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Nicht viel drin, in einem solchen Übertrager. Zum guten Klang aber reichen wenige, gute Bauteile – die Übertrager Pro-Ject Step Up Box S3 (450 Euro) und Step Up Box DS3 B (900 Euro) im Doppeltest (Foto: B. Rietschel)

Test MC-Übertrager Pro-Ject Step-Up-Box S3 und DS3B: Moving Coils beste Freunde

Wo elektronisch verstärkt wird, entsteht Rauschen. Besonders stark davon betroffen: Ausgerechnet MC-Systeme, des Analog-Audiophilen liebste Tonquelle. Doch Rettung naht: MC-Übertrager wie der Pro-Ject Step Up Box S3 oder der Pro-Ject DS3B arbeiten passiv und damit rauschfrei. Wer sie in seiner Kette ausprobiert hat, gibt sie normalerweise nicht mehr her. Denn die kleinen Audio-Trafos transformieren nicht nur Spannung und Impedanz, sondern auch den Klang…

Ach, wenn es doch eine erschwingliche Komponente gäbe, die die Hobbykasse nicht komplett atomisiert, optisch nicht allzu sehr auffällt und dennoch möglichst viel neuen Schwung in die Anlage bringt! Letztlich lebt natürlich die gesamte HiFi-Industrie vom ständigen Streben nach kleinen oder großen Verbesserungen, vom Spielwert des Ausprobierens und Vergleichens und von dem scheinbar unerschöpflichen Klangpotenzial unserer Plattensammlung. Einem Schatz, den wir mit immer größerem Aufwand immer vollständiger zu heben versuchen. Mit den beiden Pro-Ject-Übertragern in diesem Test ist der Aufwand – für High-End-Verhältnisse – erfreulich gering. Vor allem gemessen an dem Effekt, den sie auf den Klang haben: Das ist kein mühsamer Minifortschritt für Goldohren oder gar homöopathischer Voodoo, der eher psychologisch als akustisch wirkt. Analog-Anlagen mit Moving-Coil-System am Anfang erreichen damit auf Anhieb eine neue Dimension von Rauscharmut, Dynamik und Energie. Nicht schlecht für 449 respektive 899 Euro! Zumal so ein Teil nicht mal einen Stromanschluss braucht, ein (oder mehrere) Leben lang hält – und beim Einzug in die Anlage nicht mal irgendein anderes Gerät arbeitslos macht.

Ausgereifte Technologie

Und dann gibt es ja noch einen ganz pragmatischen Kaufgrund, den ich fast vergessen hätte: Viele Voll- und Vorverstärker haben serienmäßig zwar einen Phonoeingang, der aber nur für Magnetsysteme ausgelegt ist. Wer daran ein MC betreiben will, muss sich entweder einen separaten Phono-Vorverstärker holen, oder aber einen Übertrager zwischenschalten. Langfristig läuft es meist auf sowohl-als-auch hinaus. Denn es gibt kaum einen Phono-Preamp, der nicht von einem guten Übertrager profitieren würde. Man kann damit warten, bis alles andere perfektioniert ist. Vieles spricht jedoch dafür, sich schon viel früher für einen StepUp-Trafo zu interessieren: Die Technologie ist weitgehend zu Ende entwickelt, wird garantiert nicht mehr billiger – und hält mangels alterungsanfälliger Bauteile ewig. Die „Klangfilm“-Übertrager von Siemens & Halske zum Beispiel arbeiten bis heute in zahllosen audiophilen Anlagen tadellos. Als sie gebaut wurden, gab es noch nicht mal LPs oder MC-Tonabnehmer. Sehr wohl aber Mikrofone, für die diese Trafokapseln ursprünglich konstruiert wurden.

Aber warum steht ein MC-Übertrager dann nicht ganz oben auf jedem analog-audiophilen Einkaufszettel? Popularität und Wirkung driften hier überraschend weit auseinander, oft zugunsten viel weniger effektiver Maßnahmen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Vielen, auch ansonsten erfahrenen HiFi-Menschen ist die Wirkungsweise eines Übertragers nicht ganz klar. Vielleicht haben sie bereits einen MC-fähigen Phono-Preamp und wollen diesem nicht mit so einem passiven Assistenten düpieren. Vielleicht verorten sie die Übertragerthematik auch zu sehr in – aus ihrer Sicht esoterischen – Horn- und Röhrenkreisen. Oder schrecken vor den ausufernden Technikdiskussionen zurück, die manchmal den Eindruck vermitteln, ohne mehrjähriges Internetstudium dürfe man so einen Audio-Trafo gar nicht anfassen. Und dann war lange Zeit natürlich auch das Angebot an Übertragern spärlich – erst recht bei populäreren Herstellern mit entsprechender Marktpräsenz. Übertrager kaufte man anscheinend entweder bei exklusiven Boutique-Herstellern, oder gewann sie als Vintage-Elektroschrott aus 70 Jahre altem Studio- oder Kinoequipment. Oder man stieß mit etwas Glück auf einen Phono-Vorverstärker, dessen MC-Zweig die Übertrager bereits mitbringt: Preamps von Canor, Line Magnetic oder Luxman gehören zu dieser Gattung und waren bereits bei Lowbeats zu Gast. Dass sie in ihren jeweiligen Preisklassen zu den absoluten Klang-Highlights gehören, ist kein Zufall.

Dass Pro-Ject nun gleich zwei Stand-Alone-Übertrager in seiner populären Boxdesign-Elektroniklinie anbietet, ist ein erfreulicher und wichtiger Schritt. Denn so können auf einen Schlag Hunderte von Händlern darauf zugreifen, ihren Kunden die beiden „MC Step Up Box“-Modelle ans Herz legen und diese idealerweise zum Testen ausleihen. Hier bitte heroische Marschmusik auflegen: Der Siegeszug der rauschfreien MC-Vorverstärkung hat begonnen. Angst vor Beschädigungen muss beim Ausprobieren niemand haben: Erstens sind die Übertrager relativ preiswert, zweitens kompakt und handlich, drittens kommen sie ohne aktive oder bewegliche Bauteile aus. Viertens, könnte man hinzufügen, sind ihre Gehäuse äußerst stabil und – besonders bei der „großen“ DS3B – recht scharfkantig, sodass sie bei unsanftem Kontakt mit anderen Geräten eher diese ruinieren als selbst auch nur einen Kratzer davonzutragen.

Pro-Ject Step-Up-Box S3 und DS3B: die Funktionsweise

Übertrager transformieren die Ausgangsspannung leiser MCs auf das Niveau von MM-Systemen. Nicht mehr und nicht weniger. Einen Phono-Vorverstärker braucht man also trotzdem noch. Die allerschwerste, verletzlichste Phase seines Weges hat das Signal dann aber schon überwunden – und zwar ohne jegliches Rauschen und ohne jegliche Verzerrungen. Wobei „leise MCs“ hier großzügig zu interpretieren ist und nicht nur Superflüsterer wie das Ortofon SPU oder das Audio Note Io umfasst. Für solche MCs ist der Weg über einen passenden Trafo ohnehin historisch-traditionell vorgegeben. Aber auch etwas lautere MCs bis hin zu den EMT-Tondosen mit einem vollen Millivolt Ausgangsspannung profitieren von einem Übertrager. Da ist der Leidensdruck nur nicht so hoch, weil moderne Phonostufen mit solchen Signalen kaum noch hörbar rauschen. Das war aber nicht immer so: In den Kindertagen der Stereofonie, als die ersten Stereo-MCs das Licht der HiFi-Welt erblickten, waren Übertrager überhaupt der einzige gangbare Weg. So erhielt Ortofons System-Saurier SPU einst sein langes „G“-Tondosengehäuse nicht aus modischen Gründen, sondern damit der Hersteller hinter dem eigentlichen Generator gleich noch ein Paar winziger Trafos unterbringen konnte. Ein origineller Sonderweg, den die Dänen jüngst mit den SPU-GTX-Modellen wieder neu aufgelegt haben.

Nach dem gleichen Prinzip, nur räumlich getrennt und universell mit nahezu allen MC-Modellen kombinierbar, arbeiten die Step Up Boxen von Pro-Ject: Sie transformieren die sehr geringen Wechselspannungen aus den MC-Spulen mit darauf spezialisierten, kunstvoll gewickelten Transformatoren in leichter handhabbare, grob um den Faktor 10 bis 30 höhere Spannungen. Man kann sich das vorstellen wie ein Übersetzungsgetriebe für Elektronen. Während beim mechanischen Äquivalent zwei unterschiedlich große Zahnräder die Antriebskraft übertragen und dabei eine langsame Rotation in eine schnellere umwandeln (beim Fahrrad zum Beispiel vorne ein 42er Kettenblatt und hinten ein 13er Ritzel), sorgen im Trafo unterschiedlich große Spulen für Übersetzung. Auch zur Kraft- oder Energieübertragung gibt es eine Analogie: Beim Rad transportiert die Kette die Kraft zwischen den Zahnrädern. Beim Trafo leitet ein gemeinsamer, magnetisch leitender Kern das durch die Wechselspannung induzierte Magnetfeld von der Primär- zur Sekundärspule. Maßgeblich für das Übersetzungsverhältnis sind dabei die Windungszahlen der beteiligten Spulen: ein 1:10 gewickelter Übertrager verwandelt ein halbes Millivolt auf der Primärseite in rund fünf Millivolt auf der Sekundärseite. Erhöht man auf 1:20, würde das gleiche System bereits 10mV bereitstellen. Umgekehrt bekäme man die MM-tauglichen 5mV bereits aus einem MC mit 0,25mV Ausgangsspannung.

Das Schöne und der eigentliche Clou daran: diesen Spannungs-Gain gibt es komplett rauschfrei. Es sind keine aktiven elektrischen Bauteile involviert. Und damit auch nicht deren thermisches Eigenrauschen, das in aktiven MC-Stufen dem Nutzsignal schon bedrohlich nahekommt. Angeschlossen wird der Übertrager zwischen Spieler und MM-Phonoeingang. Dessen Rauschbeitrag bleibt also erhalten, ist in der Praxis bei guten Preamps aber vernachlässigbar. Zumal wir den MM-Input, ausreichenden Headroom vorausgesetzt, nun mit Pegeln ansteuern können, die diejenigen normaler MM-Systeme weit übertreffen. Das erklärt auch die besondere Wertschätzung, die Übertragern von puristischen Röhrenfans entgegengebracht wird: Röhren-Phonoeingänge ganz ohne „Sand“ (was einerseits auf die Gewinnung des Siliziums aus Quarzsand anspielt, andererseits auf den klanglichen Beitrag, der Transistoren mitunter nachgesagt wird) sind nur mit Mühe wirklich rauscharm zu bekommen, aber – vor allem im Vergleich zu Chip-basierten Preamps – oft sagenhaft übersteuerungsfest.

Bessere Arbeitsbedingungen für Tonabnehmer

Neben dem quasi rauschfreien Gain gibt es noch weitere wünschenswerte Effekte. Gute Übertrager arbeiten nahezu verzerrungsfrei, und das verbleibende Klirrspektrum – sofern man im Analyzer überhaupt noch einzelne Oberwellen erkennt – ist sehr gutmütig. Die Trafos entkoppeln Tonabnehmer und Spieler zudem galvanisch von den aktiven Komponenten stromabwärts und verhindern, dass beispielsweise DC-Offset aus dem MM-Eingangsverstärker in den Tonabnehmer gelangt. Man hört also nicht nur genauer, was ein gegebener Abtaster kann oder nicht kann. Sondern schafft diesem System bessere Arbeitsbedingungen, die sich sogar in besserer Abtastfähigkeit niederschlagen können.

Physikalische Gesetze lassen sich dagegen auch mit Übertragern nicht ausdribbeln. Um wie geplant zu funktionieren, muss die Kombination von MC-System und Übertrager-Trafo bestimmten Regeln folgen. Elektrische Energie ist das Produkt aus Strom und Spannung. Da dem Übertrager keine weitere Energie zugeführt wird (er arbeitet ja rein passiv), geht die Vervielfachung der Spannung mit einer proportionalen Verringerung des Stroms einher. Bei allzu großen Übersetzungsverhältnissen stellt dann selbst der mit 47kΩ recht hochohmige Standard-MM-Eingang Stromforderungen, die das System nicht mehr erfüllen kann. Hier kommt der Spulenwiderstand des Systems ins Spiel, der bei MCs je nach Modell sehr unterschiedliche Werte haben kann: Extreme Systeme wie das Audio Note Io bringen es mit einer Handvoll Windungen auf gerade mal 1Ω, im Denon DL-103 zappeln dagegen vergleichsweise dicke 40Ω-Spulen. Um Spannungsabfall (sprich: Pegeleinbußen) und klangliche Symptome wie einen schlappen Bass zu vermeiden, sollte der Widerstand des Eingangs stets ein Vielfaches des Spulenwiderstands betragen.

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Pro-Ject Step Up Box DS3 (links) und Step Up Box S3 im Vergleich mit offener Haube: viel ist bei beiden nicht drin… (Foto: B. Rietschel)

Wobei der „Eingangswiderstand“ nun nicht der des MM-Eingangs ist, sondern der, den das System an den Buchsen des Übertragers „sieht“. Denn Übertrager transformieren nicht nur Spannung, sondern auch Impedanz, und zwar nicht einfach proportional zum Wicklungsverhältnis (wie bei der Spannung), sondern zu dessen Quadrat. Ein 1:20er Übertrager verkleinert die 47kΩ des MM-Eingangs also mit dem Faktor 1/202, sprich auf 47.000/400 = 117,5Ω. Das könnte mit etwas höherohmigen Systemen gerade noch gehen. Bei 1:30 dagegen kommen wir auf nur noch 50Ω. Das würde zu einem 2Ω- oder 4Ω-System wie einem Linn Klyde passen, nicht aber zu einem DL-103. Es zeichnet sich also eine potenzielle Schattenseite des Übertragertums ab: Ein und derselbe Übertrager kann nicht jeden Nutzer mit jedem Tonabnehmer glücklich machen. Um für wirklich alle Systeme optimal gerüstet zu sein, bräuchte man mehrere Übertrager mit unterschiedlichen Übersetzungsverhältnissen. Etwas pragmatischer kommt man aber auch mit einem klug gewählten Mittelwert sehr weit. Alternativ gibt es umschaltbare Übertrager, deren Trafos zum Beispiel über zwei separate Primärwicklungen verfügen. Pro-Ject geht mit dem preiswerten S3 den ersteren Weg, mit dem doppelt so teuren DS3B dagegen den letzteren.

Pro-Ject MC Step Up Box S3

Die kleinere der beiden Step Up Boxen kommt im Pro-Ject-typischen Gehäuse aus Stahlchassis, Alu-Frontplatte und -Deckel. Letzterer besitzt zwei kreisrunde Öffnungen, durch die die zylindrischen Trafokapseln herausblicken. Diese Design-Entscheidung hat primär optische Gründe und geht aus meiner Sicht voll in Ordnung. Schließlich will man diese ungewöhnlichen und klangentscheidenden Bauteile nicht unbedingt verstecken.

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Die Pro-Ject Step Up Box S3 ist absolut schnörkellos (Foto: Pro-Ject)

Zumal es keine anderen gibt: Jeder der beiden Trafos steht intern auf einer eigenen kleinen Platine, die ansonsten nur einen Schalter und einen einzigen 6,8kΩ-Widerstand trägt. Das Wicklungsverhältnis gibt Pro-Ject mit 1:16 an. Ein mit Bedacht gewählter Wert, der schon recht leisen MCs ausreichend Gehör verschafft, andererseits auch mit einem modernen, etwas lauteren System den MM-Eingang noch nicht überfährt. Ortofons preisbezogen sagenhaft gutes MC X20 zum Beispiel ist mit 0,4mV bei 5cm/s spezifiziert. In erster Näherung würde dieser Wert durch die Step Up Box S2 auf 6,4mV vergrößert. Drückt man die kanalgetrennten Anpassungsschalter neben den Ausgangsbuchsen, fällt der Pegel um 3dB auf nunmehr 4,5mV. Beide Spannungen liegen für MM-Inputs mitten im grünen Bereich: Ein Ortofon 2M Blue zum Beispiel liegt mit 5,5mV exakt dazwischen.

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Aufgestelzt: Zwei Mono-Platinchen tragen im S3 jeweils einen Übertrager samt Ein- und Ausgangsbuchsen, Parallelwiderstand und einem Schalter, um diesen zuzuschalten. Gegen Störfelder sind die Trafos durch Mu-Metall-Becher geschützt (Foto: B. Rietschel)

Der Sinn der beiden Schalter besteht aber nicht in der Pegelanpassung, sondern in der Bedämpfung und Feinabstimmung des angeschlossenen Systems. Dieses bildet mit dem Übertrager eine Hochtonresonanz, die je nach Impedanzverhältnissen außerhalb des Hörbereichs liegt – oder aber ihn mehr oder weniger deutlich tangiert. Die kanalgetrennten Schalter haben jeweils zwei Stellungen: Auf „Aus“ liegt wirklich nur der Übertrager zwischen Tonabnehmer und Phonoeingang. „Ein“ schaltet den 6,8kΩ-Widerstand parallel zum Übertragerausgang.

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Die Rückseite der Pro-Ject Step-Up-Box S3 (Foto: Pro-Ject)

Diese zusätzliche Last senkt den vom System zu treibenden Widerstand auf der Eingangsseite gemäß der oben beschriebenen Faustregel: Statt rund 190Ω „sieht“ es dann nur noch etwas über 30Ω, wenn man den Widerstand der Primärwicklung mit einbezieht. Das ist dann ein typischer Abschluss für sehr niederohmige Systeme. Die neben dem Schalter aufgedruckte Empfehlung „10-40Ω“ kommt mir dabei etwas hoch vor. Das würde zum Beispiel sogar das Denon DL-103 einschließen, das definitiv besser ohne die zusätzliche Dämpfung spielt. Umgekehrt gehören die meisten meiner Testsysteme in die Kategorie unter 10Ω, die bei ganz strenger Befolgung des Aufdrucks gar nicht für die Step Up Box S3 geeignet wären: Ortofons MC X20 (6Ω), das brandneue Excalibur Midnight Blue (7,5Ω, Seriennummer 0001!), natürlich mein Lyra Delos (8,2Ω), das Dynavector DV20X2A-L (5Ω) und das Ortofon SPU ATR C40 mit 2Ω und nicht mal 0,2mV Ausgangsspannung.

Alle genannten Systeme spielten und spielen an der S3 überragend. Ein (rechnerisch) zu hoher Abschlusswiderstand scheint sie in keiner Weise zu stören. In manchen Situationen funktioniert gehörmäßig sogar die „direkte“ Schalterstellung besser, die angeblich Systeme zwischen 40 und 150Ω Innenwiderstand präferiert. Am anderen Ende der Skala habe ich aber auch das ziemlich laute EMT HSD SC6 (1mV) am intensivsten mit Übertrager genossen. An dessen Ausgang hingen hauptsächlich zwei Phonostufen, von denen keine in MC-Dingen als besonders hilfsbedürftig gilt: Pro-Jects eigene TubeBox DS3B und der erst kürzlich getestete SPL Phonos Duo, die seitdem wie festgeschraubt auf dem Kallax unter meinem LP12-Wandhalter steht. Durch seine extrem übersteuerungsfeste Eingangsverstärker wird der SPL zum idealen Übertrager-Begleiter: Mit dem EMT vornedran kommen aus dem S3 schließlich satte 16mV heraus. Das verträgt nicht jeder Phono-Pre verzerrungsfrei. Ich kann aber bestätigen, dass der Spaßfaktor, wenn er es denn kann, gigantisch ist.

Schockierende Dynamik

Womit wir beim Klang des S3 wären. Oder besser: dem „Klang“. Denn eigentlich hören wir nicht den Übertrager, sondern vor allem den Tonabnehmer. Diesen aber deutlicher, intensiver, feiner ausdifferenziert als sonst. Und mit schockierender Dynamik. Ich bekomme schon von dem Aufsetz-Moment, wenn die Nadel auf der Platte landet, einfach nicht genug: Ich stehe vorm Plattenregal, packe eine LP aus, lege sie auf. Bis dahin ist das einzige Geräusch im Raum das kränkliche Zirpen einer LED-Deckenleuchte von ALDI. Zum Glück kann man sie abschalten. Nun ist Ruhe, verdächtige Ruhe sogar: Habe ich den Eingang am Verstärker versehentlich gemutet oder umgeschaltet? Und dann trifft mich praktisch aus dem Nichts der knackigste Aufsetz-Knack aller Zeiten. Dieser Erstkontakt der Nadel mit der Einlaufrille ist ein aufschlussreiches Testsignal: Zigtausende Male gehört, ein reiner Impuls, der das gesamte Frequenzspektrum enthält, und der mir hier direkt zwei Dinge verrät: Er kommt aus kompletter, nahezu digitaler Stille heraus, und er ist zugleich scharf definiert und wuchtig-satt. Beide Qualitäten sind schon für sich genommen nicht selbstverständlich – noch weniger aber in der hier gehörten Kombination.

Other Lives Volume V
Von den Melodien her Folk, schnörkellos, würde- und kraftvoll: Other Lives „Volume V“ (Cover: Amazon)

Und dann beginnt die Musik: „Volume V“, das gerade erschienene fünfte Album von Other Lives. Schwer zu durchdringendes Material. Aber opulent, fast cineastisch arrangiert mit Bläsern, Chor, Streichern und Percussion, mit noch weiterem Horizont und noch unheilvollerem Abendrot als auf den vorherigen Alben. Ennio Morricone reitet jetzt nicht mehr nur vorbei, sondern lupft in der flirrenden Ferne klar erkennbar sogar kurz den Hut zum Gruß. Mit dem kleinen Pro-Ject-Übertrager tritt seine imaginäre Silhouette noch deutlicher hervor. Selbst an dem für sich genommen überragenden SPL-Preamp klingt alles noch eine gute Portion schärfer, fokussierter, farbiger und intensiver. Die rauschfreie Vorverstärkung hilft selbst den besten Phonostufen, indem sie die Dynamik vergrößert, den letzten Hauch von Grauschleier aus den Klangfarben entfernt und der Musik eine frische, unmittelbare Präsenz verleiht.

Pro-Ject Step Up Box DS3B

Für seinen moderaten Preis ist der kleine Pro-Ject-Übertrager schon beeindruckend perfekt. Lohnt es sich trotzdem, doppelt soviel für den großen Bruder DS3B auszugeben? Das hängt vom verfügbaren Budget ab, aber auch von der Konfiguration der Anlage. Denn der DS3B ist nicht nur insgesamt hochwertiger aufgebaut, sondern erlaubt auch symmetrischen Anschluss sowohl am Ein- wie auch am Ausgang. Und er kann zwischen beiden Varianten hin- und her transformieren: Symmetrisch rein, unsymmetrisch raus oder umgekehrt. Für Ein- wie Ausgang gibt es daher Wahlschalter an der Frontplatte. Was aber nicht heißt, dass man zwei Spieler parallel anschließen und umschalten könnte: Die beiden Signal-Plus, also Pin 2 beim XLR und der Mittelpin bei Cinch, werden direkt nach den Buchsen – und unabhängig von der Schalterstellung – zusammengeführt.

Pro-Ject DS3B
Die Pro-Ject Step Up Box DS3B bietet auf der Front einige Umschaltmöglichkeiten (Foto: Pro-Ject)

Ein dritter Schalter in der Mitte gestattet die Wahl zweier unterschiedlicher Übersetzungsverhältnisse: 1:15 oder 1:30. Ersteres entspricht in etwa dem des S3. Die 1:30-Option führt auf Terrain, das dem kleineren Übertrager verwehrt bleibt: Sehr leise und niederohmige Systeme erhalten hier einfach noch mehr Bums. Da das MC von den 47kΩ des MM-Eingangs durch die große Übersetzung nur noch 50Ω „sieht“, gelangen Systeme mit größeren Spulen aber schnell an die Grenzen ihrer Stromlieferfähigkeit. Der Widerstand fällt (und die Last steigt) sogar noch weiter, wenn man den Anpassungsknopf auf der Rückseite drückt: Wie beim S3 bringt das auf der Sekundärseite einen zusätzlichen 6,8kΩ-Widerstand ins Spiel, der die Primärseite dann wirklich niederohmig macht. Mit meinen 2Ω- bis 6Ω-Systemen eine willkommene Option, die man schnell durchspielen kann.

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Für einen Übertrager lässt sich an der Pro-Ject Step Up Box DS3B relativ viel einstellen und ausprobieren (Foto: Pro-Ject)

Symmetrische Signalverarbeitung und umschaltbarer Gain erfordern bedeutend komplexere Trafos als beim S3. Canor, der slowakische Hersteller, der die Step Up Boxen – und auch die meisten anderen Pro-Ject-Elektronikprodukte – entwickelt und produziert, erhält diese Bauteile vom schwedischen Spezialisten Lundahl. Der hier verwendete LL1678 hat zwei separate Primärwicklungen und mehrere Sekundärabgriffe, die sich zu einer Vielzahl von Varianten verknüpfen lassen. Die richtigen Verbindungen entstehen in vier besagten mechanischen Schaltern, die sich mit den Trafos und Widerständen auf einer gemeinsamen Platine befinden. Die Lundahls haben quaderförmige Gehäuse aus magnetisch dichtem Mu-Metall. Anders als beim S3 sind die auf dem Deckel des DS3B sichtbaren Chromkappen reine Deko.

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Wer genau hinschaut, erkennt, dass die Seitenwände der Lundahl-Kapseln aus mehreren Lagen hauchdünnen Mu-Metall-Bands gewickelt werden. Nach dem Umformen muss das Material unter Wasserstoffatmosphäre geglüht werden, um seine Abschirmeigenschaften wieder herzustellen. Der Kern des LL1678 besteht aus amorpher Eisen-Nickel-Legierung. Weitere Bauteile auf der Platine: zwei Widerstände (6,8kΩ), vier Schalter, acht Buchsen (Foto: B. Rietschel)

Mit den symmetrischen und unsymmetrischen Ein- und Ausgängen ist auf der Rückseite des DS3B schon deutlich mehr los als auf der des S3. Da MC-Systeme inhärent symmetrisch sind, ergeben die XLR-Anschlüsse hier durchaus Sinn. Und sie klingen bei Spielern, die die entsprechende Verkabelung erlauben, auch besser. Ausprobiert haben wir das sowohl mit symmetrischen Kabeln am Luxman PD-191A, als auch mit einem deutlich preiswerteren Thorens TD-1500, der mit XLR-Verkabelung zu überraschender Hochform auflief. Welche Verkabelung dann Richtung Preamp die günstigste ist, probiert man am besten aus. Von den getesteten Preamps schien Pro-Jects eigene TubeBox ganz klar XLR zu bevorzugen, während am SPL beides gleich gut funktionierte.

Falls am Preamp die Abschlusskapazität einstellbar ist, wählt man den niedrigsten angebotenen Wert. Oft sind das 100pF, beim SPL kommen wir sogar bis 12pF herunter, was gegenüber den ebenfalls angebotenen 100 auch tatsächlich noch Fortschritte bringt. Was wir daraus lernen: Kapazität hilft an dieser Stelle überhaupt nicht. Während MM-Systeme ein gewisses Maß an kapazitiver Last für ausgewogenen Frequenzgang brauchen, ist sie hier komplett unerwünscht. Das sollte man auch bedenken, wenn man Verbindungskabel aussucht, um den Übertrager am Phonoteil anzuschließen: Es sollte so niederkapazitiv wie möglich sein. Und auch nicht unnötig lang, weil die Kapazität proportional zur Länge ist.

Wenn ich jetzt ein Kabel kaufen müsste, würde ich zum Beispiel bei in-Akustik schauen, die schön gemachte (sogar in Deutschland), extrem niederkapazitive Kabel zu fairen Preisen im Programm haben. Das würde ich aber erst nach dem Übertrager anschaffen und mit diesem zunächst etwas experimentieren, um den optimalen Standort zu finden. Übertrager sind naturgemäß empfindlich gegen elektromagnetische Felder – da bewirkt auch die Mu-Metallschirmung der eigentlichen Trafos keine Wunder. Wenn’s am vorgesehenen Standort noch etwas brummt, kann man den Trafo vorsichtig an verschiedene Stellen bewegen und ihn zum Spaß auch mal auf die Seite drehen. Schon kleine Lageänderungen können einen großen Unterschied ausmachen, und fast immer findet sich schnell ein Arbeitsplatz, in der Nähe des Spielers, an dem der Step-Up wirklich totenstill ist.

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Der Übertrager – hier die Step Up Box S3 – ist eingangsseitig mit dem Plattenspieler verbunden. Der Ausgang hängt am MM-Eingang des Phono-Vorverstärkers. Einen Stromanschluss braucht der Übertrager nicht, sollte eher möglichst weit entfernt davon stehen. Bei Brumm-Einstreuungen hilft oft bereits eine etwas andere Ausrichtung der Störquelle oder – falls möglich – des Übertragers (Foto: B. Rietschel)

Etwas Herumprobieren muss man gelegentlich auch mit der Erdung. Den vom Plattenspieler kommenden Massedraht befestigt man typischerweise am Übertrager und führt von dort einen zweiten Draht zur Masseklemme des Preamps weiter. Aber manchmal sind auch andere Erdungs-Szenarien nötig. Auch hier gilt: Nicht wundern, wenn’s zunächst brummt. Richtig aufgebaut, geerdet und angeschlossen ermöglicht der DS3B ebenso wie der S3 – in diesem Punkt unterscheiden sich die beiden nicht – absolut brumm- und rauschfreie Musikwiedergabe. Die beim DS3B vor allem mit sehr leisen Systemen tatsächlich noch etwas seidiger, edler, gefühlt noch verzerrungsärmer klingt. Riesig ist der Unterschied ansonsten aber nicht. Was vor allem der Step-Up-Box S3 ein absolut fabelhaftes Preis-Leistungsverhältnis beschert.

Fazit Pro-Ject Step-Up-Box S3 und DS3B

 Die Step-Up-Box S3 ergibt mit einem preislich passenden MM-Vorverstärker (MC darf natürlich drin sein, wird dann aber nicht benötigt) eine fantastische Preamp-Lösung für MC-Freunde. Rauschen ist selbst mit sehr leisen MCs schlicht kein Thema mehr. Aus diesem stillen Hintergrund heraus entstehen eine verblüffende Dynamik und Durchzeichnung, wie sie komplett aktive MC-Lösungen unabhängig vom Preis nur selten hinbekommen.

Mit der DS3B dringt man noch tiefer in die Klangressourcen der LPs vor und erhält bei Bedarf den doppelten Gain. Das zahlt sich vor allem dann aus, wenn niederohmige, leise MC-Systeme am Start sind. Zusätzlichen Spielwert und erhebliches Klangpotenzial bringen die symmetrischen Anschlüsse der DS3B. Ungeachtet ihres moderaten Preises sind beide Step-Ups Anschaffungen fürs Leben: Es ist schlicht nichts drin, das Altern oder bei normaler Nutzung kaputtgehen könnte.

Enorm lebendiger, dynamischer, intensiver Klang
Rauschfreier Betrieb auch sehr leiser MC-Systeme, selbst an erschwinglichen Phono-Vorverstärkern
Solider, praxisfreundlicher Aufbau, symmetrische Verkabelung möglich
Gehäuse etwas scharfkantig

 

Pro-Ject
Step Up Box S3
2025/12
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Enorm lebendiger, dynamischer, intensiver Klang
Rauschfreier Betrieb auch sehr leiser MC-Systeme, selbst an erschwinglichen Phono-Vorverstärkern
Solider, praxisfreundlicher Aufbau
Gehäuse etwas scharfkantig, Übertrager verlangen für optimale Performance sorgfältige Aufstellung und Verkabelung

Vertrieb:
ATR – Audio Trade
Schenkendorfstraße 29
45472 Mülheim an der Ruhr
www.audiotra.de

Preis (Hersteller-Empfehlung):
Pro-Ject Step Up Box S3: 449 Euro
Pro-Ject Step Up Box DS3B: 899 Euro

Die technische Daten

Pro-Ject Step Up box S3 / Step Up Box ds3B
Konzept:Übertrager für MC Systeme
Aufbau:Dual-Mono-Designprinzip, höchste Kanaltrennung
Ausgangs-Tranformatoren:nicht näher benannter Trafo / Lundahl LL1678
Transformatorverhältnis:1:16 / 24 oder 30 dB wählbar
Empfohlene Last:47 kOhm / 100 pF
Eingang:1x Paar RCA Phono / 1x Paar RCA Phono, XLR
Ausgang:1x Paar RCA Phono / 1x Paar RCA Phono, XLR
Abmessungen (B x H x T):20,6 x 6,5 x 16,4 / 20,6 x 7,9 x 20,9 cm
Gewicht:0,94 / 1,74 Kilogramm
Alle technischen Daten
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Autor: Bernhard Rietschel

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Bernhard Rietschel ist gelebte HiFi-Kompetenz. Sein Urteil zu allen Geräten ist geprägt von enormer Kenntnis, doch beim Analogen macht ihm erst recht niemand etwas vor: mehr Analog-Laufwerke, Tonarme und Tonabnehmer hat keiner gehört.