Die meisten HiFi-Freunde kennen den britischen Hersteller Rogers als BBC-Zulieferer von kleinen bis mittelgroßen Studio-Monitoren. Doch Rogers kann auch anders. Bereits in den 1980er Jahren hatten die Briten die BBC Active LS5/8 Grade One aufgelegt, eine gewaltige, aktive 2-Wege-Konstruktion mit 12-Zoll Tieftöner und einem 34 mm-Softdome-Hochtöner mit Phasenkorrektur. Und nun gibt es eine Fortsetzung dieser „großen“ Geschichte: Ende 2025 wurde die Rogers PM510 S3 vorgestellt. Sie ist eine passive Variante dieses 40-jährigen Themas und überraschte im LowBeats Hörraum nicht nur mit brutaler Pegelfestigkeit.
Die Geschichte von Rogers, die nächstes Jahr immerhin schon fast 80 Jahre währt (Jim Rogers gründete die Firma 1947), ist ja durchaus wechselvoll – inklusive Hoflieferanten-Status bei der BBC, Umzug nach China und zurück. Seit 2018 aber ist die Produktion wieder britisch. Und den Rogers-Eignern gelang mit der Verpflichtung von Andy Whittle als Entwickler ein echter Coup. Für alle, die es womöglich nicht wissen: Whittle ist auch der Entwickler von Audio Note (UK). Und ich kann sagen, dass, wann immer ich in den vergangenen Jahren einen dieser Audio-Note-Lautsprecher gehört habe, es überragend gut klang.

Was Whittle bei seinem Rogers-Job entgegenkommt: Auch die Modelle von Audio Note (UK) sehen – sagen wir mal – ziemlich oldschool aus. Allerdings ist es noch einmal eine andere Herausforderung, wenn es nicht nur ums Äußerliche geht, sondern die Gehäuse-Vorgaben eng und die zu verwendenden Treiber gut 50 Jahre alt sind. Denn natürlich entstand auch diese PM510 S3 auf Basis des entsprechenden BBC-Pflichtenheftes der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts.
Die Besonderheiten der Rogers PM510 S3
Da ist zunächst einmal die schiere Größe. Einen 2-Wege Monitor-Lautsprecher mit einem 30-Zentimeter Tiefmitteltöner und einem Volumen von 114 Litern sieht man äußerst selten. Etwas öfter indes begegnen dem HiFi-Freund jene Schallwandler, die sich allesamt auf die Vorgaben der BBC beziehen und dementsprechende Gehäuse anbieten. Es sind immer recht dünne Wände aus Birken-Multiplex – im Falle der PM510 S3 ist es eine Wandstärke von 12 Millimetern. Die Schallwand, natürlich auch nicht dicker, ist nicht etwa mit dem Gehäuse verleimt, sondern wegen seinerzeit erforschten Klangvorteile, an Versteifungsringen im Inneren der Box verschraubt – mit knapp zwei Dutzend Spax-Schrauben.
Für Menschen, die in dieser Klasse um 20.000 Euro Tonmöbel-Gehäuse à la Canton, DALI oder Sonus faber erwarten, dürfte der Aufbau der großen Rogers vergleichsweise burschikos erscheinen. Auch Whittle hätte sich womöglich einen moderneren Auftritt vorstellen können. Aber entweder man versteht sich in der Rogers BBC-Tradition oder nicht. Und fairerweise muss ich festhalten, dass die Abdeckung eigentlich nicht zum Abnehmen gedacht ist. Aber weil ich ja neugierig bin, musste zumindest eine mal runter…

Und so kam es zu folgender, lustiger Geschichte. Noch im Beisein von Vertriebsmann Michael Kromschröder versuchte ich unter Aufbietung aller Kraft eine der Abdeckungen abzubekommen. Sinnlos, so fest sitzen sie. Dann machte sich Kromschröder selbst ans Werk. Ein Baum von einem Mann, zudem sportlich gut im Futter. Und selbst er hatte alle Mühe. Aber es gelang nach großer Kraftanstrengung dann doch. Muss ja auch: Im Service-Fall sollten Hoch- und Tieftöner ja schließlich irgendwie zugänglich sein.
Betrachten wir zunächst die Treiber. Beide wurden seinerzeit von der BBC ausgesucht und als optimal eingeschätzt. Damit war dieser Teil schon einmal gesetzt. Wir sprechen zum einen von einem 12-Zoll Bass mit Polypropylen-Membran und einem (für damalige Verhältnisse) vergleichsweise großem Magneten mit 45 Millimeter Schwingspule. Whittle behielt dessen Parameter weitestgehend bei, veränderte aber das Schwingspulen-Material (nun Kupfer/Aluminium), verringerte so die bewegte Masse, erhöhte aber damit gleichzeitig die Schwingspulen-Impedanz. Das war gewollt. Hochohmige Lautsprecher sind gerade für Röhrenverstärker leichter zu antreiben. Aber trotz der hohen Impedanz verfügt dieser Tiefmitteltöner über einen erstaunlich hohen Wirkungsgrad.
Gleiches gilt für den Hochtöner namens HD13H34. Als die BBC-Ingenieure damals den Markt durchforsteten, war dieser Audax-Hochtöner ein Solitär am Markt: eine außergewöhnlich große Kalotte (34 Millimeter Durchmesser), die dank eines großen Magneten gemessen an damaligen Verhältnissen gigantisch laut spielte. Der Nachteil der Audax-Kalotte: Wegen ihrer Größe endet der Übertragungsbereich bei etwa 16 KHz. Es ist reiner Zufall, dass der französische Treiberspezialist Audax ausgerechnet dieses Modell noch immer im Programm hat. Und dass die Audax-Ingenieure sogar noch Modifikationen möglich machen: Auch der Hochtöner wurde auf ein Hochohm-Niveau gebracht.
Auch beim Thema Frequenzweiche wurde seinerzeit einiges von der BBC vorgegeben: zum Beispiel die Flankensteilheit von 18 dB. Aber da gibt es natürlich etliche Variations-Möglichkeiten. Whittle vertraut hier auf klanglich selektierte Bauteile, die handverdrahtet auf zwei Brettchen (für Bi-Wiring strikt für Hoch- und Tiefmittelton getrennt) ober und unterhalb der Anschlüsse angebracht sind.

Praxis
Bei einem Lautsprecher dieser Größe erwartete jeder sofort abartig tiefe Bässe: 12 Zoll Tieftöner plus 114 Liter Volumen – da muss doch auch im Subbass-Bereich einiges gehen. Aber Andy Whittle entschied sich gegen die letzte Oktave Tiefbass und stattdessen für mehr Wirkungsgrad. Insgesamt sieht die Abstimmung der PM510 S3 aus, als würde Andy Whittle jener These folgen, die besagt, dass es ein Verhältnis von Tiefbass zu Höhen gibt: ist die unterste Oktave nicht vorhanden, muss auch die oberste nicht zwingend vorhanden sein. Ich will diese Diskussion hier nicht auswalzen, aber es könnte etwas dran sein: Denn im Hörtest fehlte der großen Rogers nichts…

Wesentlich für das Zusammenspiel mit dem angeschlossenen Verstärker ist das elektrische Verhalten des Lautsprechers und diesbezüglich bekommt der PM510 S3 nur Bestnoten. Der Wirkungsgrad liegt mit knapp über 90 Dezibel (2,83 V/m) erfreulich hoch. Mit wenigen Watt lassen sich also schon stattliche Pegel erreichen. Zum anderen aber entwickelte Whittle mit der großen Rogers einen Schallwandler, dessen Impedanz über den gesamten Übertragungsbereich stabil bei 8 Ohm oder höher liegt. Da sind vor allem kleine Röhren-Verstärker dankbar, die sich unter solchen Bedingungen besonders wohl fühlen.

Also haben wir im Vorfeld der Hörtests neben vielen Watt-Boliden auch unseren Lieblings-Röhrenverstärker, den Unison Simply Italy (2 x 10 Watt) angeschlossen. Ich hätte es ehrlich nicht gedacht, wie überzeugend, wie natürlich und wie fein diese Kombination spielen kann, obwohl die große Bassmembran eigentlich viel Kontrolle braucht. Aber mit dem Simply Italy passte es einfach…

Wie die Frequenzgang-Messung deutlich macht, schiebt die Rogers im Bereich zwischen 50 – 100 Hertz eine Menge Energie in den Raum. Eine Aufstellung in direkter Nähe der Rückwand verbietet sich deshalb; der Bass würde noch mächtiger. Andy Whittle empfiehlt eine Aufstellung mit 25 Zentimeter Abstand, im LowBeats Hörraum kamen wir mit 50 – 60 Zentimeter besser zurecht. Aber das ist sicherlich von Hörraum zu Hörraum unterschiedlich.
Hörtest
Die Rogers nahm uns sofort in mit ihrer ungewöhnlichen Lebendigkeit Beschlag. Der kräftige Bass schien zunächst für einen Monitor mit diesen Genen etwas rumpelig. Doch mit der Zeit wurde deutlich, dass dieser Charakterzug Teil seiner hohen Agilität ist: Wenn eine Bläser-Sektion mit voller Energie einsetzt, dann kann die Rogers dies auch sehr unvermittelt und beeindruckend kraftvoll in den Hörraum drücken.
Das hat zum Teil natürlich mit der Abstimmung der PM510 S3 zu tun, aber auch mit den Eigenheiten einer großen Schallwand – die die Rogers ja fraglos vorzuweisen hat. Große Schallwände stehen fast immer für eine nicht ganz so überzeugende Tiefenstaffelung, aber im Gegenzug für packend hohe Dynamik. Und diese Dynamik ist bei der Rogers jederzeit präsent.

Ich hatte mal wieder “Tabula Rasa”, mein Lieblingswerk von Arvo Pärt herausgeholt. Kenner werden einwenden, dass es sich hier doch um extrem ruhige Musik handelt. Ganz genau. Aber Musik ist immer ein dynamischer Prozess: Die Rogers traf den Ton der Violine (gespielt von Gidon Kremer) nahezu perfekt, die plastische Abbildung des Instruments war überwältigend. Doch der Grund, warum die Violine und das meist zaghaft (von Keith Jarrett) gespielte Klavier so ungemein “echt” klangen, war die immense Fein- und Grobdynamik, mit der die Rogers jede Art von Musik zum Leben erweckt und einen wahren Sog erzeugt: Ich konnte gar nicht anders, als die Platte komplett durchzuhören.
Diese virtuose Darstellung beschränkt sich bei der Rogers keineswegs nur auf Instrumente. Auf “Qul” einem wunderschönen Stück der libanesischen Sängerin Tania Saleh (Album: Fragile) folgte die Rogers spielend leicht allen Facetten der Stimme, wechselte gekonnt in den verschiedensten Klangfarben und blieb auch bei S-und Zischlauten absolut souverän. Dass es ganz am oberen Ende des Übertragungsbereichs an Hochton fehlen könnte – wie der Frequenzgang ahnen lässt? Keine Spur. Die Wiedergabe ist auch in den oberen Lagen ungemein energie- und detailreich. Auf meine Frage an Andy Whittle, warum die PM510 S3 ausgerechnet Stimmen so überzeugend wiedergeben kann, antwortete er ziemlich britisch-trocken: “It´s a monitor. Isn´t it?”

Unsere Referenzbox bis 30.000 Euro, die Borg Episode 2 vom FinkTeam, hat ja ebenfalls große Monitor-Qualitäten und ist in einigen Punkten durchaus vergleichbar: Es ist eine 2-Wege Konstruktion mit großem Tiefmitteltöner und großem Hochtöner, allerdings mit einer auf möglichst geringe Reflexionen getrimmte Schallwand. Der Vergleich lag auf der Hand und geriet echt spannend. Sofort hörbar: Die Borg ist eine linear abgestimmte Bassreflex-Konstruktion, die deutlich tiefer in den Basskeller steigt und bei entsprechender elektronischer Musik (Beispiel Yello “The Expert” ) quasi noch eine zweite, tiefe Ebene einzieht. Das klingt insgesamt stabiler (die Bässe der Borg kommen auch etwas knackiger), der Raum geht deutlich weiter nach hinten auf (die Tiefenstaffelung gelingt der Rogers nicht ganz so überzeugend) und der Hochton der Borg glänzt mit noch mehr Finesse und Feinheit.

Und doch war es die Rogers, die mit ihrer immensen Dynamik und Spielfreude, der hohen inneren Spannung, mit der sie Musik vermittelt, uns noch mehr in den Bann zog. Gemessen an der Borg spielte die Rogers immer ein Stück agiler, frecher und trotzdem enorm klangfarbenstark. Nachdem wir – passend zur Zeit – das Bach´sche Weihnachts-Oratorium mit Fritz Wunderlich (Deutsche Grammophon) gehört hatten, sagte einer meiner Mithörer mit ernster Miene: “Die Pauken klingen mit der Borg viel kultivierter.” Wie sahen ihn an: “Ernsthaft? Sollen Pauken kultiviert klingen? Nein lebendig sollen sie sein. So wie mit der Rogers.”
Fazit Rogers PM510 S3
Alle kennen die traditionsreichen BBC-Monitore vom Schlag einer LS 3/5a oder einer LS 5/9. Die Rogers PM510 S3 kommt aus der gleichen Gedankenschmiede, ist aber ein viel größeres Kaliber. Anders als die beiden erstgenannten Lautsprecher ist sie ein wirklich großer Monitor mit ganz erstaunlichen Dynamik- und Pegelfähigkeiten – ohne dabei die vornehmsten Eigenschaften von Schallwandlern aus dieser Tradition zu vernachlässigen. Stimmen und akustische Instrumente gibt sie mit einer Natürlichkeit wieder, die man so selten gehört hat. Was die PM510 S3 aber zusätzlich aus der Masse heraushebt, ist der hohe Wirkungsgrad und die stabile Hochohmigkeit. Beides führt dazu, dass auch kleine Röhren-Amps hervorragend mit diesem XXL-Monitor musizieren. Allein dafür gibt es ein großes Sonderlob…
Für mich ist es schwer vorstellbar, einen nach heutigen Gesichtspunkten wettbewerbsfähigen Schallwandler zu entwickeln, bei dem die Vorgaben so unerbittlich eindeutig und zudem 50 Jahre alt sind. Doch Andy Whittle meisterte die Aufgabe souverän. Er beschränkte sich auf kleinere Modifikationen bei den Treibern als auch bei der Frequenzweiche und schuf so einen XXL-Monitor, der einerseits den seligen BBC-Traditionen huldigt und dennoch höchst zeitgemäß, weil ungemein authentisch klingt. Meine Verbeugung.
Bewertungen
KlangPraxisVerarbeitungGesamt |
| Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse. |
| | Warmer, voller Monitor-Klang mit toller Dynamik |
| | Hoher Wirkungsgrad, hohe Impedanz, Röhren-tauglich |
| | Hohe Pegelfestigkeit |
| | Eigenwilliger Gehäuse-Aufbau nach originalen BBC-Vorgaben |
Vertrieb:
Klangloft
Otto-Hahn-Straße 14
85609 Aschheim
klangloft.de
Paarpreis (Hersteller-Empfehlung):
Rogers PM510 S3: 18.000 Euro
Technische Daten
| Rogers PM 510 S3 | |
|---|---|
| Konzept: | 2-Wege Bassreflex |
| Bestückung: | TMT: 1 x 30 cm Polypropylen, HT: 1 x 34 mm Gewebe |
| Übergangsfrequenz: | 2.600 Hertz |
| Wirkungsgrad (2,83V/1m): | 91 Dezibel |
| Impedanz: | 8,7 Ohm |
| Maximalpegel (Dauer / kurzfristig): | 110 / 121 Dezibel |
| Übertragungsbereich: | 45hz – 20KHz +/- 3dB |
| Ausführungen: | Amazaque, Walnuss, Rosewood und Olive |
| Abmessungen (B x H x T): | 46,0 x 76,0 x 41,2 cm |
| Gewicht: | 32,2 Kilogramm |
| Alle technischen Daten | |
Mit- und Gegenspieler:
Erster Test: Standbox FinkTeam Borg Episode 2
Test Unison Research Simply Italy: der kleine König












