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Test: MM/MC-Phonovorstufe Rike Audio Natalija

Rike Audio Natalija im Hörtest

Mein allererstes Hör-Rendezvous mit Natalija ging gründlich in die Hose. Dabei dürfen die übrigen Kettenglieder als perfekt eingespieltes Team gelten: Laufwerk Linn Sondek LP12 mit großem Subchassis-, Netzteil- und Tonarm/Abtaster-Besteck, von Audioplan modifizierte Line-Vorstufe Jadis JP-15 Signature plus vier Jadis JA-30-Röhren-Monoblöcke zur Befeuerung meiner für Bi-Amping-Betrieb umgebauten Klipsch Cornwalls der ersten Generation. Quell des Ungemachs: Die 100 Ohm, mit denen ich meine großen Linn-MCs von Asak bis Kandid seit gefühlten 100 Jahren abzuschließen pflege, klangen mit Natalija ernüchternd, nun ja, nüchtern. Keine Spur von Spielfreude, tonal recht hart und blässlich, die Dynamik, wie es der Angloamerikaner so treffend formuliert, nothing to write home about.

Besser wurde es erst, als ich mich Georg Arsins eindringlicher Empfehlung erinnerte, furchtlos mit SÄMTLICHEN zur Verfügung stehenden Abschlusswerten und Verstärkungsfaktoren zu experimentieren. Immerhin seinen hier Übertrager am Werk, und die würden sich nun mal kapriziöser und weniger berechenbar verhalten als klassische elektronische Schaltungen. Und siehe da, mit 250 Ohm klang’s tatsächlich um Welten besser. Die Rike Audio Natalija ließ ihre rhythmischen Muskeln spielen, an die Stelle tonaler Tristesse trat eine breite, wenn auch nicht wirklich pralle Klangfarbenpalette, der vormals arg komprimierte Raum öffnete sich vor allem in Tiefe und Höhe, und dynamisch schien die in Testerkreisen so gern zitierte Handbremse um etliche Zacken gelockert.

Da sich auch die Rike’schen Ölpapierkondensatoren allmählich zu akklimatisieren schienen – Georg Arsin spricht von rund 300 Stunden bis zu deren voller klanglichen Blüte –, hörte ich ein paar Tage lang mit dieser Einstellung zufrieden Musik, ohne mir die gelegentliche Sinnesfrage zu verkneifen, was um Himmels Willen einige von mir hoch geschätzte Kollegen und Händler an der Rike Audi Natalija wohl derartig enthusiasmiert haben mochte. Einigermaßen zufrieden Musik hören kann man fraglos auch mit Phonostüfchen für einen Bruchteil des Natalija-Preises. Da es meiner Kette an allem Möglichen mangeln mag, nur nicht an Gain, und sich ein Hochziehen der MC-Verstärkung von 61 auf 67dB erwartungsgemäß als kontraproduktiv erwies, blieb als letzte Option ein Eingangswiderstand von 500 Ohm. Ein Wert, der mich in Kombination mit den großen Linn-MCs noch nie zu Begeisterungsstürmen hatte hinreißen können und den ich zugegebenermaßen nur ausprobierte, um meiner Chronistenpflicht Genüge zu tun.

Bei Natalija war’s mehr als der Schlüssel zum Erfolg, es war die Pforte zum Nirvana. Kein Anflug von der befürchteten Kratzbürstigkeit, vielmehr klang der Hochtonbereich plötzlich herrlich glatt und geschmeidig, wie ein frisch geölter Babypopo. Am entgegengesetzten Ende der Frequenzleiter, im Bass, langte sie jetzt mit viel mehr Verve und Präzision hin, an schierer Abgründigkeit und Schwärze hatte ohnehin nie ein Mangel geherrscht. Mittendrin ist endlich das zu spüren, was ich vorher schmerzlich vermisst hatte: Gelöstheit und Artikulation. Und der Raum? Der erfreute sich nicht allein üppiger Dimensionen, es rührte sich endlich auch was, es war Luft drin und Leben, Stimmung und Atmosphäre.

All dies, werden Sie jetzt einwerfen, ist beileibe kein Privileg von Natalija, sondern etwas, was man bei einer Phonovorstufe von Weltklasseformat mit Fug und Recht erwarten darf. Was die Rike Audio Natalija zu etwas Außergewöhnlichem macht, ist die Lockerheit, die Nonchalance, mit der sie sich audiophiler Standardübungen entledigt. Was mich an ihr fasziniert, ist, dass sie bei analytischem Hören in keiner Einzeldisziplin weniger als Herausragendes abliefert, ohne auch nur im Mindesten zu sezierendem Hören zu animieren. Anders formuliert: Sie klingt spektakulär unspektakulär. Und spendet mithin exakt das, wovon wir passionierte Musikjunkies immer träumen: inneren Frieden. Man spürt, man ist angekommen. Endlich. Natalija ist Materie gewordene Harmonie.

Ha, höre ich den einen oder anderen unken, müffelt verdächtig nach gepflegter Langeweile. Weit gefehlt, liebe Verschwörungstheoretiker, die Rike Audio Natalija ist alles andere als eine Schlaftablette. Sie kommt im Gegenteil richtig zackig zur Sache. Sie hat Rhythmus in den Leiterbahnen, versteht sich auf den Unterschied zwischen rein technischer und musikalischer Transparenz. Sie hat den verflixt seltenen Dreh drauf, das eine Talent nicht mit der anderen Untugend erkaufen zu müssen. Und wenn ich in über 30 Jahren HiFi-Journalismus aus der Beschäftigung mit unzähligen Komponenten eines gelernt habe: Praktisch JEDE ad hoc ohrenfällige Klangeigenschaft – sei es der markerschütternde Bass, die stupende Auflösung, die exorbitante Raumtiefe oder die atemberaubende Dynamik – geht einem früher oder später auf den Senkel. Unweigerlich. Weil sie in neuneinhalb von zehn Fällen auf Kosten von etwas unendlich Wichtigerem gehen, der Natürlichkeit.

Da lobe ich mir die Rike Audio Natalija, bei der es mir nach etlichen Monaten intensiver Beschäftigung noch immer nicht gelingt, den Finger in eine klaffende Wunde zu legen. Vielmehr gehe ich jeden Abend auf Detailpirsch in meinen Schallplattenwald und bette mein Haupt so gut wie nie, ohne zuvor fette Beute eingefahren zu haben. Kein Vertun, anderswo gibt’s tiefere Tiefen, höhere Höhen, mittigere Mitten und geräumigere Räume, aber es schert mich einen feuchten Kehricht.

Dass Natalijas Optik und Preisschild kaum zum Beeindrucken schlichter Gemüter taugen, ficht mich nicht an. Solange sie die Zuverlässigkeit eines Rolex-Werks an den Tag legt, nicht brummt, nicht rauscht, nicht ploppt, nicht sprazzelt, nicht zerrt und auch sonst nie etwas von sich gibt, was sie sich besser hätte verkneifen sollen. Dafür hüpft mein Herz vor Wonne und Genugtuung, wenn Menschen, deren Urteil ich schätze, mein eigenes, höchst subjektives Empfinden untermauern: Wow, so gut habe ich deine Anlage noch nie gehört! Denn Hand aufs Herz: Ist, ganz objektiv betrachtet, die subjektive Wahrheit am Ende des Tages nicht die einzige, die wirklich zählt?

Vor langer, langer Zeit habe ich für das Fachblatt Image HiFi einen Vinylsampler produziert, der mich in meinem unerschütterlichen Glauben bestärkte, dass nicht alle Highender humorbefreite Spießer sind mit den gesammelten Diana Krall- und Claire Martin-Oevres im Regal plus Knock Out, Jazz At The Pawnshop und vielleicht noch zwei, drei öden Testschallplatten. Die Scheibe hieß Schlager In HiFi – 14 audiophile Evergreens der 50er und 60er Jahre und enthielt neben einigen leicht- bis mittelschrägen Songs aus der Wirtschaftwundertüte als vielleicht bizarrsten Track den Belafonte-Evergreen Day-o (Banana Boat Song) in der zum Niederknien (unfreiwillig?) komischen Interpretation von Leo Leandros, dem Vater von Vicky – „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ – Leandros.

Nie werde ich vergessen, wie ich im Schlepptau des großartigen, aber leider viel zu früh verstorbenen Mastering-Ingenieurs Willem Makkee das riesige Archiv der Polygram in Hannover erst nach optimalem Bandmaterial durchforstete, um dann mit weit geöffneten Augen und Ohren, schneeweißen Fingerknöcheln und staubtrockenen Lippen gebannt zu verfolgen, wie Willem nach etlichen Test-Cuts den „Mister Talliman“ schließlich in analoger Jungfräulichkeit, also ohne Digital-Delay zur Vorschubsteuerung, in Lackfolie verewigte.

Ich erinnere mich wie heute, wie entwaffnend lebensnah und selbstverständlich das Ganze aus den betont analytischen Monitorboxen in Willems Masteringstudio rüberkam. Ich besitze und hüte wie Augäpfel die Probeumschnitte, die Weiß- und die Erstpressungen. Ich habe die Platte über Anlagen unterschiedlichster Couleur gehört und meine daher, mit einiger Autorität konstatieren zu dürfen: Die Rike Audio Natalija kommt dem originalen Masterband in den meisten mir wichtigen Punkten näher als jede andere mir bekannte Phonovorstufe.

Im Stile der erlauchten Hochpreis-Konkurrenz fördert sie mit Akribie all die aufnahmetechnischen Bonbons zutage, an denen ich mich hoffentlich nie werde satthören können: den brillant eingesetzten Hall auf Solo- und Background-Vocals, die explosive hoch-, mittel- und tieffrequente Percussion, die schier endlose und selbstredend rein artifizielle Raumtiefe.

Anstatt das genialisch schlichte Arrangement in unschöner audiophiler Manier lediglich in seine Eingeweide aufzudröseln, belässt die Rike Audio Natalija dem Song seine Originalität und Authentizität, seine Homogenität und seinen nostalgisch-spitzbübischen Charme. Es klingt wunderbar analog und nicht wie eine astronomisch fein gerasterte, aber letztlich doch irgendwie stimmungsbefreite Hochbitkopie. Wüsste ich’s nicht besser, nie im Leben würde ich auf die Idee kommen, dass es sich hier um astreines Mono anno 1957 handelt.

Rike Audio Natalia in Aktion
An diesem Frontend fühlt sich Natalija nach kurzem Fremdeln pudelwohl: großer Linn Sondek LP12 mit Subchassis Keel, Netzteil Radikal, Tonarm Ekos SE und MC-System Kandid sowie Line-Vorstufe Jadis JP-15 Signature auf den tollen Tischen von Time Table (Foto: U. Michalik)

Oder nehmen wir vom selben Album Freddy Quinn, der in den Swingin’ Sixties hierzulande zeitweise mehr Platten unters Volk brachte als Beatles und Rolling Stones zusammen. Sein vermutlich mit Bert Kaempfert und dessen Crack-Kapelle eingespielter Gassenhauer „Die Gitarre und das Meer“ leistet mir seit Jungredakteurszeiten unbestechliche Dienste, wenn es darum geht, dem Timing eines Geräts auf den Zahn zu fühlen. Bereits nach wenigen Takten ist klar, ob Woodblock, Shaker und Rhythmusklampfe, wie leider viel zu oft, nur als lautmalerisches Beiwerk dienen, das man, wenn man’s überhaupt wahrnimmt, bestenfalls als Nebengeräusch abhakt.

Oder ob sie, wie über die Rike Audio Natalija, elementarer Bestandteil eines unwiderstehlich griffigen Arrangements sind, indem sie dem Song ein hanseatisches Rumba-Feeling und einen rhythmischen Pfiff einhauchen, der selbst Altrockern wie mir Respekt abnötigt. Das Image HiFi-Remaster war umgehend ausverkauft und ist inzwischen schwer aufzutreiben, aber sollte „Die Gitarre und das Meer“ Ihr Interesse geweckt haben, und sei es nur als Timing-Testwerkzeug, dann besorgen Sie sich für ein paar Groschen ein Stereo-Exemplar von Freddys 1961er Bestseller-Album Auf hoher See, denn nur darauf ist die einzig amtliche Abmischung dieses Titels garantiert enthalten. Vorsicht: Davon abweichende Mixes und die diversen Live- und Neuaufnahmen sind allesamt schwerst verdaulicher Mitschunkel-Schund für halbdebile Ohnsorg-Theatraliker, die eine Reeperbahnrunde zu viel gedreht haben.

Ehe ich’s vergesse: Im MM-Modus bleibt Natalijas beschriebener Grundcharakter vollständig intakt. In meinem Tondosenarsenal befindet sich leider kein Magnetsystem vom klanglichen Kaliber meines Leib-und-Magen-MCs Linn Kandid. Aber das exzellente kleine Audio-Technica AT140 MLb und das merklich erwachsenere Linn Adikt schwingen sich an Natalijas Nabelschnur ebenfalls zu vormals nicht gekannter Form auf. Die Preiskluften zwischen etwa Faktor 7 und Faktor 15 bleiben zwar weiterhin unüberhörbar, aber es kann kein Zweifel bestehen, dass dies der krass unterschiedlichen Güte der drei Abtaster geschuldet ist. Natalijas MM- und MC-Eingänge als solche jedenfalls schenken sich tonal wie fein- und grobdynamisch so gut wie nix. Was nicht nur überzeugte MM-Fahrer erquicken wird, sondern bestimmt auch jene potenziellen Natalija-Kunden, die vorhandene externe Übertrager weiterhin parallel nutzen und/oder mit den integrierten Lundahls vergleichen möchten.

Gar keine Wünsche offen? Doch, als nimmermüder Rumstöpsler könnte ich mir die rückseitigen Einstelloptionen schon von Berufs wegen leichter zugänglich und halswirbelschonender auf der Frontplatte vorstellen. Und jetzt, da ich hautnah erleben durfte, was das Entwicklertrio von Rike Audio draufhat, würde mich highfidelen Schwerenöter natürlich auch Natalijas große Schwester Sabine anlachen. Wobei ich die Rike Audio Natalija aufgrund der sehr langen Einspielzeit der C-Caps noch nicht im Zenith ihrer Schaffenskraft wähne und nur zu gut weiß, dass auf diesem exaltierten Niveau jedes Fitzelchen mehr Klang locker so viel kostet wie ein Ferrari-PS. Anders formuliert: Ich eile mit Weile.

PS: Für meinen nächsten Bericht kündige ich hiermit eine etwas, sagen wir, breitenkompatiblere Tonträgerauswahl an.

Rike Audio Natalija: das Fazit

Natalija MM/MC 2 von Rike Audio ist eine topverarbeitete, topausgestattete und topklingende Röhren-Phonovorstufe von genuinem Weltklasseformat. In ihrer Preisklasse nimmt sie so etwas wie eine Alleinstellung ein, und musikalisch dringt sie in Sphären vor, die bislang praktisch ausschließlich dem Höchstpreissegment vorbehalten waren. Dass sie sich selbst im stressigen Testalltag als absolut standfest, zuverlässig und allürenlos erweist, ist die Sahne auf dem Häubchen eines strahlenden Fixsterns am Analoghimmel.

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Rike Audio Natalija
2019/02
Test-Ergebnis: 4,8
ÜBERRAGEND
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Überragend musikalisch-ausgewogener Klang
Extrem rauscharm
Höchstwertige Bauteile
Exzellentes Preis/Leistungsverhältnis

Vertrieb:
Rike Audio
Staudengasse 3
90762 Fürth
www.rikeaudio.de

Paarpreis (Hersteller-Empfehlung)
Rike Audio Natalija MM/MC2: 2.600 Euro
Rike Audio Natalija MM: 1.900 Euro