Mein erster Tonabnehmer war ein EMT. Mein erster Plattenspieler ebenfalls. Auch mein erster Phono-Vorverstärker dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach im Schwarzwaldort Lahr gebaut worden sein, bei der ElektroMessTechnik GmbH. Aber keines dieser Produkte stand damals wirklich physisch in meinem Jugendzimmer. Stattdessen: Ein mächtiges Loewe-Röhrenradio, abgestimmt zumeist auf den Südwestfunk, der aus Baden-Baden sendete und mit der vollen EMT-Studioausstattung arbeitete wie eigentlich alle öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland.
Wenn Sendungen wie der Pop Shop liefen, hörte ich also EMT aus zweiter Hand, in mein Zimmer gespiegelt über die Bande des UKW-Rundfunks. Natürlich trägt auch dessen Signalweg, mit zusätzlichen Kompressoren im Studio und den für Analogradio typischen Artefakten und Nebenprodukten, zu dem ganz besonderen Klang bei, den die Musik übers Radio hatte. Ein ganz besonderer, souveräner, vollständiger und völlig unangestrengter Sound, den ich auch später, mit eigenen Platten und Spielern, nicht befriedigend reproduziert bekam. An dessen Anfang aber stets eine EMT-Tondose stand.

Und siehe da: Kaum hängt die Technik dieser Tondose, nur geringfügig modernisiert und an die Einsatzumgebung angepasst, im Headshell meines Linn-Tonarms, strömt aus den Boxen Musik voller Wärme, Dynamik und Leben, befreit von HiFi-Neurosen, aufgeladen mit dieser lässigen Perfektion, die das Radio auszeichnete, als es noch komplett analog produziert wurde. Gegen die eigene Sound-Sozialisation kommt man nur schlecht an: Wer in Deutschland in den 1970er- und 80er-Jahren angefangen hat, Radio zu hören, war für mittelprächtiges HiFi schon verdorben, bevor er oder sie sich den ersten Plattenspieler leisten konnte.
Die Besonderheiten der EMT HSD SC6
In diesem Test geht es um eine entfernte Nachfahrin der klassischen EMT-Tondose: um die EMT HSD SC6 – hierzulande übrigens seit kurzem im Thorens-Vertrieb. Das Original steckte, wie der Name „Tondose“ schon andeutet, in einem geschlossenen Bajonett-Headshell, das an den Armen der Studio-Abspielmaschinen mit einer flinken Steck-und-Dreh-Bewegung montiert und auch wieder entfernt werden konnte. Eingang in die HiFi-Welt fanden die EMT-Systeme zunächst auf Schleichwegen, als Tüftler existierende Tondosen ausweideten und die Generatoren nackt unters Headshell schraubten – oder dafür gleich eigene Gehäuse bauten. Erst viel später, in den 1990er Jahren, ließ sich EMT – inzwischen akquiriert vom Studiotechnikunternehmen Barco – breitschlagen, explizite HiFi-Modelle im Halbzoll-Standard auf den Markt zu bringen.
Der erste Abtaster in dieser inzwischen weit verzweigten Familie war der HSD6, den ich auch in meinem treuen LP12 eine Weile laufen hatte. Der bullige, souveräne EMT-Hausklang war sofort wieder da, aber so richtig perfekt schienen System und Arm – ein Linn Ekos der ersten Serie – trotzdem nicht zusammenzuarbeiten. Ähnlich wie beim japanischen Radiokollegen Denon DL-103 sah die Kombi zwar todschick aus und spielte stimmig, entwickelte aber nicht den Slam, den ich sowohl vom Linn mit ideal passenden Systemen als auch von besagten Abtastern an anderen Armen in Erinnerung hatte.

Micha Huber ging es mit seinem LP12 wohl ähnlich. Der Schweizer Entwickler, bekannt geworden mit seinen genialen, geometrisch perfekten Thales-Tonarmen, hatte 2014 die Phonosparte von EMT übernommen und vom Schwarzwald nach Turbenthal im Kanton Zürich verlegt. Neben eigenen Erfahrungen und Versuchen konnte er daher auch einen reichen Schatz an Rückmeldungen aus der EMT-Nutzerbasis auswerten. So formte sich mit der Zeit die Idee, einen Abtaster spezifisch für die Bedingungen zu optimieren, die auf Subchassis-Spielern herrschen. Da weltweit eine deutlich sechsstellige Anzahl allein an Linns rotiert, ergibt das auch geschäftlich Sinn. Hinzu kommen historische wie neue Thorens-Modelle in noch größerer Zahl – um nur die beiden wichtigsten Hersteller von Subchassisspielern zu nennen, die aktuell noch neue Geräte produzieren.
Extra-Tonabnehmer für Subchassis-Laufwerke?
Aber warum brauchen Subchassis überhaupt eine System-Extrawurst? So richtig leuchtete mir das auch nach dem Gespräch mit Micha Huber nicht ein. Vielleicht, weil ich mich zu sehr auf das eigentliche Subchassis und seine Funktionsweise konzentrierte. Schon klar, dass es hier erhöhten Abstimmungsbedarf gibt. Denn an solchen Drehern finden sich gleich zwei Schwingsysteme: Der Arm samt Tonabnehmer federt auf dem elastisch gelagerten Nadelträger – wie bei jedem anderen Spieler auch. Zusätzlich federn aber Arm, Teller und Subchassisträger gemeinsam, typischerweise auf drei Schraubenfedern. Wichtig dabei ist, dass sich die beiden Resonanzfrequenzen nicht zu nahekommen. Die Tonarm-System-Resonanz legt man gewöhnlich in den Bereich um 10 Hertz, wo auf der Platte keine Signale mehr geschnitten sind. Die meisten Subchassis federn mit 4-6 Hertz. Was man also auf jeden Fall vermeiden sollte, sind krass zu weiche Nadeln und/oder unangemessen massereiche Arme. Denn sonst könnte die Armresonanz in die Region der Subchassis-Resonanz sacken und ein völlig erratisches Verhalten auslösen. Aber das ist ja bereits bei bisherigen EMTs kaum möglich, weil diese Systeme eher harte Aufhängungen verwenden. Und weil auf den Subchassisspielern eher Arme am unteren Ende von „mittelschwer“ vorherrschen: Der Linn Ekos zum Beispiel ist mit 10,5 Gramm effektiver Masse spezifiziert, der Linn Arko auf Micha Hubers LP12 mit glatten 10.

Die technischen Anpassungen der SC-Version deuten dann auch eher auf eine – unabhängig vom Laufwerksprinzip – optimierte Kompatibilität mit dieser Klasse von Tonarmen. Das wunderschöne, präzise gefräste und hier golden eloxierte Alugehäuse zum Beispiel lässt dem Hersteller einen gewissen Spielraum beim Gesamtgewicht des Systems. Klassische HSDs bringen 12 Gramm auf die Waage. Lässt man die CNC-Maschine an der Korpus-Stirnseite – der effektivsten, weil direkt über der Nadel befindlichen Stelle – etwas mehr Material herausfräsen, kann man aber auch wie beim SC6 auf 10 Gramm kommen, ohne die enorme Festigkeit des Aluchassis zu kompromittieren. Das entspricht – wohl kaum zufällig – exakt der Obergrenze des empfohlenen Gewichtsbereichs beim Arko. Der Arm kann genau wie der Ekos zwar auch deutlich schwerere Abtaster akkurat ausbalancieren. Aber man verlässt dann eben die Parameter des Originaldesigns und wird schon sehen, was man davon hat.

In dem Alurahmen – übrigens von vortrefflichster Qualität und passgenau wie ein Schweizer Uhrengehäuse – ist mit einer präzisen Dreipunktlagerung der MC-Generator eingespannt. Dessen Aufbau geht in direkter Linie auf die klassische Radio-Tondose zurück und ist im unten offenen Gehäuse frei einsehbar. Zuerst fällt der lange, zylindrische hintere Polschuh ins Auge, aus dem vorne seitlich zwei kleine Stellschrauben ragen. Durch sie erhält der dünne Stahl-Spanndraht Halt und genau die richtige Vorspannung, um den Nadelträger samt Spulenarmatur sanft in den dahinter liegenden Gummidämpfer zu ziehen. Gemeinsam definieren Spanndraht und Dämpfer die Elastizität oder Compliance der Aufhängung. Hier unterscheidet sich der SC6 wieder vom Standardmodell und allen anderen EMTs. Und zwar um genau 3 Mikrometer pro Millinewton: 15µm/mN sind es hier, 12 bei den anderen Systemen. Die weichere Aufhängung schlägt sich auch in der empfohlenen Auflagekraft nieder, die von sonst 2,4g auf 2,0g fällt. Für mittelschwere Arme passt das ideal, vom erwähnten Ekos bis hin zum fünf Gramm massereicheren TP150 auf dem aktuellen Thorens TD 1500.

Der elektrische Aufbau entspricht alter EMT-Tradition und ist für MC-Verhältnisse eher laut und hochohmig. Ein glattes Millivolt holt der Tonabnehmer aus der Platte, wenn darauf ein Messton mit 5 cm/s geschnitten ist. Die hohe Ausgangsspannung ist per se erstmal ein Praxisvorteil, weil Rauschen und Übergangswiderstände dem Signal weniger anhaben können. Als Freibrief für lieblose Vorverstärkung darf man sie aber nicht verstehen. Zumal besagtes Millivolt in Preamps mit knappen Übersteuerungsreserven schon grenzwertig hot sein kann. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Schnelle des Messignals – anders als „0 dB“ in der Digitalwelt – kein technisch verbindlicher Maximalwert ist und in realen Platten auch überschritten werden kann.
Im Zusammenspiel mit MC-Übertragern benötigen die 24Ω-Kupferspulen des SC6 ein eher geringes Übersetzungsverhältnis von 1:7 oder 1:10. Letzteres habe ich im Test sowohl beim Fezz Argentum X10 als auch an der Pro-Ject Step-Up-Box DS3B genutzt – mit begeisternden Ergebnissen. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass der EMT sogar besonders deutlich vom Übertragereinsatz profitiert. Dabei geht’s nicht ums Rauschen, das durch die 1,0mV Ausgangsspannung selbst mit preiswerten MC-Preamps kein störendes Thema ist. Sondern um alles andere: Die Abbildung wirkt via Übertrager dreidimensionaler und präziser, Klangfarbenvielfalt und Dynamik nehmen von ohnehin hohem Niveau aus nochmals drastisch zu.

Gewickelt werden die Spulen überkreuz – zwei Wickel längs, zwei Wickel quer – auf ein quadratisches Weicheisenplättchen, das zum Schutz vor Umwelteinflüssen lackiert ist und daher weiß zwischen den präzise aufgebrachten Kupferdrahtlagen hindurchschimmert. Da das Wickeln – wie auch der gesamte Rest des Aufbaus – ohnehin Handarbeit ist, kann EMT hier auch Sonderwünsche berücksichtigen. Wer zum Beispiel mit den 24Ω hadert, vielleicht weil er schon einen 1:20-Übertrager besitzt und diesen nicht tauschen will, kann ein SC6 also auch mit „Viertelspule“ oder „Halbspule“ und entsprechend kleinerer Ausgangsspannung bestellen. Das geht zudem nicht nur direkt beim Kauf, sondern auch im Rahmen einer irgendwann fälligen Revision, bei der das System für knapp 1.000 Euro mit neuer Nadel, neuen Spulen und neuen Dämpfern praktisch wieder in Neuzustand versetzt wird.
Nicht mal 60 Prozent des Neupreises sind ein fairer Tarif für die Komplettüberholung. Zumal die bei einigermaßen pfleglicher Behandlung nicht allzu schnell fällig wird. EMT verwendet im SC6 schließlich den bewährten und erwiesen langlebigen Super-Fineline-Diamanten, der seit seiner Einführung im Jahr 1984 auch im Radioeinsatz den Ton angibt. Die „6“ im Modellnamen steht übrigens für den seitlichen Verrundungsradius von 6 µm, was den Schliff als moderat „scharfen“ Vertreter der Line-Contact-Familie ausweist. Der Nadelträger besteht beim SC6 aus einem Aluröhrchen, während noch steifere Materialien wie Bor und Saphir den deutlich teureren Modellen der JSD-Serie vorbehalten bleiben.
Hörtest
Das Tolle am HSD SC6 ist aber gerade, dass man über solche Technikdetails gar nicht nachdenkt. Montiert in meinem Linn LP12 / Ekos, vorverstärkt mit der Pro-Ject-Kombi aus Step-Up-Box DS3B und Phonobox RS2, anschließend äußerst kompetent verstärkt durch Ultima Pre 3 und Ultima 6 von Chord Electronics, lässt dieses MC-System meine Tannoy Eaton nicht nur spektakulär großformatig, sondern auch tonal extrem stimmig musizieren. Das EMT klingt keinesfalls dunkel – erst recht am Übertrager, der im Hochton ein ganzes Füllhorn an Differenzierung öffnet. Aber es tönt auch nicht hell, sondern einfach reich, rund und richtig.
Vergleicht man das HSD SC6 mit dem ähnlich teuren Lyra Delos, hört man unterm Strich auf dem gleichen, sehr hohen Qualitätsniveau, erlebt aber zwei unterschiedliche Stilrichtungen. Mir würde die Entscheidung schwerfallen: Das Lyra wirkt offener, extrovertierter und noch reicher an Farbe und Struktur. Aber auch kritischer bei schwierigen, nah aufgenommenen Stimmen – etwa der von Joan Wasser alias Joan As Police Woman auf ihrem neuen Album Lemons, Limes And Orchids (PIASR1510LP). Auf dem Stück Full-Time Heist umgarnt sich die Sängerin, Multiinstrumentalistin und Songwriterin mehrstimmig selbst, und die Produktion scheint besonderes Interesse an feinsten Artikulationsdetails zu haben. Das erzeugt einerseits eine aufregende, ASMR-ähnliche Sinnlichkeit, beschwört zugleich aber den notorischen Erzfeind aller Audiophilen herauf: Das zischende S. Für beide Tonabnehmer kann ich Entwarnung geben: Alles sauber und prickelnd fein. Dennoch fühle ich mich mit dem EMT sicherer, obwohl sich auch das Lyra keine Unsauberkeiten leistet. Das SC6 zeigt hier einen wunderbar cremigen, unaufgeregten Sound, während das Delos kristalliner, vielleicht neutraler, aber auch kompromissloser auflöst.

Herrlich warm und weit vor der Boxenebene plastisch ausgeformt dann The-National-Sänger Matt Berninger auf seinem Soloalbum Get Sunk (Concord Records – CRE02877): Stimmen, männliche wie weibliche, erhalten vom SC6 fast magisches Leben eingehaucht. Als sich dann auch Bass und Drums an die Arbeit begeben, lernen wir eine weitere Stärke des EMT-Systems kennen: den wirklich außergewöhnlichen, melodisch-druckvollen Tiefton, der die Stücke lässig vorantreibt wie ein großvolumiger Achtzylinder. Zusammen mit dem seidig-akkuraten Hochton ergibt das einen sehr breitbandigen, vornehmen Klang, fast eine leichte Loudness-Charakteristik – auch weil Mittelton- und Präsenzbereich für Analogverhältnisse sehr verzerrungsarm in den Raum gleiten. Dieser Klang erinnert mit seiner unangestrengten Perfektion und der Nebengeräuscharmut der SFL-Nadel tatsächlich an die Zeiten, als im Radio noch Platten liefen. Auf schon damals schwindelerregend teuren, nur mit GEZ-Geldsegen guten Gewissens anschaffbaren und von EMT praktisch exklusiv für die öffentlich-rechtliche Großkundschaft entwickelten Abspielmaschinen. Um die alten EMT-Spieler reißen sich heute die Sammler, viele sind schon in Asien verschwunden. Aber der Geist dieser Tage, der Spirit of Radio, wie ihn Rush im gleichnamigen Song nannte, lebt in den modernen EMT-Produkten fort: Begin your day with a friendly voice, a companion unobtrusive.
Fazit HSD SC6
Mit dem HSD SC6 hält der klassische EMT-Klang nun ganz geschmeidig, bruchlos und vor allem vollständig auch in Spielern Einzug, die mit den härter aufgehängten Standardsystemen hier und da noch kleine Kompromisse forderten. Etwa im LP12, der seinen elastisch-kraftvollen, enorm dynamischen Bass mit der besser angepassten Compliance des SC6 einfach noch lockerer und ungebremster aus dem Tonarm schüttelt. Das SC6 gehört somit zu meinen ganz heißen Systemtipps: 1.720 Euro sind zwar eine Menge Geld. Für einen – ausgerechnet in der Schweiz – in liebevoller Handarbeit aufgebauten Tonabnehmer dieser Qualität, Reife und Präzision ist der Preis aber mehr als angemessen.
Bewertung
KlangPraxisVerarbeitungGesamt |
| Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse. |
| | Sehr natürlicher, körperreicher Klang mit feiner Hochtonauflösung |
| | Hohe Dynamik, hohe Abtastsicherheit |
| | Optional auch mit kleineren Spulen erhältlich |
| | Kein Nadelschutz |
Vertrieb:
Thorens GmbH
Lustheide 85
51427 Bergisch Gladbach
www.thorens-shop.de
Paarpreis (Hersteller-Empfehlung):
EMT HSD SC6: 1.720 Euro
Die technischen Daten
| EMT HSD SC6 | |
|---|---|
| Konzept: | MC-Tonabnehmer |
| Diamant (Schliff): | Super Fine Line |
| Gehäuse: | Aluminium |
| Ausgangsspannung: | 1mV @ 5cm/s |
| Nadelnachgiebigkeit: | 15µm/mN |
| Empfohlene Abschlussimpedanz: | 200 – 300Ω |
| empf. Auflagegewicht: | 2,0 Gramm |
| Masse: | 10,0 Gramm |
| Alle technischen Daten | |




