Test Standbox Bauer Audio LS 3.0: Wo verläuft hier der Mainstream?

Warum ein Plattenspieler-Konstrukteur Boxen baut, warum die impulskorrigierte Anordnung der Tief­töner überlegen ist und was die Bauer Audio LS 3.0 mit der BBC-Ikone LS 3/5a zu tun hat?

Zumindest die letzte Frage ist schnell beantwortet: Nichts. Oder fast nichts. Vielleicht könnte man unterstellen, dass die beiden Macher hinter dem Projekt, Joachim Gerhard und Willibald Bauer, ein besonderes Faible für diesen ursprünglich als Rund­funk-Monitor für die britische BBC entwickelten Kompakt­lautsprecher haben.

Die LS 3/5a – das wissen auch eingefleischte Fans – mogelt an einigen Stellen. Und doch begeistert sie aus dem Stand heraus mit größter Natürlichkeit und macht mit dem ersten Ton klar, warum es einen Sinn ergibt, sich mit gutem HiFi auseinanderzusetzen.

Willi Bauer, der eigentliche Initiator des LS 3.0-Projekts, ist HiFi-Ladenbesitzer und Plattenspieler-Konstrukteur (dps). Joachim Gerhard, der einst Audio Physic gegründet und bekannt gemacht hat, forscht heute genauso an Hochwirkungsgrad-Breitbändern wie an smarten Onwall-Lösungen und ist einer der versiertesten Lautsprecher-Entwickler weltweit. Beide sind auf ihre Art knochige Querdenker mit sehr eigenen Vorstellungen, viel Sachverstand und exzellentem Gehör. Schon allein der Umstand, dass sie zusammenarbeiten, weckte meine Neugier. Aber an einer Lautsprecherbox?

Was das denn solle, habe ich Bauer gefragt. Es gibt doch wahrlich genug Lautsprecher am Markt. Kann ein Plattenspielerhersteller nicht einfach das tun, was ich von ihm erwarte? Musste jetzt die tausendste Standbox dieser Preisklasse wirklich sein?

Bauer zog die Augenbraue hoch; in seiner Gegenfrage lag etwas Lauerndes: „Und diese tausend Mainstream-Lautsprecher findest du wirklich gut?“ „Och, nicht alle“, antwortete ich. „Aber die B&W 804 Diamond, die Revel Performa F 208, die PMC Twenty 26, die Dynaudio Focus 380, die ATC SCM 40 …“

Sein Blick bedeutete mir, dass ich bereits bis zur Halskrause im Fettnapf stünde und jede weitere Aufzählung die Sache nicht besser machen würde. „Mich langweilt fast alles, was gerade populär ist“, grummelte er. „Ich vermisse den Drive der 80er und 90er Jahre. Ich möchte Boxen, mit denen ich auch Klassik hören kann, ohne dass es unerträglich wird. Und ich möchte Lautsprecher, die mir die Struckturen im Jazz präzise wiedergeben.

Ich bin noch nicht alt genug, um mich mit High End zufrieden zu geben, das nur mit weichgespülter Musik aus dem Stockfisch- oder Chesky-Lager wirklich gut klingt. Und deshalb sind die LS 3.0 sehr wohl nötig.“

Die Bauer Audio LS 3.0 ist aus Erfahrung gut

Die Konstruktion dieser Dreiwege-Standbox ist so etwas wie die Quintessenz aus Gerhards Schaffen. Eine so schmale Front mit Mittel- und Hochtöner sorgt in der Regel für eine Verschiebung der Beugungs- und Brechungs­effekte hin zu hohen Frequenzen und ermöglicht zudem ein gleichmäßig breites Rundstrahlverhalten des Klangs. Über einen großen Frequenzbereich arbeitet die LS 3.0 wie eine kleine Kompaktbox – also ähnlich der LS 3/5a. Nur mit einem erheblich erweiterten Bassbereich.

Das klassische Boxen-Design mit Tieftönern auf der Front hat zwei Nachteile: Die Schallwand wird wegen der Bässe recht breit und die gesamte Konstruktion ist vibrationsanfällig.

Viel eleganter ist daher die Bauweise mit zwei Seitentreibern, in diesem Fall zwei 17-Zentimeter-Subwoofer von Peerless, die in Phase arbeiten und um 180° gegeneinander versetzt montiert sind. Durch Bassimpulse entstehen immer enorme Kräfte, die das Gehäuse zu Resonanzen anregen. Bei klassischen Lautsprechern arbeiten diese Kräfte immer in eine Richtung.

Beim hier verwendeten Push-Push-Prinzip wirken die Kräfte des einen Basses den Kräften des anderen genau entgegen. Jede Auslenkung wird von dem Gegenüber impulskorrigiert – was zu einer Vibrations-Kompensation und damit zur Aufhebung vieler problematischer Resonanzen führt.

Wer es nicht glaubt, darf gern den häufig gemachten (und selten bestandenen) Versuch bemühen, eine 2-Euro-Münze auf­recht auf die Box stellen. Ich habe es ausprobiert: Selbst bei extrem hohem Pegel blieb die Münze auf der LS 3.0 stehen.

Lag die Basis-Konstruktion und Treiber-Bestückung der Bauer Audio LS 3.0 überwiegend in Gerhards Verantwortung, kam beim Gehäuse auch Bauer mit ins Spiel. Nicht nur, weil er ästhetisch eindeutige Vorstellungen hat, sondern weil er aus seiner jahrelangen Beschäftigung mit Plattenspielern eine Menge Mechanik-Erfah­rung mit einbringen konnte.

Die beiden ermittelten eine Kombination aus MDF, Span­platte und Sperrholz, die am Ende eine vorbildliche Resonanzverteilung bietet und viele Lästigkeiten aus dem Klangbild nimmt. Die Zeichnung zeigt, an welchen Stellen welche Holzart im Gehäuse verwendet wird:

Aufbau Bauer Audio LS 3.0 (Skizze: W. Bauer)
Schon im Aufbau so clever, dass stehende Wellen im Inneren kaum entstehen können: Bauer Audio LS 3.0 (Skizze: W. Bauer)

Mittel- und Hochtöner sitzen dabei in einer dreieckigen Kammer, der konstruktiv stabilsten Form. Unvermeidbare Reflexionen im Inneren des Gehäuses werden damit zeitlich gesplittet, da der akustische Weg von der Mitteltonmembrane zur Rückwand variiert.

Eine solche Bauweise kommt mit weniger Dämmmaterial aus – was in der Regel besser klingt. Der Deckel ist doppelt ausgeführt. Bei einfacheren Gehäusen strahlt dieser Gehäuseteil eine Menge Schallenergie ab, was die Ortung und die Auflösung beeinträchtigen kann.

Auch das Bassgehäuse wurde nach Gehör mehrfach versteift; es gibt – außer den Seitenwänden – keine parallelen Flächen in der LS 3.0.

Erst die Gegensätzlichkeit erbringt das Bessere

Doch die größte Herausforderung der Gerhard’schen und Bauer’schen Kooperation war zweifelsfrei die Frequenzweiche, beziehungsweise die Abstimmung der LS 3.0.

Basis war und ist eine Schaltung mit 12 Dezibel Flankensteilheit und Übergangsfrequenzen bei 240 und 2.800 Hertz.

Das klingt erst einmal banal, aber wenn man Joachim Gerhard zuhört, ahnt man, dass hier viel Gehirnschmalz eingeflossen ist. Gerhard: „Die Struktur der Weiche ist im Übergang von Bass zu Mittelton und Hochton ein akustischer Allpass 2. Ordnung nach Garde.

Dieser stellt die flachste Weiche dar, bei der alle Chassis über den gesamten Frequenzbereich in Phase sind und somit für eine horizontal und vertikal gleichmäßige Abstrahlung sorgen.

Ein weiterer Vorteil dieser Weiche ist eine Güte (Q) von nur 0,5 im Übernahmebereich (kritische Dämpfung). Dieses Verhalten ist im Transientbereich sogar besser als bei einem Besselfilter.

Auch die momentan beliebten elliptischen Filter erzeugen wesentlich mehr Phasenfehler und Energiespeicherung.“

Von der Idee der sehr flachen 12-dB-Filter ist auch Mitstreiter Bauer überzeugt. Nicht jedoch von den zahlreichen Entzerrungs- und Glättungs­gliedern, die Gerhard der Schaltung ursprünglich verordnete.

Noch in einer ersten Version (siehe hifi & records 2/2014) sollten allein drei dieser sogenannten „Saugkreise“ das Übertragungsverhalten des Mitteltöners perfektionieren.

In der jüngsten Version ist von alledem nichts mehr zu sehen. Bauer: „Wir haben das alles rausgeschmissen. Es klingt besser und misst sich immer noch perfekt, oder?“

Bauer Audio LS 3.0: Frequenzgang im LowBeats-Hörraum
Im LowBeats Hörraum gab sich die LS 3.0 messtechnisch keine Schwäche (Diagramm: LowBeats)

Da hat er Recht. Unsere Messungen belegen eine seltene Linearität und Breitbandigkeit. Und auch klanglich ist die LS 3.0 über jeden Zweifel erhaben. Selten habe ich einen Lautsprecher gehört, der – hier haben wir sie wieder – ähnlich wie eine LS 3/5a auf Anhieb so überzeugt.

Trotz der heiklen Anordnung der Tieftöner auf der Seite erscheint alles wie aus einem Guss. Da ist Fülle, da ist Auflösung, da ist Leichtigkeit. Bauers Anforderung, er wolle „auch schrägen Jazz hören können, ohne dass es einem die Ohren zersägt“, wird mit der LS 3.0 perfekt entsprochen.

Klanglich ist die Bauer Audio LS 3.0 aufregend unaufgeregt

Auf den ersten Ton wirkt sie etwas zurückhaltend, um beim zweiten Hinhören doch zu zeigen, wie hoch die Auflösung ihres Mittelhochtonbereichs ist: Vollkommen mühelos schält sie feinste Details auch aus komplexesten Passagen.

Wer gern Opern-Tenöre hört, kennt das: Man möchte zwar alles verstehen, ist aber trotzdem immer dabei, leiser zu drehen, weil es doch zu anstrengend wird. In den Testtagen mit der LS 3.0 ging es mir genau umgekehrt. Dauernd ertappte ich mich dabei, sie viel lauter zu hören, als eigentlich gut für meine Ohren ist – einfach, weil sie so angenehm unverzerrt klingt.

Dabei hatte ich eingangs etwas Sorge, den beiden 17er Tieftönern könnte wegen der sehr tiefen Abstimmung bei hohen Pegeln die Puste ausgehen. Aber nichts da! Die Pegel-Limits werden natürlich irgendwann erreicht, doch selbst bei massivem Pegel bleibt der Bass satt und kraftvoll – und es dröhnt nichts.

Wenn beim Romantic Warrior (Return To Forever) der Pianist Chick Corea wie wild in die Tasten haut, dann rummst das mächtig in den Tieftönern. Die Bauerbox steckte das klaglos weg und brachte diesen Impulse beängstigend echt – ohne dabei die Feinheiten von Al Di Meolas Gitarre oder die Obertöne von Stanley Clarkes feinem Bass-Spiel zu überdecken.

Coverbild Return To Forever - Romantic Warrior
Romantic Warrior: Große Dynamik, irrwitzige Impulse, fantastisch flirrende Gitarrensaiten: Jazzrock at its best (Cover: Amazon)

Das kann die Bauer Audio LS 3.0 tatsächlich besser als die meisten anderen Lautsprecher dieser Klasse: Sie spielt leise genauso gut wie ziemlich laut. Und noch etwas lässt mich diese schlanke Säule so ungern wieder herausgeben: Diese unfassbar plastische Abbildung. Mit geschlossenen Augen käme man nicht auf die Idee, Lautsprecher stünden im Raum, so vollständig löst sich das Klangbild von den Boxen.

Die LS 3.0 entfaltet eine Abbildung, die – hat man sie einmal erlebt – schwer zu missen ist. Genauso wie die große Natürlichkeit ihrer Stimmwiedergabe und ihre charmante Art, alles zu zeigen, dabei aber absolut dezent zu bleiben.

Beim Lautsprecher-Test hört man ja in erster Linie nicht Musik wegen der Musik, sondern um damit die Schwächen der Prüflinge herauszufiltern. Ich sage es nur ungern, muss aber bekennen, an der LS 3.0 nichts zum Herumkritteln gefunden zu haben. Ich bin immer noch perplex, nein: begeistert.

Auch, weil hier das Gesamtpaket stimmt. Die piekfeinen Gehäuse kommen vom österreichischen Akustik-Profi Hutter (www.hutter.co.at), die Frequenzweichen vom deutschen Nobel-Zulieferer Mundorf (www.mundorf.com). Und zusammengebaut werden die LS 3.0 bei Willibald Bauer in München.

Bei einem Besuch seiner kleinen Manufaktur (im Raum rechts die dps-Plattenspieler, im Raum links die Lautsprecher) konnte ich mich davon überzeugen, wie liebevoll hier alles zusammengefügt und geprüft wird. Wie viele Paar LS 3.0 er denn unter diesen Manufaktur-Bedingun­gen pro Jahr fertigstellen könne, wollte ich von ihm wissen. „Etwa 100“, antwortete er, um dann aber strahlend zu ergänzen: „Mach ich aber nicht. Ich baue nur 25 Paar im Jahr auf. Das hält die Qualität hoch und gibt den Kunden ein gutes Gefühl.“

Und dann ist sie auch noch anspruchslos

Wir haben die Bauer Audio LS 3.0 im LowBeats Hörraum an Verstärkern verschiedener Leistungsklassen gehört und sie harmonierte mit allen bestens. Aber einen so schwächlichen Verstärker wie den Lavardin IS (40 Watt pro Kanal), den Willibald Bauer selbst im Laden hat – und an dem er seine Box gern vorführt – hatten wir gar nicht zur Verfügung.

Doch selbst an diesen spärlichen 40 Watt erzeugt die LS 3.0 einen Pegel, der staunen macht. Früher hätte ein solcher Lautsprecher vielleicht einen Wirkungsgrad von 80 – 81 Dezibel (1W/1Meter) gehabt. Diese schlanke Säule kommt wenigstens auf 87 Dezibel. Schöne neue Zeiten …

Abhöranlage: Lavardin IS und Plattenspieler dps
Mit dem gerade einmal 40 Watt starken Lavardin IS bringt es die LS 3.0 auf enorme Lautstärken (Foto H. Biermann)

Fazit Bauer Audio LS 3.0: Die Jedermann-High-End-Box

Es ist irgendwie skurril, dass die beiden Mainstream-Verächter Willibald Bauer und Joachim Gerhard einen Lautsprecher erschaffen haben, der genau das ist: Mainstream, weil er nämlich absolut mehrheitsfähig ist. Ich glaube, dass diese schlanke Dreiwegebox über 90% aller anspruchsvollen HiFi-Fans perfekt zufriedenstellen würde.

Denn die LS 3.0 ist klanglich fast „komplett“, wirklich hübsch anzuschauen, erstklassig verarbeitet und mit 6.300 Euro extrem fair kalkuliert.

Schade, dass Bauer von „seiner“ LS 3.0 aus Qualitätsgründen nur 25 Paar pro Jahr herstellen will. Aber Chargen in Hunderter-Größe wären dann des Mainstreams wohl doch zu viel …

Ähnliche Beiträge:
Test Suesskind Audio Phänomen: Die Micro-Standbox
Test Kompaktbox Dynaudio Contour 20: Absolute Natürlichkeit
Test Kompaktlautsprecher Focal Sopra No1: Mit Hightech zur Weltspitze

Bauer Audio LS 3.0
2015/08
Test-Ergebnis: 4,2
SEHR GUT
Bewertung

Bewertung

Klang
Verarbeitung
Praxis

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Fantastisch ermüdungsfreier Klang
Überragende Räumlichkeit
Erstaunlich hoher Wirkungsgrad
Günstig

Vertrieb:
Bauer Audio
Pollinger Straße 4
81377 München
www.bauer-audio.com

Preis: 6.300 Euro/Paar

Galerie Bauer Audio LS 3.0

Vorwärts Zurück
Hoch- und Mitteltöner von SB Acoustics, Alu-Tieftöner von Peerless
Die Treiber: Hoch- und Mitteltöner kommen von SB Acoustics, der Alu-Tieftöner von Peerless.
Sockel Bauer Audio LS 3.0
Der abgesetzte Sockel lässt die LS 3.0 noch eleganter erscheinen.
Bauer Audio LS 3.0 Tieftöner
Die Position der 17er Tieftöner ist exakt ausgezirkelt. Seitlich können sie mehr Druck machen als auf der Front der schmalen Boxen. (Foto: H. Biermann)
Bauer Audio LS 3.0 Anschlussbuchsen von WBT
Die Anschlussbuchsen mit Kunststoff-Mantel kommen von WBT und sind klanglich überragend (Foto: H.Biermann)
Bauer Audio LS 3.0 Gehäuse von Hutter
Die Gehäuse der LS 3.0 kommen vom Akustik-Profi Hutter in der Schweiz. Die Verarbeitung ist entsprechend gut (Foto: H.Biermann)
Bauer Audio LS 3.0, leere Hutter-Gehäuse
In der Münchner Manufaktur warten die fertigen Gehäuse auf den Einbau der Technik.
Bauer Audio LS 3.0 im LowBeats-Hörraum
Die Bauer Audio LS 3.0 im LowBeats Hörraum vor der großen Leinwand.
Vorwärts Zurück