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Legende lebt: Guinand HS100 zum 100. von Helmut Sinn

Der ehemalige IWC-Ingenieur Lothar Schmidt hatte verständlicherweise seine eigenen Vorstellungen, als er die vom Uhrenmagazin als „Perle der Uhrenindustrie“ bezeichnete Firma 1994 übernahm.

Das muss einen Macher wie Sinn so gewurmt haben, dass er sich nicht nur erst mal trotzig zurückzog, sondern nach kurzer Pause gleich wieder als Unternehmer aktiv wurde.

Neustart mit 79 Jahren

Guinand, 1865 in Les Brennets, Schweiz gegründet, war seinem bisherigen Unternehmen über lange Jahre als Lieferant verbunden und befand sich Mitte der 90er in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Da sprang Helmut Sinn 1995 als Retter ein und war über Nacht wieder Uhren-Hersteller – im zarten Alter von 79 Jahren.

Fast schien es, dass der verhinderte Rentner aus dieser Tätigkeit enorme Kraft bezog. Erst im hohen Alter unternahm Sinn einen erneuten Rückzugsversuch.

Er setzte den Uhrenfachmann Horst Hassler sowie einen seiner Söhne als Geschäftsführer ein und fungierte als Image-Träger und halbwegs stiller Teilhaber.

Helmut Sinn wird 100
Helmut Sinn übt hier nicht für einen Auftritt mit den Rolling Stones, wo er beileibe nicht als Ältester durchginge. Aus dem Stand hielt der Popstar der Uhrenbranche – mit 100 immer noch ein Enfant Terrible – eine pointierte Rede, die manchen aufhorchen ließ (S. Schickedanz)

Doch auch Hassler und Sinns Sohn hatten inzwischen längst das Rentenalter erreicht und wenig Vergnügen daran, das vom Schweizer ETA-Monopol mit seinen Werken abhängige Geschäft auf ewig weiterzuführen. Sie suchten erfolglos nach geeigneten Nachfolgern und machten 2014 die Firma dicht.

In allerletzter Minute erfuhr der Sinn-Fan Matthias Klüh von der Geschäftsaufgabe und sprang mit Erfahrungen und Ersparnissen ein, die er unter anderem im Vertrieb von Messtechnik für Industrieanlagen bei einem großen Konzern gemacht hatte.

Doch die GmbH war schon aufgelöst, die Räume gekündigt, die Mitarbeiter hatten neue Jobs. So übernahm er Namen, Lieferanten und Teilevorräte und wagte Ende letzten Jahres einen kompletten Neustart.

Helmut Sinns 100. Geburtstag
Prominenten in den Mund gelegt: Matthias Klüh (Guinand): „Also Helmut, wir entwickeln schon mal die HS130, die paar Jahre schaffst Du doch mit links“ (Foto: S. Schickedanz)

Seitdem kommen nur noch die Roh-Werke aus der Schweiz, die restlichen Teile, Veredelungen und die Montage sind „Made in Germany“ – wie der Aufdruck auf dem Zifferblatt verdeutlicht.

Damit vollendet Klüh den schrittweisen Umzug von Guinand nach Deutschland, ließ aber gleichzeitig den Kontakt zu den Nachfahren des Firmengründers aufleben.

Mit der am 2. September in den neuen Geschäftsräumen im Hausener Weg 61 im Norden Frankfurts vorgestellten Guinand HS100 liefert der Frankfurter Hersteller eine individuelle, aber gleichzeitig funktionelle Zeitmaschine, über die schon Wochen vor der Premiere in den einschlägigen Uhrenforen spekuliert wurde.

Wir gratulieren Guinand zu diesem raren, aber erschwinglichen Musthave für alle Sinn-Fans und dem U(h)r-Gestein Helmut Sinn zum vollen Jahrhundert, das er selbstbestimmt, selbstbewusst und selbstfahrend am Steuer eines eigenen Autos vollendet.

Kein Zweifel, dass er sein höchstes Ziel der späten Jahre ebenfalls erreicht: Sinn will 103 Jahre alt werden – mindestens…

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FAZ zum 100. Geburtstag: Ein Mann, der kein Held sein will
FNP zum 1oo.: Er träumt immer noch vom Fliegen
Portrait von Helmut Sinn, das ich vor langer Zeit für die Motor Klassik geschrieben habe.

Filmportrait von Jochen Hasmanis über den Uhren-Unternehmer

Weitere Informationen zur HS100 auf der Website von Guinand Uhren

2 comments

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    Stefan Schickedanz

    Heute hat Guinand auf seiner Facebook-Seite bekannt gegeben, dass die auf 100 Stück limitierte Jubiläumsuhr HS100 bereits ausverkauft ist und es definitiv keine weiteren Exemplare geben wird. Statt dessen können sich alle, die leer ausgegangen sind, durch Anruf bei Guinand in eine Wartelist eintragen lassen, falls noch einer abspringt. Wer eine ergattert hat, darf sich freuen, weil eine positive Wertentwicklung unter diesen Umständen sehr wahrscheinlich ist.

  2. Avatar
    Stefan Schickedanz

    Weil die Limited Edition bereits in einer Woche ausverkauft war, versteigert Guinand den Prototyp der HS100 für einen guten Zweck. Der Erlös der Versteigerung kommt der Aktion „FAZ Leser helfen“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Gute. Aktuell liegt das höchste Gebot der bis zum 11. Dezember laufen Auktion schon über 2100 Euro. Das ist einiges mehr, als der zu Ehren Helmut Sinns (100) in 100 Exemplaren aufgelegte Sportchronograph laut Listenpreis neu gekostet hat. Mehr finden Sie hier auf der Website des Herstellers: https://www.guinand-uhren.de/prototyp-hs100.html