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Fritz Wunderlich mit Ehefrau Eva
Fritz Wunderlich ist sicherlich einer der größten Sänger, die Deutschland je hervorgebracht hat. Er starb kurz vor seinem 36. Geburtstag. Zu seinem 50 Todestag erscheinen wieder etliche Zusammenstellungen seiner Werke. Das Bild zeigt ihn auf dem Heimweg nach einem Auftritt mit Ehefrau Eva (Foto: Fritz Wunderlich Archiv)

Fritz Wunderlich: Hommage zum 50. Todestag

50 Jahre nach seinem Tod ist Fritz Wunderlich in Medien und auf Tonträger so präsent wie zu seinen Lebzeiten. Das Jubiläum bietet die Gelegenheit, wieder einmal zurückzublicken auf den wohl größten Tenor Deutschlands. LowBeats Autor Lothar Brandt blickt sehr weit zurück und gibt dem Leser auch gleich noch die wichtigsten Aufnahmen und Zusammenstellungen des Ausnahmesängers an die Hand.

Die Szenerie ähnelt sich. Sitzt man mit Kritiker-Kollegen, klassischen Künstlern oder sonstigen Sangesfreunden zusammen, wird natürlich gerne gefachsimpelt. Man schwärmt von einmaligen Aufführungen (die man selbstverständlich nur allein erlebt hat), frotzelt über Bildungslücken („waaaas, Du kennst die XYZ mit ZYX nicht?), streitet über Superlative („Also der war doch wirklich der schwärzeste Bassist“), spottet über doofe Opern-Regisseure oder ahnungslose Dirigenten.

Nur bei ganz wenigen Namen verstummt jeder Streit, stoppt jeder Spott, endet jeder Zwist, löst sich jede Diskussion in das buchstäbliche Wohlgefallen auf. Einer dieser Namen: Fritz Wunderlich.

Was aber ist das für ein Zauber, den dieser lyrische Tenor noch immer ausübt? Ein Sänger, der vor exakt einem halben Jahrhundert mit gerade einmal 35 Jahren bei einem tragischen Treppensturz ums Leben kam und dessen angehende Weltkarriere damit brutal endete.

Dessen Stimme die meisten von uns noch Lebenden gar nicht „live“ erlebt haben und den dennoch Gesangsfans von Japan bis Hawaii, von Hammerfest bis Kapstadt heute immer noch verehren.

Dessen Tonträger heute noch weltweit in Stückzahlen verkauft werden, von denen sogar viele Pop-Künstler nur träumen können. Dessen Kunst auch völlig opernferne Menschen und grimmigste Kritiker sofort erkennen und anerkennen.

Befragen wir doch zunächst einmal die allwissende Wikipedia nach seinem Fach: Der Begriff lyrischer Tenor bezeichnet einen bestimmten Typus der Stimmlage Tenor. Ein lyrischer Tenor hat eine leichte und geschmeidige Stimme und ist sowohl zu großen lyrischen Legato-Bögen als auch zu Koloraturgesang in der Lage. Er verfügt in der Regel über eine weiche, aber strahlende Höhe und eine große Modulationsfähigkeit.“

Auf der Spur des Zaubers von Fritz Wunderlich

Aha. Nachdem das geklärt ist, bleibt ungeklärt die Frage nach dem Wunderlich-Zauber. Hier sollte die Kritik erst einmal schweigen. Und Sängerkollegen zu Wort kommen lassen. Welche, die etwas vom Fach verstehen und, statt mit der tumben Eitelkeit der meisten ihrer Welt, mit Verstand und Respektfähigkeit begabt sind. So Nicolai Gedda, einer der ganz wenigen Tenorkollegen, die Fritz Wunderlich das Wasser reichen konnten: „Was er gemacht hat – da kommt keiner ran. Ich glaube, das wird unerreicht bleiben.“

Der große Peter Schreier, der dem Vergleich ebenfalls zuweilen standhält: „Die Qualität seiner exorbitanten Stimme ist einmalig und wird einmalig bleiben. Ein Glück, dass es das Medium Schallplatte gibt.“

Der Maltesische Tenor Joseph Calleja bringt es auf den Punkt: „Die unmittelbare Wirkung des Gesangs ist so spontan, so goldrichtig, da können wir auf analytische Mikroskopie verzichten, uns zurücklehnen und diese kraftvolle Mischung aus mediterraner Stimmqualität und einer mitteleuropäischen, musikalischen wie darstellerischen Intelligenz genießen, über die nur ein charismatischer Tenor verfügen kann.“

Wir sind auf der Spur bei unserer Suche nach dem Zauber. Eine goldene Spur. Und die doch am Verstand vorbeiführt und direkt ins Herz zielt. Legen wir doch einmal zwei zusammen auf, die beide diesen unerklärlichen Zauber ausüben können, der eine als Komponist, der andere als Interpret. Wolfgang Amadeus Mozart mit seiner Oper Die Zauberflöte und in deren männlicher Hauptrolle des Prinzen Tamino Fritz Wunderlich.

Die so genannte „Bildnisarie“ ist der Schrecken jeden Gesangslehrers, denn fast alle Tenöre und solche, die es werden wollen, vergehen sich daran, weil sie in unzähligen Aufnahmeprüfungen „verlangt“ wird.

Wenn Wunderlich dieses wunderbare Kleinod zum Funkeln bringt, dann strömt die unvermittelt aufkeimende Liebe der Bühnenperson über den Sänger auch in uns (so wir noch nicht vollkommen verhärtet, blasiert oder zu Musikzombies verkommen sind). Die Stimme hat wirklich diesen Goldglanz, das ist der sprachliche Vergleich, der sich förmlich aufdrängt, obwohl Gold doch ein stummer Zauberer ist.

Doch dieses Stimmgold kann auch kräftig strahlen. Wenn wir Fritz Wunderlich in der Tenorpartie von Gustav Mahlers Lied von der Erde hören, sind wir buchstäblich gebannt von ihrer Wucht, eingefangen von ihrer Schönheit, und dann doch wieder emporgehoben von ihrer Tragfähigkeit.

Die große Mezzospranistin Christa Ludwig, die in derselben Einspielung unter Otto Klemperer den schönsten „Abschied“, der längste und ergreifendste Teil des Lied von der Erde, gesungen hat, war zwar bei dieser Aufnahme nicht mit Wunderlich im Studio (da gab es zeitlich weit auseinanderliegende Sitzungen, ein Wunder, wie Klemperer das zusammenhält) doch stand sie oft genug neben ihm, um sicher zu urteilen: „Er hatte alles. Ob das nun Natur war oder erlernt, das weiß ich nicht. Jedenfalls sang er meines Erachtens total richtig. Er hatte nicht eine einzige Schwachstelle.“

Die Biografie

Natur oder erlernt? Dazu müssen wir uns ein wenig der Biografie des Zauber-Künstlers zuwenden. Die ist übrigens keineswegs so glatt und glücklich verlaufen, wie man das bei einem Gottbegnadeten vermuten könnte. Das Leben des musikalisch so reich Beschenkten beginnt in zum Teil bitterer Armut.

Am 26. September 1930 wird Friedrich Karl Otto Wunderlich als zweites Kind des Ehepaares Paul Edmund und Anna Wunderlich in der pfälzischen Kleinstadt Kusel (heute rund 5.000 Einwohner, kleinste Kreisstadt Deutschlands) geboren.

Der Vater war Militärkapellmeister, die Mutter spielte Geige in einem Damenorchester. Beide stammten nicht aus der Pfalz, sondern aus Thüringen beziehungsweise dem Erzgebirge.

Die Weltwirtschaftskrise hält auch in die kleine Gemeinde 45 Kilometer nordwestlich von Kaiserslautern im Würgegriff, die gepachtete Gastwirtschaft müssen die Eltern bald aufgeben und sich mühsam mit Musikunterricht über Wasser halten. In vielen Kurzbiografien wird der „frühe Tod“ des Vaters 1935 erwähnt, der Selbstmord verschwiegen.

Seine Hoffnung auf eine Dirigentenstelle hatte sich zerschlagen, als Beherberger einer SPD-Geschäftsstelle drangsalierten ihn die seit 1933 regierenden Nazis.

Er weigerte sich, für die Reichsmusikkammer zu arbeiten, verlor seinen Lehrerposten in der Realschule, die Schulden nahmen überhand. Fritz, so wird er von frühester Jugend genannt, hat seinem Vater allerdings das Im-Stich-Lassen innerlich nie verziehen. Sicher ein Grund dafür, dass ihm seine eigene Familie, seine drei Kinder so wichtig waren – er wollte ihnen ein besserer Vater sein als er es an eigenem Leibe erfahren hatte.

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Das Wunderlich-Haus in Kusel
Wohnsiedlung für Kriegsversehrte „Am Holler“, das Haus im pfälzischen Kusel, in dem Fritz Wunderlich seine Jugend verbrachte. Vorne rechts seine Mutter, im Eingang seine Schwester Marianne, links Klein-Fritz selbst (Foto: Fritz Wunderlich Archiv)
Fritz Wunderlich mit Akkordeopn
Weil er schon früh mitverdienen musste, erlernte Fritz Wunderlich neben dem Singen auch früh weitere Instrumente – wie zum Beispiel das Akkordeon (Foto: Fritz Wunderlich Archiv)
Fritz Wunderlich auf Fahrrad
Die Strecken – auch nach Kaiserslautern – macht Fritz Wunderlich mit dem Fahrrad. Für die Bahn war meist kein Geld vorhanden (Foto: Fritz Wunderlich Archiv)
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