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Aldous Harding Designer
Das dritte Album der Neuseeländerin Aldous Harding. Designer ist fröhlicher als die ersten Werke – die aber ebenfalls großartig waren (Foto: C. Shilland)

Aldous Harding Designer  – LowBeats Album der Woche: 

Mit Album Nummer Drei schwingt sich Aldous Harding auf in beinahe avantgardistische Folk-Sphären – dank akustisch-organischer Arrangements bleibt die kreative Neuseeländerin dabei aber wunderbar auf Bodenhaftung. Aldous Harding Designer ist ein schillerndes Singer-Songwriter-Album, reif von der Doppel-Insel.

Von den Eilanden im Südwest-Pazifik starteten über die letzten Dekaden hinweg immer wieder musikalische Überflieger, wenn auch wenige. Allen voran verzauberten Crowded House die Welt mit unerhört sonnigen Popmelodien – siehe „Weather With You“ aus den frühen 90ern. Davor glänzten Split Enz in den 70er Jahren, in den 80ern vielleicht noch das Duo Inker & (Hilary) Hamilton mit Wahlheimat München, in der Neuzeit dann eine Brooke Fraser.

Aldous alias Hannah Harding betrat mit ihrem ersten Album 2014 die internationale Singer-Songwriter-Bühne. Gothik-Folk galt bis vor kurzem als ihr Markenzeichen, düster angehauchte, akustisch geprägte Songs mit charmanten Bariton-Vocals.

Ihr Zweitwerk 2017 ließ sie dann schon als heller inszenierte Party steigen. Auf Aldous Harding Designer weichen nun Themen über Selbstzweifel und dunkle Psychowolken zuversichtlicheren, wenngleich dennoch gerne melancholisch getränkten Songs. Ihr Weg führte dabei von einer scheinbaren Unnahbarkeit hin zur wärmenden Umarmung durch heitere Refrains, beseelt von Streichern, Holzbläsern und diversen Percussion-Elementen. Die 29-Jährige stammt aus Lyttelton, in der Gründerzeit der Einwanderer auch Port Victoria genannt, rund zehn Kilometer südlich von Christchurch auf der Südinsel von Neuseeland. Dort debütierte sie mit 13 als junge Teenager-„Kiwi“ beim neuseeländischen „Tui Farm Folk Festival“, Support erhielt sie als Kind von ihrer Mutter, ihrer Zeichens ebenso Folk-Sängerin.

Heute erhält Aldous Support vom preisgekrönten Produzenten John Parish, der unter anderem bei Sparklehorse und mit PJ Harvey seinen kreativen Geist walten ließ. Zudem trugen Musikerkollegen um die walisische Künstlerin Cate Le Bon ihren Beitrag zu den rund vierwöchigen Aufnahmesessions bei, wie beispielsweise Stephen Black alias Sweet Baboo (Vocals, Gitarren, Keyboard, Saxofon, Trompete). Aldous Harding Designer beeindruckt so als äußerst geschlossenes Indie-Folk-Werk, mit feinen Akzenten von Akustikgitarre, Piano, Flöten, Streichern und Saxofon sowie Fagott sowie dezent und betörend wirkenden Hooks, über die Aldous ihre wandlungsfähige Stimme legt – von dunkel lodernd über spacig oder jazzy bis strahlend hell.

Passend zu ihren bevorzugten Themen wie Tod, Geburt und Liebe. Leicht undurchsichtige, beinahe kryptische Lyrik und märchenhafte Stimmungen prägen ihre Texte. Die Deutungshoheit belässt sie beim Zuhörer, Designer schneidert damit keine Mode-Eintagsfliegen, sondern setzt auf Singer-Songwriter-Haute Couture mit schönen seidigen Outfits nebst fein ziselierten Mustern. Ihre wandlungsfähige Stimme mit teils munteren Oktavensprüngen erinnert mitunter an Nico (die von The Velvet Underground) oder an andere Folk-Feen wie Laura Veirs (siehe auch CD der Woche 17 im Jahr 2018).

Die Musik von Aldous Harding Designer

Der Opener „Fixture Picture“ kommt wollig-folky daher, mit einer wandlungsfähigen Stimme und hellem Flow nebst schönen E-Gitarrentupfern und Streichern.

Das Titelstück selbst startet mit feinem Fingerpicking im samtenen Stil der 60er-/70er-Jahre, schwingt sich dann rockig-poppig auf um mit sprechartigem Gesang im Geiste einer Rickie Lee Jones oder eines Warren Zevon zu gipfeln. Dazu gesellt sich ein dezentes Honky-Tonk-Piano und hüpfende Percussion.

„Zoo Eyes“ spiegelt björqueske Stimmungen wider, ein Kaleidoskop, in dem sich Wirklichkeit und Fiktion abwechseln, getragen durch intime Vibes dank Drums, dunkler bis engelsgleicher Stimme und Flöten-Tönen.

„The Barrel“ glänzt mit magisch-minimalistischem Flow, inspiriert von surreal wirkenden Akustikgitarren, dickem Bass und Fagott plus männlichen Background-Vocals (siehe auch Video-Link unten). 

„I feel your love
I feel time is up
When I was a child, I never knew enough
What that do to me?
The wave of love is a transient hunt
Water’s the shell and we are the nut
But I saw a hand arch out of the barrel“

„Damn“ glänzt durch sonorem Saxofoneinsatz, grollendem Piano nebst sattem Bassfundament; ein jazziger Ausflug mit minimalistischer Attitüde. „Weight Of The Planets“ wiederum schwebt schwerelos aus den Lautsprechern, dank karibisch-brasilianischen Klangfarben, tänzelnden Gitarren und Aldous’ strahlender Stimme. „Designer“-Stoff, aus dem Singer-Songwriter-Träume gewoben werden.

Aldous Harding Designer: Cover
Aldous Harding Designer (Cover: Amazon)

Aldous Harding Designer erscheint bei 4AD-Beggars Group / Indigo und ist erhältlich als CD, LP, MP3-Download oder Stream, z.B. bei amazon.de.

Aldous Harding Designer: Tipps & Konzerte

Video-Clip-Tipp:
Aldous Harding The Barrel

Live-Events in Deutschland:
18.11. Kranhalle, München
19.11. Artheater, Köln
20.11. Heimathafen, Berlin
26.11. Knust, Hamburg

Aldous Harding
Designer
2019/06
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

Autor: Claus Dick

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Musikfachmann seit Jahrzehnten, aber immer auch HiFi-Fan. Er findet zielsicher die best-klingenden Aufnahmen, die besten Remasterings und macht immer gern die Reportagen vor Ort.