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Dies ist nicht nur der erste LowBeats Beitrag zum Klassik-Jahr 2016, sondern zugleich auch unser Einstieg in die klangvolle Berichterstattung aus der Welt der Klassischen Musik. Viel Spaß dabei!

Attila Csampai: Beste Klassik-Einspielungen 2016

Unser audiophiler Gastautor und Klassik-Spezialist Attila Csampai schreibt für viele namhafte Publikationen – unter anderem für die Home Electronics aus der

Attila Csampai Klassik-Empfehlungen 1: J. S. Bach: Fünf Violinkonzerte (Alina Ibragimova, Arcangelo, Jonathan Cohen Hyperio
J. S. Bach: Fünf Violinkonzerte
(BWV 1041, 1042, 1052,
1055, 1056) Alina Ibragimova, Arcangelo, Jonathan Cohen Hyperion CDA68068 (CD) (Cover: Amazon)

Schweiz. Für LowBeats macht es Attila Csampai in diesem Monat einmal anders herum: Kein Blick zurück, sondern einer voraus – nämlich auf das noch junge Jahr 2016, das schon jetzt, wie er sagt, Aufnahmen von „hervorragender Virtuosität und Intelligenz“ bereit hält. Und natürlich hat der ausgewiesene SACD-Liebhaber Attila Csampai auch einige SACDs unter seinen Empfehlungen.

Alina Ibragimova: furchteinflößende Virtuosität

Schon im vergangenen Jahr sorgte Alina Ibragimova für Aufsehen, als sie die sechs sauschweren Solosonaten von Eugene Ysaye mit angsteinflößender Bravour einspielte: Jetzt hat sich die 30-jährige, in London lebende Russin die Violinkonzerte Bachs vorgenommen und mit dem britischen Barockensemble «Arcangelo» nicht nur die beiden populären Originalwerke in a-Moll und E-Dur, sondern auch die drei nach Cembalokonzerten rekonstruierten Konzerte im radikalhistorischen Klangbild wiederbelebt, was ihre stilistische Bandbreite und ihre musikalische Intelligenz nur eindringlich untermauert: Dabei entpuppt sich die brillante Virtuosin hier als perfekte Teamplayerin, die es offenbar genießt, mit den exzellenten Solisten der 14-köpfigen Truppe sich in lebendige, impulsreiche, agogisch atmende Dialoge auf Augenhöhe einzulassen, das gemeinsame lustvolle «Konzertieren» in den Vordergrund zu rücken und so kollektive Unterhaltung auf höchstem Niveau zu bieten. Gleichwohl versteht sie es in den langsamen Sätzen ebenso souverän, ihre Solokantilenen in vibratoloser Schlichtheit und Anmut «fließen» zu lassen und so deren spirituelle Kraft ganz aus der Musik heraus entstehen zu lassen. Eine großartige, wandlungsfähige, charismatische Künstlerin auf dem Weg zum Weltruhm.

Attila Csampai Klassik-Empfehlungen 2: Beethoven: Eroica-Variationen; Klaviersonaten op. 13 («Pathétique») und op. 57 («Appassionata»). Konstantin Scherbakov, Klavier Two Pianists Records TP1039190 (CD)
Beethoven: Eroica-Variationen;
Klaviersonaten op. 13 (Pathétique) und op. 57 (Appassionata) (Cover: Amazon)

Konstantin Scherbakov: Spannungskurven

Schon vor Jahren unterstrich der in Zürich lehrende Pianist Konstantin Scherbakov seine Beethoven-Kompetenz durch seine fulminante Interpretation der Symphonien in der Klavierversion Franz Liszts: Jetzt hat der 52-jährige Exilrusse eine vor vielen Jahren in Moskau entstandene Aufnahme der «Eroica»-Variationen mit aktuellen, in England produzierten Einspielungen der «Pathétique» und der «Appassionata» kombiniert, und tatsächlich offenbaren die beiden Sonaten einen ungleich höheren Erkenntnisstand als die ungestüme «Jugendsünde» aus Sowjetzeiten. Trotz erdrückender Katalog-Konkurrenz gelingt es Scherbakov, in den Sonaten strukturelle Spannungsverläufe aufzubauen, die ich so noch nicht gehört habe. Seine größte Gabe ist sein phantastisches Timing, das den musikalischen Kontext stets zielgerichtet in Fluss hält, so dass die Konstruktion einem inneren Puls folgt und sich in Sinnzusammenhang verwandelt. Jenseits von Pathos und wilder Emotion beschwört er ganz trocken und kompakt die bahnbrechende Logik dieser Werke und entfacht so ihren experimentellen und aufklärerischen Geist.

Michael Korstick: Spirituelle Kraft

Attila Csampai Klassik-Empfehlungen 3: Liszt: Michael Kostick
Liszt: Harmonies poétiques et religieuses. Michael Korstick, Klavier, cpo 777 951-2 (2 CD) (Cover: Amazon)

Fast zwanzig Jahre lang, von 1834 bis 1853, arbeitete Franz Liszt an seinem Klavierzyklus Harmonies poétiques et religieuses nach Gedichten des französischen Romantikers Alphonse de Lamartine, mit dem er sich seelenverwandt fühlte. Gleichwohl beziehen sich nur sechs der zehn tief spirituellen Kompositionen direkt auf Verse Lamartines, dreimal vertonte er lateinische Gebetstexte, um den religiösen Charakter des Zyklus zu verstärken, und das bekannteste Stück «Funérailles» ist gar eine aktuelle Klage über die gescheiterte Ungarn-Revolution von 1849. Kein anderes Werk bietet eine solche Synthese seiner drei Lebenssphären Musik, Dichtung und Religion. Der deutsche Pianist Michael Korstick, der zuletzt Aufsehen erregte durch seine schroffen, rebellischen Beethoven-Aufnahmen, hat jetzt den kompletten Zyklus in einer geradezu modellhaften Interpretation vorgelegt, die hier die andere, «romantische» Seite seiner Virtuosität und vor allem seinen Sinn für wechselnde Klangfarben und melodische Linien enthüllt, und so einen fast 90-minütigen Spannungsbogen zieht über zehn innere Monologe der Besinnung, des Glaubens und existenzieller Gedanken. Der radikale Aufklärer Korstick verwandelt sich hier in einen echten Mystiker und Klangmagier.

Friedrich Kleinhapl: Dunkle Leidenschaft

Attila Csampai Klassik-Empfehlungen 4: Mendelssohn: Cellosonaten Nr. 1 B-Dur und Nr. 2 D-Dur 6 «Lieder ohne Worte». Friedrich Kleinhapl
Mendelssohn: Cello-Sonaten Nr. 1 B-Dur und Nr. 2 D-Dur
6 Lieder ohne Worte. Friedrich Kleinhapl, Violoncello; Ars Produktion ARS 38197 (SACD) (Cover: Amazon)

Die neue SACD des österreichischen Cellisten Friedrich Kleinhapl zieren Werke Mendelssohns und er hat es sich nicht nehmen lassen, im Booklet ein engagiertes Plädoyer für den noch immer unterschätzten Komponisten abzulegen. Auf seinem unglaublich voluminösen, dunkel-kernigen Guadagnini-Cello unternimmt er eine leidenschaftlich wogende, vor innerer Glut berstende Wiederbelebung der beiden Cellosonaten in B-Dur und D-Dur und hebt sie so auf eine Stufe mit den größten Werken der Celloliteratur. Kleinhapl und sein Klavierpartner Andreas Woyke sind eben besessene «Bekenntnismusiker», denen es in erster Linie um Wahrheit und Herzensintensität geht, nicht unbedingt um Schönheit und Eleganz: So öffnen sie hier die wirklichen Tiefendimensionen dieser Musik und lassen alle alten Lügen über Mendelssohn in sich zusammenbrechen. Kleinhapls kraftvoll-herber, ungeschminkter Ton verleiht auch den ausgewählten «Liedern ohne Worte» einen ganz eigenwilligen baritonalen Charakter. Auch die hyperpräsente, haptisch-greifbare Mehrkanal-Klangbühne trägt entscheidend bei zu der stellenweise überfallartigen Wirkung einer Aufnahme, die die innere Glut und Schönheit von Mendelssohns Musik viel intensiver erleben lässt als so viele auf domestizierten Wohllaut ausgerichtete Produktionen: eine Lehrstunde für starke Gemüter.

Thierry Fischer: Rustikaler Charme

Die 1940 gegründete Utah Symphony zählt zu den US-Orchestern mit großer Mahler-Tradition: Bereits in den 1960er Jahren produzierte Maurice Abravanel in Salt Lake City den ersten Gesamtzyklus der Symphonien und machte das Orchester weltbekannt. Mittlerweile gibt es

Attila Csampai Klassik-Empfehlungen 5: Mahler: Symphonie Nr.1 D-Dur, Utah Symphony, Thierry Fischer Reference Recordings
Mahler: Symphonie Nr.1 D-Dur, Utah Symphony, Thierry Fischer. Reference Recordings FR-715 (SACD) sieveking-sound.de (Cover: Amazon)

allein von der Ersten mehr als 300 Einspielungen, und dennoch setzte Chefdirigent Thierry Fischer dieses populäre Opus zum 75. Jubiläum aufs Programm: Der Mehrkanal-Mitschnitt des renommierten Soundmirror-Teams aus Boston vermittelt eindringlich die besondere Mahler-Affinität des Orchesters, das dieses bilderreiche Werk mit knackiger Prägnanz als ein Manifest jugendlichen Überschwangs und frischer Aufbruchsstimmung wiederbelebt und damit einen fast altmodisch anmutenden «Herzenseinsatz» für Mahlers klingende Postkarten kultiviert, sodass die bodenständigen Aspekte und Idiome – wie Walzer, Ländler, Naturlaute und Höllenlärm – geschärft in den Vordergrund rücken, weitab von aller perfektionistischen Glätte: Er erzielt hier vor allem die Durchhörbarkeit von Mahlers raffinierter Polyphonie und veranstaltet ein Konzert holzschnittartiger Konturen und klar gezeichneter Profile, die Mahlers kakanische Impressionen als klar umrissene Momentaufnahmen seiner Lebenswirklichkeit, seiner Weltsicht, erscheinen lassen. Diese Symphonie steht auf festem Boden.

Katarina Henryson (voc) + Svante Henryson (cello): Rockin’ Cello

Welches ungeahnte musikalische Potenzial in einem klassischen Cello von 1818 schlummert, wenn man es zu entfachen weiß, das demonstriert der schwedische Cellist und Bass-Player Svante Henryson auf seiner SACD «High, Low or In Between» auf spektakuläre Weise: Der in Klassik, Jazz und Rock gleichermaßen erfahrene Grenzgänger vereint eine komplette Rhythmusgruppe auf seinem viersaitigen

Attila Csampai: Klassik-Empfehlungen 6: High, Low or In Between – Katarina Henryson (voc); Svante Henryson (cello)
High, Low or In Between
Katarina Henryson (voc); Svante Henryson (cello) BIS-2136 (SACD) (Cover: Amazon)

Akustik-Cello und liefert mit seiner Frau, der Jazz-Sängerin Katarina Henryson in allen erdenklichen Tonlagen einen mit wilden Grooves und druckvollen Beats nur so gespickten Background: In einem 17-teiligen Reigen aus eigenen und gecoverten Songs von Bill Evans über Tom Jobim bis Elton John unternehmen die beiden eine intime und doch vor rhythmischer Power berstende Traumreise der Andeutungen und zärtlichen Berührungen und krönen das Ganze durch eine unwiderstehlich trockene und coole Version von Prince’s Welthit Kiss.