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Marina Records
David Scott musiziert mit seinem Projekt The Pearlfishers zwischen Schönheit und Understatement – auf dem neuen Album „Love & Other Hopless Things“ letztmals für seine langjährige Labelheimat Marina Records

The Pearlfishers Love & Other Hopeless Things – das Album der Woche

Sag zum Abschied stilvoll Servus: Mit einem letzten, gewohnt wundervollen Album von David Scott aka The Pearlfishers hat das Hamburger Label Marina seinen Betrieb nach fünfundzwanzig bewegten Jahren eingestellt. Vom Start im Jahr 1993 war die Firma von Frank Lähnemann und Stefan Kassel eine zuverlässige Adresse für feinste Ware aus alternativer Produktion. Mit The Pearlfishers Love & Other Hopless Things fällt nun der Vorhang – verbunden mit der Hoffnung, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm kommt wie es sich jetzt anfühlt …

Wer kauft heute noch physische Tonträger? Natürlich, es gibt uns noch, uns Nostalgiker, uns analoge Fossile in einer immer digitaleren Welt, die wir noch in Alben hören und Klängen fühlen und nicht bloß durch Dateien und Tracks clicken. Aber: Wir werden weniger, unsere Nischen kleiner. Schaut euch um in eurer Stadt – wo sind sie geblieben, die Plattenläden von vor zwanzig Jahren? Oder frag nach bei Frank Lähnemann und Stefan Kassel. In jugendlicher Unbekümmertheit – denn sie wussten nicht, was sie tun – gründeten die beiden Musikjournalisten und -liebhaber 1993 das Label Marina als Hafen für Feines jenseits des Mainstreams. Das Portfolio: Indierock und Post-Punk vorzugsweise schottisch-englischer Herkunft, internationaler Edel-Pop zwischen Salonmusik und Sixties-Beat, Charmantes aus dem deutschen Underground. Vor Anker gingen bei Marina britische Szene-Acts wie die legendären schottischen Post-Punker Josef K (deren Sound maßgeblich das Oeuvre von Franz Ferdinand beeinflusste) oder Folkpop-Großmeister Roddy Frame, Kopf von Aztec Camera, dazu deutsche Querdenker und Pop-Charmeure wie Der Plan, Paula oder die Moulinettes. Und mit einer zweistelligen Anzahl an Alben und EPs auch der „Perlenfischer“ David Scott – dazu gleich mehr.

Marina Records
Lähnemann/Kassel1: 1993 starteten Frank Lähnemann und Stefan Kassel ihr in Hamburg ansässiges Label – los ging’s in den Schlafzimmern ihrer Wohnungen in Eimsbüttel

Tempi passati – vergangene Zeiten. Auch Marina muss dem Zeitgeist Tribut zollen und bevor finanziell Land unter herrscht, haben die Hamburger Musikliebhaber Vernunft einkehren lassen. 25 Jahre auf der Rasierklinge zu tanzen, genügt für ein ganzes Leben. Wobei: Mit ein bisschen mehr Glück sähe die Sache heute wahrscheinlich anders aus. Edwyn Collins, den ehemaligen Kopf der schottischen Popband Orange Juice, hatten die Marina-Macher 1994 schon quasi fest am Haken, ehe dessen Album „Gorgeous George“ und der Welthit „A Girl Like You“ doch noch anderswo veröffentlicht wurde.

Marina Records
Lähnemann/Kassel2: /25 Jahre und 84 Plattenproduktionen später geht Marina jetzt in den einstweiligen Ruhestand. Ein Comeback? Wenn Vernunft und Empathie im richtigen Moment auf die passende Musik, treffen: Wer weiß …

Nun ist die Marina-Story nach 25 Jahren und ohne Welthit zu Ende gegangen. Das Kulturgut Schallplatte ist zum Datenstrom degradiert worden, Sounds sind die stärkere Währung als Songs, und wer in seinen Kompositionen nicht in den ersten fünfzehn Sekunden ein Feuerwerk an Effekten und earcatchern abbrennt, hat schlechte Karten bei Spotify & Co. Nein, die Welt von heute ist nicht mehr die von Lähnemann & Kassel. Neue CDs/LPs wird es bei Marina daher künftig nicht mehr geben – zumindest „bis auf Weiteres“, sagt Frank Lähnemann. „Aber auch da sollte man niemals nie sagen – vielleicht haut uns irgendwann auch noch mal ein Album so um wie damals …“ Und, good news: „Man kann unsere Platten auch weiter über Mailorder bestellen“, so Lähnemann – über www.marinarecords.com werden alle noch verfügbaren CD und LPs geliefert.

Auch diesem Ende wohnt also eine Resthoffnung inne. Den bisher auf Marina publizierenden Musikern bleibt zu wünschen, dass sie eine ähnlich distinguierte neue Label-Heimat finden und den beiden Marinas, dass sie sich ungeachtet des Zwangs zur Vernunft ihren Idealismus bewahren – und ihre Freundschaft.

Die Musik von The Pearlfishers Love & Other Hopless Things

Zum vorläufigen Abschied zeigt nun „Pearlfisher“ David Scott für die Katalognummer MA84 noch einmal die ganze Klangfarbenpracht seiner Musik. Grand Piano und seidenweiche Streicher, wehmütige Flügelhörner und strahlend schöne Trompete, Pling-plong-Xylophon und niedliches Glockenspiel: The Pearlfishers Love & Other Hopless Things ist ein blumiger, herrlich opulenter Orchesterpop, der die Uhr nonchalant fünfzig Jahre zurückdreht. Herrlich fluffig perlen dazu die Saitensounds von der akustischen und der E-Gitarre. Burt Bacharach, die Beach Boys und Van Dyke Parks standen Pate für diese Musik – Erfinder und Granden der Liebesheirat aus Pop und Easy Listening, die in den 80er- und 90er-Jahren schon Paddy McAloon und Prefab Sprout zu deren Meisterwerken inspirierten. Und wie Prefab Sprout, so kippen auch die Pearlfishers eine aparte Britishness in diesen Stil – jenen Schuss mehr an Melancholie und zurückgenommenem Popappeal, der englische und amerikanische Klangwelten subtil voneinander unterscheidet. An die englische Riviera in Devon im Südwesten der Insel entführt diese Musik, wie ein Sommertag mit 24 Grad und einer leichten Brise Meeresluft an den Stränden und Buchten zwischen Torbay, Torquay, Paignton und Brixham fühlt es sich an, diese elf sorgsam ausformulierten Songs zu hören. Sehr schön lässt sich in „Once I Lived In London“ erleben, das fast in Simon & Garfunkel-Manier zu leiser Akustikgitarre beginnt und nach und nach die einzelnen Orchesterpartien hinzutreten lässt. Ganz generell schöpft diese Musik erst dann aus dem Vollen, wenn sie ihre gut abgehangenen Emotionen sorgfältig reflektiert hat – und auch dann, ohne je zu dick aufzutragen. So präsentiert Scott mit „Love & Other Hopless Things“ ein Paradebeispiel für die hohe Kunst der leichten Muse: Scott macht die Wehmut, den melancholischen Blick auf’s Leben zum Thema, lässt sich aber nie von diesen Gefühlen hinwegreißen, sondern befreit sich von etwaigem Pathos und zeigt, wie man seinen Frieden mit Erlebtem und Erlittenem macht. Wo anders als bei Marina wäre eine solche Platte besser aufgehoben?

Cover Art The Pearlfishers Love & Other Hopless Things
The Pearlfishers Love & Other Hopless Things (Cover: Amazon)

The Pearlfishers Love & Other Hopless Things erscheint bei Marina im Vertrieb von Indigo und ist erhältlich als CD und LP

The Pearlfishers
Love & Other Hopless Things
2019/04
Test-Ergebnis: 4,3
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