Joe Bonamassa
Ein Musikerleben im Zwölftakt-Rhythmus: Blues und Bluesrock sind für Joe Bonamassa Leidenschaft und Business zugleich. Sein Album No 41 namens Royal Tea ist unser Album der Woche (Foto: J.Herrington)

Joe Bonamassa Royal Tea – das Album der Woche

Auch wenn er es manchmal etwas übertreibt und seine Veröffentlichungspolitik mittlerweile inflationäre Ausmaße angenommen hat: Seit zwanzig Jahren verbindet der US-Gitarrist Joe Bonamassa Masse mit Klasse und beliefert die Bluesrock-Branche quasi im sechs-Monats-Rhythmus mit hörenswerten Produktionen. Nun präsentiert der Vielspieler unter den Zwölftakt-Virtuosen ein neues Album: Joe Bonamassa Royal Tea ist ein königliches Vergnügen und unser Album der Woche

Man muss sich das einfach noch mal in Ruhe vor Augen führen: Sage und schreibe 41 Platten hat Joe Bonamassa seit seinem 2000er-Debüt A New DayYesterday veröffentlicht – das macht mehr als zwei Neuproduktionen pro Jahr. Dazu noch (von 2010 bis 2012) fünf Alben als Mitglied der Black Country Communion (BCC), der All-Star-Formation des modernen Heavy-Rock – und fertig ist ein Oeuvre, das im aktuellen Musikbusiness seinesgleichen sucht.

Okay: Das Gros davon entfällt zwar auf Livemitschnitte, dennoch bleiben stolze sechzehn Studioalben – dreizehn unter eigenem Namen, drei mit der BCC. Ein solcher Output wirft natürlich Fragen auf: Ist Bonamassa tatsächlich das größte Kreativ-Monster seit Mozart? Oder übertreibt es hier jemand in Sachen Selbstdarstellung und meint, auch noch das letzte Fitzelchen an möglicherweise halbgarem Studio- und Bühnenmaterial veröffentlichen zu müssen?

Sagen wir mal so: Selbst als beinharter Fan kann man ruhig mal drei, vier Jahre oder Alben Pause machen in Sachen Bonamassa. Umgekehrt gilt aber auch: Zwei, drei Werke dieses amerikanischen Gitarristen sollten bei Freunden von kernigen Klängen zwischen Blues, Blues-Rock und Hard-Rock durchaus im Plattenschrank stehen – zum Beispiel Royal Tea, Studioalbum Nummer 14 im Bonamassa-Kosmos.

Denn der 43-Jährige aus New Hartford, New York,ist nicht nur ein bienenfleißiger Workoholic, sondern auch ein oftmals exzellenter Komponist, Gitarrist und Sänger, der den Blues-Rock schon von Kindesbeinen an zu seinem Genre gemacht hat. Mit vier Jahren griff der kleine Joe erstmals nach einer kleinen Chiquita-Kindergitarre, mit zwölf Jahre stand er bereits mit B. B. King auf der Bühne, mit 14 Jahren engagierte ihn der Musikinstrumentenhersteller Fender schließlich als eine Art Junior-Markenbotschafter.

29 Jahre später gehört Joe Bonamassa zu den absoluten Stars seiner Branche und spielt in einer Liga, die ansonsten nur den großen Gitarristen der Rockmusik vorbehalten ist: Als so ziemlich einziger Saitenvirtuose der Zwölftakt-Szene füllt er auch die ganz großen Konzerthallen, seine Platten belegen Spitzenregionen in den internationalen Hitparaden, seine Kooperationen mit Cracks wie Jason Bonham, Kenny Wayne Shepherd und insbesondere mit US-Kollegin Beth Hart sorgen immer wieder für Gänsehaut pur.

Joe Bonamassa
Favorit Fender: Mit 14 Jahren engagierte der Instrumentenhersteller Fender den jungen Joe als Markenbotschafter – noch heute zählen Instrumente der Firma aus Scottsdale, Arizona, zu den Lieblingsmodellen des US-Gitarristen (Foto: J.Herrington)

Die Musik von Joe Bonamassa Royal Tea

Mit Royal Tea richtet der herkunftsbedingt tendenziell amerikanisch disponierte Blues-Mann den Blick nun explizit gen Alte Welt und verneigt sich vor den Legenden der britischen und angelsächsischen Blues-/Bluesrock-Szene. Eric Clapton, Jeff Beck, Led Zeppelin, Rory Gallagher oder Gary Moore heißen die Bezugspunkte dieses zehn Songs und elf Tracks starken Sets (die Single „I Didn’t Think She Would Do It“ gibt es zusätzlich zur Originalversion auch als auf 3:25 gekürzte „Radio Edit“), und aufgenommen wurde – natürlich – im Mekka der englischen Pop- und Rockmusik und mit Könnern von der britischen Insel: Das Programm entstand in den Londoner Abbey Road Studios und mit Gästen wie dem früheren Whitesnake Gitarristen Bernie Marsden, dem langjährigen Cream Texter Pete Brown sowie dem englischen Musikshow-Entertainer und Piano-Man Jools Holland. Des Weiteren mit an Bord: die altgedienten Bonamassa Kompagnons Michael Rhodes (Bass), Reese Wynans (Keyboards) und Anton Fig (Schlagzeug) sowie Stammproduzent Kevin Shirley, dem auch resolut zupackende Kollegen wie Aerosmith oder Iron Maiden vertrauen.

Dass auf Joe Bonamassa Royal Tea manches anders klingt als bisher, gehört zum Konzept dieser Produktion – und es ist eine Bereicherung. Bonamassas Flirt mit dem Klangambiente des anglophilen Kulturkreises beginnt schon im Opener „When One Door Opens“: Mit großem Orchester wird hier zunächst das Thema von „The Land Of Hope And Glory“ zitiert. (Sir Edward Elgar, der Papst der englischen Klassik des 19. Jahrhunderts, schrieb mit dieser patrotischen Hymne bekanntlich die heimliche Nationalhymne des Vereinigten Königreichs. Und mit der Einspielung dieser Komposition weihte er nebenbei auch am 12. November 1931 zusammen mit dem London Symphony Orchestra das neu eröffnete Abbey Road Studio ein.) Bläser, Streicher, Harfe und atmosphärische E-Gitarren-Sounds sorgen zunächst 3:56 lang für großes Kino mit elegischen Untertönen, ehe ein „Bolero“-artiger Rhythmus in den zweiten Teil dieses 7:35 langen Opus überleitet und der Blues-Man Bonamassa mit fauchenden Riffs und blitzschnellen Triolen zeigt, welch furioser Hard-Rock-Berserker ebenfalls in ihm steckt.

Der Titelsong „Royal Tea“ fährt anschließend nicht nur einen Cream-artigen Basistrack auf, sondern auch einen gehörigen Schuss englischen Humor: Garniert wird dieser klassische Zwölftakter von einem Damen-Chorus, der sich das Prädikat „leicht überkandidelt“ mehr als verdient hat – man sieht die Ladies förmlich in kurzen Röckchen, knappen Bustiers und neckischen Hütchen durchs Studio tänzeln.

Mit „Why Does It Take So Long To Say Goodbye“ schaltet Joe Bonamassa dann erstmals in den Balladen-Modus – und erreicht 6:45 lang fast die emotionale Tiefe eines Gary Moore. Zunächst sorgt in diesem Song über eine kürzlich zerbrochene Beziehung seine singende Lead-Gitarre für eine melancholische Grundstimmung, ehe die Atmosphäre ins Dramatische kippt: Das Auf und Ab einer Liebe mit all ihren unterschiedlichen Emotionen von Leid bis Leidenschaft wird hier zum musikalischen Wechselbad zwischen Rock und Blues.

Extrem angriffslustig und bissig gibt sich an Position 4 der „Lookout Man!“ mit knochentrockenen Bass- und E-Gitarrenriffs sowie einer feurigen Mundharmonika – hier grüßen aus der Ferne Helden des britischen Seventies-Rock wie Black Sabbath.

Das „High Class Girl“ wiederum schiebt eine fette Hammond-Orgel ins Zentrum des Arrangements: eine satt groovende Midtempo-Nummer im Stil von Tasten-Oldie Booker T (Green Onions). Schwungvolles Gegenstück: „Lonely Boy“, das mit quirligem High-Speed-Piano plus furiosem Bläsersatz den Swing und das Rockabilly-Flair der Stray Cats respektive von Brian Setzer und seinem Orchestra atmet.

Jede Menge Atmosphäre gibt es dann im knapp siebenminütigen „Beyond The Silence“, das mit extrem viel Luft im Arrangement Tasten- und Saitenklänge von Psychedelic-Pop über Prog- bis Country-Rock miteinander kombiniert.

Für die amerikanischsten Momente in einem eher britisch getönten Songzyklus sorgen dann der Country-Folk „Savannah“ mit Banjo, Piano, Pedal Steel Guitar und einem popnahen Refrain sowie „A Conversation With Alice“, die auch bei einem Sonnenuntergang an der der US-Westcost stattfinden könnte. Prächtige Zugabe und rassiges Finish dieser 53:20 langen, königlich kurzweiligen Tea-Time für Blues- und Rock-Fans: der Radio Edit von „I Didn’t Think She Would Do It“.

Joe Bonamassa Royal Tea Cover
Joe Bonamassa Royal Tea erscheint bei Provogue/Mascot im Vertrieb von Rough Trade und ist erhältlich als CD, als CD im limitierten Tincase, als Doppel-LP in farbigem Vinyl, als CD+Doppel-LP-Set mit 48-seitigem Artbook sowie als Download (Cover: Amazon)
 Joe Bonamassa Royal Tea
2020/11
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
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Autor: Christof Hammer

Christof Hammer
Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.