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Test Grado RS2e: mobiler On Ear mit Live-Charakter

Man merkt: Dieses Konzept ist seit fast drei Jahrzehnten bewährt; schon der erste Grado Kopfhörer aus dem Jahre 1988 hatte einen sehr ähnlichen Aufbau. Ich jedenfalls fand schnell eine Einstellung, die nicht drückte, aber auch bei ruckartigen Bewegungen so viel Halt bot, dass der RS2e brav dort sitzen blieb, wo ich ihn haben wollte: auf den Ohren.

Bügel-Einstellungen des Grado RS2e
Die Einstellungen für den perfekten Sitz sind simpel und rasterlos, funktionieren aber gut (Foto: H. Biermann)

Der Grado RS2e im Praxis- und Hörtest

Denn dieser Kopfhörer klingt fantastisch energiereich. Der New-Yorker strahlt eine Spielfreude aus, die selbst dem übelsten Misanthropen Tränen der Rührung in die Augen treibt. Wenn Gunar Letzbor auf der Violine die Sonata da camera von Carlo Ambrogio Lonati zum Besten gibt, scheint die Sonne des frühen 18. Jahrhunderts durch die handverlöteten Schallwandler. Das Talent vom „Buckligen der Königin“, wie Lonati auch wegen seines anatomisch verformten Rückgrats genannt wurde, wirkt in dieser Darstellung so makellos, so leidenschaftlich, dass selbst Narziss um dessen Gunst geworben hätte. Es ist nahezu unmöglich, bei dieser Darbietung von Künstler und Kunstwerk emotionslos zu bleiben. Ein geniales Werk auf einem großen handwerklichen Meisterstück.

Dass wir uns da aber nicht missverstehen: Der Grado RS2e ist kein Kuschelrock-Hörer. Seine transparent offenen, sehr forschen Mitten sorgen dafür, dass er jede Art von Musik gnadenlos präzise, schnell und kernig wiedergibt. Er ist quasi der Uli Höneß der On Ear Hörer: Abteilung Attacke ist angesagt. Ein gut aufgenommener Live-Mitschnitt ist mit ihm ein mitreißendes Erlebnis, aber schlechte Aufnahmen stellt er gnadenlos bloß und verschweigt nichts. Wer vom unaufgeregten Sound eines Beats träumt oder den basslastigen Klang der House OF Marley Modelle gut findet, ist mit dem Grado RS2e definitiv an der falschen Adresse. Hier wird nichts geschönt, hier gibt es voll auf die Zwölf.

Mit dieser Klarheit in den Mitten und dem trockenen, schnellen Bass ist der RS2e ein klanglicher Gegenentwurf zu dem neuerdings angesagten Kopfhörer-Sound, der eher extrem weich gefederter Cadillac denn englischer Roadster ist. Mit Kopfhörern der Cadillac-Richtung kann man vielleicht länger hören, aber das spürbare Miterleben kann der Grado viel besser.

Cover Art Greogry Porter Liquid Spirit
Greory Porters bislang erfolgreichstes Album: Liquid Spirit (Cover: Amazon)

Dieser Erlebnisfaktor, die hohe Präzision des Grado RS2e sorgte dafür, dass ich selbst in hundertfach gehörten Aufnahmen noch Neues entdeckte. Ein bizarres Beispiel: In Gavin Bryars „Jesus Blood never failed me yet“, meinte ich immer, das Klicken einer mechanischen Kamera zu hören. Falsch. Der Grado zeigte mir, was es wirklich war: Das leise Pfeifen in der Lunge des singenden Obdachlosen. Kein Spaß. Und dabei stammt die Aufnahme dieses armen Mannes von einem transportablen Kassettenrekorder aus dem Jahre 1971! Es ist wirklich erstaunlich, was die Technik von heute an Details zu Tage bringen kann – wenn man denn Schallwandler wie den RS2e hat, die diese Informationen auch auslesen können.

Noch ein Beispiel. Gregory Porter ist ja DIE Stimme im Jazz derzeit und der Porter Jazz ist tatsächlich überwiegend fantastisch gute und exzellent aufgenommene Musik. Das „No Love Dying“ (aus dem Album Liquid Spirit) zeigt, wie farb- und facettenreich seine Stimme klingen kann. Näher als über den Grado RS2e kommt man Porters Stimmbändern nur als HNO-Doc.

Grado RS2e plus Grado RA1 – das Power-Gespann

Wem der Energiereichtum des RS2e immer noch nicht genug ist, kann nachlegen. Und zwar mit dem hauseigenen Kopfhörerverstärker Grado RA1. Das Vorverstärkerchen ist komplett aus Mahagoni gefertigt, hat einen Kopfhörerausgang, einen Lautstärkeregler, einen Cincheingang, den Ein-Ausschalter und die Betriebs-LED.

Der Grado RA1 von vorn
Der kleine Grado RA1. Der Kopfhörerverstärker ist Akku-betrieben und kostet 499 Euro (Foto: A. Weber)

Das war’s. Strom kommt über zwei 9-Volt-Blöcke. Das Gerät ist optimiert für Grado-Kopfhörer mit 32 Ohm Widerstand und wegen seines Akku-Betriebs und des geringen Gewichts ebenfalls auf seine Art mobil.

Der Grado RA1 von innen: In ausgefrästen Kammern sitzen die Akkus (vorn), die Verstärkungseinheit (Foto: A. Weber)

Der legt – wie gesagt – noch eine Schippe Energie in allen Bereichen drauf. Das Klangbild wird noch spritziger, lebendiger, druckvoller. Noch einmal das Anti-Misanthropen-Lied Sonata No. 6 in A Minor: „III. Sostenuto – Spiritoso – Largo – Sostenuto“ von Carlo Ambrogio Lonati in der Aufnahme der „Ars Antiqua Austria“ gespielt vom Barockviolinisten Gunar Letzbor. Jetzt waren sogar die Atemzüge von Letzbor zu hören. Das ist Musik in ihrer erlebnisreichsten Form. Das geht unter die Haut.

Dennoch muss ich bei dem Thema Grado RA1 ein Fragezeichen setzen. Der RS2e hat Energie genug, der braucht eigentlich keinen Turbo-Boost. Das Kästchen ist zwar hübsch und passt optisch gut zum RS2e, aber ist natürlich nur etwas für zu Hause. Vor allem aber muss man mit den Signalkabeln echt aufpassen: Ich habe den leichten Brumm des kleinen Verstärkers nie ganz wegbekommen. Das ist ärgerlich, weil er ja mit knapp 500 Euro zu Buche schlägt. Dafür gibt es schon richtig ambitionierte Kopfhörerverstärker mit ausgewachsenen HiRes-DACs inklusive.

Fazit Grado RS2e: Energieschub für 549 Euro

An diesem Hörer stimmt vieles: die Verarbeitung, der angenehme Sitz und vor allem der Klang. Unter 1.000 Euro wird es schwer, einen anderen, derart transparent-präzisen On Ear Hörer zu finden. Der Grado RS2e ist aber nichts für jedermann, sondern für jenen Musikfreund, der möglichst tief in die Aufnahme hineingezogen und die ganze Welt der feinen Details erleben möchte. Tonal ist die überwiegende Zahl der Mitbewerber deutlich samtpfötiger. Die Einschränkungen beim Mobil-Einsatz haben wir erwähnt: Prinzipiell ja, aber nichts für Bus & Bahn.

Die Bilanz für den dazugehörigen Kopfhörerverstärker RA1 fällt bescheidener aus. Klanglich kann er durchaus eine Bereicherung sein, weil er nochmal mehr Details und noch mehr Druck bringt. Aber das Brummen war nicht komplett wegzubekommen und letztendlich verstärkt er den sehr kernigen Klangcharakter des Grado RS2e – was eigentlich gar nicht notwendig wäre.

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Grado RS2e
2017/09
Test-Ergebnis: 4,0
SEHR GUT
Bewertungen
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Extrem lebendiger, offener Klang
Hoher Schalldruck
Angenehmer Sitz
Nur bedingt mobiltauglich

Vertrieb:
High-Fidelity Studio
Dominikanergasse 7
86150 Augsburg
www.highfidelitystudio.de

Paarpreis (Hersteller-Empfehlung)
Grado RS2e: 549 Euro