Ein wenig war zuletzt die Luft raus bei den Gorillaz: Sowohl auf „Song Machine – Season One: Strange Times“ von 2020 als auch mit „Cracker Island“ (2023) wollte die virtuelle Rasselbande um 2D, Noodle & Co. nicht so recht überzeugen. Nun aber spielen die von Mastermind Damon Albarn und Comiczeichner und Jamie Hewlett als dessen kongenialem Partner orchestrierten Pixelpunks wieder auf Top-Niveau – wenn auch aus traurigem Anlass.
Denn sowohl Albarn als auch Hewitt mussten 2025 innerhalb von nur zehn Tagen den Verlust ihrer Väter verkraften: ein Schicksalsschlag, der die beiden für „The Mountain“ wieder zusammen brachte. Als kreativer Katalysator diente dann ein (schon vor dem Tod der Väter geplanter) Indien-Trip. Entsprechend spielen indische Klänge als auch spirituelle, im Hinduismus verankerte Einflüsse eine wesentliche Rolle. Doch weil (auch) der Hinduismus den Tod nicht als das ultimative Ende, sondern als den Übergang in ein neues Leben betrachtet, klingt „The Mountain“ weit friedvoller, entspannter und fröhlicher, als man vermuten würde – und mitunter geradezu swingend positiv.
Die Musik von Gorillaz “The Mountain“
Anoushka Shankar, Tochter von Ravi Shankar, eröffnet im instrumentalen Titelsong „The Mountain“ mit flirrenden, von einer Bansuri (eine aus Bambus gefertigen Querflöte) und der indischen Langhalslaute Sarod umspielten Sitar-Sounds. Anschließend definiert dann „The Moon Cave“ mit einem lässigen Groove und seidigen Synthie-Streichern den Kurs für das knapp 67 Minuten lange Programm: Natürlich nehmen Stimmungen wie Trauer, Melancholie und Wehmut breiten Raum ein – trotzdem bleibt auch für Gefühle von Dankbarkeit für gemeinsam Erlebtes bis zu einem entschiedenen „jetzt erst Recht“ genügend Platz. Denn das Leben, es soll auch nach dem Abschied von geliebten Menschen lebenswert und farbenprächtig bleiben und nicht zu einem vorwährenden Alptraum in Schwarz mutieren.
Und so funktioniert „The Mountain“ als heimliches Konzeptalbum über Verlust und dessen Bewältigung ebenso gut wie als Pop-Panoptikum, das von HipHop über Reggae und Rap bis Electropop und Indie-Rock Sounds und Stile aus aller Herren Länder unter einen Hut bringt. Und gesungen wird, dem weltmusikalischen Ansatz des Album folgend, nicht nur in Englisch, sondern auch auf Arabisch, Spanisch, in Hindi sowie im westafrikanischen Yoruba-Idiom. Und neben stimmungsvollen, oft ambientartig-meditativen Klangskizzen finden sich unter den fünfzehn Tracks auch jede Menge lupenreine Ohrwürmer mit Potenzial.
„The Happy Dictator“ etwa brettert mit quicklebendigen Synthiebeats von den Sparks Richtung Dancefloor. Weiter getanzt wird auf demselben dann zu „Damascus“, in dem Yasiin Bey aka Mos Def und Omar Souleyman aus Syrien nahöstliche Folklore mit Arab Rap, Techno-Referenzen und 1980er-Disco-Anleihen fusionieren.
Nicht weniger prächtig: „The Manifesto“, das mit dem Wechselspiel zwischen den Rappern Trueno aus Argentinien und dessen US-Kollege Proof aus Detroit begeistert – während sich der eine die Seele aus dem Leib quatscht, kommentiert das andere den Zeitgeist mit nonchalenter Lässigkeit. Und Joe Talbot, Stimme der britischen Indierock-Rabauken Idles, macht „The God Of Lying“ zu einem schläfrig-verschrobenen Reggae-Derivat, das Gorillaz-Freunde auf ihrer Playlist gleich hinter „Clint Eastwood“ platzieren können.
Keinen Deut weniger mitreißend: der massiv groovende Stomper „Delirium“, der einen Morse-Code mit Fragmenten aus dem Gemeinschaftsprojekt „Glitter Freeze“ kontrastiert, das die Gorillaz mit dem 2018 verstorbenen Post-Punk-Querdenker Mark E. Smith schon für „Plastic Beach“ (2010) aufgenommen hatten. Und auch an drei weitere Verstorbene erinnern die Gorillaz: Das Intro von „The Hardest Thing“ bestreitet via Sample die Afropop-Legende Tony Allen (1940-2020); in „The Moon Cave“ erweist man David J. Joliecoeur aka Trugoy The Dove († 2023) die Ehre, in „The Moon Cave“ feiert – ganz der Philosophie des Hinduismus folgend – Soul-Altmeister Bobby Womack († 2014) eine musikalische Wiedergeburt.

Weitere Features kommen von Gruff Rhys, Kopf der walisischen Alleskönner Super Furry Animals (in der Electro-Ballade „The Shadowy Light“) sowie drei Mal von Black Thought, dem MC von The Roots. Sogar noch einen Auftritt mehr bekommt Johnny Marr, Englands elder statesman in Sachen eleganter Gitarrenarbeit – etwa in „Casablanca“ mit Ex-Clash-Bassist Paul Simonon oder in „The Plastic Guru“, einer Mitsing-Hymne mit „happy-but-sad“-Charakter.
So gelingt dem Duo Albarn/Hewlett mit dieser Schar hochmusikalischer Gäste sowie ihren virtuellen, diesmal äußerst empathischen Gorillaz-Rabauken zugleich ein Stück emotionaler, aber unaufdringlicher Trauerarbeit – und ein Weltmusik-Mosaik, das geografische wie auch stilistische Grenzen auf’s Trefflichste pulverisiert und Brücken zwischen den Kulturen baut anstatt Gräben zu ziehen: die vielleicht wichtigste Botschaft dieses Albums.
Bewertungen
MusikKlangRepertoirewertGesamt |
Und natürlich gibt es einen Großteil von „The Mountain“ nicht nur zum hören, sondern auch zum Angucken, sprich: mit neuen, gewohnt coolen Videos im bewährten Jamie-Hewlett- / Manga-Style – zum Beispiel hier:
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