Kaum ein anderer, jüngerer HiFi-Hersteller hat diesen Erfolg, diesen Kult und natürlich auch dieses Geld eingesammelt. WiiM baut großartige Streamer und Vollverstärker. Nun mit dem WiiM Sound der Aufschlag in der Kategorie der aktiven Streamingboxen – auch ein frontaler Angriff auf Apple.
Wenn wir ein Milchmädchen wären, dann würden wir jetzt einmal laut rechnen. Für eine klassische, gute „Stereoanlage“ brauche ich einen Verstärker und zwei Boxen. Dann wäre ich mit 500, 600 Euro dabei, eher mehr. Aber dann fehlt noch die Quelle. Ein Streamer muss her – und schnell kratze ich an einer kleinen, vierstelligen Summe.

Was den WiiM Sound ausmacht
Das Gegenbild von WiiM sieht verführerisch aus: zwei aktive, kleine Klangtonnen, die (fast) alle Streaminganbieter beherrschen und nur 700 Euro im Paar kosten. Zwei Stromkabel genügen. Aber warum fühle ich mich immer wie das dumme Milchmädchen, wenn ich die vielen, vielen Symbole auf der Webseite sehe, die mich emotional über den Tisch ziehen wollen? Bluetooth, Touch Screen, Hi-Res Audio und Sprachsteuerung. Als Freund des High-Ends wirkt das ein wenig… Wie hieß die Sendung mit Eduard Zimmermann? Genau: „Nepper, Schlepper, Bauernfänger– die Kriminalpolizei warnt“.
Und doch sollten wir uns nicht der Faszination verschließen. Die Sprengzeichnung eines WiiM Sound sieht großartig aus. Da hat sich jemand Gedanken gemacht, ein Zweiwegler, ein 10-Zentimeter-Woofer zur Front, zwei Seidenhochtöner noch dazu, viel Elektronik – da sind 350 Euro für das Stück schön sicht- und nachvollziehbar.

Eduard Zimmermann kann nach Hause gehen, das sieht alles fair und ehrlich aus. Obwohl: Auch zwei Signets nutzt WiiM, die Kenner eher kritisch beäugen – „Hi-Res Audio“ und „red dot“. Die kann man mit Geld freundlich stimmen, nahezu erwerben. Das kann einem Produkt mitunter mehr schaden als nützen.
Das war der Advocatus Diaboli. Schluss damit, denn die Vorteile, die Verarbeitung und das Konzept des WiiM Sound sind stark. Für die Einordnung: Es gibt auch einen weiteren WiiM Sound mit dem Nachnamen „Line“. Das ist im Kern das gleiche Konzept, identisch in Gewicht und Maßen – aber ohne das Bullaugen-Display auf der Front.

Das macht schon was her. Inaktiv sehe ich die Uhrzeit, ich kann auch ein Foto meiner Katze hinterlegen. Musikalisch essenziell wird es, wenn ich das Albumcover der laufenden Musik sehe – und ganz stark: ein VU-Meter mit zuckenden Zeigern wie in alten Zeiten. Auch hilft das – touchaktive – Display als Dialogpartner bei der Ersteinrichtung, alternativ die App auf dem Smartphone.
Aufbau
Der Aufbau gelingt in weniger als zehn Minuten. Auspacken, das Stromkabel über die Unterseite zuführen. Auf dem Display erscheint dann ein QR-Code für die Handy-Kamera, draufhalten und ich werde zur App im Apple- oder Android-Store geführt. Dann will der WiiM das Passwort zu meinem WLAN wissen (ich könnte auch ein LAN-Kabel anschließen). Der eigentliche „Zeitfresser“ wäre dann die Suche nach einem möglichen Firmware-Update. Wirklich klasse ist anschließend die Option „AI RoomFit“. Bitte setzen Sie sich auf Ihren Lieblingsplatz, halten Sie das Mikrofon des Smartphones in Richtung der Lautsprecher – eine Minute, und der MiiM Sound hat die Reflexionen seines Raumes vermessen. Das Gleiche nochmals, wenn ich den zweiten WiiM zu einem Stereo-Paar geselle.
Fabelhaft, vorbildlich: Die Ersteinrichtung gelingt in Minuten, inklusive einer schlauen Einmessung über das Mikrofon im Smartphone. Alles sehr transparent – und nachjustierbar:
Nach dem Einmessen gefallen mir sofort die größere Ehrlichkeit und Transparenz. Mit einem Klick auf das Smartphone sehe ich, was die RoomFit-Software angestellt hat. In unserem Testaufbau zeigt mir das Display zehn Filterdetails, welche Frequenz im Gain herauf- oder herabgesenkt wird – super umgesetzt. Auch einen EQ kann ich anwerfen. Nur noch eine Baustelle: Welche Streaminganbieter habe ich abonniert? Dann dort einfach meinen Account und Passwort eingeben – fertig. Sogar Roon wird unterstützt. Wir haben uns für Qobuz entschieden. Auch könnte ich meine hauseigene Musiksammlung auf dem NAS oder meiner USB-Festplatte einbinden. DSD-Files werden nicht unterstützt – aber PCM bis zu für diese Bauklasse erstaunlichen 24 Bit und 192 Kilohertz – also die Mehrheit der Auflösungen der High-End-Portale wie Tidal und Qobuz. Ehrenwert.
Natürlich kann ich zwei WiiM Sound zu einem Stereopaar vereinen, aber auch eine komplette Heimsteuerung installieren. Noch mehr für die Fantasie: Die runden WiiMs neben dem Fernseher, in Stereo, aber auch im Multikanal-Aufbau mit weiteren WiiM Sound hinter dem Hörplatz. Zu wenig Bass? Dann füge ich den WiiM Sub Pro hinzu (499 Euro). Ein Lego-Klangsystem. Welches ich auch wieder auflösen kann, bei einem Umzug, bei einem anderen Einsatzgebiet – einfach die Installation dann neu kalibrieren.
Warum gelingt das anderen Herstellern nicht, warum wirkt die App bei WiiM um so vieles stringenter und stabiler? Das sollten sich die Konkurrenten fragen, warum sie nicht lernen … Was uns als Journalisten aber mehr interessiert: Warum sind eigentlich alle WiiM-Komponenten angesichts ihres Könnens so günstig? Weil auch die Menge Geld macht: Mit jedem WiiM-Wandler etabliert man einen Abhängigkeitsmacher im Lebensraum. Wer einen besitzt, will weitere haben. Noch eine Zugabe zur perfekten Inszenierung – der WiiM Sound wird inklusive einer Fernbedienung mit Mikrofon zur Sprachsteuerung geliefert. Wir werden zur Bequemlichkeit gelockt, niemand will wirklich diese WiiM-Wohlfühlwelt verlassen.

Irgendwoher kenne ich doch dieses Design und Anfassgefühl der Fernbedienung? Das ist eine beinahe unverschämte Kopie der Apple-TV-Fernbedienung. Wie auch die WiiM-Sound-Lautsprecher sehr, sehr ähnlich aussehen zu den HomePods von Apple – die, pardauz, genau das Gleiche kosten (349 Euro offiziell, manchmal günstiger, doch Vorsicht vor „refurbished“ und Generation 1). Das Frontdisplay beim WiiM Sound hat der HomePod2 noch nicht. Aber aus gewöhnlich gut informierten Kreisen erfährt man, dass Apple bereits ein vergleichbares Neudesign seiner großen HomePods anvisiert. Wahrscheinlich sieht WiiM nicht in Bose, Sony und Sonos den eigentlichen Fressfeind, sondern verortet ihn in Cupertino…

Dazu passt, dass viele Apple-Funktionen von WiiM schlicht ignoriert werden. Eine App bietet WiiM für iOS an. Aber bei der Sprachsteuerung gibt es nur Alexa oder Google Assistant. Ebenso bei der Multiroom-Architektur mit Alexa und Google Cast – nix Siri, nix AirPlay. Der Name „Apple“ fällt in der gesamten Bedienungsanleitung nur einmal – beim Einbinden von Apple Music, immerhin.
Den Fans der Schallplatte sei zugerufen: Nein, ihr braucht keinen Plattenspieler mit Bluetooth (aber mit interner oder externer Phonostufe) – es gibt auch einen analogen Zugang zum WiiM Stereo, allerdings mit 3,5er Klinke und ohne Erdung.
Hörtest
Alles schreit natürlich danach, dass wir zunächst den WiiM in Mono testen, später in Stereo – und in der Kür gegen die aktuellen Apple HomePods. Natürlich ohne Subwoofer, aber eingemessen auf den Hörplatz. Beginnen wir mit Klassik, weil ich die Stereo-Abbildung und Tiefe hören will. Mal bewusst nichts offensichtlich Audiophiles – Karajans erster Beethoven-Zyklus mit dem Philharmonia Orchestra London. Jetzt werden die Kenner sofort die Entstehungszeit herunterbeten können – Anfang der 1950er-Jahre aufgenommen. Da hatte der legendäre Produzent Walter Legge doch noch nicht sein Herz für Stereo geöffnet. Richtig und falsch zugleich: Warner hat die Bänder neu in 24/96 gemastert – mit der Neunten in Stereo, entstanden aus weniger bekanntem, „experimentellem“ Bandmaterial. Klingt großartig, rau, schön, ungeschminkt – auch damals war Karajan ein Klangfetischist, aber eben nicht mit den späteren Manipulationswerkzeugen ausgestattet.

Eigentlich zu „heilige“ Musik für die Streaming-WiiMs? Nein. Schon der Mono-Speaker hat sofort den Zugriff auf die Gefühlslage der Musiker und Tontechniker, da geht der Zeittunnel auf. Das Tempo ist überraschend schnell, Karajan ist geradezu sportiv, sehr modern, an den WiiMs erstaunlich durchhörbar. Aber als Stereo-Pärchen ist der “Sound” noch überzeugnender: Die vier Solisten stehen vor dem Chor, die Kontrabässe hart rechts und nicht in der deutschen Orchesteraufstellung – alles da, sehr lebensnah auch in der Dynamik, nicht ultra-tief in den Raum gestaffelt, aber realistisch. Meine erste Stereo-Kombi konnte das nicht. Die Apple-Konkurrenz auch nicht – da wirkt vieles breiter als die Wirklichkeit, die WiiMs geben sich deutlich abstinenter gegenüber einer DSP-Show.
War aber auch nur ein Appetitanreger. Quälen wir die Kleinen einmal – da muss es doch eine Grenze geben, bei der WiiM das Handtuch wirft. Aber mit Spaßmusik in HighRes. James Hunter könnte man kennen. Spannendes Leben, bei Qobuz geht die Schublade von britischem „Rhythm’n’Blues“ mit Soul-Einschlag auf. Stimmt, aber reibt sich beim neuen Album „Off The Fence“ sehr spannend, jetzt beim Label Easy Eye Sound, in 24/48-Auflösung. Das ist im besten Sinne Retro-Sound, nach altem Stil, aber mit heutigen Mitteln gemischt. „One for Ripley“ fordert die Lautsprecher, nicht in der puren Dynamik. Aber es bebt im Südstaaten-Stil, da steht der Backgroundchor hinter dem Chef, die Gitarre zirpt halb verstimmt, halb verzerrt.

Die WiiMs treffen den Stil, was verwundert, da man hier im Mix eher einen BBC-Monitor assoziiert. Perfekt gelingt die Präsenz der Singstimme von James Hunter (bei „Ain’t That A Trip“ mit Van Morrison). Aber da ist auch ein kleiner akustischer Filter davor – die Aufnahme zeigt die wenigen Musiker härter, schärfer in den Konturen ihres Raumes, die beiden WiiMs verwischen das ein wenig zum Wohfühlraum. Nicht dramatisch, die Apple HomePods sind da noch eine Spur softer. Aber diese Tendenz zum Gefallenwollen ist da. Mehr Kante zeigen wäre schön.
Brauche ich einen Subwoofer? Bei Actionfilmen vielleicht, bei Musik wie von James Hunter nicht. Der Bass reicht sauber bis zur A-Saite des Kontrabasses herunter. Auch die Bassdrum ist da, aber der Punch unter 50 Hertz ist eher unserer psychoakustischen Fantasie geschuldet.
Den Vergleich zu Apple mit seinem HomePod hatten wir häufig genannt – aber uns ein wenig gewunden. Deshalb zum Finale die harten Worte: Der WiiM Sound ist besser. Aber es ist ein Vergleich zwischen – Entschuldigung – Äpfeln und Birnen. Der HomePod misst sich selbstständig auf seinen Raum ein, der WiiM misst sich auf den individuellen Sweet-Spot ein. Das klingt dezidierter, ist zudem clever gelöst zumal. Sicher holt Apple auf, dieses Spielfeld darf man nicht den Emporkömmlingen überlassen. Aber der Big Player ist langsamer, WiiM agiler – und hat primär stärker den Nicht-Apple-Fans im Zielfeld. Die Androids und die Windows-Jünger bekommen mit dem WiiM Sound die schlicht bessere Lösung.
Fazit WiiM Sound
WiiM hätte einen Ruf zu verlieren gehabt, hat aber mit dem Sound gleich mehrfach gewonnen. Auch auf neuem Spielfeld gelingt eine Breitseite gegen die großen, arrivierten Namen. Mir gefällt die Transparenz der Einstellungen: Alles ist sichtbar, alles ist nachvollziehbar und veränderbar. Klanglich eher elegant, nicht auf Show ausgerichtet. Die Auflösung kennt Grenzen, aber der Klang ist angenehm bissfest. In jedem Fall besser als beim großen Mitbewerber Apple. Kurz: Der „Sound“ ist ein großer Wurf!
Bewertungen
KlangPraxisVerarbeitungGesamt |
| Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse. |
| | Klarer, griffiger Klang |
| | Super-App, feine, nachjustierbare Einmessautomatik |
| | Exzellente Verarbeitung |
| | Etwas mehr Auflösung wäre schön |
Vertrieb:
AUDIO-TRADE Hi-Fi Vertriebsgesellschaft mbH
Wallufer Straße 2
65343 Eltville am Rhein
www.audiotra.de
Preis (Hersteller-Empfehlung):
WiiM Sound (Stück): 349 Euro
Technische Daten
| WiiM Sound | |
|---|---|
| Konzept: | Smartspeaker |
| Streaming: | Spotify Connect, TIDAL Connect, Qobuz, DLNA, Chromecast und Alexa Cast |
| Bestückung: | 4″-Tieftöner + 2 Hochtöner |
| Frequenzgang: | 35 Hz – 20 kHz |
| Anschlüsse/Konnektivität: | Ethernet, 3,5 mm Aux-Eingang / Wi-Fi 6E, Bluetooth 5.3 (LE Audio) |
| Abmessungen (B x H x T): | 146 x 146 x 193 mm |
| Gewicht und Farben: | 2,5 Kilogramm |
| Alle technischen Daten | |
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