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Christopher Taylor alias Sohn
Der britische Soundtüftler Sohn hat mit "Rennen" sein zweites Album herausgebracht. Ein treibendes, aber nicht atemloses Elektropop-Meisterwerk (Foto: P. Knott)

Sohn Rennen – LowBeats CD der KW 2

Christopher Taylor
Konkret und abstrakt zugleich: In seiner Musik spielt Christopher Taylor alias Sohn mit strengen Formen und geometrisch klar angelegten Freiräumen. Sein neues Album Rennen bringt spannende digitale Soundscapes und fasziniert mit einem reizvoll musikalischen Wechselspiel zwischen Vordergrund und Hintergrund (Foto: Phil Knott /4AD /Beggars Group)

Wie LowBeats Musikautor Christof Hammer schon prophezeite: Nach dem relaxten Jahresbeginn mit dem gechillten HipHop-Jazz von Don Philippes neuem Album A Long And Silent Street nimmt das Rennen durch das neue Jahr jetzt wieder mächtig Fahrt auf. Sohn Rennen, die CD der KW 2, kommt von dem englischen Synthie-Tüftler Christopher Taylor alias Sohn.

Rennen ist ein schillernder Trip durch digitale Klangwelten von Trance und Ambient über minimalistische R&B-Klänge bis hin zu Indietronic-orientiertem Digitalpop, der neben temporeichen Hits auch atmosphärisch dichte Slow-Motion-Tracks bereithält.

Ob er den Job tatsächlich in der Tasche hat? Es wird noch etwas dauern, bis die Katze aus dem Sack ist und man definitiv erfährt, ob Christopher Taylor derzeit wirklich das seit geraumer Zeit angekündigte Comebackalbum von Tears For Fears betreut.

Aber passen würde diese Konstellation fraglos, produziert der gebürtige Londoner, in Wien lebende Soundtüftler doch den momentan vielleicht spannendsten Synthiepop jenseits des digitalen Mainstream und oberhalb dumpfer Dancefloor-Mucke.

Sollte eine der besten Synthiepop-Bands der 80er Jahre also den Anschluss an die elektronische Klänge der Gegenwart suchen: Taylor alias Sohn wäre dafür tatsächlich eine der besten Adressen.

Sohn Rennen ist erst das zweite Album des zurückhaltenden Briten. Lebte das 2014er-Debüt Tremor noch stark von der Kunst der Andeutung und des Weglassens, beschleunigt Rennen nun den Takt und verdichtet die Klangflächen.

Sohn Rennen  – wie ein arktischer Eisberg

Wie gut Sohn auch das Zupackendere, Griffigere beherrscht, zeigt gleich zu Anfang „Hard Liquor“, ein emotionsgeladener Vierminüter mit ausgeprägt rhythmischem Punch, einer facettenreichen Kulisse aus elektronischen Clicks, Swoops und Spratzlern sowie einem zackigen Chorus.

Ursprünglich als Fremdkomposition gedacht (Sohn produziert, remixt und schreibt bekanntlich auch für Topacts wie Rihanna, Disclosure oder den englischen Soulman Kwabs), schnappte er sich diese Nummer schließlich doch noch selbst.

„Ich dachte immer, dieser Song sei zu gewagt, eine Nummer zu groß für mich“, bekennt Sohn, „aber irgendwann merkte ich, wie großartig diese Komposition war. Sie zu schreiben, funktionierte allerdings nur, weil ich sie lange Zeit nie mit mir in Verbindung gebracht, sondern sie für jemand anders komponiert habe. Anders wäre es nicht zu diesem Song gekommen.“

Das zweite Highlight folgt auf dem Fuß: „Conrad“, nicht minder stark gesungen, verzahnt Vocals aus Soul und Gospel und technoid-kühle Synthies zu einer festivaltauglichen Elektro-Soul-Hymne.

Eindrucksvoll zeigt sich hier, wie resolut Sohn seinen einstigen Klangkosmos zwischen abstrakten Dubstep- und Minimal-R&B-Sounds nun um Songs mit Ohrwurmpotenzial erweitert hat, ohne sich auch nur im geringsten an den so unangenehm-aufdringlichen „Hauptsache, ihr habt Spaß“-Sound der Gegenwart zu verschwenden.

Danach wechselt die Atmosphäre: Die Tempi variieren, die subtilen Zwischentöne nehmen zu. Schimmernde Synthieloops lassen „Signal“ sanft schweben, „Falling“ verdreht dem Hörer mit einer Mischung aus Drum-Machine, handgemachten Beats und hintergründigem Zischeln den Kopf, „Primary“ durchquert in digitalen Grooves einen weiten, mit Loops und verfremdeten Vocals ausstaffierten Klangraum.

„Still Waters“ und der Titelsong „Rennen“ hingegen zeigen Sohn in fast nackten Synthie-Balladen dann als Melancholiker, der den human factor im Digitalen beschwört. „Harbour“ schließlich beginnt als Klagelied – um nach 2:52 fulminant Fahrt aufzunehmen und mit fast tribalartigen Grooves den Vorhang zu schließen.

Sohn Rennen ist ein Album, auf das sich Freunde von Elektropop-Avantgardisten wie Radiohead und Fans der „next generation“ um Ry X, James Blake und Jamie Woon gleichermaßen einigen können – so eisig-kühl, bläulich schimmernd und aufregend zerklüftet wie ein arktischer Eisberg.

Was Sohn dann mit Tears For Fears so alles anstellt im Aufnahmestudio, falls er den Produzentenjob tatsächlich haben sollte?

Die Sohn’sche Modernität und das hoffentlich unverändert prächtige Händchen von Roland Orzabal und Curt Smith für farbstarken Wavepop mit deutlichem 80er-Jahre-Schlag? Nach Sohn Rennen sind wir darauf jedenfalls noch gespannter als ohnehin schon.

Cover Art Sohn Rennen
Eines der bemerkenswertesten Elektropop-Alben des frühen 2017 – Sohn Rennen (Cover: Amazon)

Sohn Rennen erscheint bei 4 AD Records im Vertrieb von Rough Trade als Audio-CD, Vinyl LP und MP3-Download.

Sohn Rennen

2017/01
Test-Ergebnis: 4,0

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Klang
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