Nun ist es passiert: ATC hat – man könnte fast sagen: erwartungsgemäß – sein Jubiläumsmodell SCM20ASL LE aus dem eigenwilligen Zustand des Sondermodelles befreit und daraus ein klassisches Linienmodell (nun ohne „LE“) gemacht. Noch einmal zur Erinnerung: Die SCM20 sind die kompaktesten Lautsprecher der Classic-Serie von ATC. Und die aktive ATC SCM20ASL-Variante ist derzeit die kleinste Aktivbox der Briten. Man darf also einiges erwarten.

ATC SCM20ASL – die Details
An diesem Lautsprecher ist alles solide – das merkt man bereits beim Auspacken. Ich dachte zunächst an irgendwelche Verschraubungen im Karton – was weiß denn ich, was sich die Briten wieder einfallen lassen. Aber nein. Die 20er ist mit ihren 27 Kilo einfach sackschwer und gar nicht so leicht aus der Verpackung zu hieven. Das furnierte Gehäuse ist – obschon gar nicht so groß – hochsolide gemacht: Mit aufgedoppelter Schallwand und etlichen Verstrebungen im Inneren. Hier erklären sich auf einmal die Metallgriffe auf der Rückseite…
Auch die Elektronik mit den beiden Class-A/B-MOSFET-Endstufen pro Seite ist Studio-erprobt und somit höchst solide. Kein Wunder, dass ATC hier satte 6 Jahre Garantie gibt, vor allem, wenn man sich die Treibertechnik anschaut, die – wie auch die Elektronik – traditionsgemäß per Hand im ATC-Werk entsteht.
Der „S-Spec“-Hochtöner mit 25 mm Gewebekalotte ist wegen der doppelten Entkopplung besonders. Doch das wahre Highlight der 2-Wege-Bestückung ist natürlich dieser einzigartige Tiefmitteltöner namens SB75-150SL. Das ist ein 15-Zentimeter-Tiefmitteltöner mit absurder Über-Motorisierung. Der Magnet ist im Durchmesser so groß wie die Membran; er passt nur so eben durch die Schallwand-Öffnung. Aber auch die Schwingspule ist mit 75 Millimetern für einen solchen Mini-Bass mehr als überdimensioniert. Nach außen hin ist die Schwingspulengröße durch die riesige Staubschutzkalotte der Membran zu erahnen, die zudem die Schallabstrahlung verbessern soll. Ich habe den SB75-150SL mal separat auf die Waage gestellt: 8,4 Kilo – so viel wiegen Kompaktlautsprecher dieser Größe – wenn überhaupt.
Die Treiber sind außergewöhnlich, wurden aber nicht eigens für die SCM20ASL entwickelt. Sie stammen – wie auch die beiden Endstufen und die elektronische Frequenzweiche – aus dem breiten ATC-Sortiment, das komplett im beschaulich-walisischen Gloucestershire gefertigt wird.

Die Aktiv-Weiche trennt Hoch- und Tiefmitteltöner bei 2.200 Hertz. Dabei verwenden die Briten einen Linkwitz-Riley-Filter 2. Ordnung mit Allpassfilter. Ebenfalls häufig bei ATC zu sehen ist die Ausführung als geschlossenes Gehäuse. Damit verzichtet man auf die Unterstützung im tieffrequenten Bereich durch eine Bassreflex-Konstruktion, vermeidet aber auch Reflex-Eigengeräusche und Unsauberkeiten durch mögliche Interaktionen von Reflex-System und Raum.
Praxis
Womit wir schon bei der Aufstellung sind. Über-dimensionierter Tieftöner-Magnet + geschlossenes Gehäuse = extrem saubere Basswiedergabe: So darf es man unterstellen und genau so liefert die SCM20ASL. Der Bass kommt immer extrem schnell, knochig und präzise. Obwohl ich auf solch eine Form der Wiedergabe stehe und obwohl die die kleine ATC recht dicht an der Rückwand stand (und dadurch Bassunterstützung von der Wand bekam), war es selbst mir ein bisschen zu sehnig, sodass ich am Bassregler +2 Dezibel mehr draufgab. Dann war es perfekt. Die SCM20ASL ist also wie gemacht für kleinere Räume und auch kürzere Hörabstände.

Doch sie kann auch in größeren Räumen ordentlich Rabatz machen: Wenn unsere Maximalpegel-Messung für einen Lautsprecher 102 Dezibel ergibt, bedeutet das für eine klassische Hörsituation (zwei Lautsprecher, dynamisches Musiksignal) einen Schalldruck von bis zu 114 Dezibel – aus so einer kleinen Box!
Entsprechend laut wurde es in den Hörtests. Und wie immer hatte ich über die Zeit einige Gäste, denen ich das kleine Energiebündel vorspielte. Die staunten – wie ich – nicht schlecht.
Hörtest
Man hört es beim ersten Ton: Bei diesem Lautsprecher ist anspringende Lebendigkeit und Präzision Programm. Ein schönes (zudem sehr ruhiges) Beispiel wurde das Stück „The Light at the edge of the Worls“ vom neuen John McLaughlin Album Live at Montreaux. So knochentrocken genau gelang es keinem Lautsprecher, der aktuell bei LowBeats steht, den virtuosen Läufen auf der Bassgitarre zu folgen. Die Bassdrum kam pulvertrocken und tief und auch die Saiten auf McLaughlins Gitarre hatten deutlich klarere Umrisse als man es im HiFi gemeinhin dargeboten bekommt. Die ATC machte deutlich, dass hier Metallsaiten gedrückt und gezupft wurden und dass zwischen den Saiten durchaus noch etwas Luft ist – beeindruckend. Wie auch das Ausschwingen von Snare und Becken: Das klang bei der ATC alles etwas impulsiver und „echter“.

Sollte jetzt der Eindruck entstehen, die ATC sei eine nur für die Studio-Arbeit entwickelte, beckmesserische Seziererin, die aus schöner Musik Einzelteile macht, muss ich sofort widersprechen. Mit ihr stellt sich auch bei Studio-Aufnahmen sofort eine Art Live-Feeling ein, die mit ihrer großen Lebendigkeit und ihrer großen Fein- wie Grobdynamik ihresgleichen sucht.
Selbst die wirklich erstklassige Kombination aus Röhren-Verstärker Octave V70 CA und der Dynaudio Contour 20 BE schaffte es nicht, bei diesem Drive, bei diesem Gripp und dieser Genauigkeit bei jedem Impuls mitzuhalten Die Passiv-Kombi ist an vielen Stellen gefälliger, bisweilen auch feinseidiger. Aber authentischer? Zupackender? Herzhafter und lustvoller? Diese Punkte gehen alle an die ATC. HIer ist die Aktiv-Technik, bei der ideale Endstufen-Elektronik perfekt auf die Treiber abgestimmt wurde, nun einmal im Vorteil. Zumal bei diesen Hoch- und Tiefmitteltönern…

Man könnte jetzt einwenden, das seinen doch Äpfel mit Birnen verglichen. Stimmt. Doch am Ende steht ja der Gesamt-Eindruck. Ich hatte vor 5 Jahren mal die Gelegenheit, die passive SCM 50 gegen die aktive Variante vergleichen zu können – mit eindeutigem Ausgang für die Aktivversion. Genau das Gleiche hörte ich jetzt wieder: Dieses eindeutige Mehr an Präzision beim Ausklingen der Felle einer Snaredrum oder beim leisen Klappen der Ventile vom Saxofon ist einfach ein groß.
Als Freund schöner Live-Aufnahmen holt mich dieser Lautsprecher mit dynamischer Musik komplett ab. Dann saß ich wie elektrisiert spät im Hörraum, hörte Peter Gabriels „Secret World Live“ und konnte mich nicht bewegen – so eine Wucht hatten diese Aufnahmen, so intensiv war der Vortrag der ATC – Gänsehaut bis unter die spärlichen Haare.
Nehme ich mal die vom Charakter und der Konzeption komplett andersartige Quad ESL 2912X (Test folgt in Kürze) aus, hatte ich in den vergangenen Monaten mit keinem Lautsprecher derartigen Spaß an der Musik wie mit der kleinen ATC. Dieser Lautsprecher ist wie der Espresso am Morgen: ein Wachmacher und Mitreißer, ein Schallwandler, der die Musik ganz unmittelbar erleben lässt. Das können nicht viele.
Fazit SCM20ASL: die Faszination kerniger Präzision
Manch Musikfreund wird vielleicht von dieser frappierenden Offenheit irritiert sein und sich nach etwas mehr wärmenden Schmelz bei Streichern und Stimmen sowie nach mehr flirrender Höchstton-Auflösung sehnen. Dafür ist die kleine ATC nicht gemacht. Sie ist ein Tier: extrem lebendig, extrem sauber in der Wiedergabe und geradezu gierig in der Entdeckung feinster Details. Ein Ausnahme-Lautsprecher für alle, die Musik authentisch-direkt erleben wollen. Und dass ATC auf dieses kleine – offenkundig auch sehr robuste – Dynamik-Monster auch noch sechs Jahre Garantie gibt, erhöht den Sexappeal der SCM20ASL gleich noch einmal…
KlangPraxisVerarbeitungGesamt |
| Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse. |
| | Klingt wunderbar lebendig, offen, direkt und präzise |
| | Dröhnfreier Bass, Ideal für kleine/mittlere Räume & wandnahe Aufstellung |
| | Robuster Aufbau, einzigartige Treiber |
| | Enorm pegelfest |
Vertrieb:
ATR – Audio Trade
Wallufer Straße 2
65343 Eltville am Rhein
www.audiotra.de
Preis (Hersteller-Empfehlung):
ATC SCM20ASL: 9.000 Euro
Die technische Daten der ATC SCM20ASL
| ATC SCM20ASL | |
|---|---|
| Konzept: | 2-Wege Aktivbox, geschlossen |
| Bestückung: | Hochton (SH25-76) = 25mm, Tiefmittelton (SB75-150SL) = 17,5cm |
| Leistung: | HT: 50 Watt, TMT: 200 Watt |
| Eingang: | XLR |
| Besonderheiten: | Regelbarer Eingangspegel, Bass-Shelving (Bassanpassung) |
| Farben: | Weiß, Schwarz (seidenmatt), Kirsche, Nussbaum, Eiche) |
| Maximalpegel (Dauer/kurzfristig): | 102 / 114 dB |
| Abmessungen (B x H x T): | 20,1 x 45,0 x 41,1 cm (inkl. Anschlüsse) |
| Gewicht: | 24,3 Kilo (Stück) |
| Alle technischen Daten | |
Mit- und Gegenspieler:
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