Canor CD 1.10 mit Fernbedienung
Ein CD-Player ganz alter Schule: mit viel und edelstem Material, Röhrenstufe und fast analogem Klang. Der Canor CD 1.10 (Preis: 5.000 Euro) hat uns verzaubert (Foto: Canor Audio)

Test Canor CD 1.10: CD-Player mit feinem Röhren-Sound

Ein Geheimtipp ist kein Geheimtipp mehr, wenn man ihn ausplaudert. Doch wir rufen ihn sogar laut aus – hier ist einer der besten CD-Player, den wir bislang gehört haben. Der Canor CD 1.10 stammt aus einer feinen Manufaktur in der Slowakei, von der man noch einiges hören wird…

Die Weltkarte des High-Ends ist leider ungerecht aufgeteilt. Es gibt die Beherrscher und die Nebenlinien. Unter den Mächtigen rangieren natürlich die Amerikaner, dann kommen die Mitteleuropäer, die Japaner erheben noch das Wort. Danach wird es dunkel und leise. Aber vielleicht liegt es auch nur an unserer Wahrnehmung. Für viele High-End-Fans existiert die Welt östlich von Berlin nicht.

Völlig zu Unrecht. Ziemlich viele HiFi-Innovationen kommen derzeit aus Polen, aus dem Baltikum und – wie unser Überraschung-Coup-Testgerät – aus der Slowakei. Konkret aus der kleinen Stadt Presov. Kennt man nicht. Dabei ist das eine Metropole in der Ostslowakei. Rund 90 000 Menschen leben hier. Vor den Toren der Stadt hat Canor ein stattliches Firmengebäude errichtet. Das ist keine kleine Bude, sondern eine Instanz. Alles entsteht auf eigenen Fertigungsstraßen. Besonders stolz ist man auf die hauseigene Hochtechnologie beim Verknüpfen von Leiterbahnen. Hier gibt es nur Elektronik und nur Stereo-Boliden. Das Design ist wuchtig, jedes Familienmitglied prahlt mit einem mächtigen Drehknopf in der Mitte.

Canor CD 1.10 Bedienknopf
Über den massiven Drehknopf werden die wichtigsten Laufwerksfunktionen des CD-Players angesprochen: Play, Stop, Skip (Foto: H. Biermann)

Der Aufbau des Canor CD 1.10

Den CD-Player 1.10 wollten wir unbedingt haben. Er lief schon auf einigen Messen bei den Demos der FinkTeam Borg. Das war kein kleiner Auftritt, sondern ein Ausrufezeichen. Jetzt haben wir keine Lust, wieder die Grundsatzdiskussion auszubreiten: Wer braucht in High-Res-Streaming-Zeiten noch einen CD-Player? Die Frage beantwortet sich von selbst. Denn es gibt halt Milliarden Silberscheiben in den Sammlungen der HiFi-Freunde. Wegschmeißen wäre schade. Also auslesen. Was ist als Maximum möglich? Canor will das Absolute dem Bit-Code entreißen. Schon der äußere Auftritt verkündet diesen Anspruch. Massiv die Frontplatte, stark das gesamte Gehäuse. Der Canor CD 1.10 ist riesig (Abmessungen: 43,5 x 17,0  x 42,0 cm) – 15 Kilogramm High End stehen vor uns.

Canor CD 1.10 Trafo
Der Trafo stünde auch einem größeren Verstärker gut zu Gesicht. Kein Wunder, dass der gesamte Player 15 Kilo wiegt (Foto: H. Biermann)

Wo ist die Schublade? Man ist zunächst verwirrt. Erst der Tipp auf den „Open“-Knopf löst das Rätsel – die Canor-Designer haben die Schublade perfekt passgenau hinter einer schwarz-spiegelnden Front versteckt. Mechanisch ist das ein Fest. Als mittlerer Hersteller wäre man dumm, würde man ein CD-Laufwerk selbst entwickeln.

Canor CD 1.10 CD-Lade
Die Führung der Lade ist durch stabile Metallstangen verstärkt (Foto: H. Biermann)

So hat Canor in den Fundus des Bestehenden geschaut und bei Stream Unlimited zugegriffen. Für das Poesiealbum – das Laufwerk des Canor CD 1.10 hört auf den Namen JPL-2800-DMJ. Das ist die Edelkost, rein geschaffen für bestes Audio. Canor wertet die Basiskonstruktion auf – die Slowaken flankieren den Kunststoff links und rechts mit massiven Zugstangen aus Vollmetall. Das macht Eindruck.

Canor CD 1.10 Laufwerk
Das Laufwerk kommt von Stream Unlimited und ist a.) gekapselt und b.) vom Untergrund angekoppelt (Foto: H. Biermann)

Der nächste Hingucker liegt rechts auf der Frontplatte: ein übergroßes Display mit einer Punkt-Matrix. Das schreit einem regelrecht die Informationen und Laufzeiten der CD entgegen. Wer dies nicht aushält: Die Pixel können in mehreren Schritten gedämmt werden, bis hin zur kompletten Abschaltung.

Canor CD 1.10 Anzeige
Großflächige Schrift mit Einzel-LED-Anzeige (Foto: H. Biermann)

Schauen wir hinein – und staunen. Denn hier glimmt es. Canor huldigt dem Röhrenkult. In der Ausgangsstufe liegen zwei 12AX7 und abermals zwei 6922. Selbst der schöne, große Transformator für die Stromversorgung wird von einer 6CA4-Röhre flankiert. Hier meint es jemand erst. Die Röhre ist heilig und wird umfassend angebetet. Canor kauft bei den Russen ein – klar ist die Aufschrift von Electro-Harmonix zu erkennen.

Canor CD 1.10 Mundorf Caps
Der Röhren sind verantwortlich für den schönen Röhren-Sound. Die hier eingesetzten Harmonix Röhren werden bei Sovtek in Russland hergestellt (Foto: H. Biermann)

Aber auch die Deutschen sind vertreten. In Form von mächtigen Zinnfolienkondensatoren von Mundorf. Das sieht extrem wertig und vertrauenserweckend aus. Ah – und da ist auch der Chip, der für die Wandlung verantwortlich ist. Der bewährte PCM1792 von Texas Instruments verrichtet hier seinen Dienst. Von 16 Bit bis 24 Bit kann jeder PCM-Stream entgegengenommen werden.

Mundorf Caps
Die Kondensatoren kommen vom deutschen Edel-Zulieferer Mundorf (Foto: H. Biermann)

Bei Canor wird das CD-Signal auf 24 Bit gepusht, bei 192 Kilohertz. Das ist ein Power-Chip, der noch mehr kann – auch DSD gehört in seinen Möglichkeiten. Da wäre Canor schlichtweg dumm, würde man diese Kraft nicht ausbeuten. So gibt es im Rücken gleich zwei optische-koaxiale Zugänge, plus einen USB-Port. DSD kann nur hier zugefüttert werden, bis zu DSD256 hinauf.

Anschluss
Nicht viel los auf der riesigen Rückwand: 3 x digital IN, 2 x digital OUT plus die analogen Ausgänge. Schön dabei: Sie sind auch symmetrisch (XLR) ausgeführt, was bei größeren Kabellängen immer von Vorteil ist (Foto: H. Biermann)

Hörtest

Gehen wir einen Moment in uns. Die CD ist eigentlich verstorben, aber es gibt halt so viele davon. In meiner Wohnung lebt eine Festplatte. Auf die habe ich alle CDs gerippt. Die Silberscheiben selbst wurden in den Keller verbannt. Deswegen musste ich für die Vorbereitung dieses Tests einige Stufen in die Tiefe steigen. Und vor den Regalen nachdenken: Womit kann ich einem solchen Player besonders gut auf den Zahn fühlen?

Wie wäre es mit Tom Waits und seiner großartigen Ballade „Tom Traubert’s Blues“ aus dem Album Small Change? So eine Musik müsste verboten werden. Da geht das Herz auf. Und mittendrin, wenn wir uns geöffnet haben, trifft uns die Melancholie. Der Mix ist eigentlich ganz einfach. Ein Orchester im Hintergrund, alles wirkt sanft. Doch Tom Waits hört sich an, als hätte er schon die zweite Flasche seines Lieblings-Whiskys gelehrt. Rod Steward versuchte sich als Verfolger und hat den Song auch eingespielt, nicht gut. Tom Waits bleibt der Maßstab. Wir wollen überwältigt werden.

Tom Waits Small Change Cover
Musik, die wie für diesen CD-Player gemacht ist: Tom Waits Small Change (Foto: Amazon)

Der Canor spielte das, als wäre es eine gepflegte Vinyl-Scheibe – viel Herz, viel Schmerz, viele Informationen. Allein dieser satte Bass aus den Kontrabässen und Celli. Dann die Stimme aus der Mitte der Achse – das war die ganz große audiophile Show. Hier muss ich mich verneigen – und der Silberscheibe doch noch einmal eine Lebensberechtigung zugestehen. Es kommt halt auf das Können des Tonmeisters an.

Ich lege noch ein wenig Klassik auf. Es gibt keine Aufnahme von Puccinis Tosca, die mehr beklatscht wurde, als die Version von Karajan aus den frühen 60er Jahren. Die Decca bot alles auf, was sich für Geld kaufen ließ. Die legendären Sophiensäle wurden angemietet und die Wiener Philharmoniker angekarrt. Hier strahlt Pracht und Blut. Karajan at his best – jede Note ist mit Energie aufgeladen.

Aber wir hören auch: Die CD ist gut. Doch nicht ultimativ. Eine frühe LP-Pressung bringt mehr Leidenschaft an die Membranen des Abhör-Lautsprechers im LowBeats Hörraum. Das Fest wird komplett beim Download mit 24 Bit und 96 Kilohertz und dem Abspielen über den Wandler des Canor CD 1.10. Da ist die CD nur Dritter…

im LowBeats Hörraum
Neulich im kleinen LowBeats Hörraum: In Concert: Canor CD 1.10, Atoll IN 400 SE, Buchardt Audio S400 (Foto: H. Biermann)

Tim Fischer ist ein Geheimtipp. Seine Aufnahmen gibt es nicht im High-Res-Stream. Alles liefert er live oder per CD. Sein neuestes Album heißt Zeitlos. Laute Empfehlung. Der Meister singt, im Hintergrund agiert ein Quartett mit Klavier, Schlagzeug, Bass und Gitarre. Alles sehr direkt aufgenommen. Das bereitet Freude.

Ein CD-Player soll alles liefern – die Feinheiten der Dynamik und die Kraft des Arrangements. Toll, wie der Canor CD 1.10 hier aufspielte. Als ultimativen Konkurrenten haben wir aus unserem Fundus den Luxman D-380 daneben gestellt. Ähnliche Preisklasse, gleicher Anspruch, ebenfalls mit einer Röhrenstufe. Doch der Canor übertraf ihn. Da waren eine Menge mehr Informationen, und ein Hauch mehr Eleganz in der Abbildung. Und der Luxman ist aktuell einer der besten CD-Player, auf die wir Zugriff haben…

Fazit Canor CD 1.10:

Wie viel Potential steckt noch in der alten Silberscheibe? Immer noch eine Menge. Der Canor CD 1.10 widmet sich jedem Bit, will alles wissen. Der Wandler ist stark, aber insbesondere die Röhrenstufe bringt eine selten gehörte Leidenschaft ein. Das bereitet Freude. Wir hatten viele Player bei uns zu Gast. Die meisten günstiger, aber auch mit weit weniger emotionalem Zugang. Der Canor spielte sie alle an die Wand. Wer der CD noch die Treue hält – hier ist ein mächtiger Mitstreiter, der dank eingebautem DAC auch den bereits vorhandenem Digital-Equipment neues Leben einhauchen kann.

Im Beitrag erwähnt:
Test FinkTeam Audio Borg: die überragende Standbox
Test Atoll IN 400 SE: bester Vollverstärker unter 5.000 Euro
Test Buchardt Audio S400: geniale Kompaktbox im Dänischen Design

Canor CD 1.10
2020/02
Test-Ergebnis: 4,6
ÜBERRAGEND
Bewertung
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Habhafter und feiner, fast „analoger“Klang
Auch als Wandler für andere Digitalgeräte offen
Exzellente Verarbeitung
Symmetrisch/unsymmetrischer Ausgang

Preis (Hersteller-Empfehlung)
Canor CD 1.10: 5.000 Euro

Vertrieb:

IDC Klaassen
Am Brambusch 22
44536 Lünen
www.idc-klaassen.com