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Guy Sternberg und Andreas Scholl (re.)
Einen Take anhören: Guy Sternberg und Andreas Scholl (re.) scheinen mit der Aufnahme sehr zufrieden zu sein (Foto: Katha Mau)

Das LowSwing-Projekt: Counter-Tenor Andreas Scholl auf komplett analog eingespielter Schallplatte

Analoges Recording mit Vintage-Technik? Ja, Sie lesen richtig: Das Berliner Label „LowSwing“ bringt ein vollständig analog aufgenommenes Album heraus – „In Darkness“. Ein ausschließlich auf Vinyl produziertes Werk des deutschen Countertenors Andreas Scholl und des bosnischen Lauteninsten Edin Karamazov, auf dem sie verschiedene Volkslieder des Barock und der Renaissance interpretieren. Das Ganze unter der Leitung des Gründers von LowSwing, dem Produzenten und Toningenieur Guy Sternberg.

Das LowSwing-Projekt: Vintage-Technik im Profieinsatz

LowSwing und LowBeats – nur eine Namensverwandtschaft, aber von der Ideologie her sind wir uns ähnlich, es geht ausschließlich und allein um die reine Darstellung von Musik in seiner unverfälschten Form. In diesem Fall komplett analog.  Zum Einsatz kam etwa die Telefunken M15A, eine Profi-Bandmaschine, die 1971 erschien und mit der das Masterband erstellt wurde. Für die Aufnahme der Laute (Baujahr 1961) von Edin Karamazov (Geburtsjahr 1965) verwendete Guy Sternberg (geboren 1975) Röhrenmikrofone des Typs 047 von Neumann (produziert von 1949 bis 1965) und das Bändchenmikrofon BM 3 von B&O (hergestellt von 1959 bis 1965). Den Gesang des Opernsängers Andreas Scholl (Jahrgang 1967) fing ein neues, jedoch kaum weniger legendäres, Produkt des Mikrofonkonstrukteurs Andreas Grosser auf, das Vox-O-Rama U49. Als Raummikrofone schließlich fungierten zwei Gefell MV691 von RFT (von 1960 bis 1980 in Produktion).

Mischpult aus dem Royal Opera House

So diente für die Erstellung von „In Darkness“ ein Neve 5316 Mischpult aus den 1970er Jahren, dessen berühmter Erstbesitzer niemand geringeres als das Royal Opera House in London war. Auch bei der Plattenproduktion durfte Bewährtes zeigen, was es draufhat, hier die Neumann VMS80-Schneidemaschine aus den 1980er-Jahren (Link führt zu den Abbey-Road-Studios, die das gleiche Modell verwenden), die in den Emil Berliner Studios den guten Ton mit 45 Umdrehungen pro Minute in den Lack schnitt.

Wir sprachen mit zwei der Protagonisten, die für „In Darkness“ verantwortlich zeichnen, den Opernsänger Andreas Scholl und den LowSwing-Gründer Guy Sternberg.

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Anloges Recording mit Vintage-Technik in seiner reinsten Form: Toningenieur Guy Sternberg legt bei der Telefunken M15A selbst Hand an, um das Band zu wechseln (Foto: Katha Mau)

LowBeats:
Herr Sternberg, warum haben Sie sich für eine rein analoge Aufnahmekette entschieden?

Guy Sternberg:
Ich bin seit den neunziger Jahren im Musikbusiness, aber im Laufe der Zeit merkte ich, dass da einiges falsch läuft. Heutzutage ist es möglich, wirklich alles im Nachhinein bei einer Digitalaufnahme zu ändern. Die Leute wissen gar nicht, dass das, was sie da von Platte, CD oder Streaming hören, so nie passiert ist. Also das Schlagzeug hat nie so gespielt, der Musiker hat nie das Ding so durchgespielt, es wurde nur im Nachhinein irgendwie zusammengeschoben. Daher wollte ich zurück zu dem, von dem ich denke, dass es die richtige Art der Aufnahme ist. Wo die Leute noch wirklich im Studio sind, und ein Band läuft. Denn dann muss es in einem Rutsch passieren und wenn nicht, dann spulen wir zurück, löschen das und machen das nochmal. So lange, bis es sich gut anfühlt.

LowBeats:
Heißt das, ein Stück wird so lange wiederholt, bis es perfekt ist?

Guy Sternberg:
Es geht dabei nicht um Perfektion, sondern es muss emotional überzeugen. Gute Musik fühlt man sofort. Man weiß, dass es das ist. Aber es ist nicht nur die Aufnahmetechnik anders, auch die Künstler müssen anders spielen und anders reagieren.

LowBeats:
Wie sah das dann in der Umsetzung aus?

Andreas Scholl:
Das heißt, Guy stellt die Mikrofone ein, wir spielen ein bisschen, ich singe und dann hören wir uns das an, ob das passt. Dann sagen wir, ach, vielleicht hier ein bisschen mehr von der Laute, ein bisschen weniger von diesem oder jenem, vielleicht ein bisschen mehr Raum und dann sagen wir okay jetzt sind wir alle mit dem Klang zufrieden und dann ist das unsere Klangeinstellung für die gesamte Aufnahme. Die Aufnahme wird direkt auf ein Stereoband gemischt und das ist unser Endergebnis und wenn irgendwas schiefgeht, müssen wir stoppen und müssen eben wieder von vorne anfangen.

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Analoges Recording mit Vintage-Technik aus nobler Herkunft: Das Neve 5316 Mischpult, an dem Guy Sternberg die Aufnahme regelt, stand zuvor im Royal Opera House in London (Foto: Katha Mau)

LowBeats:
Wie haben Sie diese Art der Aufnahme für „In Darkness“ empfunden? War das für Sie etwas Neues?

Andreas Scholl:
Ja, natürlich. Wir haben in meinem Fall auch gar kein Multitrack aufgenommen. Aus dem einfachen Grund, dass wir ja nur zwei Musiker sind.

Das heißt, selbst wenn wir die Stimme in Stereo aufnehmen und auch die Laute als Instrument in Stereo, dann sind es vier nur Kanäle. Dann kommen noch zwei Raummikrofone für ein Stereoraumsignal hinzu. Das macht das Ganze ein bisschen runder.

Also habe ich mir gesagt, wenn wir maximal nur sechs Kanäle haben, brauchen wir dann wirklich eine Mehrspurmaschine? Oder gehen wir direkt auf die Zweispurmaschine? Wir mischen das durch ein analoges Mischpult und machen die Klangentscheidung vor Ort.

LowBeats:
Und wie oft haben Sie bei den Aufnahmen zu „In Darkness“ ein Stück wiederholt?

Andreas Scholl:
Bei den meisten Liedern haben wir, glaube ich, nur drei Takes gebraucht. Das ist ja auch so eine Sache, ab der vierten, fünften Wiederholung versuche ich mich natürlich genauso wieder reinzuversetzen wie beim ersten Durchgang, aber ich weiß, ah, jetzt kommt das wieder… das ist schon wieder ein anderes Mindset.

Also man muss wirklich versuchen, bei dieser Art von Aufnahme von Anfang an in einem ganz ruhigen konzentrierten Gemütszustand zu sein. Und dann weiß man, man kann das jetzt dreimal wirklich gut probieren, im Notfall vielleicht auch viermal. Aber ich bin mir ziemlich sicher, wenn wir von einem Stück mal fünf oder gar sechs Takes gemacht haben, dann kamen die höchstwahrscheinlich gar nicht zum Einsatz.

Analoges Recording mit Vintage-Technik:
Nur ein einziger Schnitt

LowBeats:
Und das ist bei Digitalaufnahmen anders?

Guy Sternberg:
Bei einer üblichen Digitalaufnahme würden Andreas und Edin singen und muszieren, dann nach vier Takten, würde der Tonmeister sagen: ‚Stopp, da war ein kleiner Fehler, lass uns ab diesem Punkt nochmal anfangen.‘  Ein Song, der am Ende womöglich nur drei Minuten lang ist, beinhaltet so möglicherweise 20 Schnitte.

LowBeats:
20 Schnitte?

Guy Sternberg:
Ja, das ist immer so. Eine normale klassische Aufnahme hat 20, manchmal sogar bis zu 100 Schnitte. Das kommt ganz darauf an. Und am Ende gibt es von einem Lied 20 Takes und niemand weiß, welcher davon war gut und niemand hat eigentlich auch Geduld, nochmal alles zu hören. Wir dagegen, arbeiten direkt auf das Masterband, wir wollen wirklich eine authentische Performance. Also alles, was Sie auf der Platte hören, ist wirklich so geschehen.

LowBeats:
Alles ist ohne einen einzigen Schnitt? Seien Sie ehrlich, wir sind unter uns …

Guy Sternberg:
Tatsächlich gibt es einen einzigen Schnitt auf der Platte, wo Edin nicht zufrieden war, da haben wir nochmals separat aufgenommen.

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Konzentriert: Lautenspieler Edin Karamazov während der Aufnahmen zu „In Darkness“ im März 2025 in den Berliner LowSwing-Studios (Foto: Kathu Mau)

LowBeats:
Wenn ich Sie richtig verstehe, dann stört Sie an Digitalaufnahmen nicht die Technik an sich, sondern wie leicht man mit dieser, sagen wir mal, modifizieren kann?

Guy Sternberg:
Mein Beruf ist Recording-Ingenieur und ich mache viele Digitalaufnahmen, aber nicht für mein Label LowSwing. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, wie eine üblich Aufnahmesession abläuft:
Sie haben wirklich Superstars im Studio und alle spielen und während des Takes sind alle zufrieden. Und danach fängt es so an: ‚Ja, aber bei diesem Takt kann man den Bass ein bisschen schieben, um das ein bisschen punchier zu machen. Und an dieser eine Stelle hat der Sänger ein bisschen schief gesungen, lass uns das irgendwie korrigieren.‘

Und du machst so tack, tack, tack 20 kleine Sachen und plötzlich ist alles perfekt, aber nichts ist mehr Original. Stellen Sie sich das wie bei der Bildbearbeitung vor. Das ist das gleiche. In dem Moment, wo ich die Möglichkeit habe, mein Fotomodell noch ein bisschen besser aussehen zu lassen, mache ich das. Ich kann die Farbe im Gesicht verändern, ich kann ein paar Fältchen wegmachen. Eine Haarsträhne, die absteht, die mich stört. Also wird die wegretuschiert. Eben, weil ich es machen kann.

LowBeats:
Beeinflusst Sie das auch in Ihrer Art zu arbeiten, Herr Scholl?

Andreas Scholl:
Ja, auch durch die Zusammenarbeit mit Guy. Er war ja schon öfters auch bei uns hier im Studio, und ich sehe, wie er arbeitet, da ist es auch mein Ehrgeiz mit möglichst wenig Plugins, sprich mit möglichst wenig Bearbeitung des Originals, das beste Ergebnis zu erhalten.

LowBeats:
Glauben Sie, dass die Zuhörer diese Art der Aufnahme honorieren werden?

Andreas Scholl:
Ich bin mir sicher, dass es Leute gibt, die sich diese LP anhören, auch mit ähnlichen CD-Aufnahmen von mir vergleichen werden. Klar wird dann der eine oder andere weiterhin eine CD-Aufnahme bevorzugen. Dann ist das so. Aber es wird auch einen großen Teil des Publikums geben, die dieses Mysterium suchen und die sagen: ‚Ah, das ist es. Das habe ich doch eigentlich gewollt!‘

LowBeats:
Verführt die Digitalaufnahme möglicherweise auch dazu, dass der eine oder andere Künstler sich vielleicht weniger Mühe geben könnte, weil er sagt, es geht ja sowieso noch mal?

Andreas Scholl:
Wenn ich weiß, ich kann hier zwei Stunden an dem Lied rummachen und Guy schnippelt mir das auf dem Computer zurecht, dass das ganz perfekt klingt, dann habe ich eine andere Motivation. Ich gehe da mit einer anderen Konzentration ran.

Countertenor Andreas Scholl
Ganz bei der Sache: Countertenor Andreas Scholl während der Aufnahme zu „In Darkness“ (Foto: Katha Mau)

LowBeats:
Bedeutet das im Umkehrschluss, dass sich die Künstler bei einer reinen Analogproduktion wie bei „In Darkness“ mehr Mühe geben müssen?

Guy Sternberg:
Ja. Das höre ich von allen Musikern die ganze Zeit. Die Leute kommen zu mir und sagen: Seit Jahren war ich nicht so bei der Sache, wie bei dieser Aufnahme. Denn du weißt, dass das Band läuft. Viele Musiker sind es schließlich schon gewohnt, nur Digitalaufnahmen zu machen und sie spielen dann wie auf Autopilot.

LowBeats:
… weil sie wissen, wenn es Probleme gibt, korrigieren Sie das.

Guy Sternberg:
Exakt. Bei der analogen Aufnahme hört man von den richtig guten Musikern, wie gut sie wirklich sind. Die können wirklich liefern. Nehmen wir Andreas und Edin. Die spielen die hier eingespielten Songs teilweise schon seit 30 Jahren zusammen, das sind Klassiker für so ein Duo. Aber nun musste alles auf Anhieb sitzen, es war wirklich ein Vergnügen dabei zuzuhören. Jeder Take war besonders.

LowBeats:
Herr Scholl, haben Sie das auch so empfunden?

Andreas Scholl:
Ja, natürlich. Am Abend nach diesen Aufnahmen war ich dann fix und fertig.

LowBeats:
Aber nach Digitalaufnahmen sind Sie doch auch müde…

Andreas Scholl:
Wenn ich an einem digitalen Aufnahmetag feststelle, dass mein Stimme langsam müde wird, sagt der Toningenieur nicht selten ‚Ach komm, nur noch diese fünf Takte‘. Dann machen wir aber auch nur noch diese fünf Takte. Du musst eben nicht mehr von ganz von Anfang bis ganz bis Ende singen.

LowBeats:
Und das ist ein Nachteil?

Andreas Scholl:
Ja, denn meine Kraft und mein mentaler Fokus sind verbraucht. Das ist ja limitiert. Ich weiß aber, wenn ich das jetzt sage, Leute, ich werde langsam müde, dann sagt der Ton, na ja, da machen wir nur noch diese fünf Takte. Und diese Möglichkeit besteht in der Analogaufnahme eben nicht.

Es ist wichtig, dass eine künstlerische Bewertung instinktiv stattfindet. Die hat dann mit den Details, mit einer kleinen Unsauberkeit oder so, gar nichts mehr zu tun.

LowBeats:
Vielen Dank für das Gespräch.

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Analoges Recording mit Vintage-Technik: Das Album „In Darkness“ von Andreas Scholl und Edin Karamazov ist vom Berliner Label „LowSwing“ ausschließlich analog aufgezeichnet worden. Konsequenterweise gibt es das Werk nur auf Schallplatte. Der Preis: 59,50 Euro (Foto: LowSwing)

Der Klang des LowSwing-Projekt

Und wie klingt analoges Recording mit Vintage-Technik jetzt so, wollen Sie wissen? Zum Anfassen gut. Es ist auch für LowBeats-Mitstreiter, trotz langjähriger Hörerfahrung, immer wieder erstaunlich, zu welch klanglichen Leistungen Profi-Vintage-Material fähig ist. Zur Erinnerung: Als das von Guy Sternberg eingesetzte Neumann-Mikrofon vom Typ 047 auf den Markt kam, war die aus Vinyl gefertigte Schallplatte mit 33 13 UpM noch kein Jahr alt, die kommerzielle Einführung von Stereo starte sogar erst 1958. Und doch klingen diese Aufnahmen so, als musizierten Andreas Scholl und Edin Karamazov im Hörraum, oder im heimischen Wohnzimmer. Eine Atmosphäre, wie bei einem privaten Konzert. Kein zu viel, kein zu wenig, alles genau auf den Punkt. Wie sagte Guy Sternberg so richtig: „Gute Musik fühlt man sofort.“ Dem gilt es nichts hinzuzufügen.

Andreas Scholl / Edin Karamazov
„In Darkness“
2026/01
Test-Ergebnis: 4,7
ÜBERRAGEND
Bewertungen
Musik
Klang
Pressqualität
Repertoirewert

Gesamt

Preis und Verfügbarkeit:

Das Album „In Darkness“ wird am 16. Januar 2026 ausschließlich auf Vinyl erscheinen. Es kostet 59,50 Euro. Die Schallplatte ist vorbestellbar: www.lowswing-records.com 

Autor: Andrew Weber