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Roger Sellers alias Bayonne
Steht auch musikalisch für einen geschmackvollen, stilsicheren Materialmix: Sein seit Kindertagen gepflegtes Faible für die Drumsounds von Phil Collins kombiniert Roger Sellers alias Bayonne auf seinem Debütalbum „Primitives“ mit Elementen von Synthiepop bis Neo-Klassik (Foto: D. Cohen / City Slang)

Bayonne Primitives – CD der Woche 40/2016

Bayonne Primitives, die LowBeats CD der Kalenderwoche 40, kommt von Roger Sellers alias Bayonne. Der amerikanischen Elektrotüftler liefert ein gar nicht primitives, sondern komplexes, sympathisch fluffiges Sound-Kunstwerk zwischen Elektropop, Ambient und Neo-Klassik, das sich zum unangestrengten Nebenbeihören ebenso eignet wie für konzentrierte Klangstudien – meint LowBeats Musikautor Christof Hammer.

Musik ist ein Mysterium und Hören bleibt Stimmungssache. Da kommt etwa ein neues Album von Green Day um die Ecke und was sagt das Ohr über Revolution Radio, wenn die innere Befindlichkeit, das persönliche „musikalische Momentum“ partout nicht auf lärmigen drei-Akkorde-Punkpop eingestellt ist?

„Bleib mir bloß weg mit dieser spätpubertären Bierdosen-Mucke!“, motzt unsere innere Stimme dann reichlich rüde. „Und wenn schon, dann leg bitte die alten Sachen wie Dookie oder meinetwegen auch noch ‚American Idiot in den Player.

Dass die Jungs damals beträchtlich jünger waren, hört man nämlich leider eben doch. Und wer braucht schon Leute, die sich mit 45 immer noch so benehmen wie mit 22? Außerdem: So ein prätentiöser Mist wie „Forever Now“ ging noch nie – und heute noch weniger!“

In solchen Augenblicken ist es dann wirklich Zeit für anderes: für Sounds, die tatsächlich anders klingen als die üblichen Saiten- oder Tastenentwürfe des (Indie-)Mainstreams. Zum Beispiel für das neue Werk des amerikanischen Waldschrats Justin Vernon alias Bon Iver, der mit 22, A Million (Jagjaguar; Vertrieb: Cargo) eben erst ein faszinierend-verwunschenes Stück Musik zwischen Laptop-Folk, avantgardistischer Ambient Music und Electro-Psychedelic veröffentlicht hat: so schräg wie schön, so bizarr wie brillant.

Oder auch für Bayonne Primitives. Das nach zwei ersten Veröffentlichungen bei kleinen amerikanischen Labels dritte Album von Roger Sellers ist einer jener Zwischenrufe aus einer anderen Soundgalaxie, die das Ohr mit einer ungewohnten Klangästhetik reizen. Sellers –Typ blasser Tonstudiobewohner, aber mit einem Grundgerüst an Gegenwartsbezug – stammt aus Austin, Texas.

Dort musizierten Country-Outlaws wie Willie Nelson oder Townes van Zandt, Blues-Men wie Stevie Ray und Jimmie Vaughan, smarte Alternative-Rocker wie Marke Spoon oder Postrock-Acts wie die famosen Explosions In The Sky. Sellers ergänzt den Klangkosmos der Texas-Metropole nun um elektronische Soundwelten, die sich ganz entspannt zwischen die Stühle dieses Genres setzen.

Seit er 2011 mit ersten EPs und dem Debüt-Album Moments aufhorchen ließ, trat Sellers mit dem kanadischen Elektropop-Erneuerer Daniel „Caribou“ Snaith auf, seine Tracks werden mit den Soundscapes des Kollegen Owen Pallett ebenso verglichen wie mit denen von Benjamin „Panda Bear“ Lennox, ehemals Kopf der Experimental-Popper Animal Collective.

Auch die Assoziation „Sufjan Stevens jammt mit Brian Eno“ ist nicht ganz verkehrt. Das erste Idol in Sellers’ Leben hieß allerdings – Phil Collins. „Collins war der Held meiner Jugend“, erzählt der Produzent, DJ und Sänger, der sein erstes Schlagzeug im Alter von sechs Jahren von den Eltern geschenkt bekam. „Diese großen, gewaltigen Drumsounds waren für mich eine Art Fluchtpunkt und so etwas wie die Hausaufgaben an meinem Drumset.“

Bayonne Primitives  – Anklänge an Phil Collins, Steve Reich und Philip Glass

Diesen Einfluss hört man auf Bayonne Primitives auf fast jedem Track; erstmals in ganzer Pracht im sphärischen „Intro“ ab 3:50. Vom easy-listening-Mainstreampop der Collins’schen Spätphase ist der Bayonne-Sound gleichwohl meilenweit entfernt. Den Drumsound der „Face Value“-Phase mischt Sellers auf Primitives vielmehr mit „Indietronics“ zwischen Ambient, Neo-Klassik mit Anklängen an Steve Reich und Philip Glass und mal kammermusikalisch feingliedrigem, mal wundersam farbenfrohem Elektropop. S

ynthetisches trifft auf Analoges, Akustikgitarren werden von digitalen Loops umschwirrt, ein latentes, organisches Flirren, Surren, Bimmeln und Zwitschern liegt über den Arrangements. Dazu als Basis unterhalb der Collins’schen Drum-Eruptionen: repetitive, dampflokomotivartig schnaufende und stampfende Rhythmen, die so klingen, als sei Rogers entlang einer Eisenbahnlinie aufgewachsen.

Klingt abgespaced? Ist es auch – aber ganz anders als gedacht. Sellers ist weder ein Kind der 1970er-Jahre noch ein reflexionsarmer Digitalnerd der 2000er. Wie die Keyboards in „Waves“ etwa plötzlich altmodisch nach einem leicht verstimmten Klavier aus einer Seemannskneipe klingen und im Hintergrund analoge Synthies ein ganz kleines bisschen die Tonlage von deutschen Elektro-Romantikern wie Michael Rother oder Wolfgang Riechmann zitieren: Das macht den Bayonne-Sound zu einer Wundertüte, zu einem herrlich individuell konfigurierten Soundmosaik, modern und retromodern zugleich.

Zudem sorgen fließende Übergänge zwischen den Tracks für einen organischen „Flow“, sodass sich Bayonne Primitives nicht nur als klangliches Studienobjekt eignet, sondern auch ganz entspannt und ohne jeden akademischen Gestus einfach lässig weghören lässt.

„Geht doch“, meinte jedenfalls meine innere Stimme nach 56:31 – „weiter so! Ich melde mich dann schon, wenn mir wieder nach Guns ’N Roses oder den Red Hot Chili Peppers zumute ist. Und jetzt spiel’ die Platte bitte nochmal.“

Cover Bayonne Primitives
Cover Bayonne Primitives (Cover: Amazon)

Bayonne Primitives gibt es als Audio-CD, Vinyl LP und MP3-Download. Label: City Slang / Universal

Bayonne Primitives
2016/10
Test-Ergebnis: 4,0
SEHR GUT
Bewertung
Musik
Klang
Repertoirerwert

Gesamt