Mit der Einführung der Jubilé-Serie hat der Traditionshersteller Backes & Müller seiner langen und außergewöhnlichen Geschichte (siehe auch LowBeats History) das vielleicht wichtigste Kapitel hinzugefügt. Denn neben dem gewohnten – und seit vielen Jahrzehnten eingebauten – Hightech gelingt es diesen Lautsprechern auch optisch hochmodern daherzukommen. Die große Jubilé hatten wir bereits im Test, genauso die die „kleine“ iO, die natürlich wegen des hohen Anspruchs gar nicht so klein ausfallen konnte. Und es gibt die mittlere Backes & Müller Neo, die – man hätte es fast ahnen können – unterm Strich (wenn man auch auf den Preis schaut) die Beste der dreiköpfigen Familie ist.

Das Besondere an der Backes & Müller Jubilé Neo
Natürlich nicht innerhalb der Jubilé-Familie: Aber gemessen an der Mehrheit der anderen Lautsprecher am Weltmarkt, hat die Neo jede Menge Besonderheiten. Als da wären: Die aktive Gegenkopplung der Bässe, die stets für eine außergewöhnliche Präzision sorgt. Und die sogenannte „FIRTEC“-Technologie, die dank kraftvoller DSPs stets eine absolute Phasen-Kohärenz der Treiber ermöglicht (übrigens auch bei absurden Equalizer-Einstellungen); die punktgenaue Abbildung bleibt immer erhalten. Und nicht zuletzt die Zylinderwellen-Abstrahlung, die Decken- und Boden-Reflexionen stark minimiert und den Schall vergleichsweise weit tragen kann: Die Neo spielt auch in größeren Räumen mit größeren Hörabständen ganz fantastisch.
Zu den Hardfacts: Die Jubilé Neo ist eine knapp 1,20 Meter hohe Standbox mit einem 30 Zentimeter Bass auf der Innenseite, der auf ein geschlossenes Gehäuse hinarbeitet. B&M-Chef Johannes Siegler verzichtet auf die Bass-unterstützende Kraft des Reflex-Gehäuses, weil die aktive Gegenkopplung bei geschlossenem Volumen weit besser funktioniert. Hinzu kommen vier 15 Tiefmitteltöner (im 15-Zentimeter-Format) plus Hochton-Ringradiator mit Fraunhoferhorn auf der Front. Die Tiefmitteltöner und das trickreichen Hochtonhorn ergeben einen Linienstrahler, der wiederum eine saubere Zylinderwelle erzeugt.

Mit der Idee der Zylinderwelle arbeiten viele Entwickler, doch die Sache ist durchaus herausfordernd. Das Problem liegt meist in dem Übergang zwischen vielen, stark bündelnden Konus-Mitteltönern und einem vergleichsweise breit abstrahlenden Hochtonbereich. Da kommt es zu Energiebrüchen. Das patentierte B&M-Horn setzt – zumindest im Falle der Neo und der Jubilé – ganz exakt an den etwas engeren Mittenbereich an; der etwas unscharfe Übergangsbereich ist bei diesen beiden Modellen minimal und – behaupte ich – unhörbar.

Fast noch wichtiger aber ist die digitale Phasenkorrektur. Wie auch bei ihren Geschwistern garantiert auch bei der Neo ein DSP für eine perfekte Kohärenz aller Treiber untereinander. Eine kluge Software sorgt für ein immer-währendes Abbildungs-Ideal, selbst, wenn der Nutzer wie wild an den Frequenz-Filtern spielt. Natürlich lässt sich so ein Konzept nur aktiv umsetzen: Neben den DSPs arbeiten deshalb auch drei Endstufen (mit insgesamt 800 Watt Leistung) auf der kühlenden Metallrückseite der Neo.
Aufgebaut ist die Neo Backes-typisch hochsolide. Präziser ausgedrückt: Die Seitenwände und alle Verstrebungen sind aus MDF, die Front aus Aluminium plus MDF und der Rücken aus Stahl. Und alle Stellen, die auch nur im Ansatz vielleicht ein bisschen vibrieren könnten, sind mit Antidröhnmatten aus der Auto-Industrie ruhiggestellt. Ein bewährtes Konzept, das schon beim Draufklopfen erahnen lässt, dass hier eine sehr hohe Wiedergabe-Präzision angestrebt wird.

Das ganze Gebilde ruht auf Metallkufen; ein kluger Design-Schachzug, der die Neo nicht nur sicherer stehen lässt, sondern ihr auch ein etwas „leichteres“ Äußeres verleiht.

Fast alles entsteht bei Backes & Müller in Saarbrücken in Handarbeit. Dazu gehören auch die hochbelastbaren Kalotten-Mitteltöner, die man – ungewöhnlich – sogar in Wunschfarbe haben kann. Siegler: „Die Kalotten bestehen aus einer Aluminium-Legierung, die wir fast beliebig einfärben können; Gehäuse und Mitteltöner können somit (wie bei unserem Testmodell) Ton in Ton sein.“ Individualisierung ist ja heute ein wesentliches Verkaufs-Kriterium…
Praxis
Aktiv und präzise anpassbar: Was das technische und akustische Handling angeht, sind die Backes-Modelle den meisten Lautsprechern am Markt weit überlegen. Der Hörer kann die akustischen Nachteile einer ungünstigen Aufstellung genauso ausgleichen wie etwa unterschiedlichen Distanzen zur linken und rechten Box („Distance Shift“-Option). Und sollte die Jubilé an dieser oder jener Stelle im Frequenzbereich im Hörraum zu viel oder zu wenig Pegel bringen, lässt sich dies bis aufs Zehntel-Dezibel nachregeln.
Diese Fein-Justage passiert über das externe PPG-Modul der Saarländer. Dahinter verbirgt sich ein kleines Kästchen mit Display und Drück-/Dreh-Regler, mit dem jede Menge Filter mit Güte und Pegel eingestellt werden können. Dieses Kästchen zu erwerben oder auszuleihen. Das Ausleihen macht aber sicherlich sehr viel mehr Sinn.

Für Hörer, die es noch genauer haben wollen, bietet Backes auch ein von Johannes Siegler selbst geschriebenes Einmess-Programm an. Gegen Aufpreis kommt dann ein B&M-Profi und ermittelt mit Hilfe des Programms und verschieden aufgenommener Mikrofon-Positionen eine optimale Wiedergabe-Kurve. Diese Kurve wird – wie auch die mit dem PPG gesetzten EQ-Filter – im DSP des Neo abgelegt und kann jederzeit wieder überschrieben werden. Noch so ein Vorteil der aktiv-entzerrten Backes-Modelle: Zieht man in eine andere Wohnung mit veränderter Akustik, ist es nicht erdorderlich, den Lautsprecher wechseln, sondern nur die Filter anpassen…
Meine Erfahrung mit Backes-Schallwandlern ist relativ hoch, weshalb ich die Einmessung der Neo selbst vornehmen konnte. Ich wusste, was zu tun ist und war nach knapp einer Viertelstunde der Anpassung fertig. Und dieses Mal hatte ich auch eine Kurve für die Aufstellung direkt an der Rückseite abgelegt. Spannend, wie gut sich die Neo trotz dieser Einschränkung anhörte. Ein Punkt, der sich bei diesen Versuchen noch einmal herauskristallisierte: Auch eine Neo klingt besser, wenn man ihr nicht allzu dicht auf die Pelle rückt. Ein Abstand ab 3 Meter ist perfekt.

Fragt man Johannes Siegler nach der optimalen Ansteuerung seiner Neo, verweist er reflexartig auf die hauseigene EasyLink DigitalConnection, eine dünne Digitalverbindung, die problemlos auch HiRes übeträgt. Der Vorteil: Man bleibt mit ihr komplett in der digitalen Welt. Nachteil: Das EasyLink setzt die ICE500-Vorstufe der Saarländer voraus. Und nicht jeder hat die 9.000 Euro für die Vorstufe übrig. Deshalb kann man die Jublié natürlich auch klassisch per Vorstufe über XLR-Kabel ansteuern; dann wird das Signal halt erst hinter dem Eingang der Neo digitalisiert.
Wie für LowBeats üblich, haben wir auch die Neo gründlich durchgemessen. Und da zeigten sich erfreulich wenig Verzerrungen:
Die Neo hat eine Schutzschaltung, die sie vor Zerstörung bewahrt – aber auch einen maximalen Dauer-Schalldruck von über 110 Dezibel verhindert. Das ist trotzdem noch brutal laut und kurzfristig steht natürlich sehr viel mehr Pegel-Headroom zur Verfügung.
Hörtest
Die Modelle der neuen Jubilé-Reihe sind zwar optisch ein ganz anderer Schlag als die etwas burschikosen Vorgänger-Modelle, klanglich aber sind sie sich vom Charakter her ähnlich geblieben. Backes steht immer für ein Höchstmaß an Lebendigkeit und Attacke und – wegen der trickreichen digitalen Entzerrung – auch für eine phänomenale Räumlichkeit.
Zugegeben: Die kernige Herangehensweise ist nichts für Freunde von kleinen, audiophilen Monitoren, mit denen sich trefflichst Singer-Songweiter Aufnahmen aus dem Haus Stockfisch hören lassen. Dank der vielseitigen Einstellungsmöglichkeiten wäre es vielleicht sogar möglich, eine Neo wie eine große Rogers klingen zu lassen. Aber warum sollte man das tun? Das, was die Jubilé-Modelle können, bläst einen um und bringt eine unglaublich erlebnisreiche Freude in die Wiedergabe – selbst bei eher ruhigen Stücken
Beispiel Taniah Saleh „Inta Ma Shi“ (audiophiles Album der Woche „Fragile“). Unter der Stimme der Künstlerin, welche die Neo besonders kunstvoll und präzise darstellte, liegt ein fetter, elektronischer Bass, der eigentlich schwammig dahinwabern möchte. Aber nichts da: Der gegengekoppelte Tieftöner der Neo packte ihn fest an; jede Nuance, jede leichte Phasendrehung war zu hören. Grandios!

Es gibt Musik, für die ist die Neo noch eher gemacht: nämlich jede Art von gut aufgenommener Live-Musik. Bei John McLaughlings neueste Aufnahme „Live At Montreaux Jazz Festival“ klingt schon der Applaus zu Beginn des Konzerts vielversprechend. Was dann folgt, ist ein dynamisches Feuerwerk.

Und hier ist die Neo voll in ihrem Element: Die Genauigkeit der Piano-Anschläge, die Härte der Snare-Drum-Schläge, die Deftigkeit und Härte, mit der die Bassdrum-Tritte in die Magengrube fahren. Oder wenn sich McLaughlin ein Gitarren-Duell mit dem Schlagzeug liefert – das hat alles so viel Kraft und natürliche Genauigkeit: Selbst bei hohen Lautstärken und in Passagen, in denen es hoch komplex wird, weil alle im Stakkato zusammenspielen, zeigt die Neo eine fast schon spielerische Mühelosigkeit beim Aufdröseln der Details. Das ist so mitreißend, da wippt der Fuß permanent…
Vor allem aber schafft sie eine atemberaubende Räumlichkeit und Abbildung. Hat man sie perfekt ein- und aufgestellt und sitzt man dann auch noch optimal, dann zaubert die Neo die Illusion einer wahrhaftigen Bühne mit lebendigen Musikern und fast greifbar anmutenden Instrumenten vor die Nase der Zuhörer. Ich habe diesen Punkt schon bei Jubilé und iO gelobt und beim Hören der Neo fiel mir wieder auf, was mir beim Hören der meisten anderen Lautsprechern fehlt: diese holografische Darstellung, in denen einzelne Instrumente so scharf umrissen sind. Das zelebrieren die Backes-Modelle wie nur ganz wenige andere Lautsprecher am Markt. Und das macht auch die Neo so außergewöhnlich.

Ein Vergleich der Neo mit iO und Jubilé? Den kann ich leider nur aus dem Gedächtnis heraus machen. Die Lautsprecher sind sich klanglich ausgesprochen ähnlich, auch wenn die kleine iO die Idee der Zylinderwelle nicht ganz so überzeugend umsetzen kann wie Neo oder Jubilé. Die sind vor allem dann im Vorteil, wenn der Musikhörer einen größeren Hörabstand hat.
Fazit Backes & Müller Jubilé Neo
Schon die große Jubilé als auch die kleine Jubilé iO sorgten im LowBeats Hörraum für Erstaunen und großes Hör-Vergnügen. Diese Lautsprecher können ganze Bigbands absolut naturgetreu auflaufen lassen – so dynamisch-lebendig und so genau gezeichnet, dass man meint, zwischen den Musikern umherlaufen zu können. Die kleine iO war mir tonal noch etwas lieber als die große Jubilé, die aber natürlich noch einmal eine ganz andere Dynamik in die Schale werfen kann. Die Neo bildet auch preislich die Mitte aus diesen beiden Modellen und ist so unterm Strich eigentlich das attraktivste Jubilé-Modell. Zumal sie laut unserer Messungen der großen Jubilé in Sachen Maximal-Pegel so gut wie nichts nachsteht…
Bewertung
KlangPraxisVerarbeitung |
| Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse. |
| | Extrem griffiges, präzis-feines, hochdynamisches Klangbild |
| | Hochstabile Räumlichkeit, tiefreichender Bass |
| | Weitreichende EQ-Anpassungen möglich |
| | Eher enger Sweetspot, aber größere Hörentfernungen möglich |
Vertrieb:
Backes & Müller GmbH
Altenkesseler Str. 17/D1
66115 Saarbrücken
www.backesmüller.de
Paarpreis (Hersteller-Empfehlung):
Backes & Müller Jubilé Neo: 35.000 Euro
Backes & Müller ICE 500: 9.000 Euro
Technische Daten
| Backes & Müller JUBILÉ iO | |
|---|---|
| Konzept: | 3-Wege Aktiv-Standbox, geschlossen, entzerrt |
| Bestückung: | HT: 1 x Ringradiator mit Alu-Waveguide, MT: 4 x 15 cm, TT: 1 x 30 cm (DMC-Membranregelung) |
| Leistung: | 800 Watt |
| Max.-Pegel (Dauer/ kurzfristig): | 110 / 122 dB |
| Besonderheiten: | Zylinderwellen-Abstrahlung, DMC-Gegenkopplung, FIRTEC-Signalprocessing, optional B&M-PPG verfügbar |
| Anschlüsse: | Analog-IN-XLR-symmetrisch, BM EasyLink Digital Connection, alternativ XLR-AES-Fullscale IN |
| Abmessungen (B x H x T): | 20,0 x 117,0 x 52,2 cm |
| Gewicht: | 46,2 Kilo |
| Alle technischen Daten | |
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