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Der Bohemien des Brit Rock: Peter Doherty
Nirgends so richtig zuhause, aber in allen Milieus daheim: Peter Doherty ist zwar meist in Kaschemmen und Etablissements mit ungewissem Background anzutreffen, verleiht aber auch ehrwürdigen Häusern der Hochkultur den gewissen Glanz der Indierock-Bohème. Neulich quartierte sich das ewige Enfant terrible der englischen Musikszene auf ein paar Monate in Hamburg ein – Ergebnis: sein neues Soloalbum „Hamburg Demonstrations“ (Foto: Warner Music)

Peter Doherty Hamburg Demonstrations – CD der Woche 50

Unbefleckte Empfängnis in der Hansestadt? Glaubt man Peter Doherty, dann kam er zu seinem zweiten Soloalbum wie die Jungfrau zum Kind. Aber manchmal entstehen in solchen Situationen ja die bemerkenswertesten Dinge … LowBeats Musikautor Christof Hammer ging der Sache auf den Grund – und entdeckte die LowBeats CD der KW 50. Peter Doherty Hamburg Demonstrations ist ein Werk, mit dem der Lebemann des britischen Indie-Rock erneut sein Talent für Midtemposongs und Balladen beweist, die auf aparte Art leicht neben der Spur grooven.

Er ist so unberechenbar wie unverwechselbar und bleibt der ewige Bohemien des Brit-Rock. Nie weiß man, wann man ihn das nächste Mal wieder zu Gesicht bzw. zu hören bekommt – und in welchem Zustand Peter Doherty von seinen kleinen Ausflügen respektive großen Fluchten in seine ganz eigenen Parallelwelten ins normale Leben zurückkehrt. Von daher ist schon alleine die Ankunft seines (erst) zweiten Soloalbums ein Grund zur Freude.

Und wie bei ihm kaum anders zu erwarten, wurde auch Peter Doherty Hamburg Demonstrations alles andere als eine konventionelle Studioproduktion. Die Story in Kürze: Durch nicht näher definierte Umstände hatte es das Enfant Terrible des britischen Indierock (der in den 1990er-/2000er-Jahren mit den Libertines und den Babyshambles zwei Institutionen des Genres verantwortete) Anfang 2014 nach Hamburg verschlagen. In seinem Kopf: Fragmente und Grobskizzen von Songs, die weder zu den Libertines noch zu den Babyshambles passten, aber aufgenommen werden wollten.

Der weitere Plan? Ebenso unklar wie die Frage nach Unterkunft und Arbeitssituation in der Hansestadt. Aber auch in Hamburg funktioniert der Flurfunk der Musikszene bestens, wenn ein Filou wie Doherty sich in der Stadt herumtreibt – und schnell entstand ein Kontakt zum Doherty-Fan und Studiobesitzer Johann Scheerer, der im Stadtteil Rothenburgsort sein Studio „Clouds Hill Recordings“ betreibt.

Dort ließ sich Doherty dann mal eben für acht Monate in einem dem Studio angeschlossenen Appartement nieder und pendelte zwischen Reeperbahn und Schanzenviertel, seiner Schlafhöhle und dem Tonstudio, wo er an alten und neuen Songs arbeitete und Hamburg Demonstrations zusammenfügte.

Ein stringenter Aufnahmeprozess wurde aber von den Unwägbarkeiten im Leben eines Popstars im allgemeinen und dem des Peter Doherty im besonderen förmlich zerschossen. Mal kam – so ist zu hören – eine Tournee mit den Libertines dazwischen, dann mal wieder eine kleiner Aufenthalt in einer Entzugsklinik.

Während Dohertys An- und noch mehr während seiner Abwesenheit arbeiteten derweil Scheerer selbst und diverse Freunde und Kumpels aus seinem Umfeld wie die beiden Boy-Musikerinnen Sonja Glass und Valeska Steiner oder Tim Schierenbeck (u.a. „Gloria“) die Songskizzen zu „richtigen“ Arrangements aus. Schon etwas schräg das Ganze, oder?

„Johann mochte mich wirklich sehr gerne und war stets besorgt um mich“, erzählte Doherty jüngst den Kollegen des „Musikexpress“ in einem Exklusivinterview, „aber das hat mich eher irritiert und dabei behindert, meine Ideen für das Album frei heraus vorzutragen. Ich wurde quasi an den Busen seiner wohlmeinenden Familie gedrückt, während ich einfach nur mein Leben leben wollte. Am Ende war es so, dass ich die für den jeweiligen Tag geplanten Aufnahmen gemacht und mich danach sofort verkrümelt habe.“

Peter Doherty Hamburg Demonstrations  – ein Album wider Willen?

Naja … gesungen und Gitarre gespielt hat Doherty schon noch selbst, und auch die Studiotüre wird Johann Scheerer kaum von außen abgeschlossen haben.

Und natürlich hat der bleiche Brite alles selbst komponiert: zwölf Songs im typischen Doherty-Stil, also mit immer ein wenig angeschickert klingenden Melodien, gesungen mit einem Rock ‚n’ Roll-gegerbten Timbre zwischen Wut und Wehmut und angetrieben von jenem lässigen Groove, den in dieser Art kaum ein anderer weißer Gitarrenrocker auf Platte bringt.

Einen ganz eigenen Swing hat dieser gitarrenlastige Sound – und schlurft rhythmisch so vogelfrei und frühlingsfröhlich umher wie ein Straßenköter, der morgens durch sein Revier streunt und mal hier das Bein hebt oder dort einer läufigen Hündin hinterherfedert.

Und selbstverständlich gibt es hier den Texter und Dichter Doherty zu genießen und seine fast literarischen Stories. Zum Auftakt erweist er dem großen englischen Romancier Graham Greene Referenz und singt dessen „Kolly Kibber“ (der heimlichen Hauptfigur aus Greens Kleinkriminellen-Novelle Brighton Rock von 1938) ein kleines, mit Fiddle, Banjo und Akustikgitarre instrumentiertes Ständchen.

Auch „Flags From The Old Regime“, Dohertys Ehrerweisung an seine verstorbene Freundin Amy Winehouse, hier in einer Neuaufnahme und ohne das ursprüngliche Streicherarrangement zu hören), ist Liebeserklärung, Milieustudie und Psychogramm zugleich, getextet von einem „brother in mind“, der Amys seelische Befindlichkeiten aus eigenen Erfahrungen ziemlich genau nachempfinden kann.

Meist dominierte bei alledem jene akustische Note, die Doherty solo so gerne auslebt: In „Down For The Outing” spielt ein schnurrendes Cello die Hauptrolle, in „Oily Boker“ jammert eine Harmonika, und das Intro von „A Spy In The House Of Love“ gehört (der Meister lässt sich sozusagen beim Texten zuhören) einer alten mechanischen Schreibmaschine.

Final eines akustikgetönten und midtempo-geprägen Albums, das mehr einer konventionellen Songwriter-Schule folgt und ohne jeden Indierock-Gestus daherkommt: „She is far“ – geschrieben hat Doherty diese Ballade noch im Teenageralter und bevor je eine Platte von ihm erschien.

Ob bei anderen Produktionsumständen mehr möglich gewesen wäre – mehr stürmischer Rock-Gestus, mehr räudige Ruppigkeit, mehr herbe Hymnenhaftigkeit – bleibt eine akademische Frage.

Peter Doherty Hamburg Demonstrations bietet auf alle Fälle noch genug Anlass zur Freude – und schließlich muss man diesen Gossen-Poeten genießen, solange er musiziert. Bei Typen wie ihm weiß man schließlich wirklich nie genau, wann und in welcher Verfassung (remember Shane MacGowan?) sie wieder einmal etwas von sich hören lassen.

Cover Art Peter Doherty Hamburg Demonstrations
Peter Doherty Hamburg Demonstrations (Cover: Amazon)

Peter Doherty Hamburg Demonstrations erscheint bei Clouds Hill im Vertrieb von Warner Music als Audio-CD, Vinyl LP und MP3-Download.

Peter Doherty Hamburg Demonstrations

2016/12
Test-Ergebnis: 3,8

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