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Test Sennheiser Ambeo Smart Headset In-Ear-Mikro – 3D-Ton to go

Die wohl wichtigste Spielregel gilt fürs Aufnehmen mit der App Filmic Pro. Hier nämlich muss man das gewünschte Mikrofon im Audio-Menü auswählen. Nach einer App-Aktualisierung kann es jedoch vorkommen, dass die gewählte Option einem Reset zu Opfer fiel – mit dem Ergebnis, dass die neue Aufnahme nun nicht mit dem Sennheiser Ambeo Smart Headset, sondern mit dem iPhone internen Mikrofon erfolgt. Daher gilt: vorm Aufnehmen mit Filmic Pro stets das Audio-Menü checken.

Filmic-Setup für Sennheiser Ambeo Smart Headset
Vor dem Aufnehmen mit der App Filmic Pro sollte man im Audio-Menü stets nachschauen, ob das Sennheiser Ambeo Smart Headset als aktives Mikro ausgewählt ist (Screenshot: J. Schröder)

Für die Kameraführung beim Aufnehmen mit dem Sennheiser Ambeo Smart Headset lautet die Regel: Immer der Nase nach. Die nämlich gibt die Ausrichtung des dreidimensionalen, akustischen Bildes vor. Das optische Bild muss diesem natürlich entsprechen, ansonsten wirkt’s unnatürlich. Es ist daher ratsam, bei Kopfbewegungen die Kamera stets im gleichen Maße mitzudrehen.

Das Sennheiser Ambeo Smart Headset ist dazu gedacht, akustische Umgebungen authentisch einzufangen – es ist jedoch kein Mikrofon für Interviews. Zur Not kann man diese als Szene mit Moderator und Interviewpartner aufnehmen – aber definitiv nicht als Ansager: Selber Sprechen bei laufender Aufnahme taugt allenfalls als dramaturgisches Stilmittel, weil es ein unangenehm drückendes Im-Kopf-Gefühl beim Zuhörer erzeugt.

Beim praktischen Arbeiten mit dem Sennheiser Ambeo Smart Headset offenbart sich einmal mehr ein wichtiger Sachverhalt – nämlich, dass Mikrofone anders „hören“ als das menschliche Ohr. Das betrifft jedoch keineswegs nur das Sennheiser Ambeo Smart Headset, sondern Mikrofone jeglicher Art.

Die unterschiedliche „Wahrnehmung“ von Mikrofonen äußert sich in vielerlei Hinsicht – an dieser Stelle interessiert jedoch speziell die subjektiv empfundene Lautstärke der Aufnahmen. Das menschliche Ohr verfügt über eine Art Lautstärke-Normalisierung: Übliche Geräusche oder normale Sprache werden dadurch als angenehme, gut verständliche Lautstärke empfunden. Plauscht man beispielsweise auf der Straße mit dem Nachbarn und wird dabei plötzlich von einem dieser entsetzlich laut klappernden Autotransporter-LKWs überrascht, so reagiert das menschliche Ohr darauf mit einer kurzzeitigen, recht kräftigen Pegelkompression.

Mikrofone hingegen besitzen diese gehörphysiologische Eigenschaft nicht: Klappert der Autotransporter auf der Straße um 40 Dezibel lauter als der Nachbar auf dem Gehweg spricht, dann liefert das Mikrofon bei seiner Vorbeifahrt auch 40 Dezibel (Faktor 100) mehr Pegel. Um nicht zu verzerren, darf diese Pegelspitze bei digitaler Aufzeichnung die 0dBFS-Genze nicht überschreiten – entsprechend niedrig muss man den Aufnahmepegel daher wählen.

Beim Anhören der Aufnahme zeigt sich, dass der vorbeipolternde Autotransporter tatsächlich unverzerrt aufgezeichnet ist – das Gespräch mit dem Nachbarn auf dem Gehweg ist allerdings nur sehr leise zu hören. Zunächst mal stellt das kein Problem dar, denn nach Aufdrehen des Lautstärkestellers ist das Gespräch wieder einwandfrei zu verstehen.

Problematisch wird es jedoch dann, will man solche Aufnahmen mit hoher Programmdynamik (im Beispiel sind’s 40 dB) unbearbeitet auf Portale wie YouTube oder Facebook stellen. Die meisten der hier lancierten Clips sind mit hoher Durchschnittslautstärke auf maximales Durchsetzungsvermögen getrimmt – schon allein deshalb, um auf mobilen Endgeräten möglichst gut rüberzukommen. Das hier beschriebene Hörbeispiel wird daher im Kontext mit anderen YouTube-Clips in Sachen Lautstärke eher „untergehen“ – vom Part mit dem vorbeipolternden Autotransporter mal abgesehen. Das Musikbusiness kennt sogar einen Namen für dieses Phänomen: Loudness War.

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Sennheiser Ambeo Smart Headset App Hauptmenü
Hauptmenü der Sennheiser Headset App: Hier erfolgen die Grundeinstellungen für das Ambeo Smart Headset (Screenshot: J. Schröder)
Sennheiser Ambeo Smart Headset App Konfiguration Funktionsbutton
Der Funktionsbutton des Sennheiser Ambeo Smart Headset, Smart Slider genannt, lässt sich über die Headset App mit unterschiedlichen Funktionen belegen (Screenshot: J. Schröder)
Sennheiser Ambeo Smart Headset App Einstellung Transparent Hearing
Im App-Menü „Situational Awareness“ lässt sich sowohl das Noise Cancelling System aktivieren als auch der Lautstärkepegel vorwählen, mit dem Außengeräusche auf den In-Ear-Hörer gegeben werden (Transparent Hearing) (Screenshot: J. Schröder)
Sennheiser Ambeo Smart Headset App Equalizer
Der semi-parametrische 3-Band-Equalizer beim Sennheiser Ambeo Smart Headset erlaubt recht feinfühliges Einstellen von Mittenfrequenz und Pegel (Screenshot: J. Schröder)
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Damit kommen wir wieder zurück zum Smart Headset. Um einen größeren Pegelbereich abzudecken, lässt sich bei ihm der Aufnahmepegel zweistufig umschalten: „Natural Recording Level“ ist für normallaute Umgebungen gedacht, während sich „Reduced Recording Level“ für Aufnahmen bei hohen Pegeln, beispielsweise Rockkonzerten, empfiehlt.

Allerdings nutzt das Sennheiser Ambeo Smart Headset selbst bei „Natural Recording Level“ den gegebenen Dynamikbereich eher vorsichtig aus, sodass noch reichlich Headroom für eventuelle Pegelspitzen verbleibt. Technisch betrachtet, ist das vollkommen korrekt – lieber eine leisere, unverzerrte Aufnahme als eine lautere mit knackenden Dynamikspitzen. (Für Profis: Bei einem effektiven Lautstärkepegel von 73 dBspl am Aufnahmeort erzeugte das Testmuster in Stellung „Natural Recording Level“ einen digitalen Spitzenpegel von -26dBFS. Digitale Vollausteuerung (0 dBFS) wird damit bei einem effektiven Schalldruckpegel von 99 dBspl erreicht. Die Stellung „Reduced Recording Level“ reduziert die Empfindlichkeit um 10 dB, womit das Sennheiser Ambeo Smart Headset hier nunmehr bei einem effektiven Lautstärkepegel von 109 dBspl die 0dBFS-Marke erreicht.)

Die Kehrseite der Medaille: Die native, durchschnittliche Lautstärke der mit dem Sennheiser AMBEO Smart Headset gemachten Aufnahmen ist gemessen an aktuellen Clips eher zurückhaltend. Wer’s für YouTube & Co ordentlich laut braucht, muss deshalb nachhelfen – sprich im Audio- oder Video-Editor mit Dynamikbegrenzern die Lautheit erhöhen: Pump up the Volume.

Sennheiser Ambeo Smart Headset: Hörtest

Anders als bei „passiven“, weil wiedergebenden HiFi-Komponenten, hängen bei Mikrofonaufnahmen die klanglichen Ergebnisse wesentlich vom „Händchen“ des Anwenders hinsichtlich der Platzierung der Mikrophone ab. Das gilt natürlich auch für das Ambeo Smart Headset. Dennoch besitzt es typische Charakterzüge – der wohl wichtigste geht dabei auf das Konto „Convenience“: Um seinem Anwender das Tragen eines Windschutzes zu ersparen (Wer will das schon bei einem Action-tauglichen Mikro?), zeigt sich das Sennheiser Ambeo Smart Headset zur Vermeidung störender Windgeräusche in den tieferen Lagen unterhalb etwa 120 Hertz eher schlank abgestimmt. Hinzu kommt eine leichte Betonung im Frequenzbereich von etwa 800 Hz bis 2 Kilohertz (oberer Formant-Bereich bei weiblichem Gesang), sodass Aufnahmen mit dem Sennheiser Ambeo Smart Headset tendenziell ein präsentes, lebendiges Klangbild vermitteln. Diese Abstimmung ist zum Einfangen lebhafter Geräuschkulissen natürlich genau richtig, für anspruchsvolle HiFi-Aufnahmen jedoch meist zu vordergründig.

Wie kaum anders zu erwarten, zeichnen sich die mit dem Sennheiser Ambeo Smart Headset gemachten Aufnahmen durch einen sehr guten Raumeindruck aus. Das gilt sowohl für Outdoor-Geräuschkulissen von großer Ausdehnung als auch für normale, geschlossene Räume: Stets aufs Neue überraschend ist hier die akustische Selbstverständlichkeit, fährt beispielsweise draußen ein Auto vorbei: erst beim Anhalten der Aufnahme stellt man fest, dass dieses Geräusch aufgezeichnet und kein aktuelles Ereignis ist.

Auf der Sennheisers Homepage zum Ambeo Smart Headset findet sich gleich eine ganze Reihe von Soundbeispielen aus verschiedenen Lebensbereichen – allerdings vermute ich mal aufgrund ihrer hohen Lautheit, dass viele von ihnen in puncto Dynamik nachgearbeitet sind. Sehr authentisch und absolut deckungsgleich mit meinen Erfahrungen sind jedoch die akustischen Stillleben „Morning Coffee“, „Exploring Portsmouth“, „Dubai“ sowie „Walk Down Vegas“. (Binauraler Ton – bitte mit Kopfhörern anhören)

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Mit seiner cleveren und zudem elastischen Ohrbügel-Konstruktion trägt sich das Sennheiser Ambeo Smart Headset ausgesprochen angenehm und ist zudem ruckzuck passend eingesetzt. Allein schon deshalb könnte man es als In-Ear-Hörer in Betracht ziehen, selbst wenn man das Mikrofon gar nicht braucht. Das wäre zwar nicht ganz billig, aber definitiv kein Fehlkauf, wie der Hörvergleich mit dem Sennheiser Momentum In-Ear bestätigte: Natürlich zeigte sich hier eine Art Familienklang – man könnte fast meinen, beide Sennheisers seien mit den gleichen Schallwandlern bestückt. Allerdings spielte der Momentum In-Ear untenherum schon beinahe eine Spur zu füllig und im Bereich von 10 Kilohertz etwas resonanter. Nach mehreren Stunden Einspielzeit und etlichen Hörvergleichen würde ich daher mittlerweile das Sennheiser Ambeo Smart Headset vorziehen – speziell dann, wenn man mit dem recht feinfühlig arbeitenden Equalizer der Sennheiser Headset-App behutsam nachhilft (bei 800Hz = -3dB; bei 3,6 kHz = -2dB).

Keine Wunder sollte man hingegen vom integrierten Noise-Cancelling-System erwarten: Seine Außengeräuschdämpfung fällt mit geschätzten 6 Dezibel eher gering aus. Das ist jedoch kein Beinbruch, unterdrückt doch das Ambeo Smart Headset mit den passenden Ohranpassungsmanschetten von außen kommenden Störschall bereits von Haus aus relativ gut.

Sennheiser Ambeo Smart Headset: Fazit

In Zeiten von 3D und Virtual Reality gelingt Sennheiser mit dem Ambeo Smart Headset ein absolut zeitgemäßes Produkt, mit dem sich der Mikrofon- und Kopfhörerspezialist aus Hannover quasi neu „erfindet“. Einfach in der Handhabung und smart im Auftritt, ist es meilenweit entfernt vom institutionellen Habitus, der speziell Mikrofonen nach wie vor anhängt.

Anders als sein 40 Jahre alter Vorläufer MKE 2002 spricht das Sennheiser Ambeo Smart Headset nunmehr multimedial orientierte Nutzer an, die eine leicht beherrschbare, aber dennoch überzeugende Technik erwarten. Der hierfür stets erforderliche Kompromiss gelingt dem Sennheiser Ambeo Smart Headset erstaunlich gut: Erwartungsgemäß kann es zwar nicht mit professionellen Ergebnissen glänzen – dafür findet sich Passenderes im Sennheiser/Neumann-Programm, beispielsweise das Sennheiser Ambeo VR Mic. Jedoch bietet es insgesamt eine sehr ordentliche Aufnahmequalität, die sich geschickt am gedachten Einsatzbereich orientiert.

Gemessen an all dem Gebotenen, lockt das Sennheiser Ambeo Smart Headset nicht zuletzt mit einem äußerst attraktiven Preis. Damit besitzt es das Potential, das Thema Outdoor- und Fieldrecording als kreatives Hobby einem großen Anwenderkreis zu erschließen.

Weitere Sennheiser Highlights:
Test Sennheiser Ambeo Mikro VR Mic: das Profi Raumklang-Mikro
Test Sennheiser Momentum In-Ear: der große Klang für 100 Euro
Test Sennheiser HD 800 S: der Referenz-Over-Ear-Kopfhörer

Sennheiser Ambeo Smart Headset
2018/03
Test-Ergebnis: 4,4
Sehr gut
Bewertungen
Klang:
Praxis:
Verarbeitung:

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Schnell einsatzbereit
Einfache Bedienung
Natürliches, dreidimensionales Klangbild
Guter In-Ear-Hörer inklusive

Vertrieb:
Sennheiser GmbH & Co. KG
Am Labor 1
D-30900 Wedemark
www.sennheiser.com

Preis (Hersteller-Empfehlung)
Sennheiser AMBEO Smart Headset: 299 Euro