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Die Fantastischen Vier Captain Fantastic
Warm anziehen in harten Zeiten: Michi Beck, Thomas D, Smudo und AndYpsilon ziehen mit „Captain Fantastic“ in den Kampf gegen die ausufernde Endzeitstimmung (Foto: R. Grischek)

Die Fantastischen Vier Captain Fantastic – CD der KW 20

HipHop mit Pop-Appeal, Politisches und bewährte Momente: Die Fanta-4 kümmern sich auf Die Fantastischen Vier Captain Fantastic engagiert um ihr ureigenstes Genre und ignorieren dabei ihr auf respektable Weise ihr Alter als „halbe Hunderter“.

HipHop mit 50? Schon Punkrock ist ja mit einem halben Jahrhundert auf dem Buckel eine heikle Sache – schau beziehungsweise hör nach bei den Toten Hosen, denen Klassiker aus ihrer Bandgeschichte live zwar gewohnt schmissig, ihre Studioarbeiten der letzten Jahre aber umso zähflüssiger von der Hand gehen. Im Gegensatz zum HipHop hat der Punk allerdings schon etwas mehr Übung im Älterwerden.

Mit den Fantastischen Vier, inzwischen durchweg ebenfalls in den fünfziger Jahren ihres Lebens angekommen, sehen sich nun die deutschen HipHop-Helden der ersten Generation diesem Grundsatzproblem gegenüber und fangen gerade an, sich ans Älterwerden zu gewöhnen.

HipHop forever mag als Lebensmotto funktionieren, aber es garantiert noch keine große Musik geschweige denn das Treffen des richtigen Genretons. Der Grat ist schmal zwischen „elder statesman“-Status und „komplett aus der Zeit gefallen“.

Für die Kids des Instagram-Zeitalters, noch immer Hauptzielgruppe für (deutschsprachigen) HipHop, kommen ältere Herrschaften wie die vier Schwaben-Rapper eher als Dinosaurier aus der Vergangenheit ihrer Eltern daher – zu modernen Idolen taugen sie kaum mehr. Zu viele Galaxien liegen zwischen den Generationen.

Hat man Glück, scheppert beim Nachwuchs immerhin Bausa oder Trettmann aus den Ohrstöpseln – läuft das schief mit den Vorbildern, Werten und Idealen, dröhnt Hassmusik Marke Farid Bang & Kollegah aus den Speakern. (An dieser Stelle ein Wort von Opa Hammer, liebe Kinder: Nein, es ist nicht cool, ein Assi zu sein.)

Die Fantastischen Vier, schlaue Jungs ohne Frage, wissen um diese Problematik. Zudem gilt es – was die Sache nochmals deutlich verkompliziert –, die langjährige, alteingesessene Fanbase adäquat zu bedienen.

HipHop auch für die Jahrgänge um 1973 abwärts zu produzieren, aber dennoch zeitgemäß und relevant zu bleiben, die gewohnte Portion Pop mit deutlich mehr Politik unter einen Hut zu bringen: Mit Die Fantastischen Vier Captain Fantastic haben sich die Supermen des deutschen HipHop wahrlich einen Heldenjob aufgehalst: die Quadratur des Kreises sozusagen.

Und Smudo, Thomas D, AndYpsilon und Michi Beck erledigen ihren Job auf respektable Weise. Die Fantastischen Vier Captain Fantastic  vereint Haltung und Humor im typischen Fanta-4-Style, klingt nicht krampfhaft stylish, sondern groovt eher in Retro-old-school-Manier.

DJ Thomilla sorgt im Team mit dem Musical Director AndYpsilon für einen Sound, der nicht auf gechillte Kopfnicker-Beats setzt, sondern auf Wucht und Dynamik. Viel weiträumig geschichtete Elektronik prägt den Sound, Bläser und Gitarren mischen kräftig mit, allen voran in „Endzeitstimmung“.

Auch „Hot“ feat. Flo Mega bringt Saitenpower und HipHop-Drive eingängig auf einen Nenner, es dürfte bei der für den Herbst anstehenden Konzerttournee zum Publikumsfavoriten avancieren und für mächtig Bewegung im Saal sorgen. „Fantanamera“ und „Hitisn“ bescheren dann weitere bewährte Fanta-4-Momente.

Die Musik von Die Fantastischen Vier Captain Fantastic

In „Aller Anfang ist yeah“ hingegen piepsen die spacige Synthies so charmant retroesk wie ein alter C64-Rechner. „Das ist mein Ding“ setzt ebenfalls auf die gewohnten Scratch- und DJ-Effekte, disst aber mit flotten Reimen den Großstadt-/Großmaul-Lifestyle der heutigen Rap-Generation.

Mit der unnötigerweise hinzugesampelten Titelmusik von „Dalli Dalli“ landet man am Schluss allerdings denn doch wieder bei der Generation der Jahrgänge ab 1973 abwärts – ein etwas schaler Gag für die Älteren unter den Fanta-4-Fans.

An die jüngeren Jahrgänge richtet sich „Zusammen“; mit Clueso als Gast geschickt zwischen Radiopop und Dancefloor platziert: ein „get-together“-Song über klassische Werte wie Freundschaft, Solidarität und Gemeinschaftsgefühl und eine Absage an die Verrohungstendenzen, die ja nicht nur in der HipHop-Szene, sondern an allen Ecken dieser Gesellschaft stattfinden.

So bewegt sich Die Fantastischen Vier Captain Fantastic durch 14 kurzweilige, manchmal etwas zu effektorientierte Tracks im Geist der „guten Seite der Macht“ zwischen „pop-, pop-populär“em Lebensgefühl und der Auseinandersetzung mit den „Pop-, Pop-Populisten“ unserer Tage.

Dass die politische Botschaft ab und an auf eine etwas zu plakative Ebene heruntergebrochen wird (wie in „Affen mit Waffen“) oder das finale „Weitermachen“ feat. Damion als Durchhaltesong daherkommt, der auch von Nena stammen könnte, trübt das Gesamtbild nur unwesentlich.

Dass die Fantastischen Vier das Genre des deutschsprachigen HipHop nicht den Hasspredigern und Seelenvergiftern überlassen, zählt mehr als der eine oder andere leicht missratene Rap.

Die Fantastischen Vier Captain Fantastic
Cover Art: Die Fantastischen Vier Captain Fantastic (Cover: Amazon)

Die Fantastischen Vier Captain Fantastic erscheint bei Columbia im Vertrieb von Sony Music und ist erhältlich als CD und 2-LP+CD-Box.

Die Fantastischer Vier Captain Fantastic
2018/05
Test-Ergebnis: 4,1
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