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Red Hot Chili Peppers The Getaway 2016
Diesmal ohne Rick Rubin: Erstmals seit 1991 nahmen die „Peppers“ ein Album nicht mit ihrem Stammproduzenten auf. „Wir werden bestimmt mal wieder mit ihm arbeiten“, kommentiert Bassist „Flea“ Balzary (2. von rechts) – „aber es war einfach mal an der Zeit, eine andere Form von Kreativität auszuprobieren“ Mit dem neuen Album "The Getaway" machen sie genau das (Foto: Warner)

Red Hot Chili Peppers The Getaway: neuer Sound

Lässig, fluffig, rockig, poppig: Nach fünfjähriger Pause melden sich die Red Hot Chili Peppers mit einem neuen Album zurück, und zum ersten Mal seit 1991 saß nicht Stammproduzent Rick Rubin hinter den Reglern. Die Crossover-Rocker aus Kalifornien ohne ihren Mentor und Quasi-Übervater? Kein Grund zur Panik: LowBeats Autor Christof Hammer hörte mit Red Hot Chili Peppers The Getaway ein Werk im besten Chili-Peppers-Stil – und eine Band, die bewährte Qualitäten mit neuen Tugenden verknüpft.

Vorab stellt sich die Frage: Wie viel Pop verträgt eine Rockband? Wie viel Abschied vom Altvertrauten, wie viel Innovation in Relation zur Tradition? Wie radikal will, muss eine Erfolgsband ihren Sound umbauen, um nicht redundant zu werden, die eigene Relevanz nicht zu relativieren? Muss man’s überhaupt?

Oder lässt man – zumal, wenn die Dinge bestens laufen – nicht einfach alles beim Alten, kultiviert lieber den bewährten Stil? Auch bei den Red Hot Chili Peppers (RHCP) scheint zuletzt ein derartiger Fragenkatalog aufgelaufen zu sein.

Die vielleicht letzte übriggebliebene, große „alternative“ Rockformation der vergangenen dreißig Jahre lässt auf ihrem neuen Album jedenfalls kaum Zweifel daran, dass sie nach vielen Jahren voller Crossover-Rock, voller Sex und Magie zwar weiter gewohnt viel Amusement zu haben gedenkt, zugleich aber einen leisen Abschied von ihren Sturm-und-Drang-Jahren einläutet.

Cover Red Hot Cili Peppers "The Getaway"
Die Red Hot Chili Peppers erfinden sich ein bisschen neu. Mit ein bisschen mehr Pop. The Getaway: das neue Album.

Das Verblüffende dabei: Es macht verdammt viel Spaß, ihr bei diesem Denk- und Veränderungsprozess zuzuhören. Die Red Hot Chili Peppers selbst sind nämlich äußerst entspannt mit diesen Grundsatzüberlegungen zur Gegenwart und Zukunft ihrer Band umgegangen – und klingen plötzlich wie eine richtig gute, in Würde gereifte Popgruppe.

Nichts Selbstquälerisches liegt über den 13 Songs dieses auch erst elften Albums in dreiunddreißig Karrierejahren, nichts klingt bei Red Hot Chili Peppers The Getaway hart erarbeitet oder grüblerisch erdacht.

The Getaway heißt zu deutsch: der Aufbruch, die Flucht. Und auf gewisse Art haben Anthony Kiedis (voc.), Michael „Flea“ Balzary (bass), Schlagzeuger/Perkussionist Chad Smith und der aktuelle Saitenmann Josh Klinghoffer tatsächlich die Koffer gepackt.

Ohne Star-Produzent Rick Rubin: Red Hot Chili Peppers The Getaway  ist auch diesbezüglich ein Neuanfang

Zurück blieb nach 24 Erfolgsjahren der New Yorker Stammproduzent Rick Rubin. Rubin, ein Zuhörer der Extraklasse und Spezialist für je nach Auftraggeber mätzchenfreie „Old-School“-Arbeiten – etwa für Black Sabbath und AC/DC – oder (wie bei seinen legendären American recordings mit Johnny Cash) für eine bisweilen rudimentäre bis fast archaische Soundsprache, gab seinen Einstand bei den Peppers 1991 auf Blood Sugar Sex Magic, dem Opus Magnum im RHCP-Werkkatalog, betreute fortan jedes der seither fünf weiteren Alben und agierte quasi im Status eines zusätzlichen Bandmitglieds.

Dass man nun Distanz zwischen sich und den großen Mentor und Übervater an den Reglern gelegt hat, sei allerdings keineswegs auf atmosphärische Störungen zurückzuführen, erklärt Bassist Flea. „Wir werden bestimmt wieder mal mit Rick zusammenarbeiten, wir vermissen ihn eigentlich jetzt schon“, erzählt Flea, „aber es tut uns einfach gut, uns jetzt einmal in eine andere Richtung zu entwickeln.

Ohne Rick zu arbeiten, macht uns in gewisser Weise wieder etwas verletzlicher, angreifbarer, da gab es einen speziellen „Thrill“. Kein Knatsch verursachte also das vorläufige Ende dieser Erfolgskonstellation, sondern schlicht der Wunsch nach einem Tapetenwechsel.

Bei Red Hot Chili Peppers The Getaway übernahm Rubins Job nun Brian „Danger Mouse“ Burton, der als Produzent (für die Black Keys, die Gorillaz oder Norah Jones) fast schon genauso viel Erfolg wie sein Vorgänger hat und der sich langsam zu einer Art „Rubin 2.0“ entwickelt. Und zudem (etwa mit dem HipHop-Soul-Projekt Gnarls Barkley) auch seine Qualitäten als Musiker schon unter Beweis gestellt hat.

Um den Soundmix kümmerte sich der Brite Nigel Godrich, der als Produzent und Toningenieur schon Acts wie Radiohead, U2 und Paul McCartney auf ihren Grenzgängen zwischen Kunst und Kommerz begleitet hat. Eine Hinwendung zum Pop also, nicht nur eine Personal-, sondern auch eine Richtungsentscheidung? Ganz so einfach liegen die Dinge nicht.

Denn erstens produzierte auch Rubin bereits allerlei Mainstream-Ware – vollmundige Westcoast Music von Tom Petty (Wildflowers; 1994) genauso wie den Girlie-R&B-Pop von „Spice Girl“ Melanie C (Northern Star, 1999); amerikanischen Bluegrass-Neocountry (Taking The Long Way von den Dixie Chicks; 2006) ebenso wie leichtgewichtige Latin Music wie das Shakira-Album Fijación Oral von 2005. Außerdem durchlief auch der RHCP-Sound bereits in der Ära Rubin einen Transformationsprozess von einem muskulösen, fast virilen Mix aus Funk und Punk hin zu einem facettenreicheren, Elemente von Psychedelic Rock bis Sing-Along-Pop integrierenden Stil – man denke nur an Stadion- und Bierzelt-Hymnen wie „Snow (Hey Oh)“ aus dem 2006er-Album Stadium Arcadium.

Mit Elton John am Piano

Und drittens bleiben sich die Red Hot Chili Peppers auch in der neuen personellen Konstellation vollkommen treu. Nur wenige Sekunden genügen, und die Band hat sich auf The Getaway über eine nach wie vor unverwechselbare Sound-DNA identifiziert. Neben den zwischen Rap und Rock changierenden Stakkato-Vocals von Anthony Kiedis, der Wortsilben einfach herrlich unnachahmlich zwischen Gaumen und Lippe hin- und her jongliert oder auch mal rüde abwürgt, ist es vor allem „Flea“ Balzary, der einmal mehr den akustischen Fingerabdruck der Band definiert. Dessen XXL-Bass walzt sich mal mit der Statur eines Sumoringers durch die Arrangements, dann wieder tänzelt er so leichtfüßig umher wie ein Fechter über die Planche.

Bildet mit satt schmatzendem „Fummppp“ die Basis für funky Grooves oder übernimmt mit wieselflinken Soli Marke „Dump-dödeledömp-döp“ das Kommando. Unauffälliger hingegen die Gitarrenklänge. Prägten in der Vergangenheit mit Dave Navarro und John Frusciante zwei ausgesprochene Saiten-Charismatiker mit scharfkantigen bis avantgardistisch verzwirbelten Riffs den Sound, kultiviert seit 2010 deren Nachfolger Josh Klinghoffer einen gefälligeren, geschmeidigeren Stil, wenngleich er (etwa in „Goodbye Angels“) auch kräftig zupacken kann. So viel also zur Tradition: Die Band spielt wie immer – und doch deutlich anders als gewohnt.

Red Hot Chili Peppers The Getaway: Promo Gruppenbild mit Hund
Tierisch gut: Seit 1983 versorgen die Red Hot Chili Peppers die Szene mit kernigem Crossover-Rock – und verstehen sich längst auch prächtig auf etwas poppigere Klänge (Foto: Warner)

Stärker noch als eine Sache des Stilwechsels oder wirklicher Innovationen (okay: in „Go Robot“ mischt sich fast discoartige Elektronik ins Klangbild, und generell gibt’s vermehrt Synthieschleifen, Streicher – und in „The Hunter“ sogar eine einsam verhallte Trompete) ist das eine Frage der Haltung.

Die brachiale Physis von einst, die oft zappelige Gangart, der Hang zu auch Geschmacksgrenzen streifenden Posen (noch in lebhafter Erinnerung: die Liveshows der Frühphase, als die Bandmitglieder mit nichts außer einer Socke über ihrem besten Stück auftraten) ist zumindest auf CD einem lässigen Schlendern gewichen, die Band musiziert hier über weite Strecken in einem entspannten „wir sind dann mal weg“-Modus. „Funk-Rock ohne Rock“, denkt man manchmal – insbesondere im ersten Drittel des Albums, wo mit dem Titelsong „The Getaway“, „Dark Necessities“ und „The Longest Wave“ gleich mehrere äußerst lässige Soundhybride zwischen klischeefreiem Pop, Psychedelic und locker hingetupftem Funk warten, entsprechend dem „Californian Way of Life“.

Hübsch auch „Sick Love“, auf dem übrigens Elton John Klavier spielen soll – was er aber so dezent tut, dass man schon die akustische Lupe auspacken muss, um auch nur ansatzweise ein Piano geschweige denn den Mann an den Tasten identifizieren will. Das furiose „Detroit“ und „This Ticonderoga“ rocken die Verhältnisse dann wieder etwas zurecht: Ja, die Chili Peppers können noch klare Kante. Mit „The Hunter“ und „Dreams Of A Samurai“ biegt Red Hot Chili Peppers The Getaway dann balladesk-kunstvoll auf die Zielgerade ein: feines Finale eines Albums, das einen musikalischen Veränderungsprozess angenehm en passant durchdekliniert und Spaß mit Seriosität, bewährte Tugenden mit hinzugewonnener Stilsicherheit verbindet.

Red Hot Chili Peppers The Getaway
2016/06
Test-Ergebnis: 4,0
SEHR GUT
Bewertung
Musik
Klang
Repertoirerwert

Gesamt

Red Hot Chili Peppers The Getaway (Warner Bros. / Warner) ist erhältlich als MP3 Download, Audio CD oder LP