Dry Cleaning New Long Leg
Die Londoner Formation Dry Cleaning hat mit "New Long Leg" ein wunderbares Debut-Album vorgelegt. Es ist unser Plattentipp der Woche (Foto: P. Ghana)

Dry Cleaning New Long Leg – das Album der Woche

Wider den Hedonismus der Nuller-Jahre: Das Londoner Quartett Dry Cleaning setzt auf seinem Debütalbum den gesellschaftlich relevanten Gitarrenrock mit selbstbewusst femininer Note wieder auf die Agenda und befindet sich damit in bester Gesellschaft: Kolleg*innen wie Black Country, New Road oder Goat Girl lassen grüßen. Epizentrum dieser kleinen Soundrevolution in der englischen Indie-Szene ist der Musikschuppen The Windmill aus Brixton. Vorhang auf für eine spannende Newcomerband – und für einen kleinen Club mit großer Wirkung. Oder genauer: Dry Cleaning New Long Leg ist unser Album der Woche.

Ja, die Vorlieben sind verschieden, und kein Musikjournalist sollte seine Rolle jemals verwechseln und sich als Geschmackspolizist aufspielen. Aber mal ehrlich: Wer als etwas älterer Jahrgang mal eine dreiviertel Stunde am Stück SWR3 gehört oder zur falschen Zeit in DeluxeMusic reingezappt hat, der ist für den Rest des Tages von vorn bis hinten bedient: gesichtsloser Fließband-R&B respektive hypersexualisierte, softpornografische Bikinimädels-Videoclips allenthalben – nichts wie weg hier, denn mit Musik hat das bis auf wenige Ausnahmen nur noch äußerst bedingt zu tun.

Also richten wir den Blick lieber auf jene Teile der Musikszene, die sich noch darum bemühen, wirkliche stilistische und nicht nur visuelle Reize zu setzen. Dass umgekehrt längst nicht jeder Indierock-Hype hält, was er verspricht, ist Teil der Wahrheit – und doch bleibt genügend übrig, was das Kennenlernen lohnt. Was auffällt dabei: Vermehrt geben auch im alternativen Spektrum die Frauen den Ton an. Man denke etwa an Catrin Vincent, die Stimme des Londoner Quartetts Another Sky, oder auch an die Kolleg*innen von Goat Girl, bei denen sogar drei von vier Positionen weiblich besetzt sind.

Dry Cleaning New Long Leg
Wie diverse andere englische Indierockbands haben Dry Cleaning um Sängerin Florence Shaw ihre Karriere in dem kleinen Club in Brixton begonnen. Musikbegeisterte London-Besucher finden die Windmill in 22 Blenheim Gardens, Brixton, London SW2 (Foto: S.Gullick)

Mit Dry Cleaning, ebenfalls in London ansässig, meldet sich nun der nächste feminin dominierte Act. Hier in der Schlüsselposition zu hören: Florence Shaw – eine Sphinx am Mikrofon, die auch schon als Künstlerin, Illustratorin und Autorin gearbeitet und sich als Sängerin einen seelischen Panzer gegen die Widrigkeiten dieser Welt zugelegt hat, hinter dem sie als Archäologin des Alltags brilliert: eine exzellente Beobachterin des social-media-Irrsinns, der Erschöpfungs- und Überforderungszustände und der Selbstoptimierungsneurosen einer Gesellschaft im digitalen Dauerstress. „Do everything, feel nothing“, lautet etwa in „Scratchcard Laynard“ gleich zu Beginn ihre Diagnose über den Gemütszustand vieler ihrer Altersgenossen.

Sehr unaufgeregt changiert Shaws Timbre also zwischen Phlegma, Abgeklärtheit und wohldosierter Anteilnahme, und diese Kombination lässt die Dry-Cleaning-Frontfrau so cool und lässig klingen, als wär‘ sie die Tochter von Pretenders-Legende Chrissie Hynde – und so unterkühlt und sachlich wie Laurie Anderson in ihren gnadenlos analytischen Gesellschaftsstudien.

Mit dieser Gangart befindet sich das Londoner Quartett übrigens in bester Gesellschaft, agiert die aktuelle angelsächsische Indierock-Szene doch  zunehmend politisch expliziter, unbequemer und aufmüpfiger – gut so, man hat schließlich eine Menge zu verlieren und viel, worum es zu kämpfen lohnt (die Themen Brexit oder Geschlechtergerechtigkeit mögen als Stichworte genügen).

Und auch bei Dry Cleaning führt die Spur hin zu einer der aufregendsten locations, die die englische Subkultur zu bieten hat: den Londoner Club The Windmill. Von der aktuellen Indie-Sensation Black Country, New Road über Kollegen wie Shame, HMLTD bis hin zu Goat Girl und eben Dry Cleaning hatten etliche der momentan spannendsten Newcomer des Landes in diesem kleinen, im Stadtteil Brixton gelegenen Laden ihre ersten Liveauftritte. Und in der Ära zuvor (als Musik-Schuppen gibt es die rot-weiße, dabei ziemlich schmucklose Windmill seit zirka 2002; davor wurde der Laden als Pub, Biker-Treff und der hot spot der Irish Community geführt) gastierten dort Helden der Branche wie Bloc Party, Scritti Politti, Hot Chip oder And You Will Know Us By The Trail Of Dead.

Die Musik von Dry Cleaning New Long Leg

Doch zurück in die Gegenwart und zu Dry Cleaning, die noch mehr zu bieten haben als nur eine aparte Frontfrau – zum Beispiel den Bassisten Lewis Maynard, der quasi die zweite Hauptrolle im line-up übernimmt und die Kompositionen mit ultrafetten XXL-Linien im Stil von Gang Of Four förmlich aufpumpt. Komplettiert wird das Quartett von dem ökonomisch, aber gewieft trommelnden Schlagzeuger Nick Buxton und Gitarrist Tom Dowse, der struppige bis fiebrig oszillierende Riffs aus den Saiten fieselt. Alles zusammen schillert mit viel Adrenalin im Sound zwischen Post-Punk und avantgardistischem Post-Rock – im Finale „Every Day Carry“ zerrt die Gitarre von Tom Dowse mit Klängen zwischen Noise-Rock und Feedback rund zwei Minuten lang gehörig an den Nerven des Hörers, ehe dieser Siebenminüter mit einem satten Tutti aus allen Instrumenten endet.

Diesem Rausschmeißer vorgeschaltet sind neun weitere Tracks, die mal explizit dancefloortauglich und funky daherkommen wie „Scratchcard Laynard“ mit einer Kombination aus beat-box, Naturschlagzeug und knochentrockenen Saitensounds und die andererseits an weiblich dominierte Noise-Rock-Pioniere wie die Breeders erinnern („Unsmart Lady“). Allerdings: In „More Big Birds“ zeigt Shaw, dass sie doch mehr kann als nur irritierend kontrollierten Sprechgesang: Hier führt sie ein anfangs genretypisches Indierock-Arrangement nach 2:45 in ein melodisches Piano-/Gitarrenthema über und lässt es mit Scatpassagen ausklingen, die so verträumt-abwesend tönen wie einst bei Joni Mitchell.

Produziert wurde dieses 42-Minuten-Programm in den walisischen Rockfield Studios übrigens von John Parish, und das darf durchaus als Fingerzeig gewertet werden: Zu viel Pop-Appeal sollte man hier nicht erwarten – schon eher kompromissloses, weibliches Selbstbewusstsein im Stil einer PJ Harvey. Aber das ist nun wahrlich nicht die schlechteste Referenz, oder?

Dry Cleaning New Long Leg Cover
Dry Cleaning New Long Leg erscheint bei 4AD / Beggars im Vertrieb von Rough Trade und ist erhältlich als CD, LP und Download (Cover: amazon)
Dry Cleaning New Long Le
2021/04
Test-Ergebnis: 4,2
SEHR GUT
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Autor: Christof Hammer

Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.