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Benjamin Clementine I Tell A Fly
Neulich noch in der Gosse, heute ein Kandidat für einen Korb voller Grammys: Der Sänger Benjamin Clementine, vor vier, fünf Jahren in Paris als Straßenmusiker unterwegs. Nun untermauert er mit „I Tell A Fly“ seine Rolle als fantasievoller Klangarchitekt und sprachgewaltiger Wortpoet (Foto: C. McDeanUniver)

Benjamin Clementine I Tell A Fly – die CD der KW 42

Vom Überraschungs-Act aus der Gosse zum Ausnahmemusiker in nur drei Jahren: Der englische Chansonnier Benjamin Clementine setzt momentan zu einer bemerkenswerten Karriere im Grenzbereich zwischen Pop, Chanson und Avantgarde an. Auf seinem zweiten Album Benjamin Clementine I Tell A Fly verbindet er Kunstlied und Orchesterpop zu einem faszinierenden musikalischen Manierismus.

Am Schluss von Benjamin Clementine I Tell A Fly jodelt er sogar. Jedes nur denkbare Stilmittel schöpft Benjamin Clementine für seine zweite Platte aus – eine Disc, die man früher als Konzeptalbum bezeichnet hätte und die heute dem Begriff der Pop-Oper neue Würde verleiht.

Große Themen, kunstvoll miteinander verwoben, cinemascopisch arrangiert zwischen Chanson, Jazz, Avantgarde-Pop und moderner Klassik: Benjamin Clementine I Tell A Fly sprengt über knapp 50 Minuten hinweg jegliche konventionellen popmusikalischen Kategorien und entscheidet sich aus ganzer Überzeugung dafür, ein Feuerwerk an vokalen und instrumentalen Manierismen abbrennen zu wollen.

Sein persönliches Trauma (als Kind litt er unter massivem Mobbing) verbindet der 29 Jahre alte Sänger und Pianist aus London, der seine künstlerische Reifeprüfung in den Straßen von Paris absolvierte und seither das Beste aus angelsächsischer und frankophiler Musikkultur miteinander vereint, mit dem aktuell größten europäischen Gegenwartstrauma: den Migrationsströmen aus dem Nahen Osten und Nordafrika.

Das Ergebnis solcher Ausnahmesituationen sind bei Clementine Heerscharen von verstörten, zerstörten Seelen, die einander in musikalischen Nachtmaren und Tagträumereien und vor dem Hintergrund des Flüchtlings-„Dschungels“ von Calais begegnen, dem humanitären Niemandsland zwischen linker und rechter Kanalküste.

Für dieses Szenario entwickelt Benjamin Clementine I Tell A Fly einen Klangkosmos, der ein gewaltiges musikalisches Universum umfasst und quasi von Debussy (man höre etwa sein Klavier in „Quintessence“) bis Kurt Weill („Better Sorry Than Asave“), von Jacques Brel („Paris Cor Blimley“) bis Tom Waits („God Save The Jungle“) reicht.

Die Klassik, das Kunstlied und das Chanson bilden die kompositorische Dreieinigkeit dieser Musik, das Drama und die Komödie sind seine erzählerischen Stilmittel. Wie ein Chamäleon wechselt Clementine zwischen unterschiedlichen Charakteren und Perspektiven, keine Note, kein Wort ist hier einfach so dahingeworfen, sondern alles ebenso durchdacht und reflektiert wie gleichzeitig ohne Rücksicht auf Verluste komponiert.

Schon Clementines Tastenspiel kündet von seiner enormen künstlerischen Komplexität. Ein strenges Piano spielt er hier ebenso wie ein kokettes Spinett oder einen ätherischen Synthesizer.

Dasselbe auf vokaler Ebene: Nur singen wäre ihm viel zu wenig. Mal deklamiert er seine Texte, als spiele er die Hauptrolle in einer römischen Heldensaga, dann wieder torkelt seine Stimme die Tonleiter auf und ab wie im Absinth-Rausch.

Witz, Ironie und Satire finden sich ebenso selbstverständlich in seinem künstlerischen Werkzeugkasten wie ungemeine Zärtlichkeit und Sensitivität. Clementine nimmt seine Charaktere ernst, widmet sich den Opfern unserer Zeit mit Mitgefühl – und ihren Tätern mit Spott.

Und mögen Clementines Verbindungen zwischen der Kunstliedhaftigkeit eines Antony „Anohni“ Hegarty und der Arrangierkunst seines französischen Kollegen Yoann Lemoine alias Woodkid bisweilen auch fast etwas übers Ziel hinausschießen: In ihrer Fantasie und gestalterischen Kraft sind sie allemal ein Ereignis und machen Benjamin Clementine I Tell A Fly zu einer opulenten Tragikkomödie mit bitterem Beigeschmack, zur einer modernen opéra del’arte zwischen Orchesterpop und Avantgarde-Chanson.

„Barbarians are coming! Dreamers: stay strong! – Die Barbaren kommen! Träumer: Bleibt stark!“, endet Clementine in „Ave Dreamer“: welch treffendes Bonmot in Zeiten wie diesen? Dass die Barbaren unserer Tage nur allzu häufig Anzug tragen, verkompliziert die Sache zusätzlich – und natürlich ist Benjamin Clementine selbst mitnichten ein Träumer.

Doch er versteht es trefflich, lebensnahe Traumbilder zu entwerfen, die als ein Stück fantastische Poesie ebenso funktionieren wie als politische Parabel und die Pop wieder als Kunstform betrachten. Gut so – vom üblichen four-to-the-floor-Gedöns gibt es schließlich mehr als genug.

Cover Art: Benjamin Clementine I Tell A Fly
Benjamin Clementine I Tell A Fly (Cover: Amazon)

Benjamin Clementine I Tell A Fly erscheint bei Caroline im Vertrieb von Universal und ist erhältlich als CD, limitierte Doppel-Vinyl-LP und MP3-Download.

Benjamin Clementine I Tell A Fly
2017/10
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
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