Große Röhre, Triode, Class-A – das alles nur für den Antrieb eines Kopfhörers? Das ist kein Krafttraining ohne Sinn, sondern ein audiophiles Fest. Fast ein Must-have – denn der Preis des neuen Cayin HA-6A MK2 ist mehr als fair. Cayin halt, mal wieder…
Ein Dialog wie aus dem Volkstheater. Es klingelt an der Tür, der Postbote: „Ich habe da ein Paket für Sie.“ Ich: „Ah, endlich, der Kopfhörerverstärker.“ Der Bote: „Das glaube ich nicht.“ Der Mann hatte recht. Der Karton wiegt über 20 Kilogramm. Da muss ein Missverständnis vorliegen, der deutsche Cayin-Vertrieb hat mir einen Monoblock geliefert. Hat er nicht, Thomas Deyerling und sein Team sind Ausbünde der Zuverlässigkeit. Ich hätte vor der Bestellung des Testmusters die Fakten besser lesen sollen. Das ist tatsächlich der neue HA-6A MK2 – ein Stromversorger mit 8,2 Kilogramm und der eigentliche Amp mit 11,2 Kilogramm Gewicht. Ich habe dem Postboten einen Kaffee und ein stärkendes Stück Traubenzucker angeboten.

Cayin HA-6A MK2: die Schaltung
Spinnen die Entwickler bei Cayin? Noch wichtiger ist die Frage: Spinnen die Preisgestalter bei Cayin – der HA-6A MK2 kostet 4.500 Euro. Die Umrechnung von Euro zu Gewicht lassen wir an dieser Stelle, bringt nichts. Spannender ist der Purismus der Schaltung. Das ist ein Single-Ended in reinem Class-A. Über kleine Kippschalter an der Front kann ich den Verstärker als Triode oder ultralinear betreiben. Der Aufwand ist so gehoben, dass es fast einer Verschwendung gleichkommt, nur die Membranen eines Kopfhörers zu betreiben. Ich kann den HA-6A MK2 auch als Vorverstärker in meine Kette einbinden. Drei Buchstaben für diesen Auftritt bisher: Wow!
Natürlich macht es Sinn, die Stromversorgung vom eigentlichen Verstärker zu trennen. Gerade bei den Kleinstsignalen für Kopfhörer, Vorverstärker – von Phonostufen kennen wir es fast zwingend. Doch der neue Cayin stellt nicht einfach eine dicke Trafowicklung neben die Schaltzentrale. Das Netzteil ist auch galvanisch komplett von Hauptgehäuse getrennt – mit einem Paar GZ34S des Herstellers JJ. In dem wuchtigen Teilchen liegt an der Front auch der zentrale Einschaltknopf. Alles sehr fein, sehr archaisch umgesetzt. So habe ich auch die freie Wahl, ob ich die Röhren für mein Wohlbefinden frei glühen lassen will, oder ob ich sie in einem Haushalt mit Katzen und Kinderfingern eher unter dem belüfteten Schutzkäfig belasse.

So kommt der HA-6A MK2 auch daher, im Lieferzustand. Die Röhren selbst muss ich nicht zustecken, aber den Schutzschaumstoff entfernen. Aufwand der Ersteinrichtung: unter fünf Minuten. Das Verbindungskabel der Stromversorgung zueinander liegt bei; das sind mächtige, runde Großstecker aus massivem Aluminium und mit Arretierung. Da wäre eine Plastikfernbedienung natürlich ein Affront, also packt auch sie Cayin in volles Metall und verlangt keinen Aufpreis, sie liegt im Karton anbei (nicht auf die Katze oder Kinderhände werfen, Verletzungsgefahr).
Weiter zu den klangentscheidenden Röhren. Das ist ein doppeltes Doppel: zwei Gold Lion KT88, hochaufragend, dazu zwei 5AR4 (ECC82) in unserem Modell „Made in Russia“. Das ist die Basisbestückung. Wer seinen Spieltrieb und seine Besserwisserei ausleben will, kann auf der Cayin-Webseite auch 6550, KT66, KT150 und weitere kompatible Röhren beschaffen.

Was hat es mit dem programmatischen Kürzel „MK2“ auf sich? Da müssen wir nicht lange Feinheiten aufzählen. Cayin hatte schon einmal einen HA-6A im Repertoire – als Einheit in einem Baustein, der MK2 trennt nun die Stromaufbereitung ab.
Für eine „echte“ Vorstufe ist das Schaltungskonzept perfekt, aber das typische Angebot für dieses Einsatzgebiet ist begrenzt: Es gibt nur einen Signal-Zugang, auf einen ersten Blick nur für Cinch- oder XLR-Pärchen. Vereint in einem gemeinsamen Terminal. Aber die Eingänge laufen nicht parallel, es wären auch zwei getrennte Zuspieler möglich. Daneben bietet Cayin einen Pre-Out zu den möglichen Endstufen oder Aktivboxen an, rein in Cinch gehalten. Wichtig: Ich muss mich entscheiden – der parallele Doppelbetrieb würde die Gefahr von Einstreuungen anlocken. Deshalb gilt es, den kleinen Kippschalter auf der Rückseite wahlweise auf „Pre-Out“ oder „Phones“ zu legen. Wohlgemerkt über die Rückseite – der HA-6A MK2 ist nicht für einen schnellen Sprung seines Arbeitsgebiets an der Front ausgelegt.

Was erwartet mich an dieser Front? Ein Trio für den Kontakt zum Kopfhörer – 6,3mm-Klinke, plus 4,4-mm-Pentaconn, plus 4-Pol-XLR. Auch hier muss ich per Kleinstschalter den Ausgang vorbestimmen. Noch ein Schalter für die Eingangswahl XLR oder Cinch, noch einer für die Impedanz (low, middle, high) und noch einer für Triode oder Ultralinear. Klingt nach Arbeit, ist es aber nicht – der „gemeine“ Kopfhörermensch setzt sich dieser Auswahl nur einmal bei der Ersteinrichtung aus. Obwohl: Gerade das Spiel zwischen Triode und Ultralinear lockt die Finger an. Dazu kommen wir gleich.

Die Selektion der Impedanz reicht von 8 bis 600 Ohm. Neben mir hängen sieben unterschiedliche Kopfhörer aller Preisklassen und Hersteller – der HA-6A MK2 bedient sie alle. Bis hierhin wären wieder einmal alle Cayin-Tugenden versammelt: fein, elegant, stark – und ein Schaltungskonzept der Edelklasse zum „Das-ist-doch-nicht-möglich-Preis“. Ein Punkt noch fürs Gemüt: Die beiden VU-Meter auf der Front sind nicht abstellbar, warum auch, sie erfreuen das Lebensgefühl. Die Verarbeitungsqualität stellt einen neuen Höhepunkt bei Cayin dar – es geht nicht besser, alles passgenau, die Oberflächen (es gibt schwarz oder Silber), die Schalter, der zentrale Lautstärkeknauf – abermals ein Wow!

Wir sind die ersten Fachjournalisten in Deutschland, nur die Briten von der Insel haben schon ein Exemplar abgegriffen – und sagen „well-balanced and detailed sound“. Das ist eine Flucht in Floskeln und Langeweile. Der neue HA-6A MK2 ist das Hochamt eines Röhren-Kopfhörerverstärkers, ein Geniestreich und ein wirklicher Freund. Das merkt das Team von LowBeats schon bei der entscheidenden Folgefrage: Mit welchem Konkurrenzprodukt vergleichen? Da wird es eng im Markt, aber wir bieten ein paar Konkurrenten an.
Cayin HA-6A MK2: der Hörtest
Womit alle Zeiger auf den Hörtest deuten. Qobuz hat „Manifeste“ zum Album der Woche ausgerufen. Manchmal fragt man sich, wie das Qobuz-Team nahe Paris so tickt, welche bewusstseinserweiternden Stoffe da im Team kreisen. Denn das ist Musik weit ab von allem. Kein Pop, kein Jazz, kein Freestyle, vielleicht gibt es kleine Anker in der Klassik. Tigran Hamasyan ist Pianist und Komponist aus Armenien – viele tolle Einspielungen bei ECM, „Manifeste“ ist bei naïve erschienen. Da gibt es mehr als Dur und Moll, es geht in seltene Tonarten aus selten besuchten Ländern. Am stärksten ist das Album, wenn ein Kinofilm im Kopf beginnt – da entstehen Landschaften.

Aber genau in dem Moment, wenn der fliegende Klangteppich abhebt, prescht ein Rockschlagzeug dazwischen. Bässe wie Bergschluchten, Chöre auf den Hügeln – das klingt toll. Ein Kopfhörerverstärker muss beeindrucken können, die schönsten Messergebnisse sind relativ (nebenbei: Der Cayin liefert stolze 104 Dezibel Rauschabstand). Die Musik von Tigran Hamasyan fordert die Hochauflösung im Panorama, der Cayin liefert, haut dann aber noch mit der scharfen Axt die ultratiefen Bassinformationen hinzu. Das drückt auf die Lunge, atemberaubend im Wortsinn und irritierend, weil nur zwei keine Membranen auf den Ohren liegen. Schönste Autosuggestion.
Was gefällt besser, der Triodenmodus oder der Schwenk auf Ultralinear? Für mich ist die Triode klar die bessere Wahl. Etwas softer im Vergleich, die ultralineare Schaltung zeigt mehr Kante bei Hochdynamik. Cayin empfiehlt sie insbesondere bei großen Orchesteraufnahmen. Muss jeder selbst entscheiden, ich widerspreche: Die Triode ist auch bei fetter Klanglandschaft eleganter, liebenswerter, reicher in den Feininformationen.
Jetzt nicht lachen, es gibt wirklich eine „Zirkus-Polka für einen jungen Elefanten“. Strawinsky macht sich einen Spaß und lässt die Sau raus, Quatsch, den Elefanten natürlich. Warner hat EMI gekauft und bringt die alten Bänder der Briten mit dem nötigen Ehrgefühl in die Neuzeit. Als Geschmacksverstärker sind ganz neu Show-Ouvertüren mit dem Dirigenten Sir Adrian Boult erschienen – in 24 Bit und 192 Kilohertz. Unfassbar, das klingt wie gestern eben in High-Res aufgenommen, ist aber ein Transfer von analogen Bändern. Ich will Pracht und Fülle.

Wieder liefert der HA-6A MK2. Mit einer Abbildungsleistung von Weltklasse. Da ist die Staffelung des Orchesters bis in den tiefsten Winkel des Studios 1 an der Abbey Road, der Spaß der Musiker an der Brillanz; im Slawischen Marsch von Tschaikowski gibt mir der Cayin einen Schmelz, den ich über wenige, nur sehr wenige Lautsprecher erlebt habe. Dann lassen es Tschaikowsky und die Tontechniker krachen – die fette dynamische Kanone und wieder der Moment, in der ich Vergleichbares mit „echten“ Verstärkern und Standboxen im Kopf addiere. Der Preis für dieses Erlebnis wäre viermal so groß. Kopfhören macht auch finanziell Sinn.
Wie könnte ein Vergleich aussehen? Rotel hat sich mit dem DX-3 neu erfunden – in der Form wie in dem Transfer seiner Transistoren-Schaltung mit einem Streaming-Wandler im Verein. Der HA-6A MK2 ist klassischer, kantiger, reduzierter – er kann deutlich weniger. Aber genau das will man ja vielleicht auch. Der Rotel hat mehr Körper, scheint im ersten Höreindruck agiler. Doch der Cayin ist der klanglich Elegantere. Zum Schluss gilt es dem ganz simplen Mehr an Informationen – hier ist der HA-6A MK2 die Bank mit dem höheren Guthaben, eine andere Liga. Dies aber auch preislich.
The Molotovs fackeln gern ab – die Lautsprecher und die Nerven der Besucher bei Live-Konzerten. Am besten stellt man sich die Sex Pistols als Geschwisterpaar vor – sie spielt den Bass, Brüderchen die Gitarre, beide sind auf Rickenbacker unterwegs und Marshall (der Verstärkerhersteller) hat sie ins Studio und auf das eigene Label eingeladen. „Wasted On Youth“ spielt mit Live-Atmo und hohen Pegeln. Macht Spaß.

Genau da lege ich den Schalter auf Ultralinear um – ich will die Gitarren kreischen hören, das Schlagzeug soll peitschen. Dafür ist sich der Triodenmodus etwas zu schade, der Snob. Das ist doch wunderbar, liebenswert, dass Cayin diesen Kick, diese Wahlfreiheit in nur einem kleinen Schalter offenbart – alles streng audiophil und ehrlich. Noch ein Wow dafür, das letzte für diesen Text.
Fazit Cayin HA-6A MK2
Wer den Lebensweg von Cayin auch nur aus der Entfernung beobachtet hat: Die Ingenieure werden besser, die Fertigung, die genaue Positionierung auf dem Weltmarkt. Der HA-6A MK2 ist perfekt in allen Dingen. Die Verarbeitung, die Zielgruppenansprache, das Design – und er vermag Musik zu machen, mit einer Selbstverständlichkeit, die staunen lässt. Hacken wir nochmals auf den britischen Kollegen herum, die von „well-balanced and detailed sound“ säuseln. Stimmt nicht: Der neue Cayin gibt mir alles, die Eleganz, die Analyse, aber auch den Kick des Muskelmanns. Der HA-6A Mk2 ist nicht ganz billig, aber der beste Kopfhörer-Verstärker, den ich kenne.
Bewertungen
KlangPraxisVerarbeitungGesamt |
| Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse. |
| | Edel im Klang, dabei ungemein mitreißend |
| | Passgenau für alle Kopfhörer – im Kontakt wie der Impedanz |
| | Triode oder Ultralinear, freie Wahl, perfekt umgesetzt |
| | Hoher Stromverbrauch |
Vertrieb:
Cayin Audio Distribution GmbH
An der Kreuzheck 8
61479 Glashütten-Schlossborn
Telefon: 06174-9554412
www.cayin.com
Preis (Hersteller-Empfehlung):
Cayin HA-6A Mk2: 4.500 Euro
| Cayin ha-6a mk2 | |
|---|---|
| Bauart: | Röhren-Kopfhörerverstärker, Single-Ended Class-A |
| Röhren-Bestückung: | 2 x ECC82, 2 x KT88, 2 x GZ34 |
| Leistung: | 2,3 Watt (Triode) – 4,5 Watt (ultralinear) |
| Ein-/ Ausgänge: | 1 × RCA, 1 × XLR / 1 × RCA |
| Kopfhörer-Ausgänge: | 6,3 mm Klinke, 4,4-mm-Pentaconn und 4-Pol-XLR/Canon |
| Leistungsaufnahme: | 130 Watt |
| Impedanzanpassung: | 8Ω–600Ω (3 Bereiche: L/M/H wählbar) |
| Maße (B xT x H): | PSU: 16,0 × 29,7 × 18,5 cm / AMP: 28,5 × 29,7 × 18,5 cm |
| Gewicht: | PSU: 8,2 Kilo + AMP: 11,2 Kilogramm |
| Farbe: | Korpus: Hammerschlag-Schwarz, Front: Mattschwarz oder Silber |
| Alle technischen Daten | |
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