gemüt bei einer Schleichfahrt und stehe am Samstagmorgen tatsächlich pünktlich und überraschenderweise sogar total fit zum Dienst bereit. Die Stunden vor dem Rennen vermitteln mir einen interessanten Einblick in das Leben eines Stars. Unser prominenter Pilot muss eine Reihe von Sponsorenterminen absolvieren. Es gerät zu einer Mischung aus Marathon und Hindernislauf, den Smudo ohne einen Anflug von Stress bewältigt. Es beginnt mit einem Fototermin bei der UFOP (Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen), dem Sponsor aus Biodiesel-Tagen. Die enden zwar mit der Ablösung des „Bio-Rocco“ – einem VW Scirocco TDI mit biobasierten Karosserieteilen, doch die guten Beziehungen bleiben bestehen. Dann ein Abstecher zum Red-Bull-Wohnwagen, der nur wenige Meter entfernt auf dem Ringboulevard parkt: Autogrammstunde.

Smudo wirkt wie ein Magnet

Mit Smudo dauert allein der Weg zwischen beiden Stationen gut eine Viertelstunde, denn wo immer er sich an diesem Wochenende außerhalb von Box oder Teamzelt blicken lässt, bildet sich sofort eine Menschentraube. Es beginnt immer mit den gleichen Worten. Jemand ruft aus der Menge: „Wow, da ist Smudo.“ Die nächsten Worte kenne ich auch schon aus dem letzten Jahr: „Darf ich mal ein Selfie mit Dir machen? Meistens werden es dann sogar Gruppenfotos. Smudo ist wirklich der Star zum Anfassen und das ist nicht gespielt, sondern echt. Als wir uns dann nach einem weiteren Sponsorentermin bei Puraglobe im Konferenzraum des Dorint-Hotels direkt an der Strecke gemeinsam durch einen riesigen Pulk von am Zaun wartenden Leuten zur Startaufstellung durchkämpfen, kommt mir die Befürchtung über die Lippen: „Noch eine dritte Staffel von „The Voice“ und wir müssen Dir einen Ganzkörperschleier verpassen.“ Smudo lacht, macht aber auch klar, dass er sich wirklich freut, dass ihn die Leute ansprechen. Er sieht die Leistung, die dahinter steht, so populär zu sein. Immerhin habe ich noch eine andere Idee, wie wir schneller zum Auto kommen, rufe laut: „Machet Platz für den Botschafter.“ Das ist nach dem Geschmack des frisch gebackenen Nürburgring Ambassadors, der im Team gleich klar macht: „Für Euch ab jetzt SIE, der Herr Botschafter.“

Team Four Motors beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring
Martin Klosseck vom Team Four Motors hat beim 24h-Rennen eine tolle Verwendung für den aus Biofaser-Kunststoff aufgebauten Heckflügel gefunden: An seiner Theke in der Startaufstellung gibt es Red Bull und Rennöl von Puraglobe (Foto: S. Schickedanz)

Die gute Stimmung bei Four Motors überdauert den Start, um in der vierten Runde ein abruptes Ende zu finden: Rennabbruch wegen eines Gewitters mit tischtennisballgroßen Hagelkörnern. Für uns kommt diese Meldung der Rennleitung zur Unzeit, denn wir liegen in der Klasse AT (Alternative Treibstoffe) vom Start weg souverän in Führung vor den Biodieseln und Gasrennern. Immerhin blieb unser Auto auf der Strecke, denn im Fernsehen laufen immer wieder Horrorbilder mit wild herumwirbelnden Rennwagen, die auf ihren profillosen Slickreifen auf der schockgefrorenen Eispiste keinen Halt mehr finden.

Als nach mehreren Stunden Stillstand das 24h-Rennen um 19.20 Uhr mit den Platzierungen von Runde 1 wieder freigegeben wird, ist der von Startfahrer Daniel Schellhaas herausgefahrene Vorsprung erst mal dahin. Doch das ist das kleinste Problem, schließlich entscheidet sich der Langstrecken-Klassiker nicht in den ersten Runden. Gegen 21 Uhr gibt es dann ein etwas größeres Problem zu beklagen, in dessen Folge wir nicht nur in der eigenen Klasse, sondern im 157 Autos zählenden Starterfeld nach hinten durchgereicht werden. Praktischerweise haben die Autos in diesem Jahr zur Information der Zuschauer an der Strecke illuminierte Platzierungsanzeigen im hinteren Seitenfenster. So können wir am Tankplatz, der zugleich Kommandostand von Four Motors ist, zerknirscht mitverfolgen, wie wir bis ins hintere Drittel abrutschen, während der Wagen hergerichtet wird.

Smudo live on Air

Was passiert war, wussten wir schon, bevor Smudo mit dem Wagen an die Box gehumpelt kam, denn wir haben über Lautsprecher grinsend den Funk mitverfolgt. Der rasende Rapper feixte hinterm Steuer ob des hohen Unterhaltungswerts des stark motorisierten Mittelmotor-Sportwagens auf nasser Strecke. Quersteher gaben dem Popstar Gelegenheit, sich ein Bild von den Möglichkeiten des PSM (Porsche Stability Management: Porsche-Sprech für ESP) zu machen. Ich staunte nicht schlecht, denn ich dachte gar nicht, dass die damit auf der Rennstrecke fahren. In den 90ern, als ich noch nicht mit Fotoapparat plus Laptop meinen Beitrag zum Motorsport leistete, sondern bei Clubsportveranstaltungen selbst auf diversen internationalen Rennstrecken mit über 300 PS starken Sechszylindern Gas gab, waren solche Elektronik-Tricksereien gerade in extrem sportlichen Straßenautos nicht mal gegen Aufpreis zu bekommen, während sie in braven Limousinen und Coupés längst zu haben waren. Aber meinetwegen, wenn’s hilft… Das tut es allerdings nicht die ganze Zeit, denn plötzlich vernehmen wir aus dem Funk etwas eher Kleinlautes von wegen Abflug.

Als Smudo mit dem entgegen der Erwartungen immer noch sehr gut aussehenden Cayman an die Box kommt, erfahren wir Einzelheiten. Erst berührte der Rapper das Gras – vermutlich dachte er an den „Tag am Meer“ – dann rutschte er auf dem nassen Rasen haltlos in die Leitplanke – jene Streckenbegrenzung, die sich im Laufe des Rennens noch als Leid-Planke erweisen sollte. Doch dazu später. Was Smudos kleinen Ausflug in die Botanik betrifft, das fällt im Rennsport eher unter die Rubrik „Souvenirs“: zwei Felgen samt Reifen im Eimer, aber Blech und vor allem Aufhängung haben nichts abgekriegt. Dumm nur: Da waren sie wieder, unsere alten Probleme. Noch kurz vor dem Beginn des Rennens ereigneten in der Startaufstellung dramatische Szenen, als die Porsche-Flüsterer vom Team Manthey, die den Frischlingen im Zuffenhausener Lager mit Rat und Tat zur Seite standen, noch mit dem Laptop die negativen Folgen eines zuvor aufgespielten Elektronik-Updates lindern mussten. Doch jetzt leuchtet erneut die Warnlampe des ABS, funkt uns Tom, der beim ambulanten „Reifenservice“ gleich den Wagen von Smudo übernommen hat, um einen regulären Boxenstopp zu sparen. Hilft nix, nach einer Runde muss der Routinier noch mal an die Box, wo er bereits von den Manthey-Mannen mit besagtem Laptop erwartet wird.

Die Intervention fruchtet und Tom kann nach kurzem Stopp wieder rausfahren und auf seinen Dunlop-Regenreifen attackieren, obgleich die Strecke langsam abtrocknet. Der schwäbische Sportwagen läuft wie ein Schweizer Uhrwerk, an der Box kehrt Ruhe ein. Doch die Launen des Rennglücks haben uns weit ins hintere Drittel zurückgespült. In der Folge können der alte, aber keinesfalls erwachsene Baron und seine jungen Teamkollegen ihre Fähigkeiten und das Potenzial des Porsche beweisen, indem sie den Wagen in jene Regionen zurückbringen, in die er auf Grund der schnellen Rundenzeiten eigentlich hingehört. Axel Duffner überholt in einem Husarenritt mitten in der dunkelsten Nacht nicht nur einen direkten Gegner nach dem anderen, sondern auch jede Menge Mitbewerber aus den größeren Klassen, während ich nach einer Gulaschsuppe endlich ein Bier – ein richtiges mit Alkohol – aufmache, um den vorläufigen Feierabend einzuleiten. In der Nacht der Nächte muss ich nicht in mein entferntes Hotel zurück, sondern brauche nur 300 Meter bis zur Unterkunft unserer Fahrer zurückzulegen, wo ein durchaus bequemes Klappbett auf mich wartet.

24h-Rennen: Ein echter Fall von Masochismus

Noch vorm Einschlafen gegen 3.30 Uhr philosophiere ich über die Spezies von Menschen, die sich ein 24h-Rennen antun. Die für teures Geld einen nagelneuen, bildschönen Porsche Cayman GTCS rennfertig machen, mit den Eisschollen des Titelsponsors verzieren und sich dann damit in eines solche Materialschlacht werfen. Einmal war ich selbst so verrückt, mit ein paar anderen Amateur-Kart-Piloten zu einem 24h-Kartrennen anzutreten. Ausgerechnet im Januar in Limburg, wo, wie wir später erkennen mussten, die ganzen Cracks inklusive einiger Formel-3-Piloten starten. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in einer unbeheizten, schlecht belüfteten Halle. Wo Du mit Kälte, Schlafentzug und vor allem unerträglichen Abgasen kämpfst, von den aggressiven Mitbewerbern ganz abgesehen. Das war eine prägende Erfahrung. Was mich fertig machte, war trotz fehlender Vorbereitung gar nicht mal die mangelnde Kondition in den Muskeln, sondern vor allem der von Höllen-Kopfschmerzen begleitete Schlafentzug, der allerdings auch an der schlechten Planung lag. Seitdem habe ich noch mehr Respekt und gleichzeitig Kopfschütteln für Langstreckenfahrer übrig.

Als ich so sinniere, höre ich durch das halboffene Dachfenster einen entfernten, aber prägnanten Mix aus Motorensounds der hochtourigen Art. Ein Krach, der vor der eigenen Haustüre sofort eine Bürgerinitiative auslösen würde. Ein Lärm wie aus einem Mad-Max-Film, wenn die bösen Buben mit ihren heißen Öfen die Wagenburg der Guten belagern und nachts demoralisierend unaufhörlich ihre Kreise ziehen. Ein Szenario, in dem man die Autos auch durch Hubschrauber ersetzen könnte – Apocalypse Now lässt grüßen – und schon wähnt man sich im Vorhof zur Hölle. Dabei ist man nur in der grünen Hölle, wie der Nürburgring nicht von Autohassern, sondern ehrfürchtig von Autofreaks genannt wird.

Smudo mit Team Four Motors
385 PS hat der Porsche Cayman GT4CS, den Smudo mit Thomas von Löwis of Menar (links) und Daniel Schelllhaas nach dem 24h-Rennen auch in der VLN-Serie einsetzt (Foto: Martin Meiners)

Als ich schließlich einschlafe, bin ich mir sicher: Das ist selbst morgens nach 3 Uhr noch „beautiful Noise“, „good Vibrations“, ein fast schon wehmütiger Abgesang auf eine Technik, die es in absehbarer Zeit so nicht mehr geben wird. Etwas, das uns wie Bücher, Zelluloidfilme, Zeitungen, Musikcassetten, Plattenläden oder Fahrräder mit reinem Muskelantrieb sehr viel Spaß und nebenbei gerade dem Autoland Deutschland sehr viel Wohlstand gebracht hat. Aber etwas, das mancherorts genau wie Fleischverzehr fast schon etwas Anrüchiges, Obszönes hat wie Schmuddelhefte, die unter dem Ladentisch verkauft wurden. Bis 2025 sollen in Holland nach jetziger Planung keine neuen Autos mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden. Also, nicht jammern, dass die Pension so nah an der Strecke ist, einschlafen gelingt auch mit einem Schlaflied aus armdicken Auspuffrohren, wenn man zuvor genug geackert hat. Ich schlafe fest wie lange nicht mehr in der kühlen, frischen Eifelluft, bis mich Daniel noch eine gute Stunde vor dem Wecker aus den Träumen reißt: „Stefan, Du musst an die Box, der Wagen steht an der Strecke.“

Von allen Möglichkeiten, den Dienst am Nürburgring anzutreten, ist das die brutalste. Von allen Möglichkeiten, den Tag zu beginnen, sowieso. Während ich noch etwas benommen vom Alarmstart Schuhe und Strümpfe zusammensuche, gehen mir Schreckensbilder aus dem letzten Jahr durch den Kopf. Da wurde unser Wagen in hoffnungsvoller Position auf den Klassensieg vom Führenden in seiner GT3-Rakete von hinten im Tiefflug abgeschossen. Nur war ich da noch wach, denn der Crash und das damit verbundene Aus für Smudo und Four Motors ereilten uns vor Mitternacht. Doch es gab noch einen Unterschied: Es regnete stark und es war stockdunkel.

Diesmal hielt unser Rennglück immerhin bis gegen 7 Uhr morgens und der Wagen ist nach ersten Informationen diesmal wohl nicht vollkommen verformt. Gleichwohl parkt er schon wieder an der Hohen Acht und kann erst nach dem Rennen geborgen werden. Und wohl wieder steht die Frikadelle, der Porsche Carrera GT3 von Frikadelli Racing, die ihn beim letzten 24h-Rennen abgeräumt hat, ganz in der Nähe. Doch diesmal gibt es keinerlei Zusammenhang.

Team Four Motors beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring
Beim 24h-Rennen gab es für die Mechaniker auch nachts einiges zu tun. Smudo leistete sich im Regen einen kleinen Ausflug in die Botanik (Foto: S. Schickedanz)

„Wir sind ja schließlich hier, um Rennen zu fahren“, erklärt Teamchef Tom den Ausfall durch Unfall. Das würde sicher nicht jeder Teamchef in diesem Moment so sportlich sehen. Doch in diesem Fall fuhr der Chef. Und der machte mit seinen Rundenzeiten unmissverständlich klar, dass man mit knapp 70 Jahren noch lange nicht lahm unterwegs ist. Schließlich ist der Porsche trotz seines vollautomatischen PDK-Getriebes kein Rentnerauto. Deshalb lagen wir auch auf Platz 1 in der Klasse 1 AT (is klar, ne?)  und hatten uns darüber hinaus mit Rundenzeiten knapp über 9.30 Minuten in den Top 50 etabliert. Bis auf den in der Klasse AT siegreichen britischen 1er BMW konnte keiner das Tempo auch nur im Ansatz mitgehen. Selbst die ebenfalls ausgefallene Gas-Viper von Skater-Ass Titus Dittmann war beim 24h-Rennen in ihrer schnellsten Runde fast eine Minute langsamer unterwegs.

Was dann kommt, kennt man zur Genüge. Jenes „hätte, wäre, wenn“, das eigentlich jedem von uns schon mal jenseits der Piste begegnet ist. Ja, wir waren sauschnell. Ja, wir waren zuverlässig. Ja, E20-Treibstoff und Recycling-Öl haben toll funktioniert. Aber es gilt einmal mehr die alte Weisheit: „To finish first, first you have to finish.“

Ein Gutes könnte man dem Ganzen abgewinnen, nämlich der frühe Feierabend. Doch wenn es etwas gibt, für das man sich gerne Lärm, Wetter, Schlafentzug und Überstunden aussetzt, dann dieses Kulturereignis in der Eifel. Das sieht hier jeder so, auch die Mechaniker, die unzählige Arbeitsstunden in den Porsche mit der Startnummer 112 gesteckt haben – und die vor allem in der Folge des Rennens wieder Überstunden nach Feierabend schieben dürfen. Sie haben nämlich alle einen richtigen Job und betreiben Motorsport in der Freizeit, wobei sie mit ihren BMW von W&S Motorsport in der RCN-Serie von Sieg zu Sieg fahren. Doch VLN und gerade das 24h-Rennen mit Smudo und den Freaks von Four Motors sind auch für sie etwas ganz besonderes.

Team Four Motors beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring
Souvenirs vom 24h-Rennen: Smudo individualisierte zwei Felgen, sein Teamchef verlieh in den Morgenstunden gleich dem ganzen Auto einen Knitterlook. Aber that’s racing (Foto: S. Schickedanz)

Für uns ist die Zusammenarbeit mit Smudo und Four Motors beim 24h-Rennen auch etwas ganz besonderes. Mit ihnen Flagge zu zeigen für unser Magazin und dabei noch für nachhaltigen Motorsport zu trommeln, macht uns Freude. Und es bleibt ja auch weiter spannend. Irgendwann muss das Glück einmal mitspielen und wir die Antwort kriegen, wo das neue Bioconcept-Car steht, wenn es mal ankommt. Umsonst war der Einsatz auf jeden Fall nicht, denn auch so bekam das Projekt sehr viel Sympathie und Aufmerksamkeit. Vor allem aber spulte der Porsche Cayman bis zu seinem Ausfall 63 Runden auf der über 20 km langen, materialmordenden Berg- und Talbahn ab und sammelte damit viele wertvolle Kilometer für den großen Forschungsauftrag, der sich über die ganze Saison zieht: Nach dem 24h-Rennen und zahlreichen VLN-Läufen, die ebenfalls auf dem anspruchsvollen Nürburgring stattfinden, wird der 6-Zylinder-Boxermotor im Porsche Entwicklungszentrum in Weissach zerlegt, um Erkenntnisse über den Effekt des zukunftsträchtigen E20-Benzins unter Extrembedinungen in einem extrem hochgezüchteten Motor zu bekommen.

That’s racing…

Und noch ein Trost bleibt neben den unvergesslichen Momenten am Ring: Auch die großen Werksteams zollten der Eifel mal wieder reichlich Tribut: Von einem Rudel BMW M6 GT3 kam nur der langsamste durch, was aber immerhin für Platz 5 reichte. Der schnellste M6-Motor verpuffte mit einer riesigen Rauchfahne im Windschatten des führenden Mercedes AMG GT3, der zweitbeste platzierte BMW wurde von einem Amateur beim Überholen abgeräumt. Die Ingolstädter Rivalen erlitten mit ihren Audi R8 LMS gar einen verheerenden Totalverlust und auch von der Liga der ganz schnellen Porsche kam beim 24h-Rennen keiner durch. Hauptsache also, dass keiner verletzt wurde – alles andere kann man reparieren. Und sofern sich in der Ersatzteilkiste unser Logo findet, sind wir in der VLN auch wieder mit von der Partie.