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Mit Smudo beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring

Axel Duffner überholt in einem Husarenritt mitten in der dunkelsten Nacht nicht nur einen direkten Gegner nach dem anderen, sondern auch jede Menge Mitbewerber aus den größeren Klassen, während ich nach einer Gulaschsuppe endlich ein Bier – ein richtiges mit Alkohol – aufmache, um den vorläufigen Feierabend einzuleiten.

In der Nacht der Nächte muss ich nicht in mein entferntes Hotel zurück, sondern brauche nur 300 Meter bis zur Unterkunft unserer Fahrer zurückzulegen, wo ein durchaus bequemes Klappbett auf mich wartet.

24h-Rennen: Ein echter Fall von Masochismus

Noch vorm Einschlafen gegen 3.30 Uhr philosophiere ich über die Spezies von Menschen, die sich ein 24h-Rennen antun. Die für teures Geld einen nagelneuen, bildschönen Porsche Cayman GTCS rennfertig machen, mit den Eisschollen des Titelsponsors verzieren und sich dann damit in eines solche Materialschlacht werfen.

Einmal war ich selbst so verrückt, mit ein paar anderen Amateur-Kart-Piloten zu einem 24h-Kartrennen anzutreten. Ausgerechnet im Januar in Limburg, wo, wie wir später erkennen mussten, die ganzen Cracks inklusive einiger Formel-3-Piloten starten.

Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in einer unbeheizten, schlecht belüfteten Halle. Wo Du mit Kälte, Schlafentzug und vor allem unerträglichen Abgasen kämpfst, von den aggressiven Mitbewerbern ganz abgesehen. Das war eine prägende Erfahrung.

Was mich fertig machte, war trotz fehlender Vorbereitung gar nicht mal die mangelnde Kondition in den Muskeln, sondern vor allem der von Höllen-Kopfschmerzen begleitete Schlafentzug, der allerdings auch an der schlechten Planung lag. Seitdem habe ich noch mehr Respekt und gleichzeitig Kopfschütteln für Langstreckenfahrer übrig.

Als ich so sinniere, höre ich durch das halboffene Dachfenster einen entfernten, aber prägnanten Mix aus Motorensounds der hochtourigen Art. Ein Krach, der vor der eigenen Haustüre sofort eine Bürgerinitiative auslösen würde.

Ein Lärm wie aus einem Mad-Max-Film, wenn die bösen Buben mit ihren heißen Öfen die Wagenburg der Guten belagern und nachts demoralisierend unaufhörlich ihre Kreise ziehen. Ein Szenario, in dem man die Autos auch durch Hubschrauber ersetzen könnte – Apocalypse Now lässt grüßen – und schon wähnt man sich im Vorhof zur Hölle.

Dabei ist man nur in der grünen Hölle, wie der Nürburgring nicht von Autohassern, sondern ehrfürchtig von Autofreaks genannt wird.

Smudo mit Team Four Motors
385 PS hat der Porsche Cayman GT4CS, den Smudo mit Thomas von Löwis of Menar (links) und Daniel Schelllhaas nach dem 24h-Rennen auch in der VLN-Serie einsetzt (Foto: Martin Meiners)

Als ich schließlich einschlafe, bin ich mir sicher: Das ist selbst morgens nach 3 Uhr noch „beautiful Noise“, „good Vibrations“, ein fast schon wehmütiger Abgesang auf eine Technik, die es in absehbarer Zeit so nicht mehr geben wird.

Etwas, das uns wie Bücher, Zelluloidfilme, Zeitungen, Musikcassetten, Plattenläden oder Fahrräder mit reinem Muskelantrieb sehr viel Spaß und nebenbei gerade dem Autoland Deutschland sehr viel Wohlstand gebracht hat. Aber etwas, das mancherorts genau wie Fleischverzehr fast schon etwas Anrüchiges, Obszönes hat wie Schmuddelhefte, die unter dem Ladentisch verkauft wurden.

Bis 2025 sollen in Holland nach jetziger Planung keine neuen Autos mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden. Also, nicht jammern, dass die Pension so nah an der Strecke ist, einschlafen gelingt auch mit einem Schlaflied aus armdicken Auspuffrohren, wenn man zuvor genug geackert hat. Ich schlafe fest wie lange nicht mehr in der kühlen, frischen Eifelluft, bis mich Daniel noch eine gute Stunde vor dem Wecker aus den Träumen reißt: „Stefan, Du musst an die Box, der Wagen steht an der Strecke.“

Von allen Möglichkeiten, den Dienst am Nürburgring anzutreten, ist das die brutalste. Von allen Möglichkeiten, den Tag zu beginnen, sowieso. Während ich noch etwas benommen vom Alarmstart Schuhe und Strümpfe zusammensuche, gehen mir Schreckensbilder aus dem letzten Jahr durch den Kopf.

Da wurde unser Wagen in hoffnungsvoller Position auf den Klassensieg vom Führenden in seiner GT3-Rakete von hinten im Tiefflug abgeschossen.

Nurwar ich da noch wach, denn der Crash und das damit verbundene Aus für Smudo und Four Motors ereilten uns vor Mitternacht. Doch es gab noch einen Unterschied: Es regnete stark und es war stockdunkel.

Diesmal hielt unser Rennglück immerhin bis gegen 7 Uhr morgens und der Wagen ist nach ersten Informationen diesmal wohl nicht vollkommen verformt. Gleichwohl parkt er schon wieder an der Hohen Acht und kann erst nach dem Rennen geborgen werden.

Und wohl wieder steht die Frikadelle, der Porsche Carrera GT3 von Frikadelli Racing, die ihn beim letzten 24h-Rennen abgeräumt hat, ganz in der Nähe. Doch diesmal gibt es keinerlei Zusammenhang.

Team Four Motors beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring
Beim 24h-Rennen gab es für die Mechaniker auch nachts einiges zu tun. Smudo leistete sich im Regen einen kleinen Ausflug in die Botanik (Foto: S. Schickedanz)

„Wir sind ja schließlich hier, um Rennen zu fahren“, erklärt Teamchef Tom den Ausfall durch Unfall. Das würde sicher nicht jeder Teamchef in diesem Moment so sportlich sehen. Doch in diesem Fall fuhr der Chef. Und der machte mit seinen Rundenzeiten unmissverständlich klar, dass man mit knapp 70 Jahren noch lange nicht lahm unterwegs ist.

Schließlich ist der Porsche trotz seines vollautomatischen PDK-Getriebes kein Rentnerauto. Deshalb lagen wir auch auf Platz 1 in der Klasse 1 AT (is klar, ne?)  und hatten uns darüber hinaus mit Rundenzeiten knapp über 9.30 Minuten in den Top 50 etabliert.

Bis auf den in der Klasse AT siegreichen britischen 1er BMW konnte keiner das Tempo auch nur im Ansatz mitgehen. Selbst die ebenfalls ausgefallene Gas-Viper von Skater-Ass Titus Dittmann war beim 24h-Rennen in ihrer schnellsten Runde fast eine Minute langsamer unterwegs.

Was dann kommt, kennt man zur Genüge. Jenes „hätte, wäre, wenn“, das eigentlich jedem von uns schon mal jenseits der Piste begegnet ist. Ja, wir waren sauschnell. Ja, wir waren zuverlässig. Ja, E20-Treibstoff und Recycling-Öl haben toll funktioniert. Aber es gilt einmal mehr die alte Weisheit: „To finish first, first you have to finish.“

Ein Gutes könnte man dem Ganzen abgewinnen, nämlich der frühe Feierabend. Doch wenn es etwas gibt, für das man sich gerne Lärm, Wetter, Schlafentzug und Überstunden aussetzt, dann dieses Kulturereignis in der Eifel.

Das sieht hier jeder so, auch die Mechaniker, die unzählige Arbeitsstunden in den Porsche mit der Startnummer 112 gesteckt haben – und die vor allem in der Folge des Rennens wieder Überstunden nach Feierabend schieben dürfen.

Sie haben nämlich alle einen richtigen Job und betreiben Motorsport in der Freizeit, wobei sie mit ihren BMW von W&S Motorsport in der RCN-Serie von Sieg zu Sieg fahren. Doch VLN und gerade das 24h-Rennen mit Smudo und den Freaks von Four Motors sind auch für sie etwas ganz besonderes.

Team Four Motors beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring
Souvenirs vom 24h-Rennen: Smudo individualisierte zwei Felgen, sein Teamchef verlieh in den Morgenstunden gleich dem ganzen Auto einen Knitterlook. Aber that’s racing (Foto: S. Schickedanz)

Für uns ist die Zusammenarbeit mit Smudo und Four Motors beim 24h-Rennen auch etwas ganz besonderes. Mit ihnen Flagge zu zeigen für unser Magazin und dabei noch für nachhaltigen Motorsport zu trommeln, macht uns Freude. Und es bleibt ja auch weiter spannend.

Irgendwann muss das Glück einmal mitspielen und wir die Antwort kriegen, wo das neue Bioconcept-Car steht, wenn es mal ankommt. Umsonst war der Einsatz auf jeden Fall nicht, denn auch so bekam das Projekt sehr viel Sympathie und Aufmerksamkeit.

Vor allem aber spulte der Porsche Cayman bis zu seinem Ausfall 63 Runden auf der über 20 km langen, materialmordenden Berg- und Talbahn ab und sammelte damit viele wertvolle Kilometer für den großen Forschungsauftrag, der sich über die ganze Saison zieht: Nach dem 24h-Rennen und zahlreichen VLN-Läufen, die ebenfalls auf dem anspruchsvollen Nürburgring stattfinden, wird der 6-Zylinder-Boxermotor im Porsche Entwicklungszentrum in Weissach zerlegt, um Erkenntnisse über den Effekt des zukunftsträchtigen E20-Benzins unter Extrembedinungen in einem extrem hochgezüchteten Motor zu bekommen.

That’s racing…

Und noch ein Trost bleibt neben den unvergesslichen Momenten am Ring: Auch die großen Werksteams zollten der Eifel mal wieder reichlich Tribut: Von einem Rudel BMW M6 GT3 kam nur der langsamste durch, was aber immerhin für Platz 5 reichte.

Der schnellste M6-Motor verpuffte mit einer riesigen Rauchfahne im Windschatten des führenden Mercedes AMG GT3, der zweitbeste platzierte BMW wurde von einem Amateur beim Überholen abgeräumt.

Die Ingolstädter Rivalen erlitten mit ihren Audi R8 LMS gar einen verheerenden Totalverlust und auch von der Liga der ganz schnellen Porsche kam beim 24h-Rennen keiner durch. Hauptsache also, dass keiner verletzt wurde – alles andere kann man reparieren. Und sofern sich in der Ersatzteilkiste unser Logo findet, sind wir in der VLN auch wieder mit von der Partie.

Mehr zu Smudo und Four Motors:
 Rap am Ring – Smudo und sein Bioconcept-Car

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