Die Londoner Abbey Road Studios scheinen in letzter Zeit auf geheime Weise inflationär als Remastering- oder exklusiver Aufnahmeort aufzutauchen – dank Master-Cracks wie Steven Wilson, der einst auch Markenbotschafter der Münchner High End Messe 2019 war.
Hier steht nun das Studio 2 der legendären Adresse im Mittelpunkt. Die polnische Neo-Klassikerin Hania Rani nahm dort für die Deutsche Grammophon ihr erstes Orchesterwerk auf. Bislang brillierte sie weitgehend mit minimalistisch angelegten Kompositionen, gerne psychedelisch angehaucht und mit mehreren akustischen und elektrischen Pianos inszeniert.
Vielleicht eine Wandlung, jedoch eher eine Weiterentwicklung auf der Basis eines forschenden Geists, der auch die Geschichte stark einbinden möchte.
Vier Sätze schrieb sie, teilweise inspiriert von Noten der jungen jüdischen Pianistin und Komponistin Josima Feldschuh, die diese im Warschauer Ghetto zu Papier brachte. Feldschuh überlebte den Holocaust nicht, sie kam am 21. April 1943 im Alter von nur 13 Jahren zu Tode. Hania Rani geht noch einen Schritt weiter und fokussiert die aktuellen Auseinandersetzungen und Kriege wie in der Ukraine und im Gazastreifen. Menschliche Abgründe, Gewalt, Ungerechtigkeit. „Non Fiction“ eben.
Die Musik von Hania Rani „Non Fiction Piano Concerto In Four Movements“
Die Musik zu den ernsten Themen wiegt jedoch nicht gewollt schwer oder hoffnungslos. Das London Contemporary Orchestra unter Leitung von Hugh Brunt und das Manchester Collective haben Hania Rani gut verstanden. Das „Meno Mosso“ begehrt trotz anfänglicher Entschleunigung beinahe barsch auf, wie ein wild gewordener Hummelschwarm mit dramatischen Streichern, um sich dann doch mit subtil bearbeiteten Soloinstrumenten wieder zu besänftigen, bevor es in das schattigere „Tenebroso“ mit pointierten Pianoanschlägen übergeht. Harmonie und Disharmonie bilden Dialoge. Das „Presto“ wiederum nährt sich von schillernd psychodelischen Sequenzen, von Flöten- und Harfentönen. Im Ausklang des Werks leuchtet „Semplice“ mit einer beruhigenden, minimalistischen Struktur, um wie dezent schwindendes Licht in ein helles Mysterium zu entgleiten. Das erinnert etwas an die erwähnten früheren Werke Hania Ranis.

Das Klangbild von „Non Fiction“ formt sich räumlich in Breite und räumlicher Tiefe prima aus und beleuchtet feindynamisch Details sowie packend-dynamische Szenen gleichermaßen souverän.
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Kurz-Doku zu „Non Fiction“
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