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Vince Staples
Vince Staples macht vieles anders als die meisten Vertreter seines Genres. Sein Sound: HipHop 4.0 ­– elektronisch, transkontinental, wichtig (Foto J. Mataitis)

Vince Staples Big Fish Theory – die CD der KW 26

Kürzlich lieferte er einen prächtigen Gastauftritt auf der aktuellen, gewohnt famosen Platte der Gorillaz (Humanz, Warner Music), nun präsentiert der amerikanische Rapper Vince Staples sein zweites Soloalbum und das bislang zweitwichtigste HipHop-Werk des Jahres. Vince Staples Big Fish Theory ist allemal die LowBeats CD der KW 26 wert.

Auch der HipHop kommt so langsam in die Jahre. Wer den langen Weg aus den frühen Siebzigern bis heute überlebt hat (keine Selbstverständlichkeit – erinnert sei nur an 2Pac, Notorious B.I.G. oder Nate Dogg), zählt vergnügt seine Millionen (wie auch so ziemlich alle Altvorderen aus den 80er und 90er Jahren), betrügt seine Frau/Lebensgefährtin (ebenfalls weit verbreitet) und leistet danach öffentlichkeitswirksam Abbitte (wie gerade Beyoncé-Gatte Jay-Z).

Andere, jüngere Protagonisten wie The Weeknd oder Drake sind bevorzugt in R&B- und House-Gefilden unterwegs, fallen also eher nicht in die Wertung, wenn es um klassische HipHop-Culture geht.

Zeit also, mal die Youngster unter die Lupe zu nehmen, die next generation, welche die aktuellen Platzhirsche Kanye West und Kendrick Lamar eigentlich mal beerben möchte.

Aber auch da ist nicht alles Gold, was glänzt. Ein gewisser Lil Yachty etwa gibt da ziemlich unverfroren den leutseligen Klassenkasper, der die Teenage Emotions (so der Titel seines Debütalbums) mit leichtgewichtigem „Bubblegum-Trap“ (O-Ton Yachty) auf Touren bringt.

Vince Staples Big Fish Theory
Vince Staples macht vieles anders als die meisten Vertreter seines Genres. Das fängt beim Namen an (schon bemerkt …? Der Typ kommt völlig ohne Pseudonym aus) und setzt sich auf musikalischer Ebene fort (Foto: J. Mataikis)

Vince Staples Big Fish Theory  – jenseits aller HipHop-Klischees

Aber es geht auch anders. Vince Staples jedenfalls weiß, was er dem Genre schuldig ist. Schon sein 2015-er Debüt Summertime 06 (nach zwei vorausgegangenen Mix-Tapes) etablierte den 24-jährigen Rapper von der Westcoast als einen der wichtigsten Newcomer.

Nun folgt mit Vince Staples Big Fish Theory Album Nummer 2 –und es ist das (nach Kendrick Lamars Coup „DAMN.“) das vorerst zweite große HipHop-Album dieses Jahres. Seine Relevanz bezieht Vince Staples Big Fish Theory aus einem für das Genre untypischen Umgang mit Rhythmen und Sounds, aus einer Fülle an neuen Verknüpfungen.

Der 24-jährige stammt aus Long Beach, Kalifornien, doch seine Klangsprache ist deutlich futuristischer, transkontinentaler als in der HipHop-Szene der amerikanischen Westküste üblich.

Sein Stil basiert vielmehr auf knochigen Garage-Grooves britischer Herkunft und kargen Soundscapes mit housigen Genen, die auch in Berliner Underground-Clubs den Takt angeben könnten. Und immer wieder wabern avantgardistische Synthieklänge durch die Arrangements.

Prominente Unterstützung bekam Staples unter anderem von Gorillaz-Macher Damon Albarn oder Justin Vernon (Bon Iver), auch wenn deren Beiträge ziemlich unauffällig bleiben und eher unter die Kategorie Namedropping bzw. gegenseitige, lässig angedeutete Respektsbekundungen fallen. Die Rapperin Kilo Kish aus Florida hingegen erweist sich als prächtige Vokal-Entdeckung.

Die relevantesten Beiträge für Vince Staples Big Fish Theory liefern jedoch SOPHIE aus London, Chef des Elektronik-Labels PC Music (auf „Samo“) und der australischen Avantgarde-Elektroniker Flum (in „Yeah Right“).

Diese Kollaborationen führen zum Knackpunkt dieses Albums: Mit seinem konsequent digitalisierten, minimalistisch-technoiden Stil beamt Staples das Genre auf das Soundlevel der Gegenwart, erfindet damit quasi den HipHop 4.0.

Das klingt knochentrocken und mitunter durchaus sperrig, auch wenn „Crabs In A Bucket“ mit spacigen Ambientsounds eröffnet. Doch schon bald mischt Staples quirlige Beats unter, die manchmal so rasant und vertrackt ineinandergreifen, als würden sie sich gleich selbst überholen.

Zusammen mit eisigen Keyboards und einem dynamischen Rap-Flow führt dieser Sound das, was vor 20 Jahren als G-Funk begann, mit den Mitteln der Moderne fort und in die Gegenwart über.

Diese Elektrifizierung, diese mätzchenfreie street culture weit entfernt von jeglichem Hedonismus macht Vince Staples Big Fish Theory so überraschungsreich, zu einer klanglichen Wundertüte weit jenseits ausgetretener HipHop-Klischees.

Wer konsenstaugliche, fluffige Kopfnicker-Beats möchte, muss freilich woanders suchen. Aber die Zeiten sind ja auch nicht danach.

 

Vince Staples Big Fish Theory Cover Art
Vince Staples Big Fish Theory ist Rapp modernster Machart (Cover: Amazon)

Vince Staples Big Fish Theory erscheint bei Def Jam Recordings im Vertrieb der Universal Music Group und ist erhältlich als Audio-CD und MP3-Download.

 Vince Staples Big Fish Theory
2017/07
Test-Ergebnis: 3,7
 GUT
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