Ortstermin in den Münchener MSM-Studios, die sich mittlerweile einen exzellenten Ruf in Bezug auf Immersive-Audio-Aufnahmen gemacht haben. Dass Nils Wülker ausgerechnet hier sein neues Album vorstellt, ist natürlich kein Zufall: Denn es gibt von „Zuversicht“ auch einen gut gemachten Mehrkanalmix, den wir uns im großen Mastering-Raum der MSM-Studios komplett anhören konnten. Doch der Reihe nach.

Zunächst macht uns der Album-Name stutzig: Seit 2002 hat Nils Wülker 14 Alben veröffentlich – alle mit englischem Titel. Nun also herrscht die „Zuversicht“ auf Deutsch. „Es gibt im Englischen keinen ähnlich aussagefähigen Ausdruck“, sagt der Ausnahme-Trompeter im Interview. „Und ich wollte in diesen düsteren Zeiten unbedingt so etwas wie Zuversicht ausdrücken.“ Das ist ihm gelungen.

Erstmals hat Wülker (der auch alle Kompositionen gemacht hat) ein Album mit einem klassische Jazz-Quartett eingespielt: am Klavier Aaron Parks, am Kontrabass Linda May Han Oh, am Schlagzeug Gregory Hutchinson. Und an der Trompete natürlich der Meister selbst. Seine drei Mitstreiter zählen – wie Wülker selbst – zur Top-Liga der internationalen Jazz-Szene und kommen eigentlich alle aus New York, sind aber von den aktuellen politischen Vorstellungen der Trump Administration so befremdet, dass sie versuchen, überwiegend in Europa zu arbeiten und zu leben. Ein jüdischer Pianist, ein schwarzer Drummer, eine Bassistin mit malaysischen Wurzeln und ein kritischer Trompeter aus dem von Trump verächtlich abgewatschten Deutschland: Dieses Quartett würde wohl nie berufen, im Weißen Haus für Trump zu musizieren…

Wollen sie auch nicht. „Die Situation in den USA, aber auch in der ganzen Welt war immer Thema in unseren Pausen; da macht sich jeder seine Gedanken“, sagt Wülker. „Und vielleicht war es auch genau diese Stimmung, die die Aufnahmen beflügelten.“

Die Aufnahmen von Nils Wülker „Zuversicht“
Tatsächlich spielt das Quartett die elf Aufnahmen ausgesprochen leicht, mit viel Feinsinn und in kurzer Zeit ein: Nach dreieinhalb Tagen war alles fertig. „Das war durchaus spannend“, sagt Wülker: „Mal nicht unendlich viel Zeit für das Feintuning zu haben. Viele Stücke passten bereits beim ersten Take.“ Die Orchester-Arrangements für „Continuum“ oder die Klangwelt-Tüfteleien seines Duos mit Arne Jansen für „Closer“ oder die Synthie-/Electro-Studioarbeit für „GO“ nahmen dagegen zum Teil Wochen in Anspruch.
Aufgenommen wurde Nils Wülkers neues Album auf historisch gehaltvollem Grund: in den legendären Hansa-Studios in Berlin. Auch David Bowie, U2 oder Depeche Mode spielten hier richtungsweisende Alben ein. Interessierten bieten die Hansa-Studios übrigens empfehelnswerte Führungen an. Für Baby-Boomer wie mich ist das reines Gänsehautgefühl – einfach, weil hier so viel Großes entstand.
„Zuversicht“ umfasst 11 Titel, wobei „Continuum” vom gleichnamigen Album übernommen wurde. „Ich fand es spannend, das Stück komplett anders mit einem Quartett einzuspielen“, sagte Wülker dazu. Die Stücke des Albums sind:
01 All Hands on Deck
02 As Young as Your Faith
03 This Moment’s Rhythm
04 Alpenglow
05 FOMO Fighter
06 Time Will Tell
07 Second Nature
08 Forces at Work
09 Continuum
10 It’s Okay
11 It’s Alright
Wülkers Kompositionen sind immer getragen von schönen Melodien: Er wird nie schrill, gibt abwechslungsreiche Spannungsbögen vor und drückt immer dann aufs Gas, wenn es zu seicht zu werden droht. Prinzipiell ist „Zuversicht“ ein durchgehend gut hörbares Jazz-Album. Die Stücke haben nicht ganz die Kraft und Energie jener Aufnahmen, die er im Duo mit Arne Jansen eingespielt hat. Aber es wirkt dynamischer als das Orchester-getragene „Continuum”.
Doch wer ob des Titels „Zuversicht“ ein Werk mit ausschließlich Happy-Feet-Musik erwartet, wird enttäuscht; dafür ist Wülkers Jazz immer auch ein Stückweit melancholisch, Musik-gewordene Sehnsucht quasi. Da bleibt er sich auch bei seinem neuesten Album treu.
Hansa-Tonmeister Arne Schumann sowie die Mastering-Ingenieure Mark Wilder und Chris Gold in den Blue Engine Studios/New York haben dabei ganze Arbeit geleistet. Das feine Hochton-Percussion-Spiel von Gregory Hutchinson beispielsweise haben sie gleichermaßen behutsam-leuchtend wie greifbar eingefangen. Das Piano von Aaron Parks steht mit einer enormen Kraft und Körperhaftigkeit im Raum. Aber auch das Bassspiel von Linda May Han Oh (besonders gut zu hören auf „Second Nature“) klingt mit seinen vielschichtigen Obertönen herrlich authentisch. Das gilt erst einmal für die Zweikanal-Version.

Der Dolby-Atmos-Mix setzt noch einen drauf. Und zwar vor allem, weil die Tonmeister nicht der Versuchung verfielen, den Raum ewig weit aufzuziehen. „Ich liebe immersives Audio, weil es den Instrumenten viel mehr Platz gibt“, sagt Wülker. Bei „Zuversicht“ ist dies gelungen, ohne künstlich zu wirken. Piano, Schlagzeug und Bass stehen erkennbar körperhaft vor dem Hörer, wie auf einer imaginären Bühne in etwa auf einer Linie. Die Trompete steht dicht vor dem Trio und etwas höher als die anderen drei. Das Klangbild wirkt dadurch insgesamt sehr realistisch, was die Bewertung nach oben treibt.
Wer auf Tonträger steht, muss die CD oder die LP kaufen. Als 3D Audio- / DolbyAtmos-Version gibt es das Album bei Apple Music, Tidal oder Amazon Music als Stream. Warner scheut wohl hier den großen Aufwand zur Produktion einer Pure Audio-Scheibe oder gar Blu-ray mit Bild. Schade: Die Aufnahme-Session in den Hansa-Studios hätte ich mir wirklich gern angesehen…
Bewertungen
MusikKlangMehrkanal-KlangRepertoirewertGesamt |
Impressionen von „Zuversicht“ auf YouTube
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