Test: Bose SoundTouch 10 im Multi-Room-System

Bose SoundTouch 10: Synchron mit Spotify und Deezer

Eigenwillig fand ich auch Folgendes: Wenn ich ein Gerät bei synchronem Betrieb mehrerer Zonen mit der Standby-Taste auf der Oberseite ausschaltete, gingen beide Bose SoundTouch 1o in den Ruhezustand. Schaltete ich eines an, spielt nur das eine an der Stelle weiter, wo es aufgehört hat.

Wenn ich anschließend das zweite anschaltete, spielt es den gleichen Titel aus dem Musikarchiv ebenso ab der Stelle weiter, an der es unterbrochen wurde. Konsequenz: Die Musik läuft nicht mehr synchron, obwohl die Funktion laut Farbe des Buttons in der App aktiv sein müsste. Erneutes Drücken stellt aber nach wenigen Sekunden eine perfekte Synchronwiedergabe her.

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Bose SoundTouch App Screenshot 2
Mit Deezer und Spotify sind zwei beliebte Online-Musik-Dienste an Bord. Außerdem greift die SoundTouch App auf das Musikarchiv des Benutzers zu (Foto: S. Schickedanz)
App Screenshot 3
Tipps führen durch die Installation und begleiten die ersten Schritte mit der SoundTouch App. Trotzdem bleiben ein paar Fragen offen, die stellenweise auch mal zu Verwirrung führen können (Foto: S. Schickedanz)
App Screenshot 4
Die SoundTouch App kann zwar via Bluetooth streamen, das WLAN muss aber trotzdem an sein, sonst gibt es beim Start eine Fehlermeldung und nichts geht. (Foto: S. Schickedanz)
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Toll finde ich die Idee mit den Favoriten-Tasten. Als ich von Taste 2, wo ich zum Ausprobieren den neuen Bond-Titelsong von Sam Smith hinterlegt hatte, mitten in der Wiedergabe auf Taste 1 mit meinem Lieblingssender und anschließend wieder zurück wechselte, sang Smith genau von der Stelle weiter, wo er aufgehört hatte.

Die Bedienung mehrerer Zonen sowie das Abrufen unterschiedlicher Inhalte sind in der übersichtlichen SoundTouch App toll gelöst. Auch die Unterstützung von NAS (Network Attached Storage) Netzwerk-Festplatten, ist gewährleistet.

Das Scrollen in der App läuft schnell und stabil, die Suchfunktion ist allerdings nicht perfekt und eine Buchstabenliste zum schnellen Springen gibt es nicht.

Außerdem funktionieren anders als beim Apple-Musik-Player die seitlichen Lautstärketasten am iPhone nur mit aktiver App auf dem Bildschirm – und dann nur sehr träge. Richtig gut löste Bose dagegen die Integration von Internetradio, das gut klingt und unter anderem nach lokalen Stationen vorsortiert ist.

Tastenfeld
Die Favoriten-Tasten speichern Lieblings-Sender und Lieblings-Alben oder -Titel auf Knopfdruck. (Foto: S. Schickedanz)

Das Beste ist jedoch der Klang: So was von Boogie-Faktor habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Den Effekt musst Du Dir in etwa wie bei einem Röhrenverstärker oder bei einer der legendären Gitarrenverstärker von Marshall vorstellen. Da geht es auch nicht um die besten Frequenzgänge oder den niedrigsten Klirr. Die Dinger reißen Dich einfach mit. Während des Schreibens dieser Zeilen wurde ich mehrfach durch Headbanging, Luftgitarre oder Gänsehaut unterbrochen.

In solchen Momenten zweifelt man an allem: An der eigenen Wahrnehmung, an der gängigen Meinung über HiFi und an seiner eigenen Zurechnungsfähigkeit, die dazu führte, den Gegenwert eines Autos in drei Türmchen Technik und zwei sperrige Boxen zu investieren – um dann noch einen Akt vollführen zu müssen, wenn man mal einen Song vom Rechner oder dem iPhone hören möchte …

(Foto: S. Schickedanz)
(Foto: S. Schickedanz)

Keine Ahnung, wie die Entwickler das hingekriegt haben. Bose macht ja immer um alles eine riesige Geheimniskrämerei, die Rede ist lediglich von einem Unidome-Schallwandler.

Das ganze Ding hat auf jeden Fall nur einen Breitbänder, der selbstredend mächtig Hub macht und dank strömungsoptimierter rückseitiger Bassreflex-Öffnung – sie schaut aus wie das Horn einer PA – erstaunlich tief hinunter kommt. Noch verblüffender finde ich die Sauberkeit und Attacke, die der Lautsprecher im Format einer Schachtel Spiralnudeln sogar noch im Bass ermöglicht.

Die Höhen sind Bose-typisch mild, aber keinesfalls verhangen. Die Mitten ermöglichen eine sehr authentische Stimmwiedergabe. Sie reichen damit dank ihrer Sauberkeit und Auflösung sogar vollkommen aus, um Pavarotti oder anderen Stars der Klassik mit Wonne zu lauschen. Und sie besitzen jenen Schuss Magie, über deren technische Grundlagen ein anderer Hersteller ganze Stapel von White Papers füllen würde und Bose wieder mal keinen Satz verliert.

Der Hörtest

Ich tippe mal auf psychoakustische Tricks, denn was ich gerade höre, ist eigentlich unter diesen technischen Voraussetzungen unmöglich. Das Bose SoundTouch 10 klingt so stimmig, schnell und unmittelbar. Trotz großem Hörabstand und großem Wohn-Ess-Bereich erscheint der Klang voll – ohne die Brummigkeit, die das erste SoundTouch 30 bei gehobener Lautstärke einbremste – und wirkt dabei viel näher als es wirklich am Hörplatz steht. Selbst mit einer Hand breit Wandabstand grummelt das SoundTouch 10 weniger als viele Bluetooth-Büchsen seiner Art. Gleichzeitig macht es selbst völlig freistehend – wie in meiner Improvisation auf einem Barhocker – noch einen richtig satten Bass.

Vor allem kann man mit ihm zwischen Bass Drum und dem Rest der Schießbude verblüffend gut differenzieren. Ebenfalls überzeugend ist die tonale Balance und das Timing, das Verhältnis zwischen dem Trommelfell und der tieffrequenten Druckwelle aus dem Resonanzkörper der Drum wirkt wie in echt – nur eben maßstabsgetreu verkleinert, so wie die gesamte Bühne. Weiter oben begeistert das Bose SoundTouch 10 mit authentischen Gitarrensounds, die die richtige Balance zwischen Saiten und Korpus aufweisen. Auch die Attacke stimmt über den gesamten Bereich und die Kompression bei lauten Impulsen ist weit geringer als in dieser Klasse üblich.

Sowohl die akustische Gitarre von Johnny Cash (American V) als auch elektrische Gitarren wie in der Live-Version von „Money“ (Roger Waters In The Flesh) gingen mir die vergangenen Tage stets unter die Haut. Erstere wirkte sehr filigran und natürlich, letztere so richtig schön dirty, dabei differenziert wie über eine gute Stereo-Anlage. Applaus klang sogar echter als über manche Anlage – sicherlich ein Verdienst des Breitbänders, dem Timing und Zusammenhalt gewissermaßen in die Wiege gelegt wurde.

Du kannst das Bose SoundTouch 10 fast überall hinstellen und sogar drum herum laufen, ohne dass es gravierende Einflüsse auf den Klang hätte; ein wichtiger Praxis-Faktor, mit dem gerade teure Anlagen nicht dienen können. Die Ankopplung der Klänge an den Raum gelingt überzeugend, der Sound füllt sogar große Räume ohne nach kleiner Kiste zu klingen.

Frequenzgangsdiagramm Bose SoundTouch 10
Das Bose SoundTouch 10 zeigt frei im Wohnraum aufgestellt einen ausgewogenen, recht breitbandigen Frequenzgang. (Diagramm: S. Schickedanz)

Hätte nie gedacht, dass ich noch mal freiwillig einen so langen Hörtest verfassen würde – noch dazu über einen so kleinen Lautsprecher. Bevor Sie mich jetzt für verrückt erklären, höre ich lieber mal auf und überlasse es Ihnen selbst, den Check zu machen.

Allerdings sollte man dem SoundTouch 10 ein, zwei Tage Einspielzeit gönnen, damit es die beschriebene Performance bis in jeden Winkel der Musik umsetzen kann. Mit Bluetooth aus dem iPhone Music-Player klang es übrigens noch offener und dynamischer als mit der Bose App übers Netzwerk.

Fazit

Für 200 Euro kenne ich derzeit nichts Besseres. Der preislich vergleichbare Harman/Kardon Omni 10 klingt zwar ebenfalls sehr ausgewogen. Er löst außerdem, gerade bei der alternativ möglichen direkten AirPlay-Zuspielung ohne Netzwerk-Einbindung, vom Tablet oder Smartphone mit seinem Zwei-Wege-System über WLAN statt über Bluetooth die Höhen noch besser auf als die Bose-Box.

Doch der Omni 10 klingt im Vergleich fast zu steril; er bringt einfach nicht jenen Boogie-Faktor, den der Bose mit seiner großen Lebendigkeit und dem differenzierten Bass erzeugt. Außerdem ist das Bose-Konzept mit der Fernbedienung, die sogar die Lautstärke am iPhone mitregelt und Skippen ermöglicht, während sich das iPhone außer Reichweite befindet, derzeit konzeptionell insgesamt am überzeugendsten. Und es bietet Spotify.

Einzige Kritikpunkte sind die nicht gerade selbsterklärenden Leuchtsignale über diverse LEDs am Gerät sowie letzte kleine Funktions-Lücken im ansonsten sehr ausgereiften Konzept. Erweitern lässt sich das SoundTouch 10 übrigens durch das SoundTouch 20 oder SoundTouch 30 und sogar viele andere Bose-Produkte wie Soundbars lassen sich neuerdings ähnlich wie bei Yamaha MusicCast ins Heimnetzwerk integrieren.

Wenn noch irgendwann im Zuge eines Softwareupdates die Stereo-Wiedergabe über zwei kanalgetrennte SoundTouch 10 an Bord kommt (Harman und Sonos beherrschen das bereits), wird das System nicht nur zur Bedrohung für einfache Stereo-Anlagen, sondern auch für den Branchen-Primus Sonos.

Doch obwohl das SoundTouch 10 klanglich bereits Kreise um die Sonos Play: 1 zieht und in der Funktionalität ein ganzes Stück aufgeholt hat, bleibt der Markführer durch seine Flexibilität zum Aufbau extrem klangstarker Stereo-Systeme und zur Integration bestehender HiFi-Anlagen zumindest für einen kleinen Kreis besonders anspruchsvoller Nutzer weiter vorne. Zumal er mit dem neuen Sonos Play:5 eine in diesem Segment neue Raumeinmessung einführt.

Für alle anderen baut Bose derzeit die praktischste und für ihren Preis klangstärkste Lösung.

Bose SoundTouch 10
2015/10
Test-Ergebnis: 4,7
ÜBERRAGEND
Bewertung
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Extrem musikalische Abstimmung, raumfüllender, satter Klang mit differenziertem Bass
Kann über Klinke, Bluetooth und WLAN Musik machen
App und Fernbedienung, optimaler Bluetooth-Betrieb mit Rückkanal zum Smartphone
Mehr-Zonen-Bedienkonzept an einigen Stellen noch nicht 100% ausgereift

Vertrieb:
Bose GmbH
www.bose.de

Preis (Hersteller-Empfehlung):
Bose SoundTouch 10: 200 Euro

Weitere WLAN Lautsprecher:

Test Sonos-Play:5 mit neuer Trueplay-Einmessung
Test WLAN-Lautsprecher Harman/Kardon Omni 20

Mehr zur Bose SoundTouch Serie:

Test Bluetooth-Box Bose SoundTouch Mini II
Bose Lifestyle 650 und 600, Bose SoundTouch 300
Test Soundbar Bose SoundTouch 300

Autor: Stefan Schickedanz

Schneller testet keiner. Deutschlands einziger HiFi-Redakteur mit Rennfahrer-Genen betreut bei LowBeats den Bereich HiFi im Auto sowie die Themengebiete Mobile- und Smart-Audio.