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Bodensee Klassik Rallye im Volvo P 1800 ES Schneewittchensarg

Am 3. Tag ging es steil bergab. Zuvor mussten wir uns aber erst mal bergauf kämpfen. Es ging durch die Voralpenländer. Was sich auf den knapp 280 Kilometern zwischen Bergen und Tälern abspielte, könnte aus einem Roadmovie oder Märchen stammen.

Es gab jede Menge jubelnde Groupies am Straßenrand, die aber gefühlt doppelt so viele Jahre auf dem Buckel hatten wie der Volvo P 1800 ES. Vor allem aber gingen wir wirklich mit Schneewittchen auf die vierte und fünfte Etappe.

Die leidenschaftliche Fotografin und Autonärrin Silke Tauchert war so begeistert von der Idee, als unser Schneewittchen am Rallye-Tag in unseren gläsernen Sarg zu steigen, dass sie extra ihr Outfit mit Blumen im Haar anpasste. Kann man(n) da nein sagen?

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Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Mit seiner großzügigen Verglasung bot der Schneewittchensarg Volvo P 1800 ES ein Cinemascope-Panorama des Voralpenlands (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Am dritten Tag begleitete uns Fotografin Silke Tauchert, die sich fortan Schneewittchen nannte. Hier posiert sie in der Pause in Füssen mit unserem Volvo P 1800 ES, was den Beweis erbringt, dass bei der Faszination Oldtimer inzwischen Geschlechterparität herrscht (Foto: Reimund Abel)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Der brave Volvo P 1800 ES brachte uns flott und sicher hinter die sieben Berge (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Am XXL-Volant und auch am Schaltstock gab es gerade auf der Bergetappe einiges zu tun. Der Unterhaltungswert des Vintage-Volvos ist um einiges höher als bei modernen Sportwagen (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Roadbook
Damit den Beifahrer keine Langeweile überkommt, hat Organisator Peter Göbel in monatelanger Arbeit ein dickes, buntes Bordbuch verfasst. Unser Autor besuchte wie alles Rookies in Bregenz einen Workshop beim fünffachen deutschen Rallyemeister, um sich auf den Werkeinsatz vorzubereiten. Auf zwei Etappen konnte er dann auch die Arbeit des Co-Piloten auskosten. Doch Fahren macht ihm eindeutig mehr Spaß (Foto: S. Schickedanz)
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Wenn ich mir vorstelle, was Rennfahrer wegen ein paar Kilo Plazierungsgewichten bei 500-PS-Autos auf der Rundstrecke für einen Katzenjammer aufführen, kann ich jetzt nur noch müde lachen.

Unser armer alter Schwede musste drei Personen mit reichlich Marschgepäck und zwei Kameras mit Objektiven so groß wie Mörser über die sieben Berge bringen. Bergauf eine Herkulesaufgabe für den musealen Motor, bergab eine Tortur für die Bremsen. Eine Leistung die mir angesichts des Baujahres höchsten Respekt abnötigte.

Platzierungsgewichte bei der Bodensee Klassik Rallye?

Verschwörungstheoretiker könnten jetzt mutmaßen, was hinter der Dreier-Konstellation auf den letzten beiden Etappen steckt: Hat das die Konkurrenz eingefädelt, um den schnellen Schweden, der auf verwinkelten Landstraßen sogar mit den Youngtimern locker mithielt, durch Balance-of-Performance-Gewichte (BOB) wie im Rennsport einzubremsen?

Oder war es mein eigener Befahrer, der sicherstellen wollte, dass er in den Bergen sein Frühstück bei sich behält und den Haltegriff am Armaturenbrett nicht abreißt? Oder war es ein cleverer PR-Gag von Schweitzer, der damit die historisch bedingte Überlegenheit von Volvo herausstellen wollte? Ich betrachtete Schneewittchen als Geschenk des Himmels: Mit ihrer Hilfe kann ich jetzt unsere Odyssey mit adäquaten Bildern dokumentieren.

Du konntest mit dem fast vollbesetzten Volvo sogar ganz gut überholen und auch das Fahrwerk wirkte zu dritt keinesfalls schwammig. Die Balance des Volvo P 1800 ES war unverändert verblüffend gut, die Traktion beim Beschleunigen und Bremsen erst Recht. Jetzt weiß ich allerdings endlich, wie sich ein Familienvater auf der Fahrt in den Italien-Urlaub fühlt.

Abgesehen davon, dass es in unserem schicken Shooting Brake deutlich enger zuging als in einem VAN oder SUV, hatten wir Stimmung an Bord, wie man sie eher bei Kegelausflügen als bei Veteranen-Rallyes vorfindet.

Schneewittchen steigt aus dem Sarg

Kaum hattest du ein oder zwei Wagen überholt, um in den Serpentinen freie Fahrt zu genießen, wollte Schneewittchen für Außenaufnahmen vom gläsernen Sarg anhalten oder der Beifahrer brauchte eine Biopause.

Außerdem hatten wir angeregte Konversationen an Bord, wie man sie gewöhnlich eher an einer Bar erlebt. Am Ende fuhr ich ausgerechnet die besonders herbeigesehnte Bergetappe wie den eingangs erwähnten Sonntagsausflug auf der Alb: wie unter Vollnarkose.

Die WPs wurden eher nebenbei erledigt und demokratisch im Triumvirat mit Dame diskutiert. Ob uns das bei der Erfüllung der upgegradeten Ziele geholfen hat? Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte am dritten Tag eh die Konzentration nachgelassen. Ablenkungen gab es bei Alpenblick durch die Panaoramascheiben unseres Volvo P 1800 ES bei strahlendem Sonnenschein jedenfalls im Überfluss.

Inzwischen bin ich aber zur Auffassung gelangt, dass es das Gegenteil von verkniffenen Mikadospielern ist und von Souveränität zeugt, wenn man sich am dritten Tag seiner ersten Rallye zurücklehnen kann und die Fahrt genießen. Das Gefühl war einfach magisch.

Zwar heizte das mit Overdrive ausgestattete mechanische Vierganggetriebe, dessen Gänge knackig einrasteten, das Cockpit gerade unter blauem Himmel bei sommerlichen Temperaturen ganz gut auf, doch konnte man den Schneewittchensarg recht zugfrei mit offenen Seitenfenstern fahren.

Bodensee Klassik Rallye 2018 – Team Volvo
Der perfekte Rennmotor fällt auf der Ziellinie auseinander. Doch hier hat es nach der Zielankuft der letzten Etappe der Bodenee Klassik 2018 nur etwas Kühlwasser aus dem Ausgleichsbehälter unseres Volvo P 1800 ES herausgedrückt. Die Besatzung des Schwesterautos von Volvo Classic, Michael Schweitzer (links) und Roland Wildberg checken unser Schätzchen, das uns 600 Kilometer tapfer getragen hat (Foto: S. Schickedanz)

Spätestens nach dem aufmerksamen Studium der Ergebnisse der Wertungsprüfungen schwante mir am frühen Abend, dass es sehr knapp werden würde mit den Sekundärzielen. Wäre ja auch zu schön gewesen.

Mit gemischten Gefühlen, aber grundsätzlich rundum zufrieden mit mir, der Welt und meinem Beifahrer, darüber hinaus überaus verzückt von meinem märchenhaften Dienstwagen, machte ich mich mit den Teamkollegen vom Team Volvo Classic zu Fuss auf den Weg zum Festspielhaus, das seit dem vorletzten Bond-Film Weltruhm genießt.

Ein Quantum Trost

Nach der Siegergala, bei der selbstredend keiner von uns auf die Bühne gerufen wurde, scrollte ich auf meinem iPhone die Gesamtwertung der Bodensee Klassik 2018 durch. Das bedeutete zehnmal mehr Herzklopfen als bei allen WPs und Bergpässen zusammen. Mit jeder neuen Seite stieg die Spannung.

Dann Gewissheit: Platz 97 – uff, das war knapp. Aber sämtliche Primärziele und eines der Sekundärziele waren damit erreicht. Jetzt interessierte mich nur eine Frage: Wo ist Winkelhock? Hatte ich ihn auf dem kleinen Bildschirm übersehen, oder lag er tatsächlich hinter uns? Ich musste ein paar Seiten weitersuchen, um mein einstiges Vorbild auf Platz 134 zu finden.

Der mehrfache deutsche und britische Tourenwagen-Champion hatte bei seiner vierten Bodensee Klassik Minuspunkte gesammelt wie ein Weltmeister.

Ganz am Ende des Feldes, wo ich uns vor dem Start eigentlich vermutetet hätte, häuften sich sogar fünfstellige Minusbeträge an.

Dagegen sahen wir mit glatt 4.000 Strafpunkten noch ganz gut aus. Das wog den Frust auf, allein am dritten Tag mehr Miese gemacht zu haben, als an den ersten beiden Tagen zusammen.

Ein Vorbild bleibt Smoky Joe für mich ungeachtet des überraschenden Ausgangs. Ohne die kleine Motivationshilfe wäre ich mir zwischen dem ursprünglich angepeilten vorletzten Rang und dem für Rookies unerreichbaren Podium ziemlich verloren vorgekommen – fast wie in einem Vakuum.

Schließlich fährst du am Ende gar nicht gegen Winkelhock oder Promis wie die Fernsehmoderatorin Lina van de Mars und den Schauspieler Ludwig Trepte, sondern einfach nur gegen eine verdammte, gnadenlose Uhr.

Wenn mir noch fünf Minuten vor dem Start jemand orakelt hätte, dass wir all das erreichen, hätte ich ihn ernsthaft ausgelacht. Klar, du kannst dir natürlich immer die Messlatte so niedrig legen, dass du sie garantiert übertriffst. Das kennt man aus der Formel-1-Geschichte, doch das ist nicht mein Ding.

Als Mikado-Miesepeter hab ich uns wirklich ursprünglich nicht mehr als einen der hintersten Plätze zugetraut. Und Kollege Abel, der seine bisherigen Platzierungen partout nicht verraten will, garantiert erst recht nicht.

Bodensee Klassik Rallye 2018 – Frank B. Meyer und Lina van de Mars
Mensch Meyer: Das Team von Autobild Klassik holte sich lässig und unauffällig Platz 100 auf der Bodensee Klassik 2018. Doch nach der Siegerehrung machten der stellvertretende Chefredakteur Frank B. Meyer und Lina van de Mars (Mann kennt sie von DMAX TV) richtig Party. Da hatte sogar die offizielle Band bereits Feierabend und meine Kollegen von Volvo Classic waren auch schon im Bett. Chapeau. (Foto: S. Schickedanz)

Ich weiß auch heute ehrlich gesagt immer noch nicht, wie wir bei diesem vermeintlichen Zeitlupensport soweit nach vorne gespült wurden. Waren jetzt die Ausrutscher Pech oder die Treffer Glück? Soll ich ehrlich sein: Das ist mir am Ende auch Wurscht. Wenn du umgekehrt auf die Nase fällst, hilft dir das „hätte, hätte, Fahrradkette“ schließlich auch nicht weiter.

Nur eins ist sicher: Wie heißt es so schön? Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Ich komme wieder, keine Frage. Am liebsten im Volvo P 1800 ES. Einen Wunsch bezüglich des Beifahrers habe ich bereits: Same procedure as every year. Und ein Motto gibt es auch schon in Anlehnung an den Franko-Nero-Western: „Django – Ein Sarg voll Rache.“

Bodensee Klassik 2018 – Volvo P 1800 ES
Ein Quantum Trost (der Bondfilm wurde hier in Bregenz am Festspielhaus gedreht) nach dem Abrutschen von Platz 76 auf Platz 97 am letzten der drei Tage der Bodensee Klassik 2018: Unser Motto fürs nächste Mal orientiert sich aber an einem Western: Django – ein Schneewittchensarg voll Rache. Wir wollen noch besser werden – obwohl wir auf Anhieb alle Erwartungen übertroffen haben. Die ziemlich vergeigten letzten beiden Etappen fallen letztlich unter Luxussorgen, denn ursprünglich war das Ziel, wenigstens vorletzter von 180 Teilnehmern zu werden. (Foto: S. Schickedanz)

Im Beitrag erwähnt:
Highlights der Stuttgarter Oldtimer-Messe Retro Classics 2017

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