Ein Hauch Gospel, viel Stax und Motown natürlich, dazu etwas HipHop und ein ausgeprägtes Faible für zeitgenössischen amerikanischen Alternative Rock: Seit 2014 begeistert Curtis Harding mit Black-Music-Variationen zwischen Tradition und Moderne. Wer den Songwriter aus Atlanta bislang nicht auf dem Radar hat: Hardings viertes Album mit dem etwas langatmigen Namen Curtis Harding „Departures & Arrivals: The Adventues Of Captain Curt“ bietet die nächste Gelegenheit, diesen stilsicheren, mit einem weitem musikalischen Horizont gesegneten Soul Man kennenzulernen.
Den Gospel brachte einst die Mutter ins Leben von Curtis Harding – sie sang professionell in einer Kirchengemeinde von Atlanta und nahm den kleinen Curtis schon in früher Kindheit mit auf die Bühne. Als zweite Stufe seiner musikalischen Sozialisation landete Harding bei den Platten von Stax und Motown, den beiden ewigen Kultlabels der Soulmusik. US-HipHop der Nineties sowie ab den 2000er-Jahren ein stetig steigendes Interesse für den amerikanischen Alternative Rock komplettierten schließlich den Harding’schen Soundkosmos.
Alles zusammen macht den 46 Jahre alten Sänger und Multiinstrumentalisten, geboren 1979 in Saginwa/Michigan, seit 2014 seinem Albumdebüt „Soul Power“ zu einer der spannendsten Persönlicheiten der transatlantischen Modern-Soul-Fraktion. Interessanter Weise steht der Amerikaner Harding in Europa nämlich deutlich stärker im Fokus als in seiner Heimat – allen voran in Frankreich, wo es für die großartig-atemlose Single „Need Your Love“ vom 2017er-Album „Face Your Fear“ (eine Art „Sexual Healing“ der 2010er-Jahre) eine Goldene Schallplatte gab. Co-Produzent damals: US-Goldfinger Brian Burton aka Danger Mouse, der mit Acts wie den Black Keys, Sparklehorse, den Red Hot Chili Peppers oder Damon Albarns Weltmusikprojekt The Good, The Bad & The Queen so spannend wie erfolgreich an Schnittstellen zwischen weißer und schwarzer Gegenwartsmusik werkelt.
So steht Harding mit seiner Vita und seinem musikalischen Werdegang in der Tradition von weiteren angloamerikanischen Grenzgängern zwischen Soul, Rock und allerlei mehr – man denke etwa an Lenny Kravitz (für den er bereits als support act agierte), an Jack White oder auch an den famosen englischen Kollegen Michael Kiwanuka.
Mit „Departures & Arrivals: The Adventues Of Captain Curt“ präsentiert Curtis Harding nun Album Nummer 4, und wer diesen Musiker bislang noch nicht auf dem Schirm hat, sollte spätestens jetzt einmal genauer hinhören. Denn Harding vermag es, seine aus dem Classic Soul kommenden Songs kein bisschen angestaubt klingen zu lassen, sondern zeitlos und universell: eine Tugend, die etwa eine Amy Winehouse zur Ausnahmepersönlichkeit und zum Weltstar heranwachsen ließ. Und zugleich besitzt Harding die Gabe, andere Genres in seine Musik zu integrieren – und zwar ohne jede Anbiederung an einen immer beliebiger auftretenden Zeitgeist und so wohldosiert wie stilsicher.
Die Musik von Curtis Harding „Departures & Arrivals: The Adventues Of Captain Curt“
Neben Sixties Soul führt die Reise seiner imaginären Persönlichkeit Captain Curt – das Cover kündigt es optisch bereits an – beispielsweise auch in die frühen 1970er-Jahre, als Soundinnovationen wie Space Funk und Disco Music der amerikanischen Black Music frischen Wind in die Segel zu pusten begannen. Dazu gibt es dezente Verbeugungen vor der Folk Music der Seventies sowie immer mal wieder psychedelische Klänge, beigesteuert von Vibraphon, verzerrten E-Gitarren, Elektronik oder butterweichen weiblichen backing vocals.
Thematischer, emotionaler Ausgangspunkt für die Abenteuer von Captain Curt: Hardings Gefühl einer temporären, aber zunehmenden Entfremdung von seinen Wurzeln. „Da ich so viel Zeit fern von zu Hause verbringe, entstanden viele dieser Songs aus dem Gefühl der Orientierungslosigkeit und dem Wunsch, zu jenen Menschen zurückzukehren, die ich liebe“, erläutert er. „Ich begann, mir eine Figur vorzustellen, die sich auf eine Reise begibt und sich im Weltraum verirrt, um dann durch verschiedene Galaxien und Dimensionen zu reisen, während sie versucht, ihren Weg nach Hause zu finden: Captain Curt.“
Mit „There She Goes“ startet der Trip hochgradig gechillt und fluffig und weckt Erinnerungen an Curtis Mayfield – einen weiteren großen Curt(is) des US-Soul. Doch schon bald ändert sich die Gangart:
Ernst und nachdenklich ziehen „Out In the Black“, „Banh Mi“ und das von Bläsern getragene „Time“ ihre Bahnen – hier zeigt sich Harding als Seelenverwandter von Michael Kiwanuka: zwei Songwriter auf der Suche nach ihren Wurzeln, nach Antworten, Perspektiven. Auch „Hard As Stone“ schwebt mit Streichern und Hardings nun ins Falsett aufsteigenden Stimme und seidigen Streichern meilenweit vorbei am auf Party getrimmten Zeitgeist. Wobei den Streichern ein kleiner Extra-Applaus gebührt: Steve Hackman (der schon mit so unterschiedlichen Künstlern wie der US-Rapperin Doja Cat und Andrew Bird, dem großen Feingeist unter den aktuellen amerikanischen Singer-Songwritern, zusammenarbeitete), zeigt hier sein Händchen komplexe, stimmungsvolle Arrangements und lässt sein Saitenensemble extrem vielseitig aufspielen: mal bumig-opulent, mal schnittig im Disco-Sound der frühen siebziger Jahre.

Im Schlussviertel des 41 Minuten starken Sets flutet dann „Felt It Inside“ herrlich verwunschen und mit luftigen Vibraphontupfern verziert aus den Lautsprechern, ehe „Running Out Of Space“ ähnlich verträumt und spacig den Vorhang schließt. Viele unterschiedliche Atmosphären und Klangräume also durchquert Captain Curt auf seiner musikalischen Reise, doch bleibt stets der Classic Soul der späten Sixties und frühen Seventies sein Leitstern: ob mit wieselflinken Gitarren, erdigen Bläsern, markant blechernen Hi-Hats, trocken scheppernden, nur minimal halligen Snare-Drums oder apart züngelnde Becken – und natürlich mit Hardings über Jahrzehnte gut geschulter, variantenreicher Stimme.
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