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Die vier MusikerInnen der Freiburger Multi-Kultiband Äl Jawala sind alles andere als Sofa-Rocker und haben mit „I Way To Äl" ein exzellent klingendes Album aufgelegt (Foto: F. Amann)

Die audiophile Aufnahme: Äl Jawala „I Way To Äl“

Ein Album voller Dynamik, purer musikalischer Spielfreude – und stilistischer Vielfalt. Eingefangen in einem ebensolchen packenden Klangbild: Das Freiburger Quartett Äl Jawala mixt mitreißend Balkan-Pop, Afrobeat, Funk & Fusion plus arabischem Timbre, gefüttert von meist analogen Instrumenten. Und ist damit auch Futter für patente HiFi-Anlagen. Äl Jawala „I Way To Äl“ ist unsere audiophil tanzende Aufnahme der Woche.

Romantischer hätte die Genese der Freiburger Band nicht ausfallen können. Um die Jahrtausendwende saßen vier Musikbesessene am Lagerfeuer und sinnierten darüber, zusammen zu jammern und eventuell als Band in die Welt zu ziehen. Gedacht, getan. Zunächst trugen sie ihre Vorliebe für aufmüpfige Rhythmen des Ostens in die Fußgängerzone der badischen Stadt. Im Kern gaben zwei Saxofone und Percussion den Ton an, zudem wirbelten sie mit satten Bläsersätzen arabische Ornamente auf – und erfreuten auch andere Städte mit ihrer erfrischenden Melange aus Balkan-Pop und Gipsy Brass. Der Name passt dazu: „Äl Jawala“ bedeutet auf arabisch „Die Wandernden“.

„Unser Sound lebt von der Mischung Balkan, Afrobeat und arabischen Elementen mit westlichen, urbanen Stilen. Als wir in den ersten Jahren in Deutschland, Frankreich und der Schweiz als Straßenmusiker unterwegs waren, fanden viele Menschen unsere Musik in erster Linie ‚fremd’ und ‚exotisch’. Und auch faszinierend. Und irgendwie zugänglich“, so Markus Schumacher (Percussion, Keyboards, Drums). Das war nicht überall so. „Als wir die ersten Male in Rumänien, der Türkei, oder Bulgarien unterwegs waren, standen die urbanen, jazzigen, ‚westlichen’ Stile im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und in China bei der Weltausstellung 2010 haben wir erlebt, wie eine Menschenmenge zu einem Schwarm wurde und dieses Kollektiv jede Nuance unseres Spiels miterlebt und beantwortet hat.“

Neben Markus Schumacher formen noch Daniel Pellegrini (Drums, Didgeridoo, Keyboards, Percussion), Krischan Lukanow (Alt- und Tenor-Saxofon) und Stefanie Schimmer (Altsaxofon und Vocals) die Band. „Wir kennen uns schon so lange – musikalisch und menschlich – es fühlt sich ziemlich gut und sehr vertraut in der Ur-Besetzung an“, so Stefanie. Und so nennt das Freiburger Quartett die 17 Stücke ihres, sagen wir mal, Best-Of-Albums poetisch „ein Soundtrack, der 22 Jahre Wandern, Erforschen, Lieben, Kämpfen Spielen, Tanzen, Reisen, Lernen und Träumen umfasst“. In der Tat, ihre Songs sprühen nur so vor Energie, bersten beinahe vor Ungeduld in manchen ihrer Intros und drängen auch die Lautsprecher entsprechend schon mal zum Äußersten im Dynamikbereich. Was konkret geht an Power und Art, symbolisiert auch das gewitzte Cover – zwei VW-Bullis umklammern einen Ghettoblaster im Sandwichprinzip oder auch als musikalischer Big Mac.

Das Album vereint eine Zeitspanne von rund zwei Jahrzehnten, Studio als auch Live-Takes. Insofern sind auch die Aufnahmeorte sehr verschieden. Schön: Allen remasterten Aufnahmen gemeinsam ist ein gut durchgezeichnetes, prima aufgelöstes und teils ultradynamisches Klangbild. Dafür zeichnet laut Band Vicente Celi verantwortlich. Gemeinsam mit Sebastian Karhoff betreibt der Tonmann auf 250 Quadratmetern die „Phlexton Studios“ in Berlin-Kreuzberg, nur einen Steinwurf von der Spree entfernt. Ein Glücksgriff für die Band, denn wie wir wissen, hebt der gute Ton die Musik ja auf ein emotional höheres Niveau. Wobei Vicenti die sprühende Dynamik der Band schon auffällig gerne hervorhebt – was viele HiFi-Fans mit größerem Besteck durchaus freuen dürfte. „Er hat viel Tiefe und Räumlichkeit aus unseren Songs herausgeholt“, so Markus Schumacher. „Der Mastering-Prozess hat dem Ganzen einen unglaublichen Boost verliehen. Wir waren selbst ganz überrascht, wie deutlich das zu hören ist.“

Die Highlights von „I Way To Äl“

Und los: „Lost In Manele“ sprintet unbündig los mit quirligem Charakter und aufmüpfigen Saxofonen im Oriental-Jazz-Rausch, aufgenommen 2007 im „Tollhaus“ in Karlsruhe. Den Song „Most Wanted“ nahmen sie 2009 im Sportstudio Freiburg auf, ein Balkan-/Reggae-Mix im Hüpfmodus. Die Session zu „Like It“ fand 2020 im „Boutique Hotel Kokolschinski am Freiberg im Schwarzwald statt. Ein fetzig-funky-Fast-Forward-Stück mit satten Vocals. „Sautez“, ein frischer Song, geriet zur „Hommage an das Hüpfen, Springen und Tanzen“, eindrucksvoll zu erleben im Videoclip zum Song (siehe unten). Und „What Do You Care“ basiert auf einem traditionellem Rembetiko (!), Thema: die verbotene Liebe zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturkreisen.

Was für ein wilder Stilritt, was für eine Klangpower: Die Band zieht ihre Jubiläums-Werkschau als packende Musikshow mit packendem Klang ab. Wer mehr über die forschen FreiburgerInnen erfahren möchte, sollte die im März erschienene 30-minütige Filmdoku „I Way To Äl“ von Regisseur Aljoscha Hofmann angucken.

Ael-Jawal I Way To Ael Cover
Äl Jawala mit „I Way To Äl“ erscheint bei Jawa Records / Soulfire Artists, Kontor New Media als CD, LP oder als Stream sowie MP3-Download (Cover: Amazon)
Äl Jawala „I Way To Äl“
2022/04
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

Live ist die Band dieses Jahr hierzulande mächtig unterwegs:

29.04.2022 Wiesbaden / Schlachthof
12.05.2022 Marburg / KFZ
13.05.2022 Hamburg / Häkken
14.05.2022 Lübeck / Treibsand
03.06.2022 Dachau / Jazz in allen Gassen
23.07.2022 Freiburg / ZMF
25.07.2022 Würzburg / Am Stein
29.07.2022 Iboga / Summer Festival
08.10.2022 Berlin / Lido
28.10.2022 Konstanz / Kula
29.10.2022 München / Amper

Videos der Band:

„Despaircito“ (Hansasessions)

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„Sautez!“

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Autor: Claus Dick

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Musikfachmann seit Jahrzehnten, aber immer auch HiFi-Fan. Er findet zielsicher die best-klingenden Aufnahmen, die besten Remasterings und macht immer gern die Reportagen vor Ort.