The Fixx
Gut gealtert und jung geblieben zugleich: Obwohl quasi durchweg jenseits der 60, zeigen sich The Fixx um Sänger Cy Curnin (MItte) auf ihrem neuen Album „Every Five Seconds“ in verblüffend starker Form. (Foto: J. LoFaro)

The Fixx „Every Five Seconds“ – das Album der Woche

Zugegeben: Fix geht anders. Geschlagene zehn Jahre dauerte es, ehe die englische New-Wave-Band The Fixx, mit Frühachtziger-Kulthits wie „Red Skies At Night“ und „Stand Or Fall“ auch heute noch in bester Erinnerung, nun endlich ein neues Album im Kasten hatte. Und auch vor 2012 taten sich Frontmann Cy Curnin & Co. lange Zeit eher schwer. Umso überraschender, wie sich eine der unterschätztesten Bands der achtziger Jahre nun mit ihrem neuen Album präsentiert: Dank bissigem, komplexem und zeitlos gutem Pop-Rock ist The Fixx „Every Five Seconds“ unser Musiktipp der Woche.

Hoppla, wo kommen die denn plötzlich wieder her? 2012 war’s, als The Fixx letztmals von sich hören ließen; doch blieb das damalige Werk „Beautiful Friction“ selbst bei langjährigen Fans der Band weitgehend unbeachtet. Und nochmals dreißig Jahre länger zurück liegt die eigentliche Blütezeit des Quintetts aus London, als man mit dem Top-Debüt „Shuttered Room“ und dem Nachfolger „Reach The Beach“ Paradebeispiele für einen Sound lieferte, der zwar in New-Wave-Klängen wurzelte, aber auch Freunde einer eher traditionell rockigen Gangart anzusprechen wusste.

Cy Curnin
Sänger und Chefkomponist Cy Curnin (Foto: J. LoFaro)

The Fixx in den frühen 1980er-Jahren: Das war eine Band, die sich nicht darauf beschränkte, die Zielgruppe der angelsächsisch orientierten Berufsmelancholiker und Schwarzkittel zu bespielen, sondern die undogmatischer, stilistischer vielseitiger agierte, sich nicht auf eine reine Wave- und Postpunk-Stilistik zurückzog. Was fast folgerichtig dazu führte, dass die Band in den USA und in Kanada deutlich erfolgreicher wurde als daheim in England.

Allerdings: Die Singles „Stand Or Fall“ und „Red Skies“ (aus „Shuttered Room“) haben ihren Stammplatz in jeder etwas tiefergehenden Rückschau auf die britische Musik der 1980er-Jahre verdient, und auch „One Thing Leads To Another“ sowie „Saved By Zero“ von „Reach The Beach“ sind unverändert noch für Gänsehautmomente gut. Ein Verdienst nicht zuletzt des kongenialen, 2020 mit 73 Jahren verstorbenen Produzenten Rupert Hine, der sowohl den Mainstream zu bespielen wusste (etwa mit Chris de Burgh, Tina Turner oder Howard Jones) als auch solo sowie mit Bandprojekten wie Quantum Jump oder Thinkman in experimentelleren Gefilden von Jazz-Rock bis Electropop glänzte. (Wer das Oeuvre dieser unerhört schlauen und mit immens weitem Horizont gesegneten grauen Eminenz der britischen Popmusik nachhören möchte: Eine dicke Empfehlung gibt es vor allem für Hines Soloalbum „Infinity“ und „Waving Not Drowning“ von 1981 bzw. 1982).

Nun, vierzig Jahre später, legte mit Alex Wharton (My Bloody Valentine, The Chemical Brothers) ein Vertreter der aktuellen Produzentengarde Hand an die zehn neuen Songs von The Fixx an – und erledigte einen ebenfalls prächtigen Job. Zusammen mit dem Fixx-Gründungsensemble Cy Curnin (Gesang), Jamie West-Oram (Gitarre), Rupert Greenall (Keyboards), Dan K. Brown (Bass) und Adam Woods (Schlagzeug) entwarf Wahrton, im Hauptberuf langjähriger Tontechniker der Abbey Road Studios und auch für seine Remasterarbeiten etwa für Paul  McCartney, Radiohead oder die Pixies bekannt, inszenierte die Arrangements der Kompositionen so luftig wie dynamisch und schuf einen gleichermaßen griffigen, bissigen und pointierten Sound.

Die Musik von The Fixx „Every Five Seconds“

Musikalisch haben sich die Akzente im Vergleich zu einst freilich etwas verschoben. Statt der Keyboards von Rupert Greenall dominiert auf „Every Five Seconds“ überwiegend die Gitarre von Jamie West-Oram. Nicht, dass Greenall arbeitslos geworden wäre, aber statt großer, epischer Melodiebögen steuert er heute eher flächige, atmosphärische Klänge bei.  Jamie West-Oram wiederum agiert hochgradig ökonomisch, mischt prägnante Riffs mit weitläufigen Licks, knackige Achtel mit langgezogenen Triolen und sorgt so für Drive wie auch für verträumte bis entrückte Stimmungen. Dazu Cy Curnin, der am Mikrofon förmlich vor Agilität und Präsens strotzt – und fertig ist ein überraschend frischer, ausdrucksstarker Sound und ein Album, weit entfernt davon, als dass darauf lediglich ein paar ältere weiße Männer an ihre verwelkten Jugendtage erinnern würden. Schon „A Life Survived“ steht zum Auftakt exemplarisch für diesen Stil (und gibt noch ein paar Melodica-Sounds hinzu), ehe mit „Closer“ ein erstes Highlight folgt: Satter Groove, mitreißende Saiten- und Synthiesounds, fetter Bass plus eingängiger Refrain – hier ist alles da, was ein starkes Stück Poprock braucht. Und auch wenn die E-Gitarre den Ton angibt: Immer wieder finden Tasten- und Saitensounds zueinander wie in „Suspended In Make Believe“ oder in „Take What You Want“, das fast in derselben Liga wie „Closer“ spielt. Für viel Druck bei gleichzeitig glitzernd-geheimnisvoller Stimmung sorgt auch „Lonely As A Lighthouse“

The Fixx Every Five Seconds Cover
The Fixx Every Five Seconds erscheint bei Jarc/The Orchard im Vertrieb von Bertus/Membran und ist erhältlich als CD, Doppel-LP (ab 14. Oktober 2022), Stream und Download (Cover: Amazon)

Zudem beweist „Every Five Seconds“ (dessen Cover übrigens der langjährige David-Bowie- und T.Rex-Hausgrafiker George Underwood designte – für Bowie entwarf Underwood beispielsweise die legendären Plattenhüllen von „Hunky Dory“ und „The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars“) eine erstaunliche Vielfalt in den Details – nachzuhören etwa in „Woman Of Flesh And Blood“, das Elemente des Prog-Rock der 70er aufgreift oder auch in „Spell“, das Dan Brown mit einem resoluten Funk-Bass aufmischt, während Adam Woods dazu einen hübsch vertrackten Rhythmus klöppelt.

Alles zusammen: ein unerwartet starkes Set einer (unverdientermaßen) lange in Vergessenheit geratenen Band, das die Angriffslust eines Debütalbums mit der Reife eines Spätwerks verbindet.

The Fixx „Every Five Seconds“
2022/06
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

 

Autor: Christof Hammer

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Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.