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Cover Art Casper lang lebe der Tod
Zwischen Licht und Schatten: Auf „Lang lebe der Tod“ beleuchtet Casper die seelischen Untiefen, die unter unser aller Oberfläche lauern

Casper Lang lebe der Tod – die CD der KW 36

Casper ist wieder da – und wie. Auf Casper Lang lebe der Tod, der CD der KW 36, feiert einer der wenigen Typen aus dem Rap- und HipHop-Lager, dem man als eher alternativ gepolter Musikfreund mit Genuss zuhören kann, ein fulminantes Comeback: weil er Rap und HipHop fast durchgehend links liegen lässt und stattdessen hochspannende Electro-/Indierock-Soundscapes entwirft. Und weil er sich immer mehr zum Sandro Wagner des Genres entwickelt: schont weder sich noch seine Fans, geht dahin, wo es wehtut und redet Klartext.

Wenn man mich nach meiner Meinung zu Rap und HipHop aus Deutschland fragt, antworte ich im Regelfall mit „oh je …“ und nur selten „oh ja“. Ich denke, das ist in gewisser Weise in Ordnung so und sicher auch eine Altersfrage.

Dass man ab einem bestimmten Alter einer Musik, die ein, zwei Generationen entfernt ist, mit relativem Unverständnis gegenübersteht, kann schon mal vorkommen. Aber das alleine ist es nicht. Es gibt Musik aus dieser Generation, die pustet mich weg – ich erwähne nur noch mal den göttlichen Postpunk von Love A Nichts ist neu, der CD der KW 20.

Aber viel zu vielen von den derzeit aktiven Jungs in der Rap- und HipHop-Szene genügt es, sie selbst zu sein und ein Lebensgefühl zu vertonen, für das es weiß Gott genügend Kundschaft gibt. Da werden fun und good vibes als Botschaft verbreitet oder es wird gegen ein Leben randaliert, das man nicht will und doch kein anderes hat.

Zweite Variante: Man verlegt sich auf die üblichen Macho-, Gangsta- oder Partybär-Rollenspiele – oder gleich darauf, einen Gaga-Werbesong für ein Immobilienportal zusammenzurappen.

Das kann zwar gut klingen und Spaß machen, und darauf können sich die musikalischen Leichtmatrosen und ihr Publikum natürlich schnell verständigen. Aber nur mal eben authentisch sein, sein eigenes Lebensgefühl rausbrüllen oder ein anderes, ist noch keine große Kunst.

Das ist mir dann doch irgendwie zu wenig. Kunst und kreative Arbeit fängt schließlich da an, wo man eine bessere Version seiner selbst zu schaffen beginnt – und genau das findet meistens erst gar nicht statt.

Bei Casper liegt die Sache anders. Mit den klassischen Sounds dieses Genres hat seine Musik zwar ohnehin nicht viel zu tun. Der Sohn deutsch-amerikanischer Eltern ist kein typischer Rap- oder HipHop-Man, obwohl seine Musik gelegentlich Elemente aus diesen Genres enthält.

Viel näher aber musiziert der Schlaks aus Lemgo mit der Stimme eines Südkurven-Einpeitschers inzwischen in Indierock-Gefilden (XOXO; 2011) oder spürt dem großen amerikanischen Rock Marke Bruce Springsteen nach (Hinterland, 2017).

Aber das alleine ist es nicht. Dieses Arbeiten an Musik, an sich selbst, ist wohl der Hauptgrund, warum Casper nicht so ist wie viele andere. Der Typ haut nicht nur mal eben ein paar Sprüche raus und klopft ein paar fluffige Beats, sondern beobachtet sehr genau, reflektiert, denkt, gestaltet – und das äußerst akribisch.

Dieses Arbeits- und Lebensmotto gilt auch für Casper Lang lebe der Tod. Vor ziemlich genau einem Jahr stand sein viertes reguläres Studioalbum schon mal kurz vor der Veröffentlichung, aber Casper blies die ganze Sache wieder ab. Dieses unbestimmte Gefühl, dass das alles noch nicht so recht passt, ließ ihm keine Ruhe. (Ich kann den Mann übrigens gut verstehen – auch meine Texte sind nach dem ersten Schreiben nur selten fertig, sondern oft nur eine erste Fassung, die nachbearbeitet, feingeschliffen wird.)

Nun also der zweite Anlauf für Album Nummer 4, Casper Lang lebe der Tod. Los geht’s mit dem Titelsong, der schon vor Jahresfrist erschienen ist: metallische Industrialsounds plus ungewöhnliche Gäste wie die Alternative-Rock-Neutöner Sizzar oder Blixa Bargeld, dem Altmeister der deutschen Avantgarde Music.

„Alles ist erleuchtet“ lebt dann von einem strahlenden Chor-Refrain, aber auch hier dräut die Elektronik unheilvoll und dunkel und die Gitarre sägt dazu veritable Löcher in das Arrangement. Mit „Keine Angst“ und Retro-Waver Drangsal als Vocalpartner kommt funkelnder Gitarren-New-Wave-Pop ins Spiel.

Diesen Kurs behält Casper konsequent bei, streut hier mal einen wütenden Post-Punk-Gestus („Wo die wilden Maden graben“) ein oder dort Crossover-Anklänge („Sirenen“) . Nie aber gibt es hier die genreüblichen Kopfnicker-Beats oder mainstreamradiokompatiblen „hohoho“-Chöre; von schlimmpubertärem Macker-Gehabe ganz zu schweigen.

Ein Stück „unbequeme Musik für unbequeme Zeiten“ sollte Lang lebe der Tod werden, so Casper. Dieses Ziel hat das Album mit Bravour erreicht.

Ob „Meine Kündigung“ (mit verblüffend langem Akustikgitarren-Part) oder das psychedelisch beginnende und sich nach 4:16 zu einem hymnischen Noiserock-Gewitter steigernde Finale „Flackern, flimmern“: Casper erarbeitet sich hier zehn (plus einen „Prolog“ zu „Sirenen“) beklemmende Songs über das, was unter unser aller mehr oder weniger mühsam zivilisationsdomestizierten Seelenoberfläche lauert – Ängste: Lebens- und Existenzängste, Psychosen, Neurosen, Unsicherheiten, herausgebellt mit jener typischen Stimme, die jedem HNO-Arzt den Schweiß auf die Stirn treibt.

Cover Art; Casper Lang lebe der Tod
Casper Lang lebe der Tod (Cover: Amazon)

 

Casper Lang lebe der Tod erscheint bei Sony Music als Audio-CD, Doppel-Vinyl LP und MP3-Download.

Casper Lang lebe der Tod
2017/09
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
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