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Pete Yorn Caretakers
Ein lebenslustiger Mann macht lebenslustige Musik: Caretakers von Pete Yorn (Foto: J. Wright)

 Pete Yorn Caretakers – das Album der Woche

Schnell! Bevor dem Sommer die Puste ausgeht, gibt’s hier noch einen sonnigen Singer-Songwriter-Tipp, der nicht nur im VW Bulli California oder Cabrio die Laune steigen lässt: Der US-Musiker Pete Yorn – dank langjähriger Teamworks mit zig Promikollegen ganz und gar kein Unbekannter – zaubert mit seinem neunten Album namens Pete Yorn Caretakers ein herzerwärmendes Alternative-Folk-Album aus dem Ärmel.

Pete Yorn ist nicht berühmt, aber in Musikerkreisen und bei Kennern durchaus ziemlich bekannt. Schließlich hatte der 45-jährige Komponist und Singer-Songwriter seine Hände bereits bei vielen Kollegen im Spiel, zum Beispiel als Band-/Tourmitglied von R.E.M., David Bowie, den Foo Fighters oder Coldplay. Zudem schrieb der Gitarrist aus New Jersey diverse Soundtrack-Songs, darunter für den Streifen „Shrek 2“ oder bereits zu Beginn seiner Karriere zu „Ich, beide & sie“ (Regie führten 2000 die Farrelly-Brüder) sowie für verschiedene TV-Serien. Seine bislang neunteilige Solo-Alben-Serie startete er 2001 mit dem britpop-inspirierten Kritikerliebling „Musicforthemorningafter“, das in den USA immerhin Goldstatus erklomm. Auf seinem zweiten Album „Day I Forgot“ arbeitete Yorn mit Peter Buck, seines Zeichens Gründungsmitglied von R.E.M. zusammen, ebenso wie mit dem Drummer Josh Freese – der trommelte auf einer dreistelligen Anzahl an Alben, darunter welche von Chris Cornell, Guns N’ Roses, Sting oder Avril Lavigne.

Pete Yorn Caretakers
Auch unter Musiker-Kollegen schwer begehrt: Pete Yorn (Foto: J. Wright)

Damit nicht genug: Der smarte Beau, der auf den ersten Blick ein bisschen Jeff Buckley ähnelt, bandelte obendrein mit einer äußerst adretten Hollywood-Actresse an – zumindest musikalisch: Scarlett Johansson heißt die Auserwählte, die bislang sogar mehrfach auf seine Einladung hin Duette mit ihm aufnahm (siehe Video-Clip-Tipps unten). 2006 fragte Pete Scarlett ob sie mit ihm ein Duett-Album à la Serge Gainsbourg / Brigitte Bardot aufnehmen wolle. Scarlett war entzückt von dem, wie sie fand, „kleinem Abenteuer“. Yorn & Johansson launchten dann 2009 das Album „Break Up“ veröffentlicht mit der Single „Relator“ – in Frankreich ein Platin-Hit. 2018 folgte dann eine EP. Wir erinnern uns an einige Film-Highlights von Scarlett: „Vicky Cristina Barcelona“ (von Woody Allen), Sofia Coppolas „Lost In Translation“ mit dem wunderbaren Bill Murray, den Science-Fiction-Thriller „The Island“ oder „Iron Man 2“ sowie jüngst „Avengers: Endgame“.

Was also darf man von einem Springinsfeld wie Yorn musikalisch solo erwarten? Ein Dutzend Songs, aufgeschrieben mit einem prima Händchen für herzerwärmende Rhythmen, eingängige Melodien und wirklich sehr netten Assoziationen zu den Stilwelten von Folk, Americana, Indie und auch mal radiotauglichem Pop, gerne beschienen von kalifornischer Westcoast-Sonne. Die Stücke sind dafür gemacht, mit dem Hörer zu wachsen, meint Yorn. Vielleicht so, wie der Betrachter eines Schwarz-Weiss-Fotos, das seinem Betrachter sehr viel Spielraum zum Hineininterpretieren seiner Emotionen bieten kann, während ein Farbfoto direkter, plakativer wirkt. Geholfen hat ich dabei als Produzent Jackson Phillips, der bei der Alternative-Band Day Wave für verträumte Noten sorgt und im Team mit Yorn so gut wie alle Instrumente bediente. Yorn ließ hier und da einen Schuss bitterer Süße einfließen, ebenso wie dezent grungige Einsprengsel. Willkommen zurück in den 90ern Eingespielt in anscheinend trauter Zweisamkeit, ohne Reue eine teils fünfköpfige Produzentencrew vorheriger Einspielungen hinter sich gelassen zu haben. So entsteht Homogenität – und eine Art schöner Flow.

Die Musik von Pete Yorn Caretakers

Um es vorneweg zu sagen: Klangtechnisch glänzt „Caretaker“ nicht als audiophiles Highlight, dank homogenem Klangbild und teils schönem Raumambiente geht die Soundabteilung aber in Ordnung. Gleich der Opener „Calm Down“ – nomen est omen – beruhigt das alltagsgeschundene Gemüt mit fluffigem Drive, versöhnlich-wärmender Stimme und schillernden Refrains. Dazu gediegenes Picking auf der Akustikgitarre. Fängt also schonmal gut an, zudem wirkt der Song, als sei er in soften Zeiten von The Cure entstanden.

„I Wanna Be The One“ betört mit spielerischer Romantik, in der sich A- und E-Gitarren in friedlicher Eintracht mit Petes Stimme in einem zarten Melodienschmelz wiegen; das erinnert ein bisschen an die guten Zeiten von The Verve. „Do You Want To Love Again“ beantwortet Yorn mit einer beherzten Liaison aus Drums und Bass nebst brüchig inszenierten Vocals. Als ein Gipfel der Relaxtheit zieht einen „Friends“ freundlich in seinen akustisch geprägten Bann; intime Lo-Fi-Stimmung, sehnende Stimme, sich hymnenhaft aufschwingende Songstrukturen und ein paar Banjo-Tupfer am Schluss lassen die Augen imaginär in der Sonne der Pazifik-Westcoast blinzeln. „POV“ wiederum schmust sich mit tänzelndem Bass und stolpernder Stimme auf plüschigem 60er-Jahre-Sound-Ambiente in Richtung Radiohead. Auch „Try“ flirtet leicht mit der Hippie-Ära, während „Opal“ mit psychedelisch angehauchter Electronica charmante Kontrapunkte setzt.

Unterm Strich ein einfach schön schillerndes Album, dabei trotz aller Romantik keinesfalls schön einfach.

Video-Clip-Tipps:

Pete Yorn „Calm Down“:

Pete Yorn & Scarlett Johansson: „Bad Dreams“

Pete Yorn Caretakers Cover
Pete Yorn Caretakers erscheint bei Shelly Music als CD, LP, MP3-Download oder Stream, z.B. bei amazon.de. (Cover: Amazon)
Pete Yorn
Caretakers
2019/08
Test-Ergebnis: 4,2
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