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Mercedes E 220 d
Mercedes E 220 d mit Burmester High-End-3D-System (Foto: S. Schickedanz)

Test: Mercedes E 220 d mit Burmester 3D Sound

Was bringt einen Schwaben dazu, in seinen Daimler zu steigen und nach Berlin aufzubrechen, wenn er nichts mit Politik oder Interessenverbänden zu tun hat? Zum Beispiel könnte er sich fragen, warum Mercedes-Benz das High-End-3D-Sound-System seines Mercedes E 220 d ausgerechnet bei den Preußen einkauft und sich auf eine musikalische Reise nach den Ursprüngen des „Wohlfühlsounds“ (wie es die Marke nennt) der Burmester-Beschallung machen.

Zwar handelt es sich bei dem E 220 d um einen Testwagen, den mir Mercedes vor ein paar Tagen vor die Tür gestellt hat. Abgesehen davon bin ich kein echter Schwabe, sondern nur ein Reingeschmeckter und selbstverständlich kenne ich Burmester Audio Systeme schon seit Jahrzehnten. Aber heute stelle ich mich mal janz dumm und frage mich: Wat is en Berliner Manufaktur?

Burmester Automotive
Burmesters Benze: Die Berliner beschallen die C-Klasse, E-Klasse und die große S-Klasse (Foto: S. Schickedanz)

Trotz des Hintergrundwissens gibt mir diese Reise aus dem Ländle in die Bundeshauptstadt Gelegenheit, den Reiz von Auto und Anlage unter realen Bedingungen zu erfahren. Schließlich ist die E-Klasse das Langstreckenauto per Excellence, gerade mit dieser beliebten Antriebsvariante.

Diesel-Flinke E-Klasse

192 PS aus 2.0 Litern Hubraum versetzten mich, vorsichtig gesagt – gerade in Verbindung mit rund 1,7 Tonnen Gewicht, nicht gerade in Ekstase. Da gibt sogar die eigene Garage mehr her. Doch ich käme im Traum nicht auf die Idee, mit meinem eigenen Wagen die über 600 Kilometer lange Strecke zu fahren. In solchen Fällen zücke ich heute meine Bahncard und liefere mich lieber den Abenteuerreisen des Staatsunternehmens aus, als selbst Hand ans Steuer zu legen.

Vor 10 Jahren war das anders. Da stellte ich des Nächtens auf leeren Autobahnen ziemlich gleichschnell mit einem betagten BMW M5 und später mit einem Mini Cooper S Cabrio meinen persönlichen Rekord mit unter viereinhalb Stunden inklusive der zahlreichen unvermeidbaren Tankstopps auf.

Mercedes-Benz E 220 d
Welche Wellness-Maßnahme darf’s denn sein? Die E-Klasse verwöhnt mit Massage nach Maß (Foto: S. Schickedanz)

Daran ist diesmal nicht zu denken. Nicht nur, weil ich jedes der vergangenen Jahre als Maximierung von Reife und Bequemlichkeit spüre. Es regnet in Strömen und inzwischen darf man an Stellen, an denen früher ICE-Tempo erlaubt und möglich war, nur noch 120 fahren – wenn überhaupt. Die Devise gleicht also der eines Amateurs beim Marathon: Ankommen ist alles.

Dafür ist der Diesel-Daimler das perfekte Auto. Sir Winston Churchill könnte dieses Auto im Sinn gehabt haben, als ihm sein legendärer „no sports“-Spruch über die Lippen kam. Dieser Wagen ist sowas von unverkrampft entschleunigt, dass ihn notorische Raser auf Rezept bekommen müssten – als therapeutische Maßnahme sozusagen.

Zwar bin ich sicher kein Raser, aber schnell mag ich es schon. Sonst jedenfalls. Diesmal ist alles anders, nicht nur, weil ich für meine Verhältnisse eher mit Landstraßentempo auf der Autobahn unterwegs bin. Auch sonst hat sich alles ins Gegenteil verkehrt. Mit einen BMW oder Porsche verwächst man wie mit einem gut sitzenden Sportschuh oder einem maßgeschneiderten Anzug. Man wird eins mit der Maschine, spürt ihr stählernes Herz in vier Takten schlagen und kriegt selber Herzrasen. Mit bekanntem Ausgang. Langsam fahren wird zur Qual, geht einem gegen den Strich und erfordert volle Konzentration. Man starrt ständig auf den Tacho, um genervt irgendwelche Tempo-Limits einzuhalten. Und wenn man dann freie Fahrt hat, lehnt man sich zurück, tritt das Gas durch und entspannt sich, zumal dann zweitrangig wird, was hinter einem geschieht. Man kann sich ganz auf das Geschehen vor einem konzentrieren. So geht es mir jedenfalls.

Mercedes E 220 d: Einzig und artig

Doch dieser Benz ist anders. Das Gefühl kenne ich sonst nur aus dem Speisewagen im ICE oder aus der Business Class von Transkontinentalflügen. Es ist eher das Gefühl, bewegt zu werden, statt sich selbst zu bewegen. Ein bemerkenswert passives Feeling angesichts der Tatsache, dass sich nach dem mit Bummeln verbundenen Eintauchen in die unzähligen Menüs von Command Online und dem Setup des Sound-Systems das Tempo irgendwo zwischen 120 und 180 km/h eingependelt hat. Stoisch wie auf Schienen zieht der Benz seine Bahn. Der Mercedes E 220 d ist ein Einhand-Auto, eines, bei dem ich den linken Arm am Fensterrahmen abstütze. Ganz klar: Diese Fahrt konkurriert nur mit Bahnfahren, was die Entspannung angeht.

Mercedes-Benz E 220 d
Die Ring-Radiatoren sind schick verpackt und werden illuminiert. Beim Anschalten der Anlage drehen sie sich heraus (Foto: S. Schickedanz)

Aus den 23 Lautsprechern kommt souverän verstärkt von 1.450 Watt entspannte Musik, die ich von meinem iPhone via USB einspeise. Das steigert die Entspannung. Es klingt unglaublich relaxed und in der für reines Stereo optimierten Einstellung des Systems genieße ich einen phänomenalen Fokus. Stimmen stehen vor mir, so scharf konturiert, dass man sie greifen könnte. In einem weiteren Menü habe ich den Fahrersitz als VIP-Platz definiert und bekommen somit die volle Packung. Die einzige Sorge, die mich in dem Moment plagt: Klingt nun die puristische Klangeinstellung besser oder der behutsam dosierte, zuschaltbare 3D-Effekt? Doch beides spielt auf einem Level, wo man getrost von Mega-Luxus-Sorgen sprechen kann.

Zeit, die weiteren Wellness-Angebote in Anspruch zu nehmen. Ich bin nach einer Stunde Fahrt entspannter als vor dem Einsteigen. Doch es geht noch besser. Schließlich hat Mercedes die neue E-Klasse mit Komfort-Gadgets bis zum Abwinken gespickt. Bis ich alle entdeckt habe und mich mit den Einstellmöglichkeiten einigermaßen zurechtfinde, bin ich Berlin schon ein paar 100 Kilometer näher gekommen. Das spricht sehr für den Fahrkomfort und die Entspannung, die einem die E-Klasse bietet. Das zeigt aber auch, dass in der Bedienung noch Luft nach oben besteht. Noch nie hat die Bedienung eines Fahrzeugs so viel Aufmerksamkeit von der Straße abgezogen. Das liegt freilich zum Teil am üppigen Ausstattungsumfang, zu einem größeren leider auch an der mangelnden Ausgereiftheit des radikal neu gestalteten Cockpits. Dessen Rückgrat bildet ein endlos breites Farb-Display, auf dessen linker Seite auch die digital erzeugten Analoganzeigen für Tacho und Drehzahlmesser angezeigt werden.

Fabian Benedix, bei Burmester für Automotive verantwortlich, zeigte uns in der Mercedes E-Klasse die musikalische Seite von Berlin (Foto: S. Schickedanz)

Das sieht superstylisch aus, lässt sich individuell konfigurieren und vom Multifunktions-Lenkrad oder einem Touchpad auf der Mittelkonsole steuern. Doch bis alles zweckmäßig konfiguriert ist, vergeht eine Menge Zeit. Vor allem, wenn man wie ich ein Muffel in Sachen Bedienungsanleitungen ist, entdeckt man die ersten Tage immer wieder überraschende neue Möglichkeiten. Allerdings lindert die Routine nicht einige grundsätzliche Mängel. Der zentrale Teil des Displays sitzt zu tief und geht auch noch weit zum Beifahrer hinüber. Das sieht zwar prächtig aus, doch die weniger schicken, über das Armaturenbrett hinausragenden Bildschirme in den kleineren Baureihen sind im Grunde praktischer.

Besonders bekommt man diesen Umstand zu spüren, wenn man die Farbstimmung und Intensität des Ambiente-Lichts ändern, die Massage-Funkionen in Anspruch nehmen oder eben das Audio-System nach seinen Wünschen feintunen möchte.

Kaum habe ich meine neuesten Alben gehört, komme ich auch schon in Berlin an. Die Fahrtzeit weiß ich gar nicht, ist auch nicht wichtig. Einen persönlichen Rekord hat der Mercedes E 320 d auf jeden Fall aufgestellt. Mit Abstand niedrigster Nerven- und Spritverbrauch und dazu noch Non-Stop. Tanken ist erst am nächsten Tag nötig, das gab’s noch nie – fast wie Bahnfahren plus Komfort minus unliebsame Überraschungen. Genial.

Da ich Burmester schon bestens kenne, hat sich Fabian Benedix, der Automotive-Verantwortliche des Familienunternehmens, etwas Besonderes einfallen lassen. Er möchte mir die Musik-Kultur seiner Stadt aus dem rollenden Konzertsaal heraus betrachtet präsentieren. Gerne überlasse ich Fabian das Steuer. So kann ich noch mehr relaxen und mich aufs Fotografieren konzentrieren. Im Benz wird man eh gefahren, auch wenn man selbst am Steuer sitzt. So kann ich sogar die Augen schließen und noch besser die Abbildung des 3D-Systems beurteilen.

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Heroes von David Bowie wurde in Berlin aufgenommen (Foto: S. Schickedanz)

Wir lauschen Heroes von David Bowie, der das Album gemeinsam mit Low und Lodger – bekannt als die Berlin-Trilogie – in der Stadt produzierte. Schließlich gilt die erste Station dem Haus, in dem der kürzlich verstorbene David Bowie während seiner Deutschlandzeit von 1976 bis 1978 wohnte. Eine Gedenktafel zeugt heute davon. Einen Steinwurf weiter wurde das Ganze produziert. Um das Gebäude mit den Atlantik-Studios zu fotografieren, öffnen wir das große Panoramadach des Mercedes E 220 d. So kann ich die beiden Height-Lautsprecher im Dachhimmel der E-Klasse mit dem historischen Gebäude aufs Bild bannen.

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In den Atlantik-Studios wurde Bowies Berlin-Trilogie produziert und im Mercedes E 220 d über 23 Lautsprecher des Burmester-3D-Systems wiedergegeben. Je ein Height-Lautsprecher im Dach für jede Sitzreihe des Mercedes E 220 d hebt die Bühne spürbar an (Foto: S. Schickedanz)

Als nächste Station laufen wir die königliche Porzellan-Manufaktur an. Die betätigt sich im Kulturbereich als Sponsor der Berliner Philharmoniker und steht darüber hinaus für traditionelles Handwerk, was sie mit Burmester zusätzlich verbindet. Auf dem Weg dorthin darf Burmester Schumanns Klavierkonzerte in A Minor spielen. Sehr schön kommt dabei die äußerst neutrale Abstimmung und die hohe Transparenz des Audio-Systems heraus. Auch die Dynamik-Reserven und die Attacke zeigen einmal mehr ihre Klasse.

Von der Porzellan-Manufaktur geht es direkt zur Philharmonie an den Linden, die weithin sichtbar im Lichterglanz erstrahlt. Dazu legt mein Fahrer Fabian die 2. Sinfonie von Brahms auf. Die Klangreinheit und die gute Isolation der leisen Stuttgarter Limousine sperren den Lärm der hektischen Spreemetropole aus. Hier herrscht entspannte Stimmung.

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Der E 220 d macht sich gut vor der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (Foto: S. Schickedanz)

Die vorletzte Station liegt in der  John-Foster-Dulles-Allee. Dort steht das Haus der Kulturen, das gerade bei Nacht ebenfalls einen schönen Fotohintergrund für den blauen Benz bildet. Von meinem iPhone streame ich drahtlos die neue CD von Yello. Auch wenn dieser ebenso vernünftige wie praktische Mercedes E 200 d kein Männerspielzeug ist – akustisch passen die Elektro-Beats von Toy perfekt. Doch langsam knurrt der Magen.

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Die Philharmonie an den Linden ist eine der zentralen Kulturstätten in Berlin (Foto: S. Schickedanz)

Also steuern wir das letzte Ziel für heute an. Das Jazzcafé in Charlottenburg. Es gehört zum benachbarten Jazz-Club A-Trane, wo wir gestern noch ein Live-Konzert des Trios Lauer, Ilg, Héral erlebten. Heute kommt der Jazz von Saxofonist Christof Lauer aus dem „Autoradio“, das damit ähnlich groovig und souverän umgeht wie immer. Live in the streets sozusagen. Bei einem Wiener Schnitzel klingt die heutige Testfahrt aus. Morgen geht es dann wieder zurück nach Stuttgart. Eine Stadt, die mehr Hügel, dafür aber mehr Staus und weniger Abwechslung bietet als Berlin, die Stadt, die nie schläft.

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Das Haus der Kulturen säumt mit seinem Lichtschein den Mercedes E 220 d ein (Foto: S. Schickedanz)

Eine Stadt, deren pulsierendes Kulturleben nicht nur perfekt zum Burmester High-End-3D-System des schwäbischen Bestsellers passt. Eine Metropole, die auch Tag und Nacht vor Augen führt, was gute Musik ist und somit den Referenzklang für die Entwickler bei Burmester liefert.

Auf der Heimfahrt werde ich so viel überholt, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Das liegt nicht am Motor des Mercedes E 220 d, der ziemlich locker das Limit der Winterreifen bei 240 km/h erreicht. Der Wagen fährt zwar wie auf Schienen auch um die Kurven, aber er zeigt klar, dass er oberhalb von 180 eigentlich lieber geradeaus fahren möchte. Man muss ihn dann in die Kurven zwingen und dazu bin ich in dieser rollenden Wellness-Oase viel zu entspannt. Aus sportlicher Sicht wäre der Wagen in dieser Ausführung eine herbe Enttäuschung.

Die Sporttaste des Mercedes E 220 d reicht nur, um ihm das Schaukeln auszutreiben, fühlt sich aber so an, wie sich der gemeine BMW-Fahrer einen extremen Komfortmodus wünscht. Sicher kann die AMG-Variante nicht nur bei der Längs-, sondern auch bei der Querdynamik zulegen. Schließlich ging sogar die größere, schwerere S-Klasse, die ich vor Jahren als AMG S63 ausprobieren konnte, bei deutlich höherem Tempo williger ums Eck. Aber ein größerer Motor und eine sportliche Abstimmung von Fahrwerk und Getriebe überschreibt sozusagen den einzigartigen Charakter der E-Klasse, die einen so wunderbar entspannend von den eigenen Ambitionen befreit. Und mal ehrlich: Haben wir nicht alle schon im Beruf genug Hetze, Wettbewerb und Stress? Deshalb ziehe ich ein Fazit, das ich mir vor der Fahrt selbst nicht zugetraut hätte.

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Burmester-Benz meets Brandenburger Tor (Foto: S. Schickedanz)

AMG ist großartig. Fahrfreude auf rustikale schwäbische Art. Ein Gedicht. Hat nur einen Haken: Du machst alles, was Du in einem starken Audi oder BMW auch machen würdest. Nur dass wegen des Motorsounds das Grinsen etwas breiter ausfällt. Aber es geht hier ja um eine der weltweit besten Anlagen, die es ab Werk in einem Auto zu kaufen gibt. Warum also in der komfortabelsten Limousine ihrer Klasse den Wettstreit mit Porsche-Piloten suchen und den martialischen AMG-Motor mit dem Burmester-Sound-System um die Wette brüllen lassen? Deshalb empfehle ich genau jenen Vierzylinder-Diesel, obwohl er eigentlich in keiner einzigen Disziplin besonders bei mir punkten kann.

Der Mercedes E 220 d nagelt nicht so rustikal wie die Vorgängerreihen, die ich regelmäßig als Taxi erlebe, aber so seidig wie der Sechszylinder im kürzlich gefahrenen BMW 740d xDrive ist er lange nicht. Er zieht ordentlich durch, wirkt niemals untermotorisiert, allerdings auch niemals besonders kräftig. Angemessene Fahrleistungen wäre der korrekte Ausdruck. Zwar kommt er mit seinem moderaten Durst und zierlichen 50-Liter-Tank sehr weit mit einer Füllung. Doch 7,7 Liter pro 100 Kilometer unterbot ich mit der auf  5,4 Meter gestreckten Langversion der Münchner Oberklasse-Limousine auch ganz bequem, obgleich hier ein 3.0-Liter Sechszylinder am Werk ist. Zumindest, solange ich nicht am Limit fuhr. Aber genau das passierte meist. Ich fuhr die Luxuslimousine wie den in der Golfklasse angesiedelten Kompaktsportler M140i xDrive, nur dass der längere Radstand und die Luftfederung für etwas mehr Komfort sorgten, während der Verbrauch mit durchschnittlich 9,5 Litern Diesel immer noch vergleichsweise sehr sparsam war. Ich staunte also noch beim Tanken über das technische Wunderwerk.

Aber genau das ist es, was ich am Mercedes E 220 d so schätzen lernte: Der Motor fällt in Verbindung mit der 9-Gang-Automatik weder positiv noch negativ auf. Er macht einfach seinen Job und ich habe den Kopf frei für andere, wichtigere Dinge.

Im 7er sitzt man die ganze Zeit und staunt über die tolle Technik. Bei jedem Beschleunigen denkt man unweigerlich: „Boah, was für ein genialer Motor! Wie viel Turbolader hat der noch mal?“ Bei jeder Autobahnbiegung mit Topspeed staunt man Bauklötze über der großartige aktiv mitlenkende Hinterachse und so weiter. Und im Benz? Da fährt man einfach von A nach B und denkt über die Technik im Hintergrund nicht nach.

Die einzigen Fragen, die aufkommen, haben eigentlich mit Autofahren so viel zu tun wie ein Benzin-Stammtisch mit einer Yoga-Gruppe. Es sind eher weibliche Dinge, die mir durch den Kopf gehen. Gönne ich mir eine Hot-Relaxing-Schulter-Massage oder irgendwas mit Activating oder so ähnlich? Ganz wichtig auch: Welcher Duft passt am besten zu meiner Stimmung und zur Musik, der ich gerade lausche? Nicht zu vergessen die Luftverteilung, die man jenseits der Regler im Cockpit des Mercedes E 220 d über Menüsteuerung noch weiter individualisieren kann, etwa durch eine diffuse Charakteristik. Last not least quält mich noch die Frage, ob man die Luft ionisiert. Da ich nicht esoterisch unterwegs bin, bin ich spätestens jetzt überfordert. Was passiert da, was soll es bewirken? Ein paar kurze Erklärungen zu den Optionen wie bei den anderen Herstellern wären höchst hilfreich. Aber es klingt spannend, also schalte ich es mal an.

Stefan Größler ist bei Burmester Entwicklungsleiter Audio – also auch zuständig für die Automotive-Entwicklung (Foto: S. Schickedanz)

In das Cockpit eines BMW, Porsche oder Audi fädelt man sich ein wie in einen High-Tech-Kampfjet, vertraut auf die Technik und fokussiert sich mehr oder weniger verkniffen auf die bevorstehende Mission. Hindernisse, die vor einem auftauchen, werden folglich als feindlicher Akt bewertet. Der Mercedes E 220 d schafft zu einem Bruchteil des Preises etwas, das ich sonst nur von Rolls-Royce kenne: Die totale Entkopplung vom Akt des Fahrens. Und er macht einen besseren Menschen aus dem Fahrer, wirkt wie eine Überdosis Baldrian auf Schnellfahrer.

Dabei verleiht der Mercedes E 220 d einem ein erhabenes Gefühl. Wissen Sie, wobei mir das besonders deutlich wurde? Sie werden es nicht glauben: Als ich einem Rowdy im Audi die Lichthupe gab. Nicht, dass er mich direkt behindert hätte, als er auf der Heimfahrt im strömenden Regen bei mieser Sicht mit einer Extraportion Vertrauen in den Quattro-Antrieb wie ein Geisteskranker mit riesiger Wasserschleppe vorbeischoss. Erst recht nicht, dass ich ihn überholen wollte. Am Steuer dieses Daimlers fühlte ich mich dazu legitimiert, ach was, auserwählt, zu schulmeistern.

Will mal  so sagen: Wenn Du in einem BMW sitzt und einem Audi Lichthupe gibst (oder umgekehrt) ist das wie zwei neidische Lausbuben, die sich auf dem Schulhof raufen. Doch die E-Klasse verleiht Autorität. Sie macht Dich zum Rektor und die kleinen grellen Blitze, die Du mit dem Lenkstockhebel auslöst, besitzen einen pädagogischen Wert. Dieses erhabene Gefühl musste ich einfach mal auskosten! Es war mir geradezu ein Zwang, einmal selbst in die Rolle des an sich verhassten Oberlehrers zu schlüpfen und den erhobenen Zeigefinger zu schwingen. Eine Grenz- beziehungsweise Benz-Erfahrung, der etwas Befreiendes innewohnte. Es ist so, als könntest Du Dein ganzes Leben einmal von außen bewerten. Andere gehen dafür zum Guru in den Tempel. Reisen nach Tibet. Dabei genügt mir schon eine Dienstreise nach Berlin. Wie praktisch.

Fazit: Mercedes E 220 D mit Burmester High-End-3D-System.

Wenn Sie mich also fragen: Sparen Sie sich dicke, hedonistische Motoren, sparen Sie beim Sprit- und Nervenverbrauch pro Kilometer und gönnen Sie sich das formidable Burmester High-End-3D-Sound-System aus Berlin in Verbindung mit dem Mercedes E 220 d – das rockende Roycele aus dem Ländle zum Preis, der auch geizige Schwaben nicht erschüttert. Diese Kombination machte mich vielleicht für zwei Wochen zu einem besseren, entspannteren Menschen. Aber nicht zu einem besseren Autofahrer. Einerseits fuhr ich in meinem ganzen Leben noch nicht so beherrscht und entspannt – andererseits selten so unkonzentriert, um nicht zu sagen geistesabwesend. Ich verpasste sogar die Ausfahrt, obwohl ich nicht schnell war und auch nicht links fuhr – trotz Navi-Ansage. Deshalb fällt es mir jenseits der subjektiven Schilderungen schwer, das Auto mit dem Stern in unsere Sternewertung zu pressen.

Auch scheint mir das revolutionäre neue Bedienkonzept noch etwas Reife zu brauchen. Es reagiert teilweise träge, ist wenig intuitiv, teilweise umständlich und es zieht mit seinem niedrig platzierten, überbreiten Bildschirm und den ganz rechts platzierten Menüs den Blick mitunter weit von der Straße ab. Außerdem nervte es mit einem permanenten Blinker-Kaputt-Fehlalarm. Deshalb reicht es beim Auto nur für vier Sterne. Dafür habe ich bei Fahrspaß glatte fünf Sterne vergeben, obgleich jene nicht im üblichen Sinne zu verstehen sind und daher nicht mit Porsche, BMW oder Audi vergleichbar. Diese rollende Wellness-Oase ist eine Klasse für sich.

Leicht fällt mir jedoch ein Schlusssatz. Der Mercedes E 220 d  ist speziell mit dem überragenden Burmester-3D-Sound der perfekte Reisewagen für Vielfahrer, die es sich wert sind. Statt sich eine teure, hochmotorisierte Sportlimousine aus Affalterbach, Garching oder Neckarsulm zu kaufen, erscheint es mir nach meiner Erfahrung durchaus überlegenswert, sich den braven, aber praktischen Benz und für das gesparte Geld einen leichten, kleinen Sportflitzer wie den kürzlich getesteten Mazda MX5 oder den Klassiker Lotus Elise zu gönnen.

Mercedes-Benz E 220 d

2016/12
Test-Ergebnis: 4,7

überragend

Auto
Anlage
Spassfaktor

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Sehr homogene Abstimmung, sehr tiefer, konturierter Bass, exzellente Abbildung, sehr hohe Dynamik-Reserven
Perfekt umgesetzter 3D-Sound von Stereo-Aufnahmen ohne vordergründige Effekte
Motor macht einen perfekten Job und tritt bis auf ein gelegentliches Knurren beim Beschleunigen so gut wie nicht in Erscheinung
Bedienung des Infotainments lenkt stark vom Fahren ab, Menüs reagieren langsam und sind teilweise verwirrend und weit aus dem Blickfeld

Preis (Hersteller-Empfehlung): Mercedes-Benz E 220 d ab 47.124 Euro, Burmester HighEnd-3D-System 5.831 Euro

Vertrieb:

Daimler AG
Mercedesstraße 137
70327 Stuttgart
www.mercedes-benz.de