Hotel Rimini empfängt seine Gäste nicht an der Adria, sondern seit ein paar Jahren live und bespielt Hörer via EP und dem Album „Allein unter Möbeln“ (die Kritik und ein Interview dazu gibt’s hier). Bereits dieses Debüt des Sextetts geriet hin- und mitreißend. Wir, wie auch das Rolling Stones Magazin, befanden es deshalb richtigerweise als eines der besten Alben des Jahres 2023.
Nun nimmt das Nachfolgewerk mutig „Gefährdete Arten“ ins Visier. Mutig deshalb, weil die Leipziger Band ihr Hotel etwas umgestaltet haben – auf hohem Niveau: Bewohnten die bisherigen Songs poppig gestaltete Zimmer und trieben sich an der Bar schmissig-augenzwinkernd herum, zogen die neuen Stücke eher in die Lounge und Suiten ein. Das aktuelle Album holt uns gleich am Check-In mit gepflegtem Pop-Chanson-Flair ab und entführt uns in eine gelassen-heiteres Ambiente.
Das Sextett lässt dabei einer wunderbaren Riege an akustischen Instrumenten mehr Spiel- und Kompositionsraum. Im Hotel-Salon schimmern so süffisante E-Gitarren-Girlanden, brummt der Akustikbass wärmend, während Violine nebst Cello das Ganze smart und seidig abfedern. Das neue Album taucht noch tiefer in kammermusikalische Gefilde ein, dafür sorgen Paul-Jakob Dinkelacker mit Zither, Waldhorn, präpariertem Klavier und Gastmusiker wie Damian Dalla Torre (Saxofon, Bassklarinette, Querflöte) und Filip Sommer (Viola) plus der Eltern von Sänger Julius (!) mit Altflöte und Fender Rhodes (!). Das wirkt. „Gefährdete Arten“ listet die Weltnaturschutzunion (IUCN) als noch nicht vom Aussterben bedrohte. Was durchaus auch für klassische Instrumente im Pop gelten darf.
Schwenken wir zudem ausnahmsweise nochmal hinüber zu den wenigen artverwandten Musikern. Als Assoziation könnten – wie schon beim Debüt – Element Of Crime (EOC) herhalten. Zumindest als Genres-Basis des charmanten Deutsch-Pops.
Doch die Hoteliers sind anders. Während Sven Regener bei EOC gerne sympathisch rotzig-nuschelig singt, intoniert Julius Forster die Stücke mit herrlich ausdrucksstarker Stimme, energetisch, sonor, klar artikuliert – und wo es passt, beinahe so Raureif wie einst Rio Reiser. Man hört, dass er in seinem anderen Leben Schauspieler ist. Wie auch ein paar weitere Mitglieder der Band mit Cellistin Paula Schieferecke, Geigerin Annegret Enderle, Gitarrist Paul Pötsch, Kontrabassist Valentin Link und Schlagzeuger Paul-Jakob Dinkelacker. Toll der sonor-warme gezupfte Bass, klasse die Banjo-Tupfer, hinreißend die klassischen Passagen nebst dezenten Einsprengseln aus Theater-, Film- und Klassik-Musik.
Die Musik von Hotel Rimini „Gefährdete Arten“
Checken wir mal ein. Auf den Sesseln im schmuckvollen Foyer warten schon „Bekannte von früher“ – der locker-leichte Song knüpft an die bisherigen Stücke an.Im Restaurant schlagen sich dann „Gefährdete Arten“ lyrisch-hungrig die Bäuche voll, während ein „Krokodil“ im akustischen Wellness-Ambiente lauert, gleich neben „Traurige Tropen“. Beim Cocktail entfalten sich Akkorde, die uns sagen, „Was sich nicht sagen lässt“ – mit dezentem Element-Of-Crime-Touch.
Eines der Highlights des Albums macht auf großer Bühne einem „Déjà-vu“ Raum – der Song beeindruckt als minimalistisch angelegter Chanson-Pop, aufwallend, mit Breaks und Wendungen versehen, der Text zum Nachdenken animierend mit erwarteten Unfällen auf der Autobahn. Andere Stücke fokussieren Unternehmensberater, Menschen oder Zoos. Und mehr. Dabei bebildern anrührende Sprachbilder und Metaphern die Musik – und umgekehrt.

Das Album scheint dabei ein bisschen alternativen Zeitgeist zu projizieren. Die Rimini-Musik wirkt wohltuend anders in Fast-Forward-Instagram-Skip-Tiktok-Zeiten. Wir checken jedenfalls noch lange nicht aus.
Bewertung
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Übrigens: Wer im Netz unterwegs ist, findet viele prima gemachte Video-Clips zum Debüt-Album und zum Vorgänger: der Video-Clip zu „Déjà-vu “





