BMW M140i xDrive mit Harman/Kardon im Test

Bei Mercedes AMG ist es genau umgekehrt. Hier spricht die Anlage eher gegen das Auto. Das aufpreispflichtige Harman/Kardon-System im A-Klasse-AMG spielte seinerzeit im Test für Noble Sounds so lustlos und bieder, wie sich die allererste höhergelegte Elchtest-A-Klasse fuhr. Du musstest entgegen der reinen Lehre den Bass reindrehen, damit unten überhaupt was kam.

Aber – und vor 20 Jahren hätte ich nie geglaubt, dass so etwas aus meiner Feder kommt – wer es kerniger und noch sportlicher will als im Audi oder BMW, der muss nach dem Auto aus Affalterbach Ausschau halten.

Dessen Vierzylinder-Turbo hat einen kleineren Hubraum als der M-Performance BMW, erzielt aber dank höherer Literleistung eine höhere Spitzenleistung von 380 PS. Verkehrte Welt, früher war es genau andersherum.

Doch ehrlich gesagt, das Leistungsplus ist es nicht, was den Benz zur sportlichen Alternative zum BMW M140i xDrive macht. Es ist der brillant inszenierte ungehobelte Charakter.

Der Motor blüht erst bei hohen Drehzahlen auf, bollert dermaßen bei Lastwechseln, dass das Grinsen an jeder Biegung breiter wird und fühlt sich an wie ein echter Sportwagen. Und dabei fuhr ich in Spanien noch den alten Motor mit „nur“ 360 PS, der sich auch noch mit der höheren und schweren GLA-Variante, dem SUV der A-Klasse konfrontiert sah.

Die Edition 1 mit ihren Integralsitzen – einem Extra, das man bei M-Performance nachträglich einbauen muss – war ein lupenreiner Straßensportwagen, auch wenn sie mit ihrer Kriegsbemalung eher so aussah wie ein Show-Racer, der einen auf Paris-Dakar macht.

Die mineralgraue Maus, die gerade meine Garage ziert, ist lange nicht so kompromisslos auf einen Zweck ausgelegt. Der aktuelle 1er BMW, im Besonderen in seiner höchsten Eskalationsstufe, ist nur konsequent in einer Sache: Für mich ist er der neue Weltmeister in der Disziplin Das-eine-tun-und-das-andere-nicht-lassen.

Also ein Auto für mich. Für jemanden, der sich bis heute nicht eindeutig entscheiden konnte, ob er lieber Dichter oder Lenker eines Rennwagens geworden wäre. Für jemanden, der das Auto nur in Ausnahmefällen benutzt, dann aber zünftig Gas geben möchte. Der dabei gleichzeitig an die Umwelt denkt und  – weil er meist an Ökofrauen gerät – nicht als eindimensionaler Autofreak wahrgenommen werden möchte.

Und jemand, der einen Sinn für Mechanik besitzt, sich aber trotzdem seit über 20 Jahren immer aufs Neue für Apple-Produkte begeistern kann und als Hobby, sofern er Zeit findet, Computer-Animationen auf seinem MacBook Pro gestaltet.

Laptop und Ledersitze

Der BMW M140i xDrive verbindet die hohe Kunst deutscher Automobiltradition – von einigen selbsternannten Propheten vorschnell als Auslaufmodell verspottet – mit der digitalen Kreativität des Silicon Valley, das Marken wie Apple oder Google hervorgebracht hat.

Firmen, die der Welt von heute den Stempel aufdrücken wie vor über 130 Jahren Gottlieb Daimler mit seinem Motorwagen. Und die verschmelzen müssen, um eine Chance auf Erfolg zu haben.

Oder würdest Du Dein Leben dem Produkt eines Computerherstellers anvertrauen? „Sorry, dass Sie tot sind, aber das war ja auch noch die Beta-Version…“

Eigentlich ist dieser 1er das iCar. Apple kann also aufhören, einen auf Autohersteller machen zu wollen und sich der Behebung der immer lästigeren Softwarebugs am iPhone verschreiben. Heute ist meine Wetterapp schon zweimal abgestürzt. Das ist vor dem letzten iOS-Update nie passiert und beileibe nicht der einzige Mangel.

Wieso muss ein iCar unbedingt selbst fahren? Die gleichen Entwickler, die vom Geld der „inkompetenten“ Kunden hinterm Lenkrad ihrer Konstruktionen leben, erklären uns immer öfter, dass ihre Maschinen eigentlich alles viel, viel besser können als wir beschränkten Menschen. Ein Vorgeschmack auf das, was wir bald in unseren Büros, Praxen und Werkshallen zu hören bekommen.

Haben diese selbsternannten Weltverbesserer eigentlich mal ihre eigenen Bedienungsanleitungen gelesen? Die Liste der Ausschlüsse bei den Intelligent Safety- und anderen Assistenz-Funktionen ist länger als die Ausführungen über die Funktionen von Motor, Bremsen und Lenkung zusammen. Kostprobe gefällig?

Der City Notbremsassistent erkennt keine Fußgänger, die kleiner als 80 cm sind oder auf Grund der Kontur nicht als solche wahrgenommen werden.

Auf gut Deutsch: Ausgerechnet bei Kindern oder gebückt laufenden älteren Menschen mit Rollator beziehungsweise Rollstuhlfahrern funktioniert es nicht zuverlässig. Schnee oder Regen sind eh Killerkriterien. Entzückend, solche Fahr-Assistenten sind so hilfreich wie ein Sekretär, der weder lesen noch schreiben kann.

Und diese Leute wollen uns schon in wenigen Jahren das Steuer ganz aus der Hand nehmen? Vergessen Sie’s.

Mein Rat: Kauft Euch diesen prächtigen 6-Zylinder, so lange Ihr noch könnt. Dreht die Harman/Kardon-Anlage auf, hört in voller Lautstärke die iRobot von Alan Parsons Project von 1977 und genießt das schön gepolsterte Ledervolant, das wirklich mal den Namen M-Sport verdient.

BMW M140i xDrive mit Harman/Kardon
Keine Schummelsoftware: Das Online-Fahrtenbuch des BMW M140i xDrive ist die finanzamtlich anerkannte Killer-App gegen überhöhte 1-Prozent-Abgaben für alle, die ihren Dienstwagen überwiegend beruflich nutzen (Foto: S. Schickedanz)

Das Finanzamt kriegt dank der smarten, amtlich anerkannten Fahrtenbuch-App ganz legal nur noch die Hälfte von Deinem sauer verdienten Geld. Und wenn Dich jemand an der Ampel zu einem Rennen herausfordert, schaltest Du ganz cool in den Ökopro-Modus und schwebst bei Grün mit Leerlaufdrehzahl „unterm Radar“ dem Horizont entgegen. Du weißt ja, dass Du eh schneller wärst und denkst Dir Dein Teil.

Der Blender lässt die Reifen qualmen vorm Straßen-Café. Der Gentleman Racer, für den dieses überaus praktische fünftürige Auto maßgeschneidert ist, gibt sich da den Kick, wo er ganz allein auf der Straße und Gas geben erlaubt ist.

Also, wenn diese Vision von einer besseren Mobilitätswelt mit einem Auto Realität wird, das nicht von Tesla oder BMWi kommt, dann ist es dieser verkappte Öko mit seinem fossil befeuerten Sixpack unter der Haube. Damit bläst Du nicht bei jeder Tour gleich einen ganzen Jurassic Park durch den Auspuff.

Der BMW M140i xDrive ist superb, was sich allerdings schon von der Papierform andeutete. Das Sound-System von Harman/Kardon ist die eigentliche Überraschung.

So gut, dass es auch gegenüber dem kleineren – ebenfalls aufpreispflichtigen – in Höhen und Bässen sehr zugeschnürten HiFi-System einen solchen Zugewinn bringt, dass man es unbedingt ankreuzen muss.

Ledersitze wie im Testwagen sind nett, aber die Sitzbezüge der M-Variante sind auch so schon sehr gut, deutlich hochwertiger als im Standard-1er. Also lieber hier sparen. Auch sinnvoll ist das große Navi mit Spracheingabe.

Mit dem Touchpad auf dem iDrive-Knopf kann ich mich nicht anfreunden. Buchstaben wie „A“ oder „Z“ mit dem Finger einzugeben, klappte zwar gut. Bei „D“ oder „O“ ging es aber regelmäßig daneben mit dem Effekt, dass man abgelenkt war und es lästig wurde. Und ConnectedDrive ist sowieso die Killer-App mit dem virtuellen Cockpit.

BMW M140i xDrive: Wie viele Antriebsräder sollen’s denn sein?

Dann wäre da noch die Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit dem Allradantrieb? Faktisch gibt es keine zwei Meinungen. Der BMW M140i xDrive beschleunigt in 4,4 Sekunden von null auf 100, der Standardantrieb sDrive braucht dafür 0,2 Sekunden länger.

Obwohl dieser Wimpernschlag in der Praxis belanglos ist, offenbart er doch eins: Die Traktion der Hinterachse ist mit den 500 Newtonmetern überfordert, denn eigentlich müsste sonst der leichtere, reibungswiderstandsärmere Hinterradantrieb vorne liegen.

Das ist natürlich vor allem auch ein Indiz für die Wintertauglichkeit. Wobei ich da spätestens schmerzfrei bin, seit ich in jungen Jahren den als „Witwenmacher“ berüchtigten 2002tii heil, vor allem reichlich quer durch den Winter gebracht hatte: Meinen M5 E34 fuhr ich die ersten zwei Winter auch bei Schnee im flachen Land mit Sommerreifen (inzwischen ist das verboten) und  nutzte ein anderes, entsprechend bereiftes, noch verrückteres Auto für Wintersport in den Alpen.

Mit dem Gespür für Schnee hat es also wenig zu tun, wenn ich inzwischen wohl eher den xDrive wählen würde. Meine Sorge wäre sogar, dass ich damit auf der weißen Pracht viel zu schnell für die Bremsen wäre.

Schließlich bremst mich auch mit Front- oder Heckantrieb allein die Vernunft, nicht die Traktion – außer vielleicht beim Wintertraining der Zeitschrift sportauto auf dem Rettenbachgletscher in Sölden, wo der M5 die steile Slalom-Piste neben dem Skilift nicht mehr hochkam, wenn sich zu viel Eis gebildet hatte.

Er blieb dann mit voller Kraft aus sechs Zylindern brüllend mit durchdrehenden Rädern kurz vorm Ziel aus 80 km/h im 2. Gang stehen, was den Streuwagen auf den Plan rief oder mich vorübergehend zum Beifahrer im Audi Quattro vom Kollegen Claus Mühlberger machte. Für einen überzeugten Heckschleuder-BMW-Piloten die absolute Höchststrafe.

Allerdings versenkte Claus seinen A4 auf dem Rundkurs in der Ebene, weit hinter mir liegend, bis zum Anschlag in einer Schneewand. Ein Landrover musste ihn rausziehen und ich hatte Stoff für meine Videopersiflage auf den 7. Sinn, die sich mit den (angeblichen) Nachteilen des Allradantriebs beschäftigte, „der ja von den Traktoren abstammt und für Geschwindigkeiten über 25 km/h völlig ungeeignet ist.

Insofern bin ich seitdem gespalten. Zur endgültigen Klärung der Typ-Frage besuchte ich im Sommer darauf die Rallyeschule Drift & Drive von Vizeweltmeister Uwe Nittel, um einen allradgetriebenen Mitsubishi Rally Evo, das ehemalige Europameisterauto von Gassner Motorsport, als Höhepunkt über eine simulierte Wertungsprüfung auf Schotter und Sand zu jagen.

Das war bewusstseinserweiternd und lehrte mich all die schmutzigen Tricks, die ich bis dato trotz internationaler Motorsportlizenz noch nicht kannte.

Stichwort Querbremsen im Drift und Einlenken mit vier blockierenden Rädern, um eine katapultartige 180-Grad-Schleuderwende nach dem Lösen der Bremsen einzuleiten.

BMW M140i xDrive mit Harman/Kardon
Worum einen andere Sportwagenfahrer beneiden werden: Snap-in-Adapter für das iPhone und Ledersportsitze haben viele im Angebot, aber die manuelle Handbremse ist heute ein rares Kulturgut für Driftkünstler. Leider erfordert das Telefonieren mit dem iPhone trotz USB-Kabel den Aufbau einer Bluetoothverbindung, über die dann auch die Musik gestreamt wird. Allerdings klingt es kaum schlechter, weil BMW-Headunits anders als die meisten mit AAC-Codec streamen. Andere müssen bei iDevices auf den Standard-SBC-Codec umschalten, weil Apple kein Apt-X unterstützt. Dabei wird der Klang unterirdisch schlecht, während im BMW nur Kenner einen Klangunterschied zu USB feststellen (Foto: BMW)

Nur leider gibt es dazu mit dem BMW M140i xDrive ganz abgesehen vom kontraproduktiven ABS und der vergleichsweise sehr frontlastigen Bremskraftverteilung von Straßenautos im Alltag keine Gelegenheit.

Die Frage nach xDrive oder sDrive ist für mich im Moment sowieso eher theoretischer Natur, da ich mein Wunschauto bereits gefunden habe. Vermutlich würde ich mich ohnehin je nach Situation anders entscheiden.

Immerhin haben beide 1er-Varianten noch eine richtige Handbremse – ein wertvolles Sportfahrer-Utensil, das es bei den Freunden in Zuffenhausen oder Affalterbach nicht mal gegen Aufpreis gibt.

Eine manuelle Fahrhilfe, die man bei der ZF-Automatik mit ihrer praktischen P-Taste zum Parken so gut wie gar nicht verwendet, die aber gerade im Winter viel Freude bereitet und mich an einer Gabelung mit völlig vereister Anbremszone schon einmal vor einer Kaltverformung bewahrte, weil der forsch bewegte Wagen ohne ihren Einsatz partout nicht einlenken wollte.

Fazit zum BMW M140i xDrive

Knapp 50.000 Euro für das Basismodell sind kein Pappenstil.

Doch wer erst einmal erlebt hat, was dafür geboten wird und es mit drögen, aber nicht minder teuren Vehikeln vergleicht, wäre fast geneigt, von einem Sonderangebot zu sprechen.

Zumal der Spritdurst und der im genialen Virtual Cockpit am PC kontrollierbare Wartungsbedarf dem eines Kleinwagens entsprechen.

7,4 (der Normwert aus dem Prospekt) bis um die 8,5 Liter sind mit dem BMW M140i xDrive trotz Allradantrieb, der gewöhnlich einen merklichen Zuschlag fordert, keine Kunst.

Diese Werte entsprechen dem, was ich im Test mit dem winzigen 3-Zylinder-Smart erreichte und hinterlassen mehr als ein Stirnrunzeln in Hinblick auf Sinn oder Unsinn von Downsizing, den dafür verantwortlichen weltfremden Messzyklen und das beliebte Bashing der heimischen Autobranche. Dieser Sportler hat unglaubliche Prüfstandwerte, die aber selbst Bleifüße wie ich auch in der Praxis erreichen. Yes, we can!

Das Audio-System von Harman/Kardon weist dagegen nur bescheidene Laborwerte auf, ist aber auf der Straße in einer derartigen Weise überzeugend, dass man fast schon Schummelsoftware befürchten müsste.

Wenn ich schreiben würde, an welche ebenso namhaften wie kostspieligen HiFi- und Surround-Systeme die Performance der knackigen, ausgewogenen und dabei äußert räumlichen 800-Euro-Anlage heranreicht, würde es mir eh niemand glauben, der es nicht selbst gehört hat.

Da lässt sich bei dieser Fahrzeugklasse leicht verschmerzen, dass Du auf der Rückbank beide Ohren zudrücken musst, was die Abbildung betrifft.

Also mir reicht das Erlebte. Dieses Auto mag ich einfach nicht mehr hergeben. Glaube, ich schalte die GPS-Ortung nebst der ganzen Remote-Funkionen aus und seile mich mit dem BMW M140i xDrive ins Ausland ab, bevor die Testzeit abgelaufen ist.

Dank des hohen Anti-Aggressionspotenzials von Monsterschub bei Leerlaufdrehzahl sehe ich sogar reale Chancen, damit in der flächendeckend verkehrsberuhigten Schweiz unbehelligt existieren zu können.

(In eigener Sache: Die Wertung ist wie immer bei LowBeats auf die jeweilige Preisklasse beziehungsweise Fahrzeugklasse bezogen und nicht absolut zu sehen. Das heißt, ein direkter Vergleich zwischen einem 5-Sterne-Kleinwagen und einer 5-Sterne-Limousine ist nicht möglich).

BMW M140i xDrive
2016/09
Test-Ergebnis: 4,8
Überragend
Bewertung
Anlage
Auto
Spassfaktor

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Vorbildlich neutrale Abstimmung, sehr breitbandig und dynamisch, satter, differenzierter Bass
Klingt auch mit Bluetooth top dank ACC-Unterstützung für iDevices
Das Auto ist sparsam, schnell und klingt so großartig wie die HiFi-Anlage
Im Fond hört man nur 2. Klasse, Stimmen kommen von hinten

Vertrieb:
BMW AG
Petuelring 130,
80788 München
www.bmw.de

Preis (Herstellerempfehlung):
47.100 Euro, 790 Euro Aufpreis für HiFi-System Harman/Kardon

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Autor: Stefan Schickedanz

Schneller testet keiner. Deutschlands einziger HiFi-Redakteur mit Rennfahrer-Genen betreut bei LowBeats den Bereich HiFi im Auto sowie die Themengebiete Mobile- und Smart-Audio.