Da wollen alle mutigen Design-Produkte hin: in das Museum of Modern Art in New York. Die SoundSticks von Harman haben es geschafft. Die Geschichte dahinter ist spannend. Dazu die Gegenwart der Neuauflage: Viel Klang auf dem Schreibtisch (oder dem Sideboard) zu einem erstaunlich guten Preis.
Spannend ist, was Harman Kardon verschweigt. Ein Historiker würde die Augenbrauen heben. Klar sind wir glücklich, dass die SoundSticks wieder da sind – nun in Generation 5. Zurecht sprechen die Marketingprofis von einem „ikonografischen Design“. Das aber woher kommt? Aus einer Liebelei mit Apple. Ende der 1990er-Jahre krempelte der legendäre Designer Jony Ive die Formsprache der Macs um. Der iMac wurde knallbunt und hatte ein durchschimmerndes Gehäuse – wir lernten das Wort „translucent“. Apple hatte die Technologie und die Vision – aber keine Lautsprecher. So suchte man die Nähe zu Harman Kardon. Die waren damals noch in US-amerikanischer Hand. Heute gehört die weltgrößte Audio-Company zu Samsung, dem größten Apple-Fressfeind.

Harman SoundSticks 5: Schwamm über die Geburt
Den Rest kennen wir. Das Apple Industrial Design Team unter der Leitung von Jony Ive kombinierte vier kleine Wandler übereinander. Alles sollte zum iMac passen und sichtbar zeigen, welche Technik im Inneren steckt. Die Gegenwelt zu den Kästen der Zeit – seien es Computer oder eben HiFi-Spielzeuge. Der Clou glückte. Über zwanzig Jahre wurden die SoundSticks gebaut und gehören heute in die Dauerausstellung des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). Interessant auch hier das aktuelle Zitat des Chefs, Carsten Olesen, President Consumer Audio bei Harman: „Mit den SoundSticks 5 ehren wir den visionären Geist des Originals und führen ihn mit innovativer Klangtechnologie und intuitivem Design in die Gegenwart.“ Kein Wort über den Designer selbst, den selbst zur Ikone aufgestiegenen Jony Ive (das iPhone hat er übrigens auch geschaffen).
Drei Generationen der SoundSticks waren kabelgebunden, 2012 folgte die erste Version mit Bluetooth, dann schienen sie vom Markt in einigen Ländern verschwunden. Nun die Wiederkehr, natürlich in der Ur-Form. Harman wäre schlecht beraten, die Ikone zu beschädigen. Als Kick gibt es die große LED-Show hinzu. In der Generation 4 gab es eine dezente weiße Beleuchtung im Subwoofer. Eher ein Zeichen des Lebens und des Stromflusses. Nun Party – Zitat: „Lebendige Farben und hypnotische Bewegungen verstärken die Wirkung deiner Lieblingsmusik.“

Will ich eigentlich gar nicht, ich möchte nur die Ikone auf meinem Schreibtisch haben. Hier gleich die gute Nachricht: Alles geht auch dezent bis unsichtbar. Das Lichtspiel wird über die App gesteuert. Hier kann ich die Show feinjustieren, ebenso einen Equalizer nutzen. Das gelingt elegant, zielgerichtet. Hier zeigt sich auch, dass Harman einen Großteil seiner Umsätze in der Car-HiFi-Sparte generiert – große Klangpotenz auf kleinem Raum verbauen und dazu maximal individualisieren. Schon hier sammelte Harman viele Praxis-Punkte in unserem Test.
Die Technik, die Feinheiten
Die App ist Zugabe, die täglichen Basiseinstellungen gelingen noch einfacher über ein Bedienfeld am Fuß des rechten Lautsprechers – laut, leise, das Licht und der Start der Bluetooth-Kopplung. Der Aufbau selbst dauert unter fünf Minuten. Das ist beste Out-of-the-Box-Philosophie. Die beiden Satelliten haben farblich markierte Stecker, hinein damit in den Woofer. Denn der ist die Basis mit Netzteil und Endstufen. Plus einer spannenden Zugabe: In der Basstrommel findet sich auch ein HDMI ARC-Port. Seltsam, mein Mac hier auf dem Schreibtisch hat zwar auch einen HDMI-Ausgang, den benötige ich aber für den Weg zum Monitor. Falsch gedacht: Der HDMI ARC-Zugang ist für ein ganz anderes Szenario geschaffen: die SoundSticks als Klangboten des Fernsehers. Also auf das Sideboard damit, unter den Flachbildschirm und den TV-Ton abzapfen. Das sieht sehr gut aus – nicht nur auf den Pressefotos, auch im praktischen Leben. Eine große Soundbar ersetzen die Sticks nicht, aber für eine Studentenbude oder ein Lifestyle-Umfeld ist das optisch wie klanglich ein klarer Gewinn.

Umkehrnutzen: Ich könnte auch den Fernseher als Partner für meine Streaming-Anbieter interpretieren und die Sticks zur HiFi-Kombi erheben. Das machen wahrscheinlich nicht viele. Die meisten Stick-Besitzer werden die Playlisten von ihrem Smartphone streamen, per Bluetooth 5.4. Könnte ich auch von meinem Rechner per Kabel hinein? Ja, das geht. Doch die Sticks haben keinen Wandler eingebaut. Also macht die Anlieferung von digitalen Rohdaten keinen Sinn. Der USB-C-Zugang ist nur für Software-Updates als „Service“-Port geschaffen. Wer partout analog zufüttern will, muss per 3,5er Miniklinke hinein. Ebenfalls gut zu wissen, leicht irritierend und auf den USB-Port bezogen: „Audio playback is for US version only.“

Noch eine Fußnote, fast im Wortsinn. Alle schönen Fotos zeigen den Woofer auf dem Sideboard oder dem Schreibtisch. Sieht schmuck aus, weil der Bassproduzent ja auch in den gleichen LED-Farben pulsiert. Aber mit 24 Zentimetern im Durchmesser und vier Kilogramm ist der Woofer nicht gerade klein. Er kann auch unter dem Schreibtisch die Sneaker seines Besitzers beleuchten. Über die Übergabefrequenz schweigt sich Harman aus, aber man hört, dass die Harman-Entwickler hier Mut zur Lücke beweisen…
Die vier Chassis pro Stereo-Stick sehen identisch aus, sind es aber nicht: Drei Mitteltöner mit 4 Zentimetern Durchmesser tragen on top einen Hochtöner mit 25 Millimetern. Die digitale Endstufe legt bis zu 190 Watt RMS an. Klingt viel, aber es verbietet sich, diese Design-Sticks bis in die Grenzregionen treiben. Das sind keine Party-Lautsprecher, jedoch wirklich gute Klangwandler auf dem Schreibtisch.

Hörtest
Alles so schön rosa hier: Ed Sheeran hat sein nunmehr achtes Studio-Album vorgestellt. Sehr viel Rosa auf dem Cover und das ikonografische Dreieck, das alle als „Play“-Taste kennen – auch der Titel des Albums. In der Deluxe-Fassung gibt es satte 27 Titel. Der Mann brodelt vor Einfällen. Den ersten Song, „Opening“, hätte Sheeran auch in seinem Heimstudio aufnehmen können: Ein Akkord auf der Gitarre, dazu singt der Chef in leichtem Nachhall.

Erstaunlich, wie gut die SoundSticks die Atmosphäre und die feine Dynamik erfassen. Im Mittelteil des Songs wird dann heftig der Bass aus dem Käfig gelassen – da merkt man den kleinen Gap zwischen dem Woofer und den Sticks. Aber die Show macht Spaß, der Zuhörer bekommt hier den fülligen Sound der Zeit. Der wirkt je nach Musikstil mitunter auch angefettet. Deshalb der Tipp: Mit dem Equalizer experimentieren. Das ist gleich mehrfach der Schlüssel: für die Aufstellung, die Musikrichtung und die Vorlieben. Das hat Harman wirklich gut, ach was, schlicht perfekt gelöst.
Natürlich kann ein ausgewachsener Nahfeldmonitor mehr Informationen. Da hatten wir beispielsweise die Aktivmonitore von Genelec plus Woofer im Test. Die zusammen aber auch über 1500 Euro kosten. Zum Vergleich: Harman preist die SoundSticks bei 330 Euro ein. Eine andere Welt. Aber der klangliche Reiz ist hoch – ich werde sie vermissen, wenn der Rückruf des Testmusters kommt.
Das wird mitunter richtig ernsthaft. Ein Konzertflügel lässt sich gerade von kleinen Sat/Sub-Kombinationen nur unter Zwang abbilden. Die Soundsticks lösen die Herausforderung. Klassik-Tipp: Radu Lupu hat wenig eingespielt, die Decca-Manager mussten ihn bitten, ja, regelrecht ins Studio zwingen. Nun eine Box mit „The Unreleased Recordings“. Der Ausnahmepianist konnte nicht mehr entscheiden (1945 – 2022), aber seine Erben haben ein gutes Werk getan. Viel Mozart, aber für den Theaterdonner auch die „Bilder einer Ausstellung“ in der Ur-Fassung von Mussorgski.

Da sind die Ohren verwirrt: Sind das tatsächlich nur zwei Hände? Diese Wucht, Fülle, so ein Ritt gelingt nur live – hier im Concertgebouw zu Amsterdam 1984 mit aufbrandendem Applaus. Sehr Decca-like, füllig und körperbetont. Die SoundSticks folgen dem Spiel elegant, alles bleibt durchhörbar, selbst in der großen Dynamik noch elegant. Der Mozart perlt fein, der Bartok kommt wie ein Schlagzeug daher – erstaunlich, als ob die Soundsticks einen KI-Motor hätten, der je nach Anforderungen den Turbo-Einspritzer feinjustiert…
Fazit Harman SoundSticks 5
Der erste Trigger-Punkt ist natürlich das Design. Die Soundsticks waren eine Ikone und sind es heute – in einer Welt der langweiligen Schreibtischkisten – vielleicht noch mehr. Der Sound überrascht, ich hatte Show erwartet, bekomme aber eine erstaunliche Auflösung mit einem gewissen Willen zum Soften. Die 5er sind sicher die bestklingendsten Soundsticks ihrer Produktgeschichte. Der zweite Trigger-Punkt: Der Preis verhöhnt viele Konkurrenten, auch die großen Namen. Der Mix aus Klang und Design und Praxistauglichkeit ist unbezahlbar.
Bewertung
KlangPraxisVerarbeitungGesamt |
| Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse. |
| | Feiner, offener, tendenziell softer Klang |
| | Erstaunlich pegelfest |
| | Ikonisches Design |
| | Je nach Musikstil hört man die „Lücke“ zum Woofer |
Vertrieb:
Harman Deutschland GmbH/Lifestyle Division
Parkring 3
85748 Garching b.München
www.harmankardon.de
Preis (Hersteller-Empfehlung):
Harman SoundSticks 5: 330 Euro
Technische Daten
| Harman soundsticks 5 | |
|---|---|
| Konzept: | aktives 2.1 PC-System |
| Leistung: | 190 Watt |
| Besonderheit: | Downfire-Subwoofer |
| Eingänge: | Bluetooth, USB, HDMI (ARC) |
| Abmessungen Sticks /Subwoofer: | 9.6 x 28.1 x 9.6 cm / 23.8 x 28.3 x 23.8 cm |
| Gewicht Sticks /Subwoofer: | 0,8 / 3,7 Kilo |
| Alle technischen Daten | |
Mit- und Gegenspieler:
Test Schreibtisch-Aktivmonitor + Subwoofer: Genelec G One + F One
Test




