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Startbild Grell OAE2
Der Over-Ear Kopfhörer Grell OAE2 (500 Euro) verspricht mit einer außergewöhnlichen Treiberanordnung ein besonders räumliches Klanggefühl (Montage: F. Borowski)

Test offener Over-Ear Kopfhörer Grell OAE2: Frontalangriff auf die Ohren

Ein neuer (und bezahlbarer) Stern am Kopfhörer-Himmel? Der Grell OAE2 ist ein offener Over-Ear für 500 Euro, entwickelt von einer bekannten Größe der Szene. Der OAE2 macht einiges anders. Aber auch besser? LowBeats erklärt die Besonderheiten und verrät, ob sich der technische Ansatz klanglich bezahlt macht.

Die Story hinter dem OAE2

Wer sich intensiv mit Kopfhörern aller Art beschäftigt und dabei stets auf der Suche nach dem (für sich) bestmöglichen Klang fürs Geld ist, sollte sich unbedingt einmal näher mit diesem neuen Kopfhörer namens Grell Audio OAE2 befassen. Denn daran ist vieles anders, auch wenn man es ihm auf den ersten Blick nicht ansieht.

Grell OAE2
Der Grell OAE2 ist ein Kopfhörer in offener Bauweise: Nach hinten abgestrahlter Schall wird kaum gedämpft, sowie umgekehrt gelangt Außenschall fast ungehindert an die Ohren (Foto: F. Borowski)

Besonders klar, hochauflösend und mit tiefem, kräftigem Bass können heute viele Kopfhörer spielen. Egal, ob In-Ear oder Bügelkopfhörer unterschiedlichster Ausprägung. Aber fast alle heute verfügbaren Kopfhörertypen haben einige inhärente Schwächen, an denen sich sämtliche Entwickler bislang die Zähne ausgebissen haben. Eine dieser Schwächen – und eine der grundsätzlichsten überhaupt – ist der Umstand, dass Kopfhörer durch ihre unmittelbare Nähe zum Gehör kein natürliches Räumlichkeits- und Ortungsgefühl bieten können. Dadurch entsteht das sogenannte „Im-Kopf-Gefühl“, das den Eindruck erweckt, die Musik findet tatsächlich zwischen den Ohren statt, statt wie bei Lautsprecherwiedergabe auf natürliche Weise mit deutlichem Abstand vor dem Hörer – und unabhängig von der Blickrichtung immer aus einer festen Richtung, statt mit der Kopfstellung mitwandernd.

Der Grund für die Im-Kopf-Ortung bei Kopfhörern ist die Art und Weise, wie unser Gehör funktioniert und die Richtungsbestimmung ermöglicht. Die Grundsätze dazu muss ich gar nicht lang und breit ausführen, denn das ist im Wesentlichen Schulwissen. Vielen ist dabei aber nicht klar, wie wichtig dafür unser Außenohr ist. Also diese bei genauer Betrachtung sehr komisch geformte Muscheln vor den Öffnungen des Gehörgangs. Und der Kopf selbst.

Außenohr KI 1440
Das Außenohr (Ohrmuschel) ist per Definition ein richtungsselektiver Filter, der zur Lokalisation von Schallquellen in der Medianebene genutzt wird. Und damit ist es sehr wichtig für natürliches Hören (Bild KI-generiert)

Was wurde nicht schon alles versucht! Es mangelt definitiv nicht an kreativen Lösungen, die das Im-Kopf-Gefühl verbannen oder zumindest deutlich abmildern sollen. Was in dieser Hinsicht gar nicht geht, sind In-Ohr-Kopfhörer, denn die sitzen direkt im oder unmittelbar vor den Gehörgang und der von ihnen erzeugte Schall umgeht die Außenohrfunktion komplett. Der einzige Weg, mit In-Ears eine annähernd natürliche  Räumlichkeit zu erzeugen, sind Manipulationen des Signals, was teilweise sogar schon im Aufnahmeprozess mit aufwändiger Technik berücksichtigt werden muss. So ähnlich, wie mit Apples „Adaptive EQ“ und „personalisiertem 3D Audio“.

Doch selbst damit muss das System stets berücksichtigen, dass jeder Mensch eine andere Hörkurve aufweist, was Methoden zur Einmessung erfordert. Ich will die Leistungen solcher aufwändigen 3D-Experimente nicht schmälern. Es sind teils beeindruckende Klangerlebnisse damit möglich. Aber es sind dennoch nur Effekte, die wenig bis gar nichts mit einem unverfälschten, natürlichen Hörerlebnis zu tun haben. Diese DSP-basierten Technologien sind außerdem stets von proprietären Aufnahme- und Wiedergabetechniken abhängig. Ganz im Gegensatz zu klassischem Stereo, das sozusagen universalkompatibel ist, keine speziellen Dekodierungsverfahren benötigt und niemals veraltet.

Der bessere Ansatz wäre es demnach, einen Kopfhörer zu entwickeln, der sich viel mehr wie ein Lautsprecher verhält, was seinem Träger ein deutlich angenehmeres und auch langzeittauglicheres Akustik-Empfinden bieten würde. Andere Probleme, wie etwa der Umstand, dass ein Gerät auf dem Kopf getragen werden muss, oder die Richtung, aus der der Ton kommt, stets den Kopfbewegungen folgt, anstatt einen festen Ursprung zu haben, bleiben dabei erst mal außen vor.

Einer, der sich intensiv mit diesen und vielen anderen Problematiken der Kopfhörertechnologie beschäftigt hat, ist Axel Grell. Bekannt ist der Name in der Szene unter anderem dafür, dass er als Sennheiser-Entwickler hinter so berühmten Kopfhörern wie dem HD 800 und weiteren sehr erfolgreichen Modellen steckt. Seit einigen Jahren aber ist Grell selbstständig, sodass er nun Kopfhörer entwickeln kann, die vollständig seinen Vorstellungen entsprechen, anstatt strengen Marketingvorgaben zu unterliegen.

Axel Grell
Axel Grell war lange Zeit bei Sennheiser der Entwickler solcher Ikonen wie dem HD 800 war auch einer der Vordenker des Orpheus-Projekts. Heute verwirklicht er seine Ideen unter eigenem Namen (Foto: Grell Audio)

Grell OAE2: Das macht ihn so besonders

Der OAE2 ist auf den ersten Blick ein ganz gewöhnlicher Bügelkopfhörer vom Typ Over-Ear (ohrumschließend oder circumaural) in offener Bauweise. Das heißt, er hat nur eine geringe Außenschalldämpfung und von ihm erzeugte Töne sind auch nach außen mehr zu hören als bei einem geschlossenen Kopfhörer.

Auch die Treibertechnik, ein Gebiet, auf dem sich viele Entwickler ordentlich austoben, ist im Kern reiner Mainstream. Es handelt sich um dynamische Wandler mit 40 mm Durchmesser und Membranen aus Bio-Zellulose.

Das Design des Kopfhörers ist modern und eigenständig, mit recht voluminösen Hörergehäusen und dicken, wulstigen Ohrpolstern mit flauschigem Bezug, die an einer schlanken Bügelkonstruktion aufgehängt sind. An beiden Gehäusen befindet sich ein Kabelanschluss, aber die beiden mitgelieferten Kabel (ein symmetrisches mit 4,4 mm Stecker und ein unsymmetrisches mit 3,5/6,35 mm Adapterstecker) werden nur an einem davon angeschlossen. Welcher ist egal. Das bleibt dem Träger überlassen, je nachdem, wo das Kabel weniger stört. Außerdem gehört zum Lieferumfang eine recht große, aber flache Aufbewahrungsbox. Die Hörer lassen sich zum Verstauen in eine flache Position drehen.

Ok, aber was ist nun anders oder besonders daran? Erst bei einem Blick auf die Innenseiten der Gehäuse wird klar, was hier Sache ist. Dazu muss ich ein klein wenig ausholen …

Over-Ears beziehen ja im Gegensatz zu In-Ears unser Außenohr in gewissem Maße mit ins Klanggeschehen ein. Diesen Umstand berücksichtigen viele Kopfhörerhersteller schon seit längerem, indem sie versuchen, durch die Stellung der Treiber die Im-Kopf-Ortung zu verringern. Zu den ersten, die mit schräg gestellten Treibern arbeiteten, gehört Ultrasone. Aber auch viele andere nutzen dieses Mittel – oft mit dem Versprechen, dass durch die mehr oder weniger stark angewinkelten Treiber eine viel natürlichere Vorne-Ortung gegeben wäre. Was aber nie wirklich zutraf.

In den allermeisten Fällen befinden sich die angewinkelten Treiber dennoch mehr oder weniger direkt „über“ dem Ohr, statt deutlich davor. Das Gehäuseprinzip eines Over-Ears lässt ja kaum anderes zu. Um dem zu entgehen, haben einige Hersteller schon ganz andere, radikalere Ansätze entwickelt, wie beispielsweise der LB-acoustics MySphere aus Österreich, den wir hier getestet haben. Der arbeitet mit einer ganz besonderen Bügelkonstruktion und zwei Treibern die frei schwebend vor dem Gehör hängen und deren Winkel so eingestellt werden kann, wie es bei Lautsprechern in einem gleichschenkligen Stereodreieck wäre. Das Konzept überzeugte mich im Test sehr, ist aber nicht ganz billig (etwa 4.000 Euro) und ziemlich exotisch.

LB acoustics MySphere Treiber
Der MySphere ist eine sehr exotische Konstruktion mit demselben Ziel wie der OAE2, kommt aber ohne die Zuhilfenahme einer genau definierten Schallkammer aus (Foto: F. Borowski)

Aber nun der Punkt: Selbst diesem Extrem-Kopfhörer gelingt es nicht, das Im-Kopf-Gefühl komplett zu verbannen. Unser Ohr, oder besser gesagt unser Gehirn, ist zu ausgefuchst, um sich so leicht täuschen zu lassen. Auch der Abstand der Schallwandler zum Ohr spielt hierbei offensichtlich und unüberwindbar eine große Rolle.

Damit zurück zum OAE2. Der Blick in die Gehäuse verrät, dass Axel Grell die Treiber so weit wie physisch möglich nach vorne gerückt hat. Also im Grunde dasselbe Prinzip wie beim MySphere und viel drastischer, als alle nur leicht angewinkelten Treiber in anderen Kopfhörern. Im Unterschied zum MySphere nutzt Grell (in Zusammenarbeit mit dem IKT der Leibniz Universität Hannover) aber noch andere akustische Tricks, um ein besonderes Klangfeld zu erzeugen. Die Rede ist vom Rest des ohrumschließenden Gehäuses, das hier als genau berechnete und sorgfältig bedämpfte Akustikkammer mithelfen soll, einen räumlichen, offenen Klang zu erzeugen. Das Zusammenspiel der Treiber mit dem Gehäuse nennt sich Frontseitige Schallfeldmodulation (FSFM).

Grell schreibt: „Unser Ohr funktioniert nicht wie ein Messmikrofon und der Frequenzgang am Trommelfell eines jeden Menschen ist einzigartig. Das liegt an der Beugung und Reflexion des Schalls am Körper, am Kopf und insbesondere am individuellen Ohr.  Je näher die Schallquelle am Trommelfell ist, desto weniger Einfluss haben diese natürlichen Beugungen und Reflexionen.“

Grell OAE2
Die frontseitig angebrachten Treiber wirken hier wie falsch eingebaut, aber das gehört natürlich zum Konzept (Foto: F. Borowski)

Interessant in dem Zusammenhang ist, dass Grell in seiner Beschreibung niemals direkt auf das berühmt-berüchtigte Im-Kopf-Gefühl zu sprechen kommt. Das hat wohl seinen Grund. Aber erst mal weiter mit der Betrachtung der Technik. Ein grundlegender Ansatz hierbei ist, dass unter Einbeziehung der Außenohrfunktion die Notwendigkeit zur Anpassung des Kopfhörers an individuelle Hörkurven (etwa durch Einmessung und DSP-Presets) theoretisch komplett überflüssig wird. Nur so kann der Kopfhörer auch rein passiv arbeiten und an jedem geeigneten Kopfhörerverstärker betrieben werden. Bluetooth ist natürlich auch nicht an Bord. Der OAE2 arbeitet rein kabelgebunden.

Um das gewünschte Ziel zu erreichen, langt es nicht, die Treiber einfach weiter nach vorne zu rücken. Die mithelfende Akustikkammer wurde genau berechnet und verfügt für eine ganz gezielt erforderliche Bedämpfung über ein spezielles Edelstahl-Mesh, das ein wenig an Dauerfilter für Kaffee erinnert. Nur noch feinporiger. Dahinter steckt also neben viel Gehirnschmalz auch eine ganze Menge Physik und Mathematik. Ob das alles so funktioniert, wie gedacht?

Grell OAE2
Ohne die Stoffverkleidung ist die Positionierung des Treibers und die Schallkammer noch besser zu erkennen (Foto: Grell Audio)

Der Grell OAE2 in der Praxis

Die erste gute Nachricht ist, dass man sich für den OAE2 nicht an so exotische Konstruktionen wie den MySphere gewöhnen muss. Er trägt sich wie jeder normale Over-Ear. Dabei ist seine Verarbeitungs- und Materialqualität für diese Preisklasse sehr hoch. Hier sieht nichts nach Plastik aus. Es knarzt oder wackelt auch nichts. Kabelgeräusche sind ebenfalls kein Thema beim OAE2. Das Design ist immer Geschmacksache, aber die „Gitterkörbe“ mit den voluminösen Ohrpolstern lassen den OAE2 sehr hochwertig erscheinen.

Grell OAE2
Die Bügelkonstruktion wirkt etwas filigran, ist aber sehr stabil (Foto: F. Borowski)

Der Sitz und der Tragekomfort sind sehr gut. Aber der Anpressdruck ist für einen offenen Hörer – auch im Vergleich zu vielen anderen Open Ears – recht hoch. Nicht unangenehm, aber einen so festen Sitz kenne ich sonst eher von Closed Backs. Seine breiten Ohrpolster verteilen den Druck jedoch sehr effektiv.

Schön ist auch, dass die Fertigung überwiegend in Deutschland stattfindet und praktisch alle Teile ersetzbar sind. Ohrpolster und Kopfbandpolster lassen sich ohne Werkzeug abnehmen und tauschen.

Auch elektrisch ist hier keinerlei Exotik zu erkennen. Dank der dynamischen Schallwandler und einer gekonnten Abstimmung kommt der OAE2 auf ganz normale Anschlusswerte. Die Impedanz liegt bei 38 Ohm und seine Empfindlichkeit bei 100 dB. Damit stellt er keinen Kopfhörerverstärker vor Probleme.

Grell OAE2
Die Anschlusskabel – symmetrisch und unsymmetrisch – werden einseitig zugeführt und können wahlweise links oder rechts angeschlossen werden (Foto: F. Borowski)

Wie schon erwähnt: Es handelt sich um einen akustisch offenen Kopfhörer und das zugehörige Transportcase ist nicht gerade klein. Als Reisekopfhörer eignet er sich daher nur bedingt, obwohl er auch an guten Mobilplayern und Dongle-DACs problemlos nutzbar ist. Ich habe ihn nur stationär getestet.

Und das war’s auch schon zum Praxisteil. Der Grell OAE2 erweist sich als absolut unkomplizierter, alltagstauglicher Kopfhörer. So soll das sein.

Hörtest: Keine Revolution, aber ein Hochgenuss

Gehört habe ich den OAE2 unter Idealbedingungen an dem mehr als adäquaten Kopfhörerverstärker Violectric HPA V324 (2.600 Euro), einem rein analogen KHV der Spitzenklasse, der sein Signal zeitweise vom eversolo DMP-A10 per XLR bekam und zeitweise über den sehr günstigen iFi Audio ZEN DAC 2 (inzwischen gibt es ihn als ZEN DAC 3 für 249 Euro), mit dem Mac als Quelle per USB. Die Musikzuspielung erfolgte über Roon.

Grell OAE2
Getestet wurde der OAE2 u. a. am Violectric HPA V324 Kopfhörerverstärker (Foto: F. Borowski)

Zum Vergleich kamen verschiedenste Kopfhörer unterschiedlicher Preisklassen aus meinem Bestand zum Einsatz. Darunter der T+A Solitaire T im Passivmodus, der Dan Clark E3 (geschlossener Magnetostat), sowie zwei Neuheiten von Yamaha, der YH-4000 (offener Magnetostat) und der YH-C3000 (geschlossen, dynamisch). Beide mit Preisen von rund 2.500 und 1.700 Euro deutlich oberhalb des Grell angesiedelt.

Die Preisunterschiede spielen hierbei nur eine untergeordnete Rolle, denn es ging hauptsächlich darum, die Klangsignatur des OAE2 erst mal grundsätzlich einzuordnen. Bei Kopfhörern gilt zudem noch mehr als bei Lautsprechern, dass der Preis kaum einen verlässlichen Hinweis auf die tatsächlichen Qualitäten und den persönlichen Höreindruck zulässt. Ein 5.000-Euro-Kopfhörer muss keineswegs automatisch die bessere Wahl sein.

Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden: Das Im-Kopf-Gefühl wird man auch mit dem OAE2 nicht wirklich los. Kein Wunder, dass der Hersteller auf seiner Webseite darauf auch gar nicht näher eingeht. Aber das war vielleicht auch nicht das primäre Ziel von Grell. Vielmehr ging es ihm um eine Öffnung der Klangbühne, hin zu einem entspannteren Hören. Aber ohne dafür an Klarheit und Details einzubüßen.

Grell OAE2
Auch am eversolo DAC Z10 (Test demnächst) spielte der OAE2 äußerst überzeugend (Foto: F. Borowski)

Das gelingt mit dem OAE2 in der Tat sehr gut. Er ist kein präsentes Auflösungswunder, das als Profi-Abhörer im kritischen Mitteltonbereich kleinste Imperfektionen aufzudecken will. Er will stattdessen Botschafter für den GENUSS der Musik sein. Wobei: Im Gegensatz zu den AirPods Pro 3, die ich für mein tägliches Fitnesstraining nutze, offenbart der Grell schon wesentlich mehr feine Details. Die AirPods sind demgegenüber ziemliche Weichspüler. Nur im Vergleich zu einigen der genannten Gegner höherer Preisklassen offenbaren sich mit dem OAE2 manchmal leicht gesoftete Transienten, doch Im Vergleich zu anderen Over-Ears dieser Preisklasse hier ist sein Auflösungsverhalten preisklassenbezogen top – insbesondere, wenn man die angenehme räumliche Offenheit des OAE2 in die Rechnung einbezieht.

Doch das wirklich Herausragende: Man gewinnt mit dem Grell spürbar mehr Distanz zur Musik und nimmt sie eher als homogenes Gesamtwerk dar, anstatt als Ansammlung einzelner Stimmen und Instrumente, die in unmittelbarer Nähe entstehen. Mehr Bühnenaufführung statt Seziertisch also. Das funktioniert mit dem OAE2 für einen Over Ear wirklich hervorragend. Damit einher geht auch, dass der OAE2 niemals aufdringlich oder gar lästig klingt.

Andere schaffen eine ähnlich offene Klangbühne auch mit herkömmlicher Treiberanordnung. Wie etwa der offene Magnetostat Yamaha YH-4000. Tonal sind sich die beiden allerdings sehr unähnlich, aber das ist eine andere Story. Jedenfalls bedeutet die ungewöhnliche Treiberanordnung des Grell auch keine Neuerfindung des Rades. Das Erlebnis unterscheidet sich nach wie vor deutlich von Lautsprechern.

Für meine Ohren klingt der OAE2 exzellent ausgewogen. Alles ist da: satter, tiefer Bass, farbenfrohe Mitten und kristallklare Höhen. Auch tonal stimmt hier alles. Nichts wird überbetont. Klangfarben wie natürliches Tageslicht statt Kerzenlicht oder Solarium.

Da ich meine Außenohren nicht wie Kopfhörer wechseln kann, vermag ich nicht einzuschätzen, ob damit das Ziel erreicht ist, für alle unterschiedliche Hörkurven einen gleichermaßen ausgewogenen Klang zu erzeugen. Genau das soll ja der Vorteil dieses Konzepts sein. Das können nur Sie selbst für sich allein bei einem Hörversuch mit dem Grell ermitteln. Für mich jedenfalls passt der Schuh einwandfrei.

Fazit: Ein Kopfhörer bleibt ein Kopfhörer

Der Grell OAE2 liefert, was der Hersteller verspricht. Auch wenn dazu nicht gehört, das Im-Kopf-Gefühl von Kopfhörern ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Doch das was er liefert, macht er souverän gut. Vor allem im Hinblick auf seinen Preis. In der Summe aller Dinge höre ich mit ihm lieber, als mit so manch viel teurerem Kopfhörer.

Dabei hilft sicherlich auch seine Alltagstauglichkeit. Der OAE2 ploppt förmlich auf den Kopf und kann dort lange verbleiben, ohne zu zwicken. Und auch bei der Wahl des Kopfhörerverstärkers stellt er keine besonderen Ansprüche, sodass sein Besitzer frei nach Budget und Anspruch entscheiden kann. Angefangen vom günstigen Dongle-DAC bis hin zu Boliden wie dem Violectric.

Ergo: Ein ganz dicke Empfehlung – aber nicht ohne den Hinweis, ihn vor dem Kauf einmal selbst auszuprobieren. Ab zum nächsten Fachhändler, denn online gibt es den Grell sowieso nicht.

GRELL AUDIO OAE2
2026/02
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertung
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Besonders luftiger, weiträumiger Klang
Unkompliziert und guter Tragekomfort
Einseitiger Kabelanschluss, wahlweise links oder rechts – auch symmetrisch
Gutes Klang/Preis-Verhältnis

Vertrieb:
grell UG
Im Wiesengrund 2
31303 Burgdorf
Germany

+ 49 5136 80 59 611
[email protected]

Preis (Hersteller-Empfehlung):
Grell Audio OAE2: 500 Euro


Technische Daten

GRELL OAE2
Konzept:offener, dynamischer, ohrumschließender Kopfhörer mit  frontseitiger Schallfeldmodulation (FSFM)
Bestückung:40 mm Bio-Zellulose-Membran
Nennimpedanz:38 Ω
Übertragungsbereich:12 – 34.000 Hz (-3 dB),
6 – 46.000 Hz (-10 dB)
Empfindlichkeit:
100 dB bei 1 kHz, 1 VRMS
Besonderheiten:
Klangcharakteristik: frontorientierte Lautheitsdiffusfeldentzerrung, Anpassung an die individuelle Hörkurve: Schallfeld-Ohrmuschel Interaktion
Zubehör:2 x 1,8 m versilbertes OFC-Kabel, (Klinke 6,35 mm und 4,4 mm Pentaconn), Hardcase
Gewicht:
378 Gramm
Alle technischen Daten
Mit- und Gegenspieler:

Test Violectric HPA V324 – Analoger Bilderbuch-Kopfhörerverstärker
Test Fostex TH909 offener High-End Bügelkopfhörer
Test T+A Solitaire T – Der neue Goldstandard für Bluetooth-Kopfhörer
Doppeltest Yamaha YH-4000 und YH-C3000: Offen oder geschlossen – 2 Spitzenkopfhörer mit Charakter

Autor: Frank Borowski

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LowBeats Experte für Schreibtisch-HiFi und High End kennt sich auch mit den Finessen der hochwertigen Streaming-Übertragung bestens aus. Zudem ist der passionierte Highender immer neugierig im Zubehörbereich unterwegs.