The Slow Show "Still Life"
The Slow Show "Still Life" ist Britpop vom Feinsten – und unser Album der Woche (Foto: P. Husband)

The Slow Show „Still Life“: das Album der Woche

Chansonesk-filigraner bis haarscharf bombastischer Britpop, dazu ein Sänger der Extraklasse: Das englisch-nordirische Quartett The Slow Show serviert auf seinem vierten Album einmal mehr ganz großes Gefühlskino. So groß und so gut, dass The Slow Show „Still Life“ unser Album-Tipp der Woche wurde.

Wer diese Band bereits kennt, weiß natürlich schon Bescheid. Daher richtet sich die folgende Einführung an alle anderen, die diesem englischen Quartett bisher noch nicht begegnet sind: Sie lieben Stimmen, in die man förmlich versinken kann – inklusive einer dazu passenden, samtpfotigen Musik? Sie haben ein Faible für ein Ausnahmetimbre jenseits des Mainstream? Dann willkommen bei The Slow Show aus Manchester, die mit seinem Sänger Rob Goodwin schlicht und einfach einen Vokalisten der Extraklasse und einen der intensivsten Sänger der aktuellen Popszene in seinen Reihen weiß. Sonor, soulig und basstief klingt Goowins Organ, im rauhromantisch im Rezitativ, in mittleren und höheren Gesangslagen wiederum ungemein zärtlich und berührend – und dennoch stets verblüffend „trocken“.

Einen ganz speziellen Schliff bekommt all das schließlich durch Goodwins eigenwillige Phrasierung, sein ungewöhnliches Verschlucken von Wortendungen und seinen ganz besonderen Umgang mit Silben und Vokalen, die er oftmals förmlich aus den Stimmbändern heraus streichelt. Wem für dieses musikalisch-sprachliche Gesamtkunstwerk ein Vergleich weiterhilft, der denke an Kollegen wie Elbow, an Kurt Wagner und sein Lambchop-Kollektiv oder entfernt auch an The National (abzüglich des bandtypischen Gitarrenlärms der Premiumklasse).

Erhaben wie ein Leuchtturm strahlt Goodwins Gesang auch auf dem vierten Album seiner Band in die Arrangements hinein und macht „Still Life“ zu einem Meisterwerk der leisen Tönen. Das liegt auch daran, dass der Sound trotz Rob Goodwins dominantem Status keineswegs zur One-Man-Show ausufert. Seine Bandkollegen assistieren ihrem Chef mit wunderbar sensitiven Sounds, die chansonesken Britpop um einem Hauch an Gospel und Northern Soul ergänzen.

The Slow Show "Still Life"
In ganzer Schönheit erstrahlt der Sound der englisch-nordirischen Band aber erst durch die Klänge von Chris Hough (dr.; links), Frederik t’Kindt (key.) und Gitarrist Joel Charismatischer Frontmann, kompetente Begleiter: Sänger Rob Goodwin (mit Mütze) ist ein Naturereignis am Mikrofon und mit seiner sonorer Bassstimme der Dreh- und Angelpunkt bei The Slow Show (Foto: P. Husband)

Die Musik von The Slow Show „Still Life“

Die Basis für all diese Klänge bildet ein elektroakustisches Instrumentarium, das wohltemperierte, sich sanft kräuselnde E-Gitarren ebenso umfasst wie hauchzarte akustische Gitarren, klassisch schöne Pianothemen und atmosphärische Streicher. Als edles Topping fungieren schließlich beinahe weihevolle Choräle sowie melancholisch gefärbte Blechbläser wie Horn oder Trompete. Zum Themenkanon gehört klassischer Weltschmerz ebenso wie Philosophisches oder auch Politisches – „Breathe“ erinnert etwa an den Erstickungstod von George Floyd herbeigeführt durch den weißen Polizisten Derek Chauvin.

Rob Goodwin singt und spricht sich durch diese Geschichten und Gedankensammlungen mit gefühlvollem, aber kontrolliertem Timbre. Zudem weiß die Band den Anteil an gefühlvollen Klängen klug zu dosieren, sodass Songs wie der feingliedrige, den Veränderungsprozessen des menschlichen Lebens gewidmete Eröffnungstitel „Mountbattan“ zwar hochemotional daherkommen, aber stets diesseits der Kitschgrenze ihre Bahnen ziehen. Denn eines ist unüberhörbar: Der Hang zu Schönheit, Harmonie und Melancholie, zu Nachdenklichkeit, Kontemplativität und Reflexion ist bei The Slow Show durch und durch Herzenssache.

Davon kündet auch „Anybody Else“, für das die Band in Lockdown-Zeiten zu einem emotionalen Feedback einlud – und mit einer Fülle an Text- und Bildnachricht zum Thema Isolation belohnt wurde. „Das war eine tief bewegende Erfahrung für uns, und wir sind unseren Fans extrem dankbar dafür, wie großzügig sie ihre Gedanken und Gefühle mit uns geteilt haben. So entstand ein Moment tiefer Zusammengehörigkeit“, kommentiert Rob Goodwin diesen Entstehungsprozess. Tief unter die Haut geht auch das sanft pulsierende „Slippin’“, das von der bittersüßen Erfahrung erzählt, eine Stadt und ein bisheriges Leben hinter sich zu lassen.

„Rare Bird“ kombiniert dann ein klassisch schönes Pianothema mit einem synthetisierten Gesangssample, ehe nach 2:12 Minuten akzentuierte Drums und Keyboardsounds in ein episches Finale überleiten. „Woven Blue“ läutet mit einem zwar federleichten, aber dennoch groovigen Beat den etwas dynamischeren, gleichwohl opulenten Mittelteil des elf Tracks starken Programms ein. Auch in „Breathe“ bekommt die Bassdrum von Schlagzeuger Chris Hough ein recht voluminöses Antlitz, ehe ein Glockenspiel übernimmt. „Breathe“ betritt rhythmisch beinahe Break-Beat-Gefilde, und in „Blinking“ mischt sich anfangs eine ordentliche Portion grobkörnige Elektronik in den Sound, ehe Trompete, Chor und die orchestralen Synthies von Keyboarder Frederik t’Kindt gewohnt feierliche Töne ins Spiel bringen. Es hat also schon seine Richtigkeit, wenn das Quartett „Still Life“ in den bisherigen Werkskanon mit den Worten „same – but different again“ einordnet: Wieder bezaubern The Slow Show mit Sanftmut und Tiefgang und gehen doch einen Schritt voran zu einem komplexeren Bandsound.

Zu einem nochmals faszinierenderen Erlebnis wird eine Begegnung mit diesem famosen Ensemble und ihrem charismatischen Frontmann übrigens, wenn man Rob Goodwin & Co. einmal live erlebt: kaum zu glauben, dass eine solche große, prägnante Stimme aus einem so schmächtigen Körper kommt. Ein Konzertbesuch sei hiermit also wärmstens empfohlen – geplant sind folgende Deutschland-Termine:

– 11.8.. Berlin (Heimathafen)
– 12. 8. Hamburg (Mojo Club)
– 14.8. Köln (Gloria)
– 15. 8. München (Strom)
– 16. 8. Frankfurt/Main (Zoom)

The Slow Show "Still Life" Cover
The Slow Show „Still Life“ erscheint bei PIAS im Vertrieb von Rough Trade und ist erhältlich als CD, LP, Stream und Download (Cover: Amazon)
The Slow Show „Still Life“
2022/03
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
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Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

 

Autor: Christof Hammer

Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.