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Der Vertere DGX von vorn in Rot
Der Vertere DGX ist der neueste Streich von Touraj Moghaddam und ist spielfreudig wie kaum ein zweiter in der Klasse bis 5.000 Euro (Foto: Vertere)

Test Plattenspieler Vertere DGX: die ungeschminkte, audiophile Wahrheit

Vertere ist keine Marke, von der man Sonderangebote erwartet. Auch der neue Vertere DGX ist nicht billig und trifft in seiner Preisklasse auf vielfältige Konkurrenz. Die muss sich in Zukunft jedoch etwas wärmer anziehen. Denn was der DGX mit so unverwechselbaren wie eigenwilligen technischen Ansätzen klanglich zuwege bringt, ist fast schon sensationell.

Man kann Touraj Moghaddam nicht vorwerfen, er ruhe sich allzu lang auf einmal erworbenen Lorbeeren aus. Den Vertere DG-1s hatten wir erst vor rund zwei Jahren auf Lowbeats getestet und für toll befunden. Nun gibt es einen Nachfolger, den DGX, der gar nicht so viel teurer ausfällt als sein Vorgänger. Und der trotzdem aufregende Neuigkeiten mitbringt, allen voran einen neuen Tonarm. Aber auch Verbesserungen an Tellerlager, Chassis und Antrieb. Und ganz nebenbei einen neuen Tonabnehmer, den man zwar nicht nehmen muss, auf Wunsch aber in einem Komplett-Bundle mitbestellen kann. 4.298 Euro kostet das Raw Pack, die Grundausführung ohne Tonabnehmer und Anschlusskabel, aber inklusive der früher aufpreispflichtigen Technomat-Tellerauflage. Für 4.798 Euro gibt’s dann im Sabre Lite Pack den gleichnamigen neuen Tonabnehmer, fix und fertig vorjustiert, sowie Verteres eigenes, sehr schön gemachtes Anschlusskabel Blackline dazu. Genau so haben wir den DGX auch zum Test erhalten. Da der Sabre Lite an sich schon 598 Euro kostet, klingt dieses Bundle durchaus attraktiv.

Vertere Acoustics Touraj Moghaddam
Seit jeher für etwas andere, analoge Ideen zu haben: Vertere-Chef Touraj Moghaddam (Foto: Vertere Acoustics)

Das nächstgrößere Sabre Pack leuchtet mir persönlich dagegen weniger ein. Schließlich kostet das enthaltene Edel-MM Sabre allein nur 1298 Euro, womit im Komplettpreis von 5998 Euro noch 400 Euro „Luft“ für das Kabel verbleiben. Das finde ich für ein Phonokabel schon so üppig, dass mich die Aussicht nur mäßig erregt, zu diesem Preis im Bundle das 950-Euro-Kabel Redline zu erhalten. Ähnlich geht es mir bei den noch höherwertigen Packs, die sich nur rechnen, wenn man eh vorhat und akzeptiert, Tausende von Euro in Verbindungs- und Netzkabel zu investieren. Was freilich nichts daran ändert, dass die Raw Pack-Grundversion und auch die Sabre-Lite-Kombination, die wir zum Test bekamen, zum Besten und Überzeugendsten gehören, was wir in der jeweiligen Preisklasse kennen. Und es dem Käufer natürlich freigestellt ist, die teureren Vertere-Systeme gleich oder später auch ohne Bundle-Vorteile einfach dazuzukaufen.

Das Besondere am Vertere DGX

Egal, mit welchem Tonabnehmer man den DGX anschafft: Zuhause hat man ihn in einer Viertelstunde spielbereit, sofern ein Stellplatz und der Rest der Anlage bereits existieren. Denn der neue Tonarm – gemäß Lasergravur heißt er Groove Runner X – besitzt ein abnehmbares und austauschbares Oberteil, das nicht nur den Tonabnehmer, sondern auch sämtliche Einstellschrauben, -schieber und -gewichte trägt: Auflagekraft, Antiskating, Azimuth, VTA (Vertical Tracking Angle = vertikaler Spurwinkel) sind alle an dem langen, durchgehenden Tragebalken aus mehrlagigem Kunststofflaminat einstellbar.  Beim Aufbau holt man also das im Werk vormontierte Tonarmtop aus dem Karton, setzt es auf seine Lagerbasis, steckt den kleinen Stecker ein, der das Signal vom Arm in die Basis überträgt, und alles andere ergibt sich zuverlässig von selbst. Inhaber zusätzlicher Armtops (je 800 Euro) können somit in Sekundenschnelle zwischen jeweils perfekt vorjustierten Tonabnehmern wechseln.

Wenn ich’s recht überlege, wäre der DGX für Tonabnehmertests eine Idealbesetzung. Denn der Wechsel geht noch schneller und auch vollständiger als der zwischen zwei Ekos-Armen auf meinem Linn LP12 oder zwei 309ern auf meinem SME Model 10. Zudem klingt der DGX so gut, dass die beiden genannten, zugegeben schon etwas älteren Dreher keinen weiteren Erkenntnisgewinn versprechen. Genau genommen klingt der Vertere sogar so gut, dass ich aktuell nichts anderes hören möchte – wohl aber bald wieder muss, weil bereits das Rücksendeetikett neben mir auf dem Schreibtisch liegt. Ich werden dann sicher wieder Zeit haben, die Stärken meiner Stammlaufwerke zu würdigen. Aber die aberwitzige Dynamik des Vertere, die völlig ungeschminkte, ja nicht mal bekleidete, sondern regelrecht nackte Unmittelbarkeit, mit der er mir die Musik entgegenschleudert, vergisst man nicht so einfach: Dieser Spieler ist ein Energiebündel mit so viel Temperament und packender Präsenz, dass daneben selbst ein Rega brav wirkt.

Vertere DGX Headshell
Bequeme Installation: Die vergoldeten Federhülsen der Tonarmverkabelung halten ohne großen Kraftaufwand sicher an den System-Pins. Die Headshell bietet auch sperrigen Tonabnehmern mehr als genug Platz (Foto: B. Rietschel)

Auch optisch ist der DGX kein unauffälliges Gerät. An dem Laufwerk findet sich aber kaum ein überflüssiger Schnörkel. Diskutieren könnte man allenfalls über die vier Einschnitte, einer an jeder Kante, die mit kleinem Aufwand für maximale optische Verwirrung sorgen. Ich kann den Spieler anschauen, so oft ich will, und sehe doch stets nicht die rechteckige Grundform des Chassis, sondern etwas Dynamisches, Lebendiges, das mich entfernt an die Gitarren von BC Rich, Luftfahrzeuge mit Tarnkappeneffekt oder die Autos von Lamborghini erinnert. Wer die Extravaganz auf die Spitze treiben will, ordert den DGX in der neuen Farboption Rot. Erhalten geblieben sind die weißen und schwarzen Ausführungen, wobei der Kern des dreilagigen Acrylchassis stets transparent-farblos ist. Jedenfalls solange der Spieler nicht am Netz hängt. Denn im Betrieb illuminieren irisierende LED-Lichtlein diese Zwischenschicht ganz dezent, lassen das vorne eingelaserte Firmenlogo schimmern und verraten nebenbei die aktuelle Drehzahl – grün für 33, rot für 45. Man soll diese Lichter auch abschalten können. Sie sind aber so dezent, dass das wohl kaum jemand als notwendig erachtet.

Vertere DGX Farben
Die poppigen Farben des DGX (Foto: Vertere)

Das wars dann aber auch schon mit der Kosmetik. Der Rest des Spielers ist reine Funktion und wird aus ihr heraus ganz von selbst schön. Dabei ist nichts einfach irgendwie gelöst, sondern jedes Detail unverkennbar Vertere – oder besser: unverkennbar Touraj. Denn einige Lösungen kennen ältere Audiophile zumindest in Grundzügen bereits von Moghaddams erster Firma „Roksan“ und deren legendären Laufwerken Xerxes, Radius und TMS. Da ist zum Beispiel die ausgefräste Insel auf dem Oberdeck, die Tellerlager und Tonarm trägt und verhindert, dass sich Vibrationen aus dem Rest des Spielers oder der Umgebung zu diesen sensiblen Teilen schleichen. Die Insel sitzt auf straffen Silikondämpfern, die ihr ein gewisses Maß an Subchassis-Charakter verleihen, zugleich aber die relative Position zu Chassis und Motor dauerhaft stabil halten.

Entkoppelte Quasi-Subchassis gibt es anderswo auch – inzwischen. So ausgereift und effektiv wie bei Touraj Moghaddam, der diese Bauweise schon seit den 1980er Jahren kontinuierlich verfeinert, sind sie aber meist nicht. Mit „effektiv“ meine ich hier: laufruhig und hochdynamisch. So dynamisch, dass der DGX – ausgeschrieben Dynamic Groove X – selbst meinem klassisch Schraubenfeder-entkoppelten LP12 ganz lässig den Schneid abkauft. Es ist ein Spieler, bei dem man zu Ambient-Alben manisch mit dem Fuß wippt. Liegt’s vielleicht auch am Motor, beziehungsweise dessen Aufhängung? Schließlich muss man sich vor Augen halten, dass alles, was der Spieler an elektrischer (Signal-)Energie ausspuckt, zuvor vom Motor als kinetische Energie in den Spieler eingespeist wurde – aber auch ein Großteil der potenziellen Störungen vom Motor ausgeht. Die Motorauslegung und -aufhängung des DGX werden dieser Ambivalenz gerecht, indem sie dem Aggregat einerseits Autorität in Form von Drehmoment verleihen, dieses andererseits aber gleich wieder verschwinden lassen.

Vertere DGX Motor
Großvater Xerxes lässt grüßen: Auch der neue DGX bringt seinen Teller mit einem relativ starken, dafür aber weich aufgehängten Motor in Schwung (Foto: B. Rietschel)

Der Motor, ein Synchronläufer aus der Schweiz, hängt dabei in einem elastischen Lager, das ihn tangential zum Teller ganz weich nachgeben lässt, radial – also in Richtung Tellerachse – dagegen stabil festhält. Xerxes-Kenner fühlen sich an dessen Motorlagerung erinnert, die das gesamte Aggregat in einem eigenen Gleitlager frei rotieren ließ, wobei nur eine weiche Feder den Bewegungsdrang einschränkte. Die DGX-Motorlagerung ist viel preiswerter zu bauen und zudem wartungsärmer, hat aber den gleichen Effekt: Sie verkleinert den Motor aus Sicht des Tellers, lässt ihn im Abspielbetrieb virtuell in der Ferne verschwinden, als wäre er nicht mit seinem kurzen, straffen Silikonriemen angekoppelt, sondern mit einer meterlangen, butterweichen Gummischnur. So wirkt das jedenfalls auf kurzfristige Unregelmäßigkeiten im Motorlauf: Die weiche Aufhängung filtert sie heraus. Muss der Motor dagegen dauerhaft ziehen, etwa beim Start oder Drehzahlwechsel, überwindet er die Entkopplung augenblicklich und zieht dann mit vollem Drehmoment am Riemen.

Anders als die kruden O-Ring-Motoraufhängungen, wie sie früher etwa bei Rega oder Pro-Ject zum Einsatz kamen, arbeitet die Vertere-Lagerung richtungsgebunden, präzise und progressiv: Um die Nullage herum, also bei normalem Betrieb, wenn nur minimale Kräfte übertragen werden, ist es fast so, als wäre das Aggregat überhaupt nicht mehr mit dem Spieler verbunden. Für einen Dreher seiner Größe läuft der DGX mit diesem Antriebskonzept dann auch extrem stabil und geräuscharm, startet aber fast so schnell wie ein Direktantrieb. Dazu trägt auch die programmierbare Motorsteuerung bei, die auf den 24-poligen Synchronmotor individuell abgeglichen wird: Ein digitaler Signalgenerator mit angeschlossenem Zweikanal-Verstärker, der die beiden generierten Sinuswellen auf die für den Antrieb optimale Spannung verstärkt. Sollte der Motor einmal getauscht werden müssen, erlaubt eine serielle Schnittstelle einen Neuabgleich der Steuerung.

Vertere DGX Lager
Dreipunktlager: Im Tonarmsockel aus POM sind drei kleine Kugeln aus schwarz schimmerndem Siliziumnitrid gefangen. Die Lagerspitze des Tonarmtops sitzt im Betrieb frei beweglich in ihrer Mitte – und verhält sich in der Praxis wie ein Einpunktlager mit angenehm geringer Pendelneigung (Foto: B. Rietschel)

Ebenfalls am geräuschlosen Lauf beteiligt ist das Tellerlager, das seine lange, schlanke Achse auf einer Kugel aus Wolframkarbid rotieren lässt. Zwischen Daumen und Zeigefinger gedreht, läuft es wunderbar geschmeidig und absolut spielfrei. Es ist so eng toleriert, dass Vertere ausdrücklich davor warnt, die spiegelpolierte Stahlachse aus der Messingbuchse herauszuziehen: Einmal zerlegt, bekommt man die Teile ohne Spezialwerkzeug nicht wieder zusammen. Lässt man es in Ruhe, wird das wartungsfrei geschmierte Lager dagegen nicht nur den Erstbesitzer, sondern vermutlich auch seine Erben überleben. Es muss ja auch kein riesiges Gewicht tragen. Der Teller des DGX wiegt moderate 1,4 Kilo, liegt also in der Klasse eines Planar 3 oder Technics 1210.

Der Teller ist aber deutlich komplexer aufgebaut als die der genannten Spieler. Sein Kern besteht aus perfekt flacher, gegossener Aluminium-Toolplate und erhält eine umlaufende Nut für den Riemen eingefräst. Fest damit verklebt ist eine dünne Scheibe aus einer anderen Alu-Legierung, die eine ebenfalls fixe, bedruckte Auflage aus PET trägt. Die Unterseite des Tellers erhält eine dicke, Beschichtung aus Nitrilkork. Der vierschichtige Aufbau bewirkt eine wundersame Resonanzarmut: Im Klopftest macht der Teller keinen Mucks.

Die Lagerachse trägt diesen Teller mit der kleinstmöglichen Kontaktfläche, die noch einen präzisen und sicheren Sitz gewährleistet: einem nur ca. 3mm breiten Kranz mit 19mm Außendurchmesser. Selbst das Mittelloch des Tellers, das diesen auf der Achse zentriert, ist oben und unten liebevoll aufgeweitet, damit es die Achse nicht über die volle Tellerdicke, sondern nur auf etwa einem Millimeter Höhe überhaupt berührt. So soll die Übertragung von Lagergeräuschen – deren Entstehung ohnehin unwahrscheinlich ist – auf den Teller minimiert werden. Umgekehrt nimmt dieser Mikro-Subteller auch keine Biegekräfte vom Teller auf. Drückt man letzteren am Rand etwas zu fest herunter, kippt er einfach etwas aus seiner Ruhelage und kehrt wieder dahin zurück, sobald man loslässt. Anfangs ist dieses Verhalten vielleicht etwas irritierend, aber im Musikhör-Alltag reicht weder das Auflegen noch das Abbürsten einer Platte aus, um den Teller schaukeln zu lassen. Auch normalschwere Tonarmwaagen wie meine Ortofon DS-3 stehen stabil auf dem Tellerrand.

Vertere DGX Lagerachse
Balanceakt: Die Lagerachse aus Stahl trägt den Teller ganz bewusst nur auf einem kleinen Auflagekranz. Das Lage selbst ist von feinster Qualität (Foto: B. Rietschel)

Der DGX kommt serienmäßig mit der Vertere Technomat, einer recht dicken, sehr hübschen Matte, die eine Lage Nitrilkork mit einer Schicht sehr weichen Filzes verbindet. Viel behaglicher und resonanzneutraler als auf diesem Bett kann man als Platte nicht liegen. Ein kurzer Hörvergleich bestätigt: Die Technomat ist top und bleibt drauf! Zumal man mit dem neuen Arm auch die zusätzliche Höhe unterm Tonabnehmer gut brauchen kann, damit der Ausgangspunkt für die Höhenverstellung sauber in der Mitte liegt. Beim Einbau eines Tonabnehmers kann man die Matte abnehmen und findet auf dem Aufdruck der PET-Oberfläche zwei kleine Nulldurchgangs-Punkte für die Überhangjustage. Der Spieler ist also seine eigene Schablone. Die man aber eigentlich auch noch braucht, weil das abnehmbare Armtop eine noch einfachere Ausrichtung ermöglicht: Bei korrektem Überhang fluchtet die Nadelspitze exakt mit der Vorderkante des Flachbau-Armbalkens. Vertere-Systeme tragen zudem an der oberen Gehäuse-Vorderkante eine eingefräste Stufe, die ohne große Peilhilfen die Position der – von oben ja nicht direkt sichtbaren – Nadel markiert. Also schiebt man das System einfach dahin, wo Stufe und Tonarm-Vorderkante fluchten. Nimmt man jetzt noch die eigens für Vertere produzierten, angenehm leicht aufzuschiebenden Steckhülsen, die Befestigungsschrauben mit ihren großen Rändelköpfen (nicht verlieren, Ersatz ist absurd teuer!), den generell sehr großzügigen Raum auf der Tonarmunterseite und die Tatsache hinzu, dass man beim Systemeinbau nicht vor dem Spieler kauert, sondern entspannt am Tisch sitzen kann, erhält man einen der komfortabelsten Tonarme, an denen ich je gearbeitet habe.

Vertere DGX Waage
Waage ist Pflicht: Die gravierten Skalen vor und hinter dem Lagerbereich dienen nur als Merkhilfe. Konkrete Gramm- oder Millinewton-Werte muss eine elektronische Tonarmwaage liefern. Das Vertere Sabre Lite verlangt laut Datenblatt zwischen 2 und 2,1 Gramm (Foto: B. Rietschel)

Der Groove Runner X übernimmt zwar die Flachbauweise seines Vorgängers, ist aber sowohl technisch als auch performance-mäßig ein komplett anderer Arm – nämlich ein noch besserer. Das liegt vor allem an dem neuen Einpunktlager, das der Arm von seinem teureren Bruder Super Groove geerbt hat – zumindest im Grundsatz, denn die genaue Ausführung und die verwendeten Materialien unterscheiden sich. Vertere vermeidet den Begriff Einpunktlager übrigens, aus zwei Gründen: Erstens – und das klingt jetzt ein bisschen haarspalterisch – weil der Kontakt bei Einpunktarmen nie wirklich punktförmig sein kann. Was von Weitem aussieht wie eine Spitze in einem leicht konkaven Lagerspiegel, sind in Wirklichkeit doch zwei Flächen, die aufeinander gleiten. Der Lagerpunkt ist somit nicht hundertprozentig genau definiert, und wenn ein Einpunktarm sich in seinem Lager bewegt, wandert die Spitze in der Lagerschale immer auch ein bisschen, statt sich nur um einen geometrisch akkuraten Punkt zu drehen.

Moghaddam verwendet stattdessen eine Anordnung, die er Tri-Pivot Articulated Bearing nennt. Darin balanciert der Arm zwar auch auf einer Spitze. Diese steckt im Betrieb jedoch zwischen drei Kugeln aus extrem hartem Siliziumnitrid. Streng genommen also ein Dreipunktlager – an jeder Nitiridkugel eine winzige, gewölbte, spiegelglatte und nahezu reibungsfreie Kontaktfläche. Das Arrangement erinnert etwas an die ACT-Tonarme von Wilson Benesch, wo es bereits vor 30 Jahren hervorragend funktioniert hat. Im Groove Runner X trägt es aber kein Carbonrohr, sondern ein flügelförmiges Konstrukt aus flachem Kunststoff-Schichtmaterial, das vom hinteren Ende des Gegengewicht-Auslegers bis zur vorderen Headshellkante einteilig durchgeht. Wobei das Material zwischen Headshell und Lagerpartie für optimale Massenverteilung und Steifigkeit gedoppelt ist.

Beim Aufbau nimmt man diesen Tonarm-Flügel und setzt ihn einfach auf seine Basis auf, wo die Lagerspitze praktisch von selbst ihren Platz zwischen den drei Keramikkugeln findet. Handelt es sich um einen bereits voreingestellten Arm, ist danach lediglich noch das Signalkabel des Armtops an der Basis einzustecken – skurrilerweise mit einem Mini-USB-Stecker – und der Faden des Antiskatinggewichts über seine Führungsgabel zu hängen. Zum Überprüfen oder Selbsteinstellen packt Vertere eine elektronische Waage bei. Wer wirklich einen Tonabnehmer selbst montieren will, sollte auch eine Peilhilfe in Form zum Beispiel eines linierten Plexiglasblocks zur Hand haben, um VTA sowie den Azimut auf den Punkt zu bringen. Perfektionisten werden vielleicht die Vertere-eigene, lasergravierte Version kaufen. Die bedruckten Chinaversionen für ein Zehntel des Preises tun es zur Not aber auch.

Vertere DGX Tonarm
Tonarmtausch im Handumdrehen: Ein zusätzliches Tonarmtop kostet mit allen Anbauteilen (aber ohne Tonabnehmer) 800 Euro. Das Quasi-Einpunktlager erlaubt einen unkomplizierten Tausch inklusive aller bereits eingestellten Parameter. Nur die Lifthöhe muss man bei sehr unterschiedlichen Systemen mitunter nachstellen (Foto: B. Rietschel)

Der flache Arm ist mit seinen langen, geraden Kanten sehr einfach auszurichten. Zumal die Justage aller Parameter sehr gut funktioniert. Mit einem neuen Tonabnehmer würde man zunächst die Auflagekraft einstellen. Dazu verschiebt man das große Edelstahl-Gegengewicht, wobei die aufgelaserte Skala nur als dimensionslose Merkhilfe dient. Den tatsächlichen Wert liest man auf der mitgelieferten Elektronikwaage ab. Liegt die Auflagekraft grob im angestrebten Bereich, fixiert man das große Gewicht mit einem Dreh an seiner Klemmschraube und macht die Feinarbeit mit dem kleineren Gewicht, das über einen recht langen Bereich entlang des „Armrohrs“ verschiebbar ist. Das funktioniert prima und hat einen sehr praktischen Nebeneffekt: Durch den großen Verschiebebereich lässt sich mit dem Zusatzgewicht auch die effektive Tonarmmasse verändern. Je näher die beiden Gewichte am Lager sind, desto geringer ist sie, je weiter sie auseinanderrücken, desto „schwerer“, also massenträger wird der Arm – bei effektiv gleicher Auflagekraft.

Stimmt die Auflagekraft, kann man sich an VTA und Azimut machen. Die Lagerspitze hat ein Gewinde, das oben aus ihrem Sitz herausschaut und sich einfach per Hand rein- oder rausschrauben lässt. So lässt sich die Höhe des Lagerpunkts sehr feinfühlig und reproduzierbar einstellen. Da der Tonarm flach und gerade ist wie ein Lineal, verschwendet man auch keine Zeit mit zugekniffenem Auge: Arm auf die – stehende! (sprich: nicht rotierende) – Platte senken, einen Acryl-Peilblock dicht daneben stellen und man sieht sofort, was Sache ist. Gleiches gilt für den Azimuth, wobei der Peilblock jetzt vorne quer vors Headshell kommt. Dessen lange, kerzengerade Vorderkante sollte zunächst exakt parallel zur Platte liegen.

Vertere DGX
Die Spitze, die keine sein darf: Der Lager-Spike touchiert die Gegenseite nur mit seinen Flanken (Foto: B. Rietschel)

Die Azimut-Einstellung ist ein ständiger Begleiter jedes Einpunktarms. Schließlich gibt es bauartbedingt keine definierte Parallel-Position wie bei kardanischen Armen. Das hat aber auch sein Gutes. Denn weil der Arm jeder noch so geringen Schwerpunktänderung praktisch reibungsfrei folgt, kann man sich viel feinsinniger an die perfekte Stellung der Nadel in der Rille herantasten. Ein zarter Dreh an den kleinen Ballast-Auslegern am hinteren Gegengewicht lässt den Arm vielleicht nur um ein paar Winkelsekunden in die eine oder andere Richtung kippen. So wenig, dass man selbst mit guten Augen die Veränderung kaum sieht. Aber genug, um bei den feinsten unter den modernen Nadeln nachvollziehbare klangliche Auswirkungen zu zeitigen.

Auch das Antiskating – bei Einpunktlern oft heikel – ist sehr gut gelöst. Es funktioniert klassisch mit Faden und Gewicht. Der stufenlos verschiebbare – und mit einem kleinen Inbus arretierte – Anlenkpunkt hat zwar keine Skala. Aber dafür reagiert der Arm so feinfühlig auf Veränderungen, dass man den optimalen Wert ruckzuck per Gehör findet.

Vertere DGX ohne Werkzeug
Ohne Werkzeug montierbar: Die griffigen Rändelschrauben liegen den Vertere-Systemen bei. Zusammen mit passenden Unterlegscheiben sorgen sie für sicheren Sitz des Tonabnehmers, ohne Spuren in der Headshell zu hinterlassen (Foto: B. Rietschel)

Eigentlich hätte ich ja gar nichts einstellen müssen. Denn mein Test-DGX erreichte mich in der kleinen Bundle-Ausführung mit dem neuen MM-Tonabnehmer Sabre Lite, dem kleinen Bruder des ebenfalls hier schon getesteten Sabre. Die technischen Unterschiede sind klein: bonded-elliptische Nadel am Aluträger, bildschönes Alugehäuse, dieses aber nun silbern statt orange und ohne die aufwändige Spike-Aufhängung des Generators. Stattdessen kleben die Briten das Innenleben einfach in ihr gefrästes Gehäuse ein, wie das andere Hersteller auch tun. Der Klang wird dadurch ein bisschen diffuser als beim auffällig klaren und sortierten Sabre, verströmt aber die gleiche Kraft und das gleiche Selbstbewusstsein. Was ihn zu einer erdigen, verbindlich druckvollen MM-Option macht.

Vertere DGX Tonarm
Einfach, aber effizient: Das fünfschichtige Kunststoffmaterial wurde sicherlich für ganz andere Aufgaben entwickelt, ergibt aber einen wunderschönen, steifen und resonanzarmen Tonarmbalken, der sich zudem – weil nur zweidimensionale Zuschnitte nötig sind – wirtschaftlich fertigen lässt. Neben der Lagerspitze ist auch der Antiskating-Anlenkpunkt höhenverstellbar. So lässt sich sicherstellen, dass der Zug stets genau auf Höhe des Lagers auf den Arm wirkt (Foto: B. Rietschel)

Aber der Spieler kam ja mit einem zweiten, unbestückten Tonarmtop. Das kann man für knapp 800 Euro dazukaufen, inklusive aller Schieber und Gewichte und ready to rock. Für mich klasse, weil ich bewährte Abtaster, die ich aus vielen anderen Spielern kenne, auch im Vertere-Umfeld hören kann. Zum Beispiel den Audio-Technica-Klassiker AT-33Sa mit Shibata-Nadel an einem Bor-Nadelträger. Ein grenzwertiges, aber atemberaubend intensives Erlebnis. Denn der AT neigt generell zu einem eher hellen Klang, in perfektem Umfeld aber auch zu opulent weiter Raumabbildung, rasanter Impulswiedergabe und fein differenzierten Klangfarben. Der Groove Runner X bietet solch ein perfektes Umfeld. Man kann zuhören, wie die anfängliche Helligkeit des ursprünglich von JVC für Quadroplatten entwickelten Shibata-Diamanten mit jeder Justage-Verfeinerung einer geschmeidigen Schnelligkeit näherkommt, die ich nur als „geölter Blitz“ beschreiben kann.

Hör-Eindruck

Es wird dann immer noch Platten geben, deren Nebengeräusche sich ein bisschen zu sehr in den Vordergrund schieben – Band- und Verstärkerrauschen etwa. Andererseits gibt es aber auch ganz viele von diesen Momenten, wo mir vor lauter Realismus und Unmittelbarkeit fast das Herz stehenbleibt. Etwa der Einsatz von Anja Plaschg alias Soap&Skin bei Tocotronic „Nie wieder Krieg“:

Tocotronic Nie wieder Krieg
Tocotronic „Nie wieder Krieg“ gibt es als 180g-Gramm Version mit 45 RPM auf 2 LPs (Cover: JPC)

So rein, nah und verbindlich habe ich die Sängerin auf diesem Stück noch nie gehört. Das Gleiche kann ich über Shannon Wright berichten, die 2004 für ein tolles Album mit Yann Tiersen kollaborierte. „Yann Tiersen & Shannon Wright“ verbindet das raue, reduzierte Indie-Songwritertum der US-Sängerin mit Tiersens elegant-romantischen Kammerpop zu einer unerwartet kraftvollen Mischung. Piano, Streicher, Wrights verzerrte E-Gitarre und gequälte Stimme finden dabei allesamt stabile Plätze auf einer gefühlt riesigen Bühne. Und decken das gesamte Spektrum von kratzig bis weich, feinperlend bis rockig marschierend ab. Keiner meiner Spieler – darunter auch deutlich teurere – schafft es, diese Kontraste noch drastischer darzustellen. Im Gegenteil: Wenn es darum geht, das Vinyl-Medium zugunsten einer Art Live-Direktheit einfach auszublenden, muss der Vertere sich vor nichts und niemandem fürchten.

Während ich diesen Test schreibe, liegt das AT-33SA schon wieder griffbereit auf meinem Schreibtisch. Ich habe das System sonst eher selten montiert, wenn ein betont hochauflösendes, im alten japanischen Stil analytisches MC gefragt war. Am Vertere-Arm ist es immer noch kein romantischer Schöntöner. Aber die vermeintliche Analytik verwandelt sich in Genauigkeit, Dynamik und Intensität: Warmes darf warm klingen. Etwa auf Neil Youngs Mirror Ball aus dem Jahr 1995, das Young und die komplette Besetzung von Pearl Jam, die hier Begleitband spielt, in druckvoll-schummrigem Quasi-Livesound präsentiert. Natürlich mit Meister Youngs minimalistischen Soli, die vor den Boxen verglühen wie brennende Dornbüsche. Auf dem Teller lag die Original-US-Pressung (Reprise 9 45934-1), zu der es auch 30 Jahre später keine neuere Alternative gibt.

Vertere DGX von hinten
Auch der Blick von hinten lässt erahnen, dass dieser Plattenspieler alles andere als konventionell ist (Foto: Vertere)

Dann wieder Mein Ruin, superknackig aufgenommener… Indierock? Diskursrock? von Tocotronic auf Kapitulation. Viel leichter zu bekommen und eine Platte, die die Stärken des Vertere wie auf einem polierten Silbertablett serviert. Beziehungsweise einem dieses Silbertablett direkt ins Gesicht klatscht: Scheppernde Gitarren, treibende Drums, Dirk von Lowzows Gesang krallen sich regelrecht in die Hörraumluft, plastisch, bei Bedarf kantig, aber ohne ungebührliche Schärfe. Natürlich habe ich auch Vergleichsspieler gehört. Über den Luxman PD-191A klingt das mit dem gleichen AT-System noch wuchtiger, im Ton geschmeidiger. Viel tiefer als mit dem 13.000-Euro-Luxman sollte man aber nicht einsteigen, wenn man gegenüber dem Vertere einen wirklich klaren Fortschritt hören will. Aber es bleibt natürlich Geschmackssache: Gerade die superschnelle Kombi mit dem AT33Sa ist nichts für Menschen, die einen tendenziell warmen, weichen Romantiksound vorziehen. Da überrascht es nicht, dass die Vertere-eigenen Systeme, jedenfalls die Sabre-Modelle, eher in Richtung körperreich-knorrig steuern.

Fazit Vertere DGX

 Wie schon seine Vorgänger DG-1 und DG-1S fällt der DGX im Hörtest durch seinen sehr lebendigen, packend dynamischen Klang auf, den ihm kein vergleichbar teurer Spieler auch nur ansatzweise nachmacht. Sanftere, vielleicht auch basspotentere Spieler lassen sich eventuell schon finden. Man vermisst dann aber die ehrliche, ungeschminkte Direktheit des Vertere. Wer ein Top-Ergebnis mit möglichst geringem Kombinationsaufwand erzielen will, greift einfach zum Sabre Light Pack, wie wir es getestet haben: Das MM-System ist bereits seinen relativ hohen Einzelpreis durchaus wert. Für den Paket-Aufpreis, der 100 Euro darunter liegt und das schöne, kontakt-sichere Blackline-Kabel mit einschließt, ist es wirklich verlockend – zumal diese Kombi direkt aus dem Karton traumhaft stimmig und druckvoll spielt.

 

Vertere DGX Lite Pack
2025/07
Test-Ergebnis: 4,6
ÜBERRAGEND
Bewertung
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Hochdynamischer, fein differenzierter Ausnahme-Klang
Präzise und komfortabel einstellbarer Tonarm mit nachkauf- und tauschbarem Oberteil
Wird vollständig mit Haube und exzellenter Matte geliefert
Unpräziser Lift

Vertrieb:
Beat Audio
Hainbuchenweg 12
21224 Rosengarten
www.beat-audio.de

Preis (Hersteller-Empfehlung):
Vertere DGX Lite Pack: 4.800 Euro

Technische Daten

Vertere DGX Lite Pack
Konzept:Plattenspieler mit Riemenantrieb + MM-Tonabnehmer
Tonarm:3-lagig, Länge 24,0 cm
Tonabnehmer:Sabre MM, Nadel: Micro-elliptisch
Ausgangsspannung Sabre:4.3mV
empf. Auflagegewicht / Abschluss (Sabre):
1,9 – 2,1 Gramm / 47Ω
Abmessungen (B x H x T):
45,7 x 12,7 x 38,2 cm
Gewicht:7,75 Kilo
Alle technischen Daten
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Autor: Bernhard Rietschel

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Bernhard Rietschel ist gelebte HiFi-Kompetenz. Sein Urteil zu allen Geräten ist geprägt von enormer Kenntnis, doch beim Analogen macht ihm erst recht niemand etwas vor: mehr Analog-Laufwerke, Tonarme und Tonabnehmer hat keiner gehört.